
Alien?
Beispiel für eine Cluster-Analyse; EM-Clusteranalyse auf einem Datensatz mit Gauss-verteilten Clustern. Visualisiert mit ELKI.; By: Chire; Copyright: This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; Source: Wikimedia
Erstellt am 16. November 2022 um 1:23 Uhr
Du kommst Dir manchmal wie ein Alien vor? Als würdest Du irgendwie nicht ins Schema passen? Unter vielen Menschen fühlst Du Dich oft plötzlich allein, fremd, nicht wirklich dazugehörig? Hm, vielleicht gibt es dafür eine einfache Erklärung … Auch wenn das nicht wirklich das Erkenntnis-Ziel der gleich zitierten Forschung war, könnte diese doch ein Wegweiser sein, um zumindest für manche eine Erklärung zu finden, woher dieser Eindruck stammt.
Kurz zu den Big 5 und den Implikationen auf Persönlichkeitstypen
Über das Thema “Big5” habe ich bereits z. B. in diesem Artikel geschrieben. Dieses hervorragend belegte Modell besagt, dass sich die Persönlichkeit von Personen ziemlich gut mit fünf Beurteilungsdimensionen, sogenannten Skalen, charakterisieren lässt.
Wenn man diese Skalen jeweils halbiert und z. B. ein Ergebnis unterhalb der Mitte als introvertiert (I) und oberhalb als extravertiert (E) bezeichnet, dann kann man aus diesen Buchstaben jeweils eine 5-Buchstaben-Kombination formen. Diese beschreibt das Gesamtergebnis, das Zusammenspiel aller Ausprägungen. Deshalb gebe ich die Buchstaben jeweils hinter den Big5-Dimensionen an.
- Extraversion/Introversion: gesellig (E) vs. zurückhaltend, reserviert (I)
- Offenheit für Erfahrungen: erfinderisch, neugierig (N) vs. konservativ, vorsichtig (S)
- Verträglichkeit: kooperativ, freundlich, mitfühlend (F) vs. wettbewerbsorientiert, Norm-orientiert, antagonistisch (T)
- Gewissenhaftigkeit: effektiv, organisiert (J) vs. unbekümmert, nachlässig (P)
- Neurotizismus: emotional, verletzlich (T) vs. selbstsicher, ruhig (A)
Jemand, der tendenziell eher extravertiert, konservativ, mitfühlend, unbekümmert und selbstsicher ist, könnte also beispielsweise mit ESFP-A beschrieben werden.
Kurz zu den statistischen Grundlagen, ganz einfach erklärt
In der unten zitierten Studie hat man versucht, die Big5-Messpunkte einer großen Menge von Probanden zu Clustern zu gruppieren. Zum besseren Verständnis:
- Cluster sind Ansammlungen oder Verdichtungen von Datenpunkten, auf der Basis eines statistischen oder algorithmischen Merkmals. Optisch stechen sie wie die farblich markierten Wolken in der obigen Abbildung heraus.
- Die Messpunkte sind die Kombination der Ergebnisse auf allen fünf Big5-Skalen. Gäbe es z. B. die Möglichkeit, auf einer Skala des NEO-FFI-Test als Ergebnis zwischen 0 (extrem introvertiert) und 100 (extrem extravertiert) zu erreichen, dann wären der Messpunkt für eine einzelne Person z. B. die Kombination (42, 72, 53, 33 und 67).
Die Methode der Wahl für eine solche Fragestellung ist in der Statistik die sogenannte “Cluster-Analyse”. Dabei werden zwei quantitative Merkmale auf Achsen aufgespannt, z. B. Schuhgröße auf die x-Achse und Einkommen auf die y-Achse.
Das hier sichtbare fiktive Datenbeispiel würde dann für ca. 500 Probanden zeigen, dass es
- eine grüne Gruppe von Kleinfüßigen gibt, die ziemlich viel verdienen
- die meisten Mittelgroßfüßigen eher wenig bis mittel verdienen
- eine dritte blaue, gut abgrenzbare Gruppe gibt, mit leicht überdurchschnittlicher Schuhgröße und leicht erhöhtem Einkommen.
Nimmt man nun noch eine dritte Dimension, z. B. das Alter dazu, dann würden sich die Datenpunkte nicht mehr in einer Fläche, sondern in einem Würfel abbilden. Je nachdem, wie sich das Alter auf Einkommen und Schuhgröße auswirkt, hätten wir dann entlang dieser neuen z-Achse
- entweder dichtere Wolken, wenn das Alter einen starken Einfluss z. B. auf die Schuhgröße oder das Einkommen hat
- oder die Punkte würden sich relativ gleich entlang der neuen Achse verteilen, wenn es keine Zusammenhänge gibt.
Für unser Big5-Beispiel müssten wir jetzt noch zwei weitere Dimensionen hinzufügen, um auf fünf zu kommen. Hier hört dann zwar die Möglichkeit auf, sich das räumlich vorzustellen, aber der Mathematik ist das egal. Dort könnte man genauso gut mit zehn oder hundert Dimensionen rechnen.
Auf das Beispiel zurückkommend, stellen wir noch etwas anderes fest: Die Streuung kann sehr unterschiedlich sein. Wäre bei allen drei Clustern die Streuung so groß wie beim roten Cluster und lägen sie alle eher mittig, dann wären die Gruppen kaum voneinander unterscheidbar. Kleiner Spoiler: das wird bezüglich der Studie später noch ziemlich wichtig.
Noch eine letzte Anmerkung: eigentlich lebt Forschung davon, dass man sich zunächst eine Theorie überlegt, wie etwas sein könnte und dann konkrete Vorhersagen (Hypothesen) macht, wie sich Messdaten unterscheiden müssten, wenn die Theorie zuträfe. Schließlich erhebt man die Daten und schaut, ob die Vorhersagen sich erfüllen oder nicht und überlegt, warum das so ist.
Bei Methoden wie der Cluster-Analyse könnte man es genau so machen. Oft nimmt man allerdings den “einfacheren” Weg und jagt die Daten durch den Computer, um sich dann die Ergebnisse anzuschauen und zu ermitteln, ob die gefundenen Cluster mit bereits existierenden Erkenntnissen übereinstimmen. Ob dieses Vorgehen legitim ist, müsste aber in einem anderen Artikel erörtert werden.
Die Studie
Das Magazin Ars Technica berichtet von einer Studie, die genau das versucht hat. 2 Die Statistiker haben große Big5-Datensätze daraufhin untersucht, in welchen Clustern sich Personen zusammenfassen lassen, die den Big5-Fragebogen ausgefüllt haben.
Dabei konnten aber wohl nur 42 % der Personen einem solchen Cluster zugewiesen werden. 3
Zudem war, wie Matthew Hutson in der “Psychology Today” anmerkt, die Tendenz zu mittleren Ergebnissen sehr hoch, ebenso wie die Streuung, sodass man eher von stark überlagerten, sehr unscharfen Blobs sprechen muss. Entsprechend zieht Hutson auch die Schlussfolgerung:
Statt vorzuschlagen, dass wir Menschen nach Kategorien und Typen einteilen, erinnert uns die Studie daran, dass Menschen nicht immer in die Töpfe passen, in denen wir sie erwarten…
Aber trotz aller Vorsicht, schauen wir uns die Töpfe doch einmal an, die sich in der Studie ergeben haben:
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Der “Average”-Cluster, der von den Ausprägungen her nach den 16-Personalities dem “Konsul” entsprechen würde: eher extravertiert, bodenständig, fürsorglich und ordentlich, immer ein wenig besorgt, was “die anderen” denken könnten. Klingt nach dem Menschenschlag, der unsere Gesellschaft und Ordnung aufrechterhält. Bäcker:innen, Metzger:innen, Handwerker:innen und viele mehr.
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Der “Reserved”-Cluster, in der 16-Personalities-Terminologie als “Defender” bezeichnet: eher introvertiert, bodenständig, fürsorglich, gewissenhaft und emotional ausgeglichen. Ein Klischee dieses Typs könnte die fürsorgliche Mutter sein, die einem “Mutterschiff” gleich ihre Liebsten gegen alle Unbill des Lebens verteidigt.
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Der “Role-Model”-Cluster, “Protagonist” bei den 16-Personalities: gern unter Menschen, offen für neue Ideen, fürsorglich und gewissenhaft, zudem Stress-tolerant. Das könnten Pastor:innen sein, Lehrer:innen, Trainer:innen im Sportverein.
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Schließlich der “Self-Centered-Cluster” oder im 16-Personalities-Sprech der “Entrepreneur”: extravertiert, bodenständig, Ellbogen statt Fürsorge und eher spontan als gewissenhaft. Warum nur muss ich da an Influencer:innen, Insta und TikTok-Selbstinszenierungen denken?
Die Menschen um uns herum …
Ein Blick auf diese vier Cluster, zumal wenn wir etwas “kontrastverschärfen” und eher die Klischees dieser Typen heranziehen, dann fällt Folgendes auf:
Es fällt leicht, zu den obigen vier Clustern Beispiele aus dem eigenen Leben finden, eben weil sie ziemlich häufig sind. “Average” ist der Angestellte der Stadt, der mich gerade bei der Bestellung meiner neuen Mülltonne beraten hat. “Reserved” ist die introvertierte, fürsorgliche Mutter, mit der ich auf dem Spielplatz ein paar Worte wechsle. Beim “Role-Model” hab’ ich gerade für das Volksbegehren unterschrieben und die vier Mädels, die mit ihrem spontanen Fotoshooting den ganzen Gehweg blockiert haben, könnten leicht dem “Self-Centered”-Cluster zuzuordnen sein.
Auf all diese Cluster, insbesondere den “Average”-Cluster, stürzen sich tausende Werbe-Kampagnen. Schulen, Events und andere Institutionen sind für diese Gruppen eingerichtet, selbst der Netflix-Stream richtet sich an deren Vorlieben aus. Und der “Reserved”-Typ dürfte in den meisten Fällen für seinen Topf einen Deckel finden, eine Familie gründen und dann voll in der Förderung und Verteidigung der Liebsten aufgehen. Bei meinen Dating-Bemühungen vor vielen Jahren war fast jedes zweite Profil gut bestückt mit Phrasen, welche die betreffenden Damen in die Nähe dieses Clusters rücken: sehr viele Dating-Aspirantinnen “standen mit beiden Beinen im Leben” (Ausprägungen S und J nach 16-Personalities?) und beteuerten, man “könne mit ihnen Pferde stehlen” (Faktor F?) … Als Typ: “*SFJ-*”
Insgesamt überwiegen bei den Clustern extravertierte, bodenständige, prosoziale, gewissenhafte und ausgeglichen-stressresistente Züge (mit Ausnahmen jeweils nur bei einem Typen). Von einem evolutionsbiologischen Standpunkt aus betrachtet, ist das wenig verwunderlich. Zu allen Zeiten dürften Individuen mit diesen Eigenschaften in der Summe am überlebensfähigsten sein. In unserer Gesellschaft sind das oft diejenigen, die man heimlich bewundert, weil sie einfach “funktionieren”, ohne allzu viel zu stöhnen oder sich zu beklagen, dass alles doch ganz anders viel besser wäre. Wäre ich Koch in der Trattoria “Evoluzione” und wollte einen stabilen Gesellschafts-Eintopf kochen wollen, dann wären diese Persönlichkeitsmerkmale die Zutaten, die das solide Fundament meiner Speisen bilden würden.
So gesehen, ist es eigentlich nicht so verwunderlich, wenn einen manchmal dieses Gefühl der Fremdheit überkommt. Bei all diesen extrovertierten und eher konservativ-bodenständigen Menschen um einen herum, denen gar noch Harmonie wichtiger ist als ein befriedigendes Florett mit guten Argumenten und rhetorischen Finten …
… und wir, bzw. ich – das Alien
Bevor der geneigte Leser jetzt aufschreit: “Ich bin ein Alien unter Normalos!” Man muss es ja nicht ganz so drastisch sehen. Um in der “Koch-Metapher” zu bleiben: Züge wie “introvertiert”, “offen für Neues”, “loyal zu Fakten oder Werten statt zu Personen”, “spontan-unordentlich” oder “emotional-verletzlich” sind für einen Gesellschafts-Eintopf vermutlich eher Ingwer, Koriander, geröstete Pinien-Kerne und Chili, noch dazu, wenn sie in einer Person zusammenkommen. Dieser “Gegen-Typ” mit den Ausprägungen, die in den vier Clustern am wenigsten vorkommen, wäre übrigens der INTP-T, nach der 16-Personalities-Terminologie der Logiker. Nerds! Man hätte drauf kommen können …
Was machen wir nun mit unserer Funktion als “Kräuter-, Crunch- und Gewürz-Einlage” für den Gesellschafts-Eintopf? Was bringt uns diese Perspektive auf die Persönlichkeit?
Mein Fünf-Punkte-Fazit
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okay, statt weird: Eine der wichtigsten Einsichten ist für mich, dass ich nicht “weird” oder “anormal” bin, sondern dass mein Typ, also die Kombination meiner Ausprägungen auf den Big5-Skalen, einfach relativ selten vorkommt, zumal innerhalb des männlichen Geschlechts. Und wenn es diesen Persönlichkeitstypen schon mal gibt, dann kann man auch aus der Not eine Tugend machen und schauen, dass man die sich daraus ergebenden Vorteile und Ressourcen bestmöglich nutzt.
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Stabilität der Merkmale: Ich finde es auch sehr ermutigend, dass die Merkmale relativ stabil und schwer veränderbar sind, d. h. es bringt nicht viel, dagegen ankämpfen zu wollen, sondern es geht eher darum, geschickt die Strömung zu nutzen. Aus einem konservativen Geist wird kein visionärer Theoretiker mehr und jemand sehr spontanes wird über ein gewisses Maß an Gewissenhaftigkeit einfach nicht hinauskommen. Auch bringt es nur bedingt etwas, dem menschenscheuen Stubenhocker einzuimpfen, dass er doch mal viel öfter raus unter Leute gehen soll.
D. h. man kann ruhig selbstbewusst zu seiner Komfort-Zone stehen, auch wenn es natürlich nicht schadet, die Grenzen immer mal wieder auszutesten und sich z. B. durch die Aneignung von Techniken ein Stück weit über die natürlichen Limitierungen hinauszutasten.
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Gleicher Typ, andere “Interpretation”: Es kann sehr überraschend und inspirierend sein, gezielt andere Personen zu treffen, die den gleichen Persönlichkeitstyp haben. Der Persönlichkeitstyp ist ja lediglich ein Rahmen, ein Gefäß, das wir mit unseren individuellen Lebenserfahrungen füllen und unterschiedlich interpretieren. So mag ein Show-Star introvertiert sein – davon gibt es sogar recht viele. Das heißt nicht, dass er nicht unter viel Trubel Auftritte vor vielen Menschen absolvieren könnte. Aber es wird bedeuten, dass er danach den Ausgleich in längeren Phasen des Alleinseins sucht, um sich von den Anstrengungen zu erholen.
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Kenne Deinen “Feind”: Wenn man über missglückte soziale Begegnungen oder Beziehungen nachdenkt, dann kann es ganz hilfreich sein zu versuchen, diese Personen mal zu “typisieren”. Vielleicht ergeben sich ja Muster, die vorher nicht so direkt sichtbar waren. Vielleicht ist der Frauen- oder Männer-Typ in Beziehungen, zu dem es einen immer wieder hinzieht, das Gegenstück zu den eigenen Buchstaben, z. B. für den INFJ-A eine ESTP-T? Das mag anfangs faszinierend und spannend sein, wird aber auf lange Sicht vermutlich stark überfordern.
Vielleicht steigt der Blutdruck bei manchen Ausprägungskombinationen besonders stark? Beim umtriebigen, nervigen Projekt-Manager vielleicht, der bei den grundsätzlichsten Themen dicke Wissenslücken aufweist? Oder beim introvertierten ITler, der wohl meint, man könne Gedanken lesen, angesichts seiner sehr kargen Ausdrucksweise. Auch hier könnte es Muster geben – auch im positiven Sinne natürlich. Bei wem kann ich auftanken? Vielleicht deshalb, weil man viele der Ausprägungen gemeinsam hat?
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Gelassenheit bezüglich Politik und Gesellschaft: Das Ergebnis der Studie oben und die Erkenntnis der Persönlichkeitstypen ganz allgemein lässt mich last but not least auch politisch ruhiger werden. Es hilft beispielsweise nicht, “gegen die Konservativen” zu kämpfen, oder gar zu hoffen, dass sie eines Tages ausgestorben sein werden. Es scheint seinen evolutionären Sinn zu haben, dass viele Menschen eher konservativ sind. Und das wird sich auch über die Zeit hinweg nicht ändern. Am Ende kommt es darauf an, Neuerungen und Veränderung auf eine Art und Weise zu pitchen, die sie auch manchen Konservativen schmackhaft machen.
Das gilt natürlich umso mehr, wenn es um Themen wie den Klimawandel, Flüchtlingskrise oder andere Herausforderungen unserer Zeit geht. Letztlich sind es die “Unnormalen”, die den “Normalen” die Impulse liefern, sie aus ihren traditionellen Denkbahnen werfen müssen. Aber dafür müssen nicht nur die adäquaten Strategien gefunden werden. Es kommt auch darauf an, sich über lange Strecken nicht allzu sehr aufzureiben und auszupowern und ggf. auf den richtigen Zeitpunkt zu warten, wo die maximale Energie der Wenigen eine Chance hat, die Trägheit der Masse zu überwinden. Wollen wir hoffen, dass 200.000 Jahre menschlicher Evolution uns nicht an einen Punkt geführt haben, an dem die über lange Zeit vorteilhafte Zusammensetzung der Persönlichkeitstypen in der Menschheit dann doch in den entscheidenden Herausforderungen zum Aussterben der Gattung Homo sapiens führt.
