Boy in opression

Raus!

Boy in opression; Little boy that must wait in a crowded floor during winter time, scarcely having enough room to breathe.; By: Janov Pelorat, boys face changed with AI; Copyright: Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz; Source: own image

Erstellt am 18. September 2025 um 22:48 Uhr

Kennen Sie dieses Gefühl? Sie stehen in einem überfüllten Raum, die Luft ist heiß und stickig. Die anderen scheinen die Beklemmung nicht zu spüren, während im Kopf eine Stimme immer lauter wird: „Es nimmt kein Ende, wir kommen niemals hier raus, es wird niemals aufhören! Ich muss hier raus!“ Im Schneckentempo kriecht das Programm von einem Punkt zum nächsten. Eine Geisel förmlicher Verpflichtungen, das sind Sie! Der Schweiß perlt an Ihren Schläfen. Die Lunge arbeitet schwer gegen die Beklemmung an. Meldet sich jetzt auch noch die Blase? Dann – endlich – ist der Punkt erreicht. „Zum Teufel damit, nicht auffallen zu wollen!“ Mit aufgesetztem Lächeln schlängeln Sie sich, ja stolpern Sie gar entschuldigend durch die Menschenmassen. Die erste Tür! Dunkle Flure und immer noch dieser Muff! Die zweite Tür! Ein Foyer! Es wird besser – aber noch nicht gut genug! Noch eine Tür!

Und dann ist sie da: eine kühle Brise! Der Duft frisch gefallenen Regens strömt beim ersten tiefen Atemzug in Deine Nase. Dein Brustkorb weitet sich, Deine Lunge pumpt kühle Luft. Links, vorne, rechts: Raum, endloser Himmel, Freiheit!

Doch schon melden sich die Skrupel. Hat jemand Deine Flucht bemerkt? Wie lange dauert es, bis die Freunde nachkommen? Solltest Du wieder reingehen? Bloß nicht! Werden sie sauer sein, weil Du Dich davongestohlen hast? Machen sie sich Sorgen? Was, wenn – eigentlich unmöglich, aber doch – was, wenn sie durch einen anderen Ausgang kommen? Sie könnten Dich hier gar nicht finden! Und dabei ist es jetzt ziemlich kühl geworden. Wie kommst Du nach Hause? Wo steht das Auto? Wirst Du es überhaupt finden?

Freiheit von…

Manchmal steckt in einem kurzen emotionalen Moment die Essenz eines ganzen Lebensabschnitts: Pubertät, Erwachsenwerden, das Verlangen nach Freiheit, das Zerschlagen von Abhängigkeiten, die Suche nach dem Selbst, Unabhängigkeit – und im selben Atemzug die Angst vor der eigenen Courage.

Er erreichte sein Ziel, er wurde immer unabhängiger, niemand hatte ihm zu befehlen, nach niemandem hatte er sich zu richten, frei und allein bestimmte er über sein Tun und Lassen. Denn jeder starke Mensch erreicht unfehlbar das, was ein wirklicher Trieb ihn suchen heißt. Aber mitten in der erreichten Freiheit nahm Harry plötzlich wahr, dass seine Freiheit ein Tod war, dass er allein stand, dass die Welt ihn auf eine unheimliche Weise in Ruhe ließ, dass die Menschen ihn nichts mehr angingen, ja er selbst nicht, dass er in einer dünner und dünner werdenden Luft von Beziehungslosigkeit und Vereinsamung langsam erstickte.

– Hermann Hesse, Der Steppenwolf

Manchmal spiegelt sich im Leben eines einzelnen Menschen die gesamte Menschheitsgeschichte – die Phylogenese in der Ontogenese. Als trügen wir in unserer persönlichen Entwicklung den Abdruck von Jahrtausenden menschlicher Evolution:

Nach hunderttausenden Jahren fast schon glücklichen Herumziehens wird der Mensch sesshaft und aus kleineren Stämmen werden Familien-Clans, die sich Stück um Stück zu mächtigen Imperien auswachsen – Hierarchien unter der eisernen Faust von Adel und Kirche, eingeschnürt in das Korsett gesellschaftlicher Konventionen. Die Luft wird schwül und stickig, bis der Mensch in der Aufklärung aufbegehrt: „Niemandes Knecht, niemandes Sklave mehr!“ Die erste Tür springt auf! Doch kaum durchschritten, steht dort statt des Adeligen der Industrie-Baron. Also geht der Kampf weiter: Gewerkschaften gründen, Mitbestimmung fordern, digitale Revolution entfachen – Home-Office und Digital Nomads entstehen. Die zweite Tür öffnet sich! Ein auf Geld und Macht bedachter konservativer Katholizismus macht Platz für liberalere Strömungen wie den Protestantismus, schließlich der Säkularisierung, dem Kommunismus und am Ende der Selbstoptimierung: „Ich bin mein eigener Gott!“ Die dritte Tür fliegt auf! Endlich frischer Wind im Gesicht, tiefe Atemzüge, Freiheit!

„Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken: Wohin ist Gott? Rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“

– Friedrich Nietzsche, Fröhlichen Wissenschaft

Ist dies die Tragik unserer Zeit – dass wir vor unserer eigenen Courage zurückschrecken? Treibt diese Furcht uns in die Arme einer verklärten „heilen“ Vergangenheit? Ist es dieses Zurückschrecken vor der eigenen Freiheit, das den Populisten und Demagogen den roten Teppich ausrollt?

Eigentlich birgt diese Deutung der konservativ-rechten Wende sogar einen Funken Hoffnung! Eben noch loderte der Freiheitsdrang in uns – wir sprengten die Ketten hierarchischer Gesellschaften, entflohen den Spitzel-Nachbarn und dem „Muff unter den Talaren“. Wir erkämpften den Schutz von Minderheiten, gaben den schon immer dagewesenen LGBTQ-Bedürfnissen Raum, engagierten uns für Klimaschutz, schmiedeten internationale Bündnisse, ersetzten Kriege durch Dialog und den „Mohrenkopf“ durch „Schokokuss“. Und genau in diesem Moment der Befreiung packt viele die nackte Angst vor der eigenen positiven verändernden Kraft.

Dabei sollte uns eines Hoffnung machen: Die Galionsfiguren dieses „Zurück in die Vergangenheit“ sind nicht gerade die hellsten Lampen im Lampenladen. Ein deutliches Indiz, dass dieser Rückwärtsbewegung kein dauerhafter Erfolg beschieden sein wird. Doch wenn nicht zurück – wohin dann?

Freiheit zu…

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

– Bertolt Brecht

So sitzen wir da, mit Ungeduld, frei, aber ohne eine Ahnung, wo wir mit der ganzen Freiheit nun eigentlich hinwollen. Aber wir haben ja Zeit. Nutzen wir sie doch, ein bisschen genauer die Facetten und die Folgen der Misere zu beschreiben. Vielleicht können wir dann die gewonnene Freiheit in ein erstrebenswertes Fahrtziel „investieren“.

Es ist fast wie bei einem chemischen Prozess, in dem bei Erhitzung eines metallenen Materials die internen Spannungen zwischen den eng gepackten Atomen steigen, Druck baut sich auf. So wie es bisher war, kann es nicht mehr länger gutgehen. Und dann lösen sich die Bindungen mit einem Mal, es wird chaotisch, neue flüchtige Verbindungen entstehen, Chaos bricht aus, wirklich Chaos? Muss nicht sein, denn es besteht die Chance auf eine neue, elastischere Struktur: die Atome sind wieder deutlich näher zusammen, aber sie können jetzt schwingen, haben mehr Freiraum, können bei Bedarf besser losbrechen. Ein neues Material hat sich gebildet, das viele der alten Eigenschaften mit neuen Eigenschaften verbindet.

In drei Bereichen möchte ich den Prozess beleuchten und schauen, wie dieser neue Zustand beschaffen sein könnte, in Bezug auf

  • die Art wie wir wohnen und leben – von der Großfamilie und den Füßen, die man unter den Tisch des Patriarchen steckt hin zum städtischen Single-Appartment hin zu… ja genau, wohin denn?
  • die Art wie wir arbeiten – von Manufaktur und Fließband hin zum Cubicle im Großraum-Büro hin zum Home-Office hin zu… auch hier: wohin eigentlich?
  • die Art wie wir miteinander interagieren – vom gesellschaftlich und religiös engen dörflich-existenziellen „Tit for tat“ hin zu Supermärkten und Bankautomaten hin zu… ja genau, wohin denn eigentlich?

Ich möchte die oben gezeigte Schablone, das oben gezeigte Schema über diese Bereiche legen: Wo haben wir uns eingeengt gefühlt? Wo liegen die Gründe für den Befreiungsschlag und wie sieht dieser Befreiungsschlag aus? Inwiefern überkommen uns die Skrupel und wo könnten die alternativen Zustände liegen, die alte Errungenschaften unter neuen Bedingungen wiederentdecken lassen?

Bis gleich im zweiten Teil, wo es um das Wohnen gehen soll!

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