Boat at the Jetty

Die Gretchenfrage

Boat at the Jetty; Hopfensee Füssen, Boat at the Jetty; By: Fabian Kurz; Copyright: CC BY-NC-SA 4.0; Source: fabian-kurz.de

Erstellt am 14. September 2016 um 0:42 Uhr

Ich bin kein Agnostiker. Mir reicht es nicht festzustellen, dass ich doch gar nicht wissen kann, ob es so etwas wie einen Gott gibt. Atheist bin ich. Ich habe entschieden, dass es für mich keinen Gott gibt, dass ich so leben will, als gäbe es keinen. Aber…

Aber… Aber? Aber!

Die Resolutheit, mit der ich diese Worte geradezu herausspucke, ist doch nur eine Pose! So klar ich die Gretchenfrage beantworte, sosehr verfolgt sie mich doch! Die Wahrheit ist: Ich vermisse die Religion, ich verdanke ihr viel einerseits und ich hasse sie andererseits für die Lücken, die der Ausstieg gerissen hat.

In meinem Falle war es die evangelikale Variante des Protestantismus mit seinen Ausläufern bis ins Pfingstlerische hinein. Unser Pastor war nicht nur Oberhaupt einer „normalen“ landeskirchlichen Dorfgemeinde mit Frauenkreis und Kirchengemeinderat. Er war zugleich auch der Initiator von an die zehn evangelikalen Hauskreisen, abendlichen Lobpreis-Gottesdiensten und evangelikalen Gemeindewochen und -freizeiten.

So kam es auch, dass der coole Thorsten aus der Parallelklasse den Konfirmanden-Unterricht und die darauffolgende Konfirmation völlig anders erlebte als ich: Für ihn war es eine notwendigerweise zu ertragende Phase von ein paar Monaten, in denen er Vorträge über sich ergehen ließ, er während langweiliger religiöser Filme die Backen aufblies und er ein paar Dinge auswendig lernte, die er bald schon wieder getrost vergessen konnte. In der Schluss-Etappe musste er noch einen Festgottesdienst absolvieren und dann – endlich, endlich – die Unsumme von Geldgeschenken gegen eine riesige Stereoanlage eintauschen! Für mich dagegen war es eine Phase der Vermittlung notwendigen Wissens, bis ich schließlich beim Konfirmationsgottesdienst Jesus Christus als meinen Herren, Erlöser und besten Freund anerkennen konnte. Bei der darauffolgenden Gemeindefreizeit war ich dann zum ersten Mal voll anerkannt am „Erwachsenen-Tisch“, statt am „Kindertisch“ mein Dasein zu fristen.

Aber warum das alles?

So absonderlich das auch klingt – für mich fühlte es sich an, als ob ich an einer Schwelle zu einer anderen Realität, ja geradezu an einem Dimensionstor stünde. Letztlich war der Beweggrund also die gleiche Offenheit und wissenschaftliche Neugierde, die mich auch heute noch umtreibt. „Was wäre, wenn es wirklich zu dieser Realität eine Meta-Ebene gäbe? Wäre das nicht krass, wenn dieses Leben nur eine Durchgangsstation wäre? Wie fühlt es sich an, wenn einer allmächtig ist und man mit ihm sprechen kann? Und dieses übernatürliche Wesen ist wirklich immer für mich da? Und es kennt alle meine lästigen Pubertätsprobleme?“ Bei genauerem Lesen der Bibel, nicht zuletzt des Neuen Testaments, kam dann noch die Frage dazu. „Was, wenn all diese Briefe an die Korinther, die Epheser, etc. wirklich wahr sind? Wie kann es sein, dass Menschen in Zungen reden, Visionen haben oder andere heilen können? Was, wenn wir all das verloren hätten, einfach weil wir nicht mehr daran glauben? Vielleicht gibt es ja wirklich einen aktiven Gott, der eingreift, mit dem man wirklich in Kontakt treten kann?“

Gespräch mit einer guten Freundin:

“Wo warst du denn am Wochenende? Wir haben dich im Abendgottesdienst vermisst!„

„Du weißt doch, dass es mir mit meiner Scheidung gerade sehr schlecht geht. Ich bin am

Wochenende zu Hause geblieben und hab viel in der Bibel gelesen und gebetet, um zu erfahren, was ich jetzt tun soll. Und dann, am dritten Tag ist es plötzlich passiert: er hat mit mir gesprochen!“

“Und, jetzt lass schon hören, was hat er zu Dir gesagt?„

„Ja, weiß ich nicht, ich war so aus dem Häuschen, ich musste sofort ne Freundin anrufen und ihr davon erzählen!“

Spagat

Halb stehe ich auf diesem wackeligen Boot des Glaubens, getragen von den vielen Zusammenkünften und den vielen gläubigen Freunden und Bekannten. Ich hoffe, dass die Metaphysik, von der ich in der Bibel lese, auch ins eigene Leben fließt. War das ein Luftzug gerade oder doch der Heilige Geist? Warum beginnt der andere Mann, der wie ich nach vorne gekommen ist und nun neben mir kniet, innerhalb kürzester Zeit tranceartig in fremdartigen Silben zu stammeln, während bei mir emotional rein gar nichts passiert?

Halb stehe ich im realen Leben, sehe das in sich kaum falsifizierbare religiöse System. Ich lerne über die Evolution, den Kosmos, schaue Harald Lesch und Star Trek. Die anderen Religionen und deren Inhalte treten ins Bewusstsein und der Widerspruch wird sichtbar, dass all diese Götter nicht der gleiche Gott sein können – es sei denn, dieser Gott hätte eine interessante dissoziative Persönlichkeitsstörung!

Und während ich so halb im Boot des Glaubens und halb an Land stehe, merke ich, dass beides zunehmend auseinandertreibt und ich mich für eine Seite entscheiden muss, weil der Spagat immer schmerzhafter wird. Boot oder Land? Eine rasche ungelenke Bewegung, es spritzt und es gibt nasse Füße, aber das Land gewinnt!

Während ich also mit schmerzendem Schritt am Ufer dem Boot nachdenklich hinterherschaue, frage ich mich unweigerlich, was jetzt eigentlich die tieferen Beweggründe waren, die mich acht Lebensjahre lang in den religiösen Bann gezogen haben.

Metaphysische Rahmenstory und ein Sinn innerhalb dieses Rahmens

Das Stichwort „Dimensionstor“ hatten wir ja bereits: Es ist ein bisschen wie Tolkien, aber „in echt“. Es ist Pathos in Dosen – sehr großen Dosen. Wir alle sind Teilnehmer dieses großen „Freier Wille“-Experiments zwischen Gott und Teufel und jeder Gläubige, der über die Ziellinie gelangt, ist ein Punkt für die Heimmannschaft. Nach dem Tod kommt ein ewiges Leben, das wohl einem nie enden wollenden Trip gleichen muss, samt Wiedersehen mit all den Lieben und Freunden, die es auch „geschafft haben“. Das ist – zugegeben – eine simple Storyline. Wenn die Alternative allerdings „Shit happens“ und „alles aus und vorbei“ ist…

Die Universallebensversicherung

Nicht zuletzt als Jugendlicher fand ich den Gedanken extrem beruhigend, dass Gott einen Plan für mein Leben hat. Wenn ich mich an ihn halte, kann mir nichts passieren. Selbst wenn ich die Klausur vergeige, von der Schule fliege, mich mit meinen Eltern zerstreite und in der Gosse lande, dann nur deshalb, weil ich genau da jemandem helfen soll. Aus heutiger Sicht bin ich froh, die Klausur nicht vergeigt zu haben. Aber die unbekümmerte Art, wie ich sie angegangen bin, hat dem Ergebnis sicher nicht geschadet.

Eine weltweite In-Group

Mag sein, dass ich nach meiner religiösen Zeit einiges an Weisheit und Lebenserfahrung dazugewonnen habe. Das Venn-Diagramm meines Lebens ist auf jeden Fall unübersichtlicher geworden. Wie viele Menschen sind wie ich in der Schnittmenge der evangelikal-postreligiösen sprachlich und musikalisch talentierten Geistes- und Naturwissenschaftler mit einer politischen Vision zwischen grünem Sozialismus und grünem Kapitalismus, einer unvergänglichen Lust an IT und Programmieren und einem Faible für Fantasy-Rollenspiel? Das war in der religiösen Welt einfacher. Egal wo ich einen Gläubigen traf: Es hat keine 5 Minuten gedauert und schon kam es mir vor, als würden wir uns bereits eine Ewigkeit kennen. Anderes Land, andere Sprache – aber die meisten Ansichten waren sehr ähnlich. Das war ein wirklich großartiges Gefühl.

Eine Arena, um sich auszuprobieren

Mehrere Instrumente und Chorleitung lernen, als sechzehnjähriger Pimpf im Abendgottesdienst predigen, kostenlos nach Griechenland reisen, weil man bei einer Chorfreizeit als musikalische Leitung einspringt – was für eine krasse Jugend hatte ich da eigentlich? Mit der Band auf Hochzeiten und sonstigen Veranstaltungen spielen und Konzerte veranstalten und – ich gebe zu, das war ein besonderer Kick – von oft zehn bis fünfzehn Jahren älteren Freundinnen und Freunden umgeben sein, die einen für voll nehmen und deren ganze „Erwachsenen-Themen“ man mitbekommt… Wo gibt es so etwas sonst, noch dazu auf dem flachen Land, fernab von der nächsten Großstadt?

Und warum reißt der Ausstieg Lücken?

Erst löst das Betreten des Dimensionstors Befreiungsgefühle aus und nur ein paar Jahre später bewirkt das Verlassen fast noch größere Befreiungsgefühle! Wie gut tut es, all diese Bigotterie, die überflüssigen Schuldgefühle und die Berge von Unlogik niederzureißen: Ich selbst – nicht „Gott durch mich“ – war gut in der Schule. Ich selbst bin es und nicht „Gott in mir“, der Klavier oder Gitarre spielt. Ich selbst kann organisieren und vor Leuten sprechen. Ich brauche auch nicht Gott als Grund, um mich meinem Umfeld gegenüber moralisch und pro-sozial zu verhalten. Schließlich fürchte ich auch nicht seine Strafe, wenn ich mal Lust darauf habe, unfreundlich zu sein. Aber so großartig auch die Einsicht ist, dass ein Flugzeug nicht abstürzt, weil „Gott es zulässt“, sondern weil schlimme Dinge einfach passieren: Das Regime des Zufalls ist ein sehr kaltes Regime im Vergleich zu so einem religiösen Fantasy-Epos. Schluss damit, der kitschige Held einer religiösen Schicksalsgeschichte zu sein. „Gott hat einen Plan für mich!“, von wegen!

Nun bin ich stattdessen ganz mit Kierkegaard hineingeworfen in eine absurde, chaotische Welt! Gegen diese neue Kälte würde ich mich ja gerne mit menschlicher Nähe wappnen, aber wie ich oben bereits angedeutet habe: Was genau ist das Gemeinsame? Reichen schon Smalltalk und gemeinsame Hobbys? Bin ich zu einem schwerfälligen Lebensgedanken-Tanker geworden? Bin ich ein riesiges Schiff mit vielen Erfahrungs-Containern, das Probleme hat, sich mit den leichtgewichtigen Schnellbooten um sich herum auf einen gemeinsamen Kurs zu einigen? Mit Tankern ähnlicher Größe ist es aber auch kein Kinderspiel, einen gemeinsamen Pfad zu finden! Wo ist das Gemeinsame, wo der Sinn außerhalb der schieren Fortpflanzung und Aufzucht? Wo ist das Framework? Bin ich der Einzige, dem das alles fehlt?

Phantomschmerz

Gibt es da draußen weitere abtrünnige Ex-Gläubige? Damit meine ich nicht unbedingt jene, die sich aus den Klauen einer Sekte befreien konnten. Ich will mir nicht mal ansatzweise anmaßen, meine Situation mit der ihren vergleichen zu wollen. Aber gibt es andere, die ebenso bewusst in diese evangelikal-naive religiöse Märchenwelt hineingestolpert sind, um sich Jahre später wieder abzunabeln?

Gibt es auch bei euch das Gefühl, dass diese Zeit Lücken gerissen hat, die sich nur schwer auffüllen lassen?

Was, wenn meine ganzen Dorf2.0-Phantastereien nur der Phantomschmerz einer religiösen Amputation sind?

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