Je mehr im Mittel, desto kugeliger wird es

Kugelwesen

Je mehr im Mittel, desto kugeliger wird es; Je mehr alle f�nf Pers�nlichkeitsdimensionen im Mittel liegen, desto mehr die Kreis-Form. Sektoren, die dar�ber oder darunterliegen wuchern entsprechend nach innen oder au�en aus.; By: Janov Pelorat; Copyright: Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz; Source: own drawing

Erstellt am 12. September 2024 um 1:03 Uhr

Wir haben bereits über die Vorzüge gesprochen, die Komplexitäten menschlicher Eigenschaften auf fünf zu reduzieren und diese dann so „zusammenzufalten“, dass sich Fünf-Buchstaben-Kürzel daraus ergeben. Wir haben auch darüber gesprochen, was davon übrig bleibt, wenn dieser Ansatz auf die reale Studienlage trifft.

Ein Aspekt des Alien-Artikels liegt in der Beschreibung des größten Clusters, der sich bei der Analyse von 1,5 Millionen Datensätzen ergibt: dem „Average“-Cluster. Stellen wir ihn uns am besten wie den typischen CDU-Wähler vor: Besorgt, was andere von ihm denken könnten, Bierzelt-gesellig, überzeugt davon, dass früher irgendwie alles besser war, hilfsbereit und gewissenhaft ordentlich. Es ist wahrlich kein Zufall, dass die Autoren der Studie den Cluster mit „Average“ benennen.

Kugelige Gebirgsbäche

So beunruhigend konservativ-normal uns dieses „normal“ auch vorkommen mag – im dritten Teil dieser Serie geht es um eine andere Art von „normal“. Im Zuge dessen wird es um ein Hauptproblem des Ansatzes gehen, Charakterdimensionen zu fünf Buchstaben „zusammenzufalten“ – und es geht um Kugeln. Ja genau, die mathematischen Kugelkörper, die mit ihren perfekten Rundungen dafür sorgen, dass im Verhältnis zu ihrer Oberfläche das größte Volumen in ihnen gespeichert werden kann. Vielleicht liegt es an diesem Optimum, dass die Natur viele Dinge mit der Zeit so lange formt, abschleift, sprichwörtlich „anecken“ lässt und rundet, bis sich irgendeine elegante rundliche Kugel- oder Ellipsen-Form daraus ergibt.

Stellen wir uns einen Gebirgsbach vor, in dem Steine durch das Aufeinanderprallen mit anderen Steinen und durch den Kontakt mit Wasser, Witterung und Wind immer runder werden. Visualisieren wir uns das mit Blick auf die fünf Charakter-Dimensionen mit Kreisen oder Kugeln, wie im Bild oben geschehen. Entspräche jemand in jeder Hinsicht der goldenen Mitte, dann entspricht das dem roten Kreis: keine Ein- oder Ausbuchtungen. Kleinere Abweichungen (etwas extravertierter und verträglicher als normal) wären wie beim blauen Kreis. Violett und grün stellen dem gegenüber die extremeren Varianten dar, wo mehrere der fünf Dimensionen nach außen oder innen über die Mitte hinausgehen.

Ontogenese und Phylogenese

In Hinsicht auf den Menschen, haben wir bezüglich des Abschleifens zwei ähnliche Prozesse, einen ontogenetischen, auf die Entwicklung des einzelnen Menschen bezogenen und ggf. zudem einen phylogenetischen, d. h. auf seine gesamte Evolutionsentwicklung hin bezogen, die dafür sorgen, dass unsere Ecken und Kanten bei einem Aufeinandertreffen nicht mehr ganz so schlimm wehtun.

Bereits die im Alien-Artikel zitierten Studien haben gezeigt, dass es bei der menschlichen Entwicklung einen Trend zur Mitte hin gibt. Extreme sind eben schwer durchzuhalten, ein Trend zur goldenen Mitte ist unvermeidlich: Der größte Chaot lernt im Angesicht von Schule und Arbeitsleben seine Verplantheit zu zügeln und legt sich Techniken und Strategien zurecht, die es ihm ermöglichen, mit anderen besser klarzukommen. Selbiges geschieht auch beim extremst Gewissenhaften, der schnell lernt, dass er nie zum Ende kommt, wenn er seinem Perfektionismus keine Grenzen setzt.

Ganz ähnlich lässt sich das für alle anderen Dimensionen durchspielen. Mag uns unsere Genetik und unsere Kindheit und Jugend auch mit etlichen Ecken und Kanten ausstatten, der Trend während des Lebens geht weniger dahin, diese Kanten zu schärfen, als vielmehr dahin, diese sozialverträglich abzuschleifen:

Der für den Alltag optimierte Mensch ist eben mittel extravertiert (I/E), strebt nach Neuem, ohne die Bodenhaftung zu verlieren (N/S), ist individualistisch genug, ohne die Menschen um ihn herum zu vergessen (F/T), verfügt über ein Maß an Ordnung, ohne seine Spontaneität zu verlieren (J/P) und ihm ist es nicht ganz unwichtig, was andere von ihm denken und erwarten, auch wenn er sich darüber hinwegsetzen kann, wenn nötig (A/N). Im Prinzip ist so ein abgeschliffener Gebirgsbach-Kiesel-Mensch der Traum jeder Reiseleitung: Er ist anpassbar und schmutzt nicht.

Eine ganz ähnliche Tendenz dürfte es auch in der Phylogenese geben: Individuen, die viel zu draufgängerisch, viel zu zurückgezogen oder viel zu pedantisch sind, werden sich entweder mit einem Sexualpartner schwertun oder sie setzen insgesamt ihre Überlebenswahrscheinlichkeit herab. Damit könnte auch über die letzten 300.000 Jahre Geschichte des Homo Sapiens ein Selektionstrend zur Mitte stattgefunden haben – wofür ich jedoch keine Belege habe.

Wo ist das Problem?

Das Problem ist, dass (wenig verwunderlich) der MBTI, aber auch BIG-5-basierte Konzepte wie das NERIS-Modell von 16-Personalities falsch liegen: viele Persönlichkeitseigenschaften spielen sich eben in der Mitte der Skalen und nicht an ihren Rändern ab. Das Normale ist nicht mitgedacht. Da aber das Normale bei vielen Menschen viel Platz einnimmt, gehen die Typ-Modelle an der Persönlichkeit vieler Menschen vorbei, weil sie eine Kategorie, ein Label erzwingen, „introvertiert“ oder „extravertiert“, wo die Antwort sein müsste: „Beides ein bisschen!“

Bezüglich der Buchstaben-Kürzel ließe sich der Typ-Buchstaben, wenn sich die Ausprägung im Mittelfeld befindet(d. h. im Interquartilsbereich, der 50 % aller Werte umfasst, oder – da normalverteilt – innerhalb einer Standardabweichung, was etwa 68 % entspricht) durch ein „x“ ersetzen, sodass dann Typen wie xNFx, Exxx oder ExxJ herauskämen.

Und die Konsequenzen?

Die spannendste Konsequenz ist wohl, dass der Trend zur Mitte hin zweierlei erklärt:

  • Einerseits das einsetzende Desinteresse vieler, die zu dieser Mitte gehören, sobald sie sich näher mit den Typen beschäftigen. Wenn die Messwerte in mehreren Dimensionen auf mittlere Werte entfallen, erscheint das Typ-System gezwungen und willkürlich. Andererseits gibt es weniger Leidensdruck, wenn die Messwerte mehrerer Charakter-Ausprägungen in den mittleren Bereich fallen.

  • Andererseits erklärt der Trend zur Mitte das Phänomen, warum gerade Personen mit extremeren Eigenschaftsausprägungen auf die Entdeckung des Typen-Systems oft wie bei einem Erweckungserlebnis reagieren. Sie bekommen mit ihrer Typ-Diagnose die Auflösung, warum sie sich unter „Normalos“ und häufiger vorkommenden Typen fremd fühlen, was sie von anderen unterscheidet und wie sie mit diesen Unterschieden umgehen können. Eine Million Einzelerfahrungen und das vage Gefühl „komisch“ zu sein münden endlich in der Zuordnung zu einem Typen, einem Label, das dazu noch verheißt: Du bist nicht komisch, nur anders. Hier sind Deine Schwächen und Stärken.

Deep-Dive bis zu den Verhaltenswahrscheinlichkeiten

Persönlichkeitseigenschaften sind nichts anderes als kristallisiertes Verhalten. Weil ich mich auf eine bestimmte Weise immer wieder verhalte, schreiben mir andere und ich mir schließlich selbst Eigenschaften zu – Verzerrungen und Täuschungen inclusive, versteht sich. Verhalten wiederum beginnt mit einer bewussten oder unbewussten Entscheidung und diese wiederum unterliegt einer bestimmten Wahrscheinlichkeit:

Jemand fragt mich, ob ich heute Abend zur Party mitkomme. Weil mein Neurotizismus-Wert (Turbulence, bei 16-personalities) hoch ist, will ich nicht schon wieder nein sagen und stimme etwas zögerlich zu. Da ich relativ introvertiert bin, hab ich eigentlich keine große Lust, heute Abend wirklich wegzugehen und so wächst mein Unbehagen, bis ich schließlich zu meinem Handy und einer Notlüge greife.

Zurückkommend zu unseren mehr oder minder aus- und eingebuchteten Kreise bedeutet das, dass für verschiedene Entscheidungen verschiedene Persönlichkeitsdimensionen verantwortlich sind und dass die goldene Mitte bedeutet, dass die Entscheidung unabhängig ist von einer Persönlichkeitsdimension. Wenn ich mittel extravertiert-introvertiert bin, dann beeinflusst das meine Entscheidung 50:50, also gar nicht. Umso mehr fallen dann beispielsweise situative Faktoren ins Gewicht: dass ich morgen relativ früh aufstehen muss oder dass ich gerade auf Partnersuche bin und mir durch die Party Gelegenheiten verspreche, interessante Leute kennenzulernen.

Wie umgehen mit den ganzen neuen xx-Typen?

Aus meiner Sicht bieten sich drei Varianten an, wobei die letzte die komplexeste und umfänglichste, aber vermutlich die zielführendste ist.

1 „x“

Ist nur eine Dimension im mittleren Bereich, dann bietet es sich an, nach Kriterien zu suchen, wann der eine und wann der andere „Typ“ die Oberhand gewinnt. So ist in meinem Fall z. B. die Verträglichkeitsdimension betroffen. Eigentlich bin ich immer an Harmonie, Empathie und Ausgleich interessiert – außer es geht um Fakten und Technik. Dann werde ich sehr schnell kompromisslos. Insofern sehe ich mich in sozialen Situationen eher als INFJ-A, kann aber in Diskussionen auch mal schnell zum INTJ-A werden, wenn mir z. B. jemand Bachblüten als seriöse Heilmethode verkaufen will.

4-5 „x“

Liegen (fast) alle Dimensionen im Mittelbereich, dann liegt es nahe, das Typen-System zu ignorieren, denn dann verfügt es kaum über Aussagekraft. Besser ist es, dann schlichtweg vom „ausgewogenen Typ“ zu sprechen, der zur Introvertiertheit neigt.

2-3 „x“

Letztlich stellt jede der Charakter-Beschreibungen z. B. bei 16-Personalities eine Sammlung von charakteristischen Denk- und Verhaltensweisen dar. Wenn es gelingt, jede dieser Beschreibungen einer oder mehreren Dimensionen zuzuordnen, dann lässt sich im Einzelnen beurteilen, welches Verhalten trotz der mittleren Dimensionen noch beeinflusst wird. Unter dieser Betrachtung löst sich das Typen-System auf in eine Liste von Verhaltensweisen auf der einen Seite und in eine vergrößerte oder verringerte Wahrscheinlichkeit für dieses Verhalten unter Vorhandensein einer Persönlichkeitseigenschaft andererseits.

Ausblick

Wie wir gesehen haben, schränkt sich die Aussagekraft der Persönlichkeitstypen bedingt durch die Tendenz zur Mitte auf eine eher kleine Gruppe ein: diejenigen, bei denen viele der Dimensionen über oder unter einen mittleren Bereich hin ausschlagen. Das sind

  • einerseits jene, für die sich das Label zur Selbst-Diagnose als hilfreich erweist und
  • andererseits die Fälle, in denen es gelingt, jemandem mit besonderem Verhalten einen Charakter-Typ zuzuweisen. Das wiederum erleichtert es, eine Diagnose vorzunehmen und nach möglichen Lösungen zu suchen.

Abgesehen von dieser diagnostisch nach wie vor äußerst interessanten Typen-Ecke bleibt das mühsame Klein-Klein von Verhalten und seinen situativen und ggf. stabilen Auslösern, zu denen dann auch die Persönlichkeitseigenschaften gehören.

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