Ghevont Alishan

Ein Wirtschaftsweiser

Ghevont Alishan; Spiritual father Ghevont Alishan in his study (1900), by Noè Bordignon, San Lazzaro degli Armeni ; By: Noè Bordignon; Copyright: The author died in 1920, so this work is in the public domain in its country of origin and other countries and areas where the copyright term is the author's life plus 100 years or fewer. ; Source: Wikimedia

Erstellt am 30. Dezember 2016 um 22:29 Uhr

Es war in einem Arbeitskreis zum Thema “Finanzpolitik” einer von mir eigentlich ziemlich geschätzten Partei. Ich war erst ein paar mal dort gewesen. Schon seit einigen Tagen hab’ ich mich auf diesen Abend gefreut. Schließlich ging es darum, verschiedenen Lösungen in der aktuellen Finanzpolitik zu recherchieren. Wir, das war nach einem kurzen Blick in die Runde eine Gruppe von etwa fünfzehn Personen. Wer hätte damit gerechnet, dass sich unter uns ein “Wirtschaftsweiser” befindet?

Die Agenda

Dinge wie Negative Einkommensteuer, Bedingungsloses Grundeinkommen, Tobin Steuer, aber auch Ansätze wie die Gemeinwohl-Ökonomie standen auf der Agenda. Im schlechtesten Falle wollten wir uns einfach eine Sammlung von Informationen erarbeiten, die bei Bedarf schnell für Positionspapiere und Anträge herangezogen werden können. Wir hofften aber, etwas so Hochwertiges käme dabei heraus, dass man das gesammelte Wissen gar als Büchlein vertreiben könnte. Oder sollten wir doch eine Beitragsserie auf dem Weblog publizieren?

Nun ging es um den ersten Vortrag, der einen Überblick schaffen sollte. Welche Turbulenzen gibt es in der Wirtschaft gerade? Und worin werden die Ursachen vermutet? Es sollte gewissermaßen ein Problemraum abgesteckt werden, auf den die späteren Ansätze angewandt werden könnten.

Ein Wirtschaftsweiser

Zu Wort meldete sich ein Teilnehmer, der zu den alten Hasen des Arbeitskreises zu gehören schien. Bislang hatte er sich in den vergangenen Treffen eher durch Kommunikation in Gebärden mit dem Vorsitzenden hervorgetan. Ich weiß nicht, ob ich mir sein Aussehen erst nach diesem denkwürdigen Abend in Gedanken so passend zurechtformte. Jedenfalls verklebt mein Gedächtnis das Zerrbild eines drahtigen Marathon-Läufers in hochökologischer Klamotte. Die kurzen, stoppeligen, mit geringstmöglichem Aufwand geschnittenen braunen Haare verfestigen den Eindruck disziplinierter Windschnittigkeit. Die hohen Wangenknochen, der entschlossene Blick und die leicht zusammengepressten Lippen sind allesamt Merkmale gnadenloser Entbehrungsbereitschaft und problemloser Impulskontrolle. Eben jener meldete sich also nun zu Wort:

“Ich halte es für gut, dass wir die Themen jeweils in Gruppen recherchieren wollen. In meinem Falle aber wird das kaum nötig sein. Ich habe die letzten vier Wochen meiner temporären Erwerbslosigkeit dazu genutzt, meine gesamten Erkenntnisse über die Finanzkrise und alle weiteren aktuellen finanzpolitischen Probleme zusammenzutragen. In einem umfangreichen Manuskript habe ich Lösungen beschrieben, wie diese Probleme angegangen werden können. Manche der Maßnahmen mögen zunächst hart erscheinen. Ich gehe aber davon aus, dass man das den Menschen gegenüber ausreichend kommunizieren und ihnen gegenüber durchsetzen wird können. Auch wie Vorsorge-Maßnahmen aussehen müssten, die eine Wiederkehr der Probleme verhindern, habe ich in diesen Aufzeichnungen skizziert. Wenn mir jemand beim Korrekturlesen, Digitalisieren und Ausdrucken helfen könnte, dann wäre ich ihm sehr verbunden. Mehr wird allerdings nicht nötig sein.”

Auf der Galerie

Gespannt blickte ich als Neuling in die Runde, ob nun das Getöse losbräche. Sitznachbarn würden sich jetzt von ihren Plätzen erheben. Sie würden dem unerhörten Möchtegern Größenwahn, Blasiertheit und Arroganz vorwerfen. Ein Wirtschaftsweiser willst Du sein? Seine vielleicht bereits aus früheren Runden bekannten Thesen würden sie in Zweifel ziehen. Sie würden ihn darauf hinweisen, dass jede Lösung unsicher ist, auch seine. Zuletzt würden sie ihn wegen seines jovialen “Ihr könnt mir beim Ausdrucken helfen!” zerreißen. “In diesem Arbeitskreis fehl am Platze” wird es gleich heißen. Die anderen seien schließlich weit mehr als eine auf zwei Füßen wandelnde Rechtschreibkorrektur.

Es blieb völlig still – ich schien zudem der Einzige zu sein, der etwas Ungewöhnliches gehört hatte. Nach kurzer Pause brachte der Vorsitzende noch ein paar Themen bei den Anwesenden unter. Meine Wenigkeit war um zwei Erkenntnisse reicher:

  • Selbst wenn ich die Weisheit dieser Welt mit riesigen Löffeln gefressen hätte … Selbst in diesem Falle möchte ich mich immer noch genau so verhalten, als könnte all das kompletter Unfug sein. Allein schon, um Debatten zu begünstigen, die auf Ungereimtheiten und Verbesserungen hinweisen.
  • Ich habe Mittwoch Abend wieder Zeit.

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