
Reif fürs Kloster
Abtei Sacra di San Michele; Die Abtei Sacra di San Michele („Heiligtum des heiligen Michael“) auf dem Monte Pirchiriano an der Südseite des Susatals im Piemont (Italien). 18 January 2013; By: Elio Pallard; Copyright: CC BY-SA 4.0; Source: Wikimedia
Erstellt am 21. November 2016 um 15:23 Uhr
Zugegeben, vielleicht ist es der Traum von einer alternativen Vergangenheit, der mich zu diesem Artikel führt. Es scheint mir, als hätte ich die produktivste, lehrreichste Sturm-und-Drang-Zeit meines Lebens überwiegend allein verbracht. Wie viel mehr hätte dabei herauskommen können, wenn man sich gegenseitig mit Gleichgesinnten gepusht und inspiriert hätte? Welche Wege hätten sich aufgetan, wenn man Kontakte zu Menschen gehabt hätte, die schon zwanzig Jahre älter und weiser sind? Wohin hätte das Coaching dieser Menschen führen können? Und deren Netzwerke, finanzielle Mittel und Kontakte?
Es ist auch eine Fantasie auf die männliche – hoffentlich zutreffender: menschliche – Sturm-und-Drang-Zeit in den Zwanzigern des Lebens, diese Zeit, in der alle Türen offen stehen und die Ambitionen ins Kraut schießen; die Zeit, in der Sportler:innen nach den wertvollsten Medaillen greifen, Ärzt:innen im Praktikum in Doppelschichten in kürzester Zeit so viele Erfahrungen sammeln, wie später kaum noch; die Zeit, in der sich Techniker:innen und Programmierer:innen mit Pizza-Kartons vergraben und die Nacht zum Tag machen, bis jemand erschöpft „Heureka“ schreit. Es ist jene Phase, in denen Künstler:innen ihre Sprache und ihren Ausdruck finden und mit Werken Aufmerksamkeit erregen.
Was, wenn es für diese Zeit einen Inkubator gäbe, eine Umgebung, die diesen Sturm-und-Drang von allen Seiten befeuert und dessen Früchte aufnimmt und weiter reifen lässt. Was, wenn eine Peripherie an „Bodenständigeren“, bei denen es ruhiger zugeht, wo Partnerschaft und Familie bereits eine größere Rolle spielen, dieses brodelnde Zentrum umgeben, unterstützen, fördern und bei Bedarf auch auffangen?
Das Kloster 2.0, was ist das für ein Ort?
Ich träume von einem Kloster, aber ohne das ganze religiöse Brimborium. Ich träume von einem Ort, an dem Menschen miteinander leben, miteinander arbeiten, forschen, lehren und lernen. Nein, es ist kein dunkler und düsterer Ort, an dem alte und neue Erkenntnisse verborgen werden, wie in „Der Namen der Rose“. Eher das Gegenteil: ein Leuchtturm für das Ringen nach neuem Wissen, das konstruktive Streiten für neue Lösungen und das Streben nach der besten technischen Umsetzung.
Es ist ein Ort, wo gefeiert wird, dass der Mensch es geschafft hat, auf dieser kleinen Insel am Rande der Galaxis in einem expandierenden Kosmos Fuß zu fassen, dass er Zivilisation und Kultur entwickelt hat. Und es ist ein Ort, der sich der vor uns liegenden Herausforderungen bewusst ist und seinen Beitrag zu leisten versucht, diese zu bewältigen. Dieses Kloster wäre eine Art Anti-These zu den vielen Schubladen-Leben, nebeneinander her gelebt, Arbeit von neun bis fünf, ein bisschen Urlaub und Einzahlen in die Rentenversicherung.
Ich träume von einem Ort, der strotzt vor lauter Selbstermächtigung, an dem gebaut, repariert, verschönert wird, der seine eigene Energie produziert. Dieser Ort ist ein Abenteuerspielplatz, in dem Erwachsene wie auch Kinder in eine komplexe Realität voller Wissenschaft, Technik, Kunst, Kultur und (digitaler!) Verwaltung hineinwachsen.
Vom „Gottesdienst“ zur Terz, Sext, Non, Vesper oder Komplet 1
Ein Kloster ohne Andacht? Geht ja eigentlich nicht. Aber was wäre das Pendant? Ok, ein Schritt zurück: was ist eine Andacht, wenn man sie von religiösem Firlefanz befreit?
- Leute kommen z. B. wöchentlich zusammen.
- Es gibt einen roten Faden, ein Programm, das das Treffen für alle strukturiert und nachvollziehbar macht (Liturgie = Ordnung einer Zeremonie)
- Vielleicht gibt es rituelle Teile, in denen die Anwesenden sich mit festgelegten Texten zusprechen und antworten.
- Es gibt Musik, sei es eher in Form von Chor, Band und Orchester oder interaktiver unter Mitwirkung und Einbindung der Anwesenden.
- Es gibt einen Vortrag, der das Ziel hat, Selbstreflexion anzustoßen
- Es gibt kürzere Vorträge, die den Fokus z. B. auf Hilfsbedürftige oder andere Anlässe richten, z. B. verbunden mit dem Sammeln von Spenden
- Es gibt meditative Teile, während derer man zu sich kommen und Kraft schöpfen kann.
- Nach dem seelischen Wohl hin zum körperlichen Wohl – gemeinsames Mahl statt Abendmahl
Braucht man ein Glaubensbekenntnis?
Das Wort „Glauben“ können wir streichen, aber eine Art gemeinsam gesprochener Text, der einen rituellen verbindenden Charakter hat und der eine gemeinsame Weltanschauung möglichst gut auf den Punkt bringt, ist schon ein sehr kraftvolles Mittel. Um mal einen ersten Ansatz für einen Vorschlag aus dem Ärmel zu schütteln:
Per aspera ad astra.
Auf einer Insel sind wir,
inmitten des kosmischen Ozeans.
Kein Schiff wird kommen,
Gewissheit nur in diesem Leben.
Einen langen Weg sind wir schon gegangen.
Viele Prüfungen liegen noch vor uns.
Wir feiern, was uns ausmacht,
Menschlichkeit, Liebe,
Mitgefühl, Schaffenskraft,
die Suche nach Erkenntnis.
Wir lernen aus dem Gestern für das Morgen,
strebend zu erkennen und zu verstehen.
Versöhnen wir uns ob unserer Gemeinsamkeiten.
Lernen wir, unsere Unterschiede zu schätzen.
Aus dem Flow und der Liebe zur Sache heraus
streben wir nach dem Besten
und sehen mit den staunenden Augen eines Kindes
die Wunder unserer Insel
und des kosmischen Ozeans.
Amen! Gut, mit Vaterunser und Glaubensbekenntnis kann es der Vorschlag vielleicht noch nicht aufnehmen, aber als Version 0.1.0 könnte das doch schon durchgehen, oder?
Musik
Was hat nicht die Kirche alles getan für die Entwicklung der Musik! Unzählige Komponisten und Instrumentalisten konnten und können dank kirchlicher Finanzierung ihre musikalischen Ambitionen entwickeln und ihre Talente entfalten. Wäre es nicht großartig, wenn es dazu auch ein Kloster2.0-Pendant gäbe? Musik als Ausgleich! Die Chor-, Band- oder Orchester-Probe wäre nicht nur ein Wert an sich, sondern auch ein Mittel, um Gedanken an die Arbeit aus dem Kopf zu bekommen: üben, gemeinsam jammen, experimentieren und improvisieren – und das alles, direkt in der Umgebung im großen Band-Raum mit Instrumenten und Studio, statt weite Wege dafür fahren zu müssen.
Und mit den Andachten (und vielen anderen Gelegenheiten zum Feiern) gibt’s dann auch genügend Anlässe, die musikalischen Errungenschaften zum Besten zu geben.
Selbstreflexion und Vorträge, Spenden
Wenn wir mal religiöses Brimborium ebenso weglassen wie die gängige überzogene Coaching-Selbstoptimierung – was bleibt dann übrig? Ok, vielleicht ist der Negativ-Ansatz nicht allzu fruchtbar. Versuchen wir es andersherum. Wenn wir neben Bibel, Koran etc. auch alle anderen Werke der Weltliteratur heranziehen – daraus sollten sich doch eigentlich genügend Anstöße für Selbstreflexion entwickeln lassen – ohne religiösen Bezug.
Warum sollte ein Abschnitt aus „Hundert Jahre Einsamkeit“ oder „Faust“ nicht mindestens ebenso geeignet sein, um auf ein interessantes Thema hinzuweisen, über das es sich nachzudenken lohnt?
Meditation
In jedem Falle sollte es auch ein paar Minuten geben, die zu Stille und Meditation einladen, vielleicht minimal instrumental begleitet oder verbal geführt im Stile einer Phantasie-Reise.
Vielleicht ist der große Veranstaltungsrahmen für Meditation auch eher unpassend. Umso wichtiger wäre eine Art gemütliche „Kapelle“, in der man morgens, abends oder, wann immer man möchte, zur Ruhe und zu sich selbst finden kann. Schließlich sind wir ja in einem Kloster!
Gemeinsames Essen und Trinken
Stellen wir uns vor, unsere laute und leise, alle Sinne ansprechende Veranstaltung kommt zum Ende. Wäre es nicht klasse, wenn es völlig normal wäre, noch ein bisschen zusammen zu sein, sich über Neuigkeiten auszutauschen und etwas zusammen zu essen und zu trinken? Gut, dass das Kloster eine Cellerar:in hat, der es (unter anderem) obliegt, sich um das körperliche Wohl aller Beteiligten zu kümmern – gegen einen adäquaten Obolus, versteht sich. Um das Kloster-Café und die Kloster-Schenke kümmert er sich natürlich auch.
Die eigentlichen Aufgaben
Das „Ora“ im „Ora et labora“ der Benediktiner 2 im Sinne von „Meditation und gemeinsamer Feier“ hätten wir nun abgearbeitet, aber was ist mit dem „Labora“?
Moderne Nonnen und Mönche + Familiaren 3?
Das „Labora“ war eigentlich der Ursprung meiner Kloster-Idee; der Gedanke an Mönche, die ausgestattet mit allem Nötigen Buch um Buch übersetzen, kopieren oder mit ausladenden Miniaturen oder Initialen versehen. Oder solche, die an Varianten der Braukunst experimentieren, in Glasbläsereien Linsen schleifen oder gut sortierte Kräuter-Gärten pflegen.
Wie könnte eine moderne, agnostische Variante eines solchen Klosters aussehen? Funktioniert auch noch heute ein Ort, an dem man sich (zumindest für eine bestimmte Zeit) der Hingabe für ein bestimmtes Thema verschreibt, d. h. ein Platz, wo man die 10.000 Stunden harter Übung absolvieren kann, bis man eine Sache wirklich gut beherrscht? 4. Wäre das nicht fast ein Pendant zum Mönch- oder Nonnen-Dasein, nur halt auf Zeit? Funktioniert das auch ohne Geschlechter-Trennung oder ist es mit Trennung deutlich einfacher, weil der Fokus darauf, Exzellenz zu erreichen, leichter ist?
Wie ist es nach dieser Zeit, wenn man es sich selbst bewiesen hat und zu gewisser Meisterschaft gekommen ist? Gibt es vielleicht einen harten inneren Zirkel und eine Peripherie von „Familiaren“, wo man auch unter weniger Engagement mitwirken kann? Keine Notwendigkeit mehr, weiterhin maximale Leistungsbereitschaft vorzutäuschen, selbst wenn man längst z. B. der Familie einen höheren Stellenwert zukommen lassen wollte? In die Peripherie kann jeder zurückfallen, wenn er langsamer treten will.
Wenn wir ehrlich sind: ein Ort ohne Familien, ohne Kinder, das wäre ja auch eine reichlich traurige Veranstaltung – gewissermaßen steckt das ja bereits im Wort der „Familiare“.
Zwischen Klausur5, Kreuzgang6 und Refektorium7
Wenn eine Gruppe von Menschen in einem gemeinsamen Raum konzentriert zu arbeiten versucht, ist der Konflikt fast vorprogrammiert. Während die einen versuchen, alle Aufmerksamkeit zu fokussieren und nicht den Faden zu verlieren, drängt es die anderen eher zu Gespräch, Pause und Ablenkung. Dazu kommt dann noch eine dritte Gruppe, die fokussiert kommunikativ im Team arbeiten möchte und damit ebenso eine Störung der anderen bewirkt - sowohl derer die sich fokussieren wollen, als auch derer, die nach kommunikativem Anschluss suchen. Welche Lösungen gibt es für dieses Konflikt-Feld?
Wie wäre es, die Klausur nicht als “Ausgrenzung” für Außenseiter, sondern als Ausgrenzung von Störungen zu definieren? Ich stelle mir das entlang der sogenannten Pomodoro-Technik vor: entlang eines bestimmten Schemas (z.B. Intervallen von 25min Fokus, 5min Pause) werden nach außen und innen Zeiten der Ruhe und der Störung kommuniziert, 24h, rund um die Uhr. Wer gerade pausiert, kann Kaffee trinken, im Kreuzgang mit anderen plaudern oder sich im Refektorium erfrischen und dann zur nächsten Pause wieder dazustoßen. Daneben gibt es Räume, die vor allem für das gemeinsame Fokussieren gemacht sind, ggf. eher mit Steh-Tischen, um es kurz und knackig zu halten. Dort stehen dann Whiteboards, interaktive Monitore und Ähnliches zur Verfügung, um den Austausch und das Festhalten von Ergebnissen möglichst gut zu erleichtern.
Als dritte Variante könnten dann noch ganz “normale” Arbeitsräume angeboten werden, die ein Zwischending aus den zuvor genannten Varianten sind - nicht komplett ruhig, aber akustisch auch keine Wirtshaus-Halle.
Caritas
Kloster und Gemeinwohl, das gehört zusammen. Aber wie lässt sich das kombinieren? Im Haupthaus entstehen neue chemische Verbindungen, Cloud-KI-Architekturen oder Drohnen-Modelle und ein paar Meter weiter – was? Nun, von der Cellerar:in haben wir schon gesprochen. In ähnlicher Weise wird ganz viel geschehen, das nur mittelbar mit dem Kern-Thema des Klosters zu tun hat. Eigentlich ist es nur die Frage, ob genügend Platz zur Verfügung steht, wie viel vom Finanztopf für Karitatives vorgesehen ist und ob es gelingt, zusätzliche öffentliche Mittel zu akquirieren.
In jedem Fall sollten die Maßnahmen integrativ sein, egal ob man Obdachlosen oder Flüchtlingen die Möglichkeit für einen Neustart bietet oder z. B. Alleinerziehenden in Notsituationen hilft.
Forschen und Lehren
Wenn wir schon anachronistisch mit dem Kloster 2.0 einem Uralt-Konzept neues Leben einhauchen, dann könnten wir doch gleich mit Schulen und Universitäten auf dem Weg mitnehmen, oder? Nicht grundsätzlich – eher in dem Sinne, ein paar neokonservative Zöpfe abzuschneiden und ein bisschen vom ursprünglichen Geist wieder einzuhauchen.
Schule
Was die Schule betrifft: wann wurde daraus eine Lern-Fabrik: Aufnehmen, Wiedergeben, Noten kassieren, fertig? Und vor allem: wer kam auf die Idee, Menschen en bloc Wissen eintrichtern zu wollen, noch bevor sie die Motivation haben, das überhaupt wissen zu wollen?
Eigentlich war doch der ursprüngliche Gedanke gar nicht schlecht und gewinnt im Internet-Zeitalter wieder an Reiz: die Schule als Boot-Camp, zwei bis drei Jahre Ausstattung mit einem Mindestumfang an Fähigkeiten, um sich dann den Rest selber zu erschließen. Ist es nicht Irrsinn, sich binomische Formeln, Zitronensäure-Zyklus und die Geografie Südamerikas mit viel Widerwillen „draufzuschaffen“, um dann erst Jahre später zu merken, dass man das eine oder andere davon braucht, aber leider inzwischen wieder vergessen hat?
Im Kloster könnte das so aussehen: drei Jahre lesen, schreiben, rechnen, musizieren (als Mittel zum Zweck, um Noten lesen zu können) und Sport (um Freude und ein Bewusstsein für den eigenen Körper zu entwickeln) und dann fangen halbjährige Praktika an. Im Mittelpunkt könnte so etwas stehen wie das japanische Konzept des Ikigai, „die Freude und das Lebensziel“ 8. Was macht mir Spaß und erfüllt mich mit Sinn, was kann ich gut und zu guter Letzt: kann mir das vielleicht auch ein Auskommen sichern?
Mit 15 oder 16 muss ich weder Integrale berechnen, noch Orbitale aufmalen können – aber ich sollte wissen, was ich gut kann, wozu ich Talent habe, was mich fasziniert und mir Spaß macht. Und ich sollte ein paar Leute kennen, die mir bei der Entwicklung dieser Talente weiterhelfen können!
Für die einen mündet das eher in einer Art Ausbildung, andere führt es weiter in Richtung einer universitären Laufbahn.
Universität
Versetzen wir uns auch hier wieder in eine Vergangenheit,
- bevor man Menschen durch Bachelor- und Master-Studiengänge geschleust hat
- bevor Doktoranden versucht haben, mit zeitlich limitierten halben Stellen ein Dasein zu fristen und
- bevor Professoren unter dem Druck standen, möglichst häufig irgendetwas Halbgares zu publizieren, damit sich die Publikationsliste sehen lassen kann.
Wie wäre es wieder mit der Universität als brodelnder Institution, um die Grenzen des Wissens zu verschieben und dabei die komplette Belegschaft mitzunehmen? Aber die Kern-Qualifikation von Universitäten ist doch heute nicht mehr, dass es große Räume gibt, in denen größere Menschenmengen im „anatomischen Theater“ viel sehen können – YouTube kann das viel besser.
Alles, was Grundlagen-Vermittlung betrifft, ist im Internet und in Spezial-Kursen viel besser aufgehoben. Noch mehr: Die Technik-gestützten Mittel, um große Mengen an Wissen in Köpfe zu befördern, sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft!
Aus Kloster2.0-Sicht ist „Universität“ überall dort, wo eine Expert:in lernbereite Student:innen um sich schart, um Wissen weiterzugeben, Teil-Aspekte seiner Arbeit abzugeben und Mediatoren auszubilden. Zell-Teilung ist das Prinzip: Inspiriere zehn Menschen, die wiederum jeweils zehn Menschen inspirieren.
Ausgründungen
Ein Teil-Aspekt dieser „universitären Zell-Teilung“ ist der Umstand, dass am Anfang eines Projektes oft zwar eine neue, große Idee steht. Der Prozess, diese dann auszurollen und zur Marktreife zu entwickeln, ist dann aber größtenteils ein anderes Handwerk, das eher Betriebswirtschaft, Controlling, Werkzeugbau und Automatisierung u. v. m. betrifft. Bullerbü statt Dystopie!
Und siehe da: andere Kloster und andere universitäre Nuclei beschäftigen sich genau mit diesen Schwerpunkten, z. B. der Automatisierung von Fertigungsprozessen. D. h. die Mischung aus verschiedenen Lehr- und Arbeitsprojekten kann dabei unterstützen, immer effektiver von der Idee zum Produkt oder zur Dienstleistung zu kommen.
Hier sehe ich dann auch die Aufgaben der Familiaren im Gegensatz zu den Ordensmitgliedern: „go-to-market“, vom Prototypen zur Marktreife und zur Vermarktung. Während „im Zentrum“ die Nerds sich dem Sturm und Drang hingeben, kann in der Peripherie in Neun-bis-Fünf-Manier an deren Vermarktung gearbeitet werden.
Wichtig ist hier auch die Unterscheidung zwischen Ausbildung und Uni:
Bin ich eher jemand, der erprobte Ansätze umsetzen will, der im Kleinen für Verbesserung sorgen will und der sich auch nicht davor scheut, über längere Zeit ähnliche Dinge zu tun? Dann ist sicher eine Ausbildung der bessere Weg.
Oder treiben mich neue Ideen um und vor der Wiederholung graut mir eher? In diesem Fall ist vermutlich der universitäre Weg der bessere.
Novizen und „Professes“
Schon bei den Benediktinern war klar, dass eine Klostergemeinschaft ein sensibles System ist, das nicht für jeden geeignet ist und zeitlich einer gewissen Integration bedarf. Deshalb gibt es für Neuzugänge eine Art „Probezeit“, die beiden Seiten die Chance gibt, zu prüfen, ob die Chemie stimmt und ob die Ausrichtung und Wünsche und Erwartungen zueinanderpassen. Schon in dieser Zeit gilt eine zeitlich begrenzte Vereinbarung, die vonseiten der Noviz:in das Einhalten bestimmter Regeln erfordert und auch dem Kloster einige temporäre Verpflichtungen (z. B. Kost und Logis) abverlangt.
Wenn sich eine Noviz:in nach einem Jahr (ggf. in Ausnahmefällen auch schneller) sicher ist, dass es passt und die Klostergemeinschaft dem zustimmt, dann wird er oder sie feierlich mit der „Profess“, dem Gelübde, aufgenommen. Inhalt der Profess sind Grundwerte und Regeln, ohne die es schwierig würde, das Kloster wie es ist aufrechtzuerhalten. Es betrifft aber auch eine Reihe von finanziellen Verpflichtungen, die gleichermaßen die Noviz:in wie das Kloster betreffen. So wird ihr für die Dauer des Gelübdes z. B. ein bedingungsloses Grundeinkommen zugesichert. Andererseits bedeutet es auch, dass sich die Einnahmen an Gewinn und Verlust der Kloster-Unternehmung anpassen und dass Gewinne zu einem großen Anteil nicht ausgezahlt werden, sondern in die gemeinsame Kloster-Kasse fließen.
Daraus werden dann nicht nur das BGE, Investitionen und Projekt-Förderungen finanziert. Auch Luxus-Infrastruktur wie Sauna, Ton-Studio u. v. m. können davon angeschafft werden. Wichtig ist nur, dass jeweils für die Instandhaltung gesorgt ist und die Güter allen Beteiligten zugutekommen.
Alle Abgaben in die Gemeinschaftskasse werden verzeichnet, sodass beim Ausscheiden oder Übertritt in ein anderes Kloster zumindest ein Teil der Investition, ggf. per Raten, ausgezahlt oder übertragen werden kann.
Der Konvent
Das wichtigste Organ ist der Konvent, in dem leidenschaftlich über Fragen diskutiert wird und in dem alle wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Neben regelmäßigen Treffen läuft ein Teil des Konvents permanent online, z. B., wenn es um das Sammeln von Stimmungsbildern und Argumenten geht. Wichtigste Mechanik sind Rede und Gegenrede sowie die Abstimmung.
Für schnell zu treffende Entscheidungen, Verhandlungen etc. gibt es eine Gruppe von Dekan:innen. Ggf. müssen sich diese dafür nachträglich vor dem Konvent rechtfertigen.
Hab ich noch was vergessen?
Gibt es noch mehr Konzepte und Prinzipien aus der klösterlichen Praxis, die hilfreich wären, aber die ich vergessen habe? Woran könnte ein solches Kloster-Konzept scheitern? Wie fängt man am besten damit an? Fragen über Fragen, wie immer eigentlich. Vor allem aber die Frage: auch Lust aufs Kloster?
- Die Bezeichnungen der „Stundengebete“ leiten sich von der jüdischen Stundenrechnung ab, wo der Tag um 6 Uhr morgens beginnt und abends um 18:00 Uhr endet. Damit wäre 9:00 Uhr die dritte Stunde (lat. Terz), Mittag ist die sechste Stunde (lat. Sext) und 15:00 Uhr die neunte Stunde (lat. Non). Das Gebet um 18:00 Uhr heißt Vesper, und das um 21:00 Uhr Komplet.↩
- „Bete und arbeite!“↩
- Ein Familiare (Plural: Familiaren) ist ein Laienmitglied einer Ordensgemeinschaft.↩
- Ericsson, K. Anders, Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological Review, 100(3), 363–406.↩
- Klausur (von lat. claudere: ab-, verschließen), abgeschlossener Bereich für Ordensleute↩
- Kreuzgang, meist im Innenbereich des Klosters, z.B. rund um einen kleinen Garten, von der Sonne geschützt, oft künstlerisch ausgestaltet↩
- Refektorium (lat. reficere = wiederherstellen), Ort für das körperliche Wohl↩
- Gordon Mathews (1996). What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26↩
