Jagd-Picknick

Auf der Jagd

Jagd-Picknick; Kaiser Franz Joseph beim Jagd-Picknick. 1908 Farbdruck nach Wilhelm Gause, 24 x 33 cm; By: Wilhelm Gause (1853–1916), Dorotheum; Copyright: Public Domain: The author died in 1916, so this work is in the public domain in its country of origin and other countries and areas where the copyright term is the author's life plus 100 years or fewer. ; Source: Wikimedia

Erstellt am 17. September 2016 um 21:29 Uhr

Der Skeptiker-Stammtisch formiert sich

Auf dem Tisch stehen neben Weizenbier und Saftschorlen verschiedene Gerichte internationaler Küche, so unterschiedlich wie wir selbst. Die Gespräche sind zäh wie der Honig, der sich als Überbleibsel eines großen Frühstücks das metallene Tischbein hinabquält. Eine Referenz auf einen wissenschaftlichen Artikel hier, ein Kommentar zur Nachrichtenlage dort – mühsam geht das Gespräch vorwärts. “Wie war es eigentlich auf der Hochzeit, zu der du nicht gehen wolltest?”, wird der Ingenieur gefragt. Fragen, deren Antworten kaum interessieren, außer um wie bei einem Spiel daran anzuknüpfen und das Gespräch am Laufen zu halten. Es ist eine Kunst, die mir wenig liegt, auch weil mir ein um seiner selbst willen laufendes Gespräch so sinnvoll erscheint wie ein laufender Motor, der nichts produziert außer heißer Luft.

Im Western würde jetzt einer dieser Strohballen, präziser: ein Steppenläufer durchs Bild rollen.

War es das gelbe T-Shirt oder der in der Ferne noch kaum wahrnehmbare schlurfend-hinkender Gang? Gesichtszüge hellen sich auf, dezent in die Richtung zeigende Finger bringen weitere fragende Mienen dazu, sich aufzuhellen. Er kommt zu unserer Rettung wie Gandalf in Helms Klamm. Der Abend hat doch noch einen Sinn bekommen.

Der Eso-Buddhist ist da!

Nicht wir nennen ihn so – er selbst hat den Spitznamen erfunden. Aber wir nutzen ihn gern. “Nimm Platz!”, “Schön, dass du gekommen bist!”, “Magst du etwas bestellen?”, fast schon aufgeregt winken wir die Bedienung herbei. Und als nach ein paar Minuten das Getränk gekommen und das Eis gebrochen ist, begeben wir uns auf die Pirsch 1, die Jagd ist eröffnet, ohne dass ein Anblasen 2 notwendig gewesen wäre. Die Religionswissenschaftlerin spricht beiläufig das Thema “Träume” an. Ein toller Brocken 3! Und so dauert es nicht lange, bis der Eso-Buddhist den Köder aufnimmt und in die Runde fragt: “Glaubt ihr eigentlich, dass man in seinen Träumen die Zukunft sehen kann?”

Die Jagd beginnt

Wie auf Kommando zückt die Jagd-Gesellschaft ihre Büchsen und schon knallen die ersten Schüsse. “Die Zukunft? Wie soll das denn gehen?”, wirft der Ingenieur ein. “Sind Träume nicht nur so etwas wie kognitive Abfallverwertung? Das war zumindest mein letzter Stand aus dem Studium.” “Ich fände es ja sogar schon seltsam, wenn sie – wie Freud es postulierte – über die tiefsten Konflikte und Sehnsüchte Auskunft gäben. Also, wenn ich da an meine Träume denke, dann wäre das wirklich beunruhigend”, lacht die Biologin.

In die Enge getrieben, wirft der Eso-Buddhist leicht nervös ein, man könne das ja ganz unterschiedlich sehen. Er habe ja in einem Buch gelesen, dass Träume sogar Krankheiten heilen könnten!

Schööön! Das Wild läuft auf seinen gewohnten Wechseln 4 auf die Lichtungen hinaus.

Im Pulverdampf

“Also rein evolutionär”, hakt der Ingenieur ein, “hätten Träume, die Krankheiten heilen, ja so einen dermaßen durchschlagenden Erfolg haben müssen, dass wir alle den halben Tag träumen müssten!” “Aber ob Evolution da passt? Die Heilung von Krankheiten kommt ja dadurch, dass das Göttliche selbst in den Träumen zu uns spricht!” hakt der Eso-Buddhist ein.

Jetzt ist vor lauter Tosen und Qualmen kaum noch auszumachen, ob nicht manche bereits vom Schießen zum Handgranaten-Werfen übergegangen sind. “Wie kann es sein, dass ein bestimmter Bereich von der Evolution ausgenommen ist? Welchen Sinn soll das denn machen?” “Das Göttliche? Welcher von den vielen Göttern denn?” “Aber du weißt schon, dass das hier eine atheistische Gruppe ist? Hast du mal die Profilbeschreibung im Netz gelesen?”

Halali

Ein oder zwei Stunden später, kurz bevor das Nervenkostüm des Eso-Buddhisten zu sehr leidet, wird zum versöhnlichen Halali 5 geblasen. Man will ja, dass er wiederkommt. Die Jagd ist für heute beendet – es sei denn, es käme doch noch ein besonderes Prachtexemplar von einem Zehnender 6, der allzu aufreizend auf offenem Feld verhofft 7.

Eine weitere kuriose Geschäftsidee?

Die Sammlung von bizarren Geschäftsideen ist um eine weitere reicher. Warum sollte man nicht Geld damit verdienen können, indem man für AfD-Gruppen den linken Gutmenschen mimt? Beim CSU-Ortsvereinen könnte man den näselnden Sau-Preußen spielen. Atheismus-Gruppen benötigen dringend Eso-Buddhisten und bei evangelikalen Gruppen steht entweder die im Spiritismus verlorene Seele oder ein Aleister Crowley -Schüler auf dem Programm. Ich kann es förmlich schon vor mir sehen:

Sehnen sich Ihre grauen Zellen nach einer ordentlichen Jagd? Sehnen sie sich danach, das Opfer mit Argumenten in die Enge zu treiben, bis es dankbar sein Fehlen eingesteht? Ihr kognitiver Schießstand ist eingerostet und es dürstet Ihnen danach, mal wieder Ihr komplettes Arsenal an Argumenten abzuschießen? Ihre Tatzen tun weh vom dauernden Streicheln und ihre verbalen Krallen müssen mal wieder geschärft werden? Für einen lächerlichen Stundentarif von 100 Euro bin ich Ihr menschlicher Kratzbaum. Ihre Gruppe wird sich selten so zusammengehörig fühlen wie nach meinem Besuch!

Nachtrag (16.10.2022)

Es ist oft so verdammt schwierig, nicht gegen, sondern für etwas zu sein und das dann am besten auch noch auf eine produktive Art umzusetzen. Aber ich schätze, genau das wäre nötig, um viele der relativ sinnlosen obigen Begegnungen obsolet zu machen.

Nicht zuletzt in Zeiten von “Social Media” ertappt man sich dabei, sich z. B. “gegen Rassismus oder Rechtsextremismus” positionieren zu wollen, etwas Sinnvolles tun zu wollen und dann ertappt man sich dabei, dass man viel zu lange schon, auf polemische Kommentare noch viel polemischer reagiert und aberwitzige Argumentationsstränge zuerst mit stoischer Geduld und Fakten kontert, um dann immer mehr mit verzweifeltem Unglauben zu merken, dass das in vielen Fällen nicht hilft. Und trotz all der Ermüdung tut man nur wenig für die Sache und es bleibt zu bezweifeln, ob sich die Meinung von weiß Gott wem auch nur ein winziges bisschen ändert.

Vielleicht geht es beim Dorf 2.0 ja genau darum:

  • konstruktive handfeste positive Beispiele zu liefern, wie es auch gehen kann
  • Skills zu üben, die für eine konstruktive Zusammenarbeit auf Augenhöhe notwendig sind
  • Systeme zu konstruieren, die individuelle Freiheit bewahren und trotzdem vielseitige Kooperationen und Synergien ermöglichen
  • über die Selbstbestätigung in der verbalen Auseinandersetzung hinauszuwachsen und in konkreten Projekten auszutesten, was es bedeutet, in die Praxis, ins Machen überzugehen.

Jägerlatein-Glossar

Wolf, Luchs, Bär


  1. Pirsch: Der Jäger begeht vorsichtig und leise das zu bejagende Gebiet, er „pirscht“ beziehungsweise schleicht sich gegen den Wind an, um unbemerkt möglichst nahe ans Wild zu kommen.
  2. Anblasen: Jagdhornsignal zum Beginn der Treibjagd
  3. Brocken: Köder
  4. Wechsel: Pfad des Schalenwildes, auch von
  5. Halali: Gruß aus der Jägersprache, traditionelles Tonsignal, der heutige Ablauf des Halali stellt das ritualisierte Ende der Jagd dar;
  6. Zehnender: Hirsch mit einem Geweih, das auf beiden Stangen insgesamt zehn Enden hat
  7. verhoffen: stehen bleiben um zu sichern

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