'Game of Life' - how AI 'remembers' it

Spiel des Lebens

'Game of Life' - how AI 'remembers' it; Artificially created scene reminding remotely of 'Game of Life'; By: neuroflash; Copyright: neuroflash; Source: neuroflash

Erstellt am 28. Juli 2024 um 1:00 Uhr

Warum die Schwärmerei mit dem Dorf 2.0? Wagen wir ein Experiment! Es gab – die Älteren unter uns werden es noch kennen – ein Brettspiel namens „Spiel des Lebens“. Ja, aus heutiger Erwachsenen-Sicht war es dröge, und doch hat mein Gehirn im Alter von zehn Jahren dafür gesorgt, dass es mir noch in lebhafter Erinnerung geblieben ist: vor allem die farbigen Plastik-Autos, die sich von Geburt bis zum Tode über das Spielfeld bewegen, gespickt mit einer zunehmenden Anzahl kleiner bunter Stäbchen, je größer die Familie wurde. Was ein Kindskopf faszinierend findet, folgt wohl einer sehr eigenen Logik.

Inhalt des besagten Experiments ist es, zweimal die gleichen Ingredienzen für ein Leben zu nehmen und auf diesen Basis-Elementen aufbauend zwei Versionen eben dieses Spiels zu entwickeln – eine jetzige, ohne und eine vielleicht zukünftige mit Dorf 2.0. Zugegeben, die infolge aufgelisteten „Ereigniskarten“ sind auf meinen sozialen und kulturellen Kontext abgestimmt. Mögen andere Personen andere Ereignisse erfinden. Auf geht’s!

Hier der Kartenstapel unseres „Spiel des Lebens“:

  • Vorschule und Grundschule
  • Haustier
  • Höhere Schule
  • Sport oder Musik oder andere Kurse
  • Uni
  • WG beziehen
  • PhD versuchen und abbrechen – oder ihn durchziehen
  • Partner finden
  • Heiraten
  • Ist das Essen schon fertig?
  • Urlaub
  • Mietwohnung finden
  • Sammeln von Habseligkeiten
  • Job
  • Kinderkriegen
  • Haus bauen
  • Job-Wechsel
  • Hobbies
  • Scheidung und erneute Heirat
  • Job-Wechsel
  • Rente
  • Enkel
  • Altenheim
  • Sterben

Während ich die obigen Punkte aufliste, komme ich schwer ins Grübeln: ist es wirklich notwendig die klassische Version eines solchen Lebens hier nochmal durchzuspielen? Schon beim Lesen der Liste mischen sich unzählige eigene Erinnerungen mit einer Vielzahl an Biografie-Fragmenten aus Büchern, Serien und Zeitungsartikeln. Falls Sie nicht gerade ein Alien von einem anderen Planeten sind, wissen Sie genau, was ich meine. Kein Bedarf also, das selbst Erlebte oder hundertmal Gelesene noch ein weiteres Mal langatmig nachzuerzählen.

Widmen wir uns lieber dem gleichen Leben in der Dorf 2.0-Variante, um den Unterschied und den Grund zu sehen, warum ich mit dem Träumen einfach nicht aufhören kann:


Juchhu, meine zwei Jahre ältere Schwester bekommt ein Brüderchen – mich! Erinnere ich mich wirklich an den Sandkasten, in dessen Hintergrund sich das Gerippe eines großen Dinosauriers aufbaut oder liegt es an dem Foto, das ich später gesehen habe? Auf jeden Fall wachsen wir in einem von drei Dörfern2.0 auf, denen die Stadt das Management des Naturkunde-Museums überlassen hat. Wie ein dreiblättriges Kleeblatt liegt das Museum mit seinen drei Flügeln genau in der Mitte, während sich unsere Dörfer nach Norden, Westen und Osten hin ausbreiten. Die einen befassen sich mit Geologie und Erdgeschichte, die anderen mit Zoologie und Botanik und wir … bei uns geht es auch um Tiere, aber nur um Summer und Krabbler. Wir sind das „Insekten-Dorf“, weil wir uns als Schwerpunkt mit Entomologie beschäftigen.

Eine Vorschule gibt es bei uns gar nicht so richtig. Wir haben verschiedene Räume drinnen und draußen – sogar im Museum, wo uns jeden Tag mehrere der Erwachsenen betreuen. Oft sind auch neue Kinder bei uns, weil Eltern im Museum ein bisschen ihre Ruhe haben wollen und ihre Kinder zum Spielen für einige Zeit bei uns lassen. Aber es geht um weit mehr als nur um Vorlesen und Aufpassen. Ein paar der Betreuer haben das richtig studiert und sind voller Ideen, wie sich unsere kindliche Neugier noch mehr anheizen und beflügeln lässt.

Viele übernehmen eine Schicht, weil es ihnen am Herzen liegt mitzuverfolgen, wie wir größer werden. Gerade die älteren Dorfbewohner sind oft bei uns zu Gast. Das ist wie früher bei den Jägern und Sammlern! Die schauen dann mit uns Bücher und Apps an und üben mit uns, wenn wir Lust haben zu lesen oder zu schreiben oder sogar zu rechnen. Da gibt’s ganz tolle Programme auf dem Tablet, die uns spielerisch ganz viel entdecken lassen.

Viel Zeit verbringen wir auch im Indoor-Kletter-Park oder im Schwimmbad, das sich die drei Dörfer teilen. (Sport-Kurse) Neulich war eine Spezialistin aus einem anderen Dorf da, die hat mit uns „Piraten“ gespielt. Wir mussten Schatzkisten hochheben und über die Lava von einem Vulkan balancieren und uns dehnen und strecken, damit wir besser Kanonenkugeln ausweichen können. Und während ihre Assistentin mit uns die Piraten-Prüfungen gemacht hat, hat sie uns beobachtet und viel auf einen Zettel geschrieben. Dann hat sie den Kindern einzeln Tipps gegeben. Ich kann z. B. super balancieren, aber ich bin nicht so gelenkig. Deshalb mach’ ich jetzt bei einer neuen Tanz-Gruppe mit, da verrenken wir uns gruselig zur Musik. Das macht Spaß! Meine Oma sagt, wenn wir erst mal so alt sind wie sie dann werden wir das noch sehr zu schätzen wissen. Unser Bewegungsdrang wird spielerisch so in Hinblick auf Muskelaufbau, Körpergefühl, Balance und Gelenkigkeit herausgefordert, dass uns das später viel Lebensfreude eröffnen wird, grad wenn wir älter werden.

Um den Mini-Zoo in unserem Dorf kümmern sich vor allem wir Kinder. Da haben wir ganz viele Haustiere, die wir auch öfters mal mit nach Hause nehmen können. Wir toben mit den Hunden. Die etwas Älteren gehen auch länger mit ihnen Gassi. Nicht zu vergessen: auch die Ziegen müssen gefüttert werden – und gemolken. Auch das machen die Älteren. Im Zoo-Dorf des Naturkunde-Museums gibt’s noch mehr Tiere, aber da halten wir uns nicht so oft auf.

Da mein Lesen, Schreiben und Rechnen ganz passabel ist, besuche ich voraussichtlich nur für ein halbes Jahr die Grundschule. Nötig ist das nur solange, bis die Basics reibungslos funktionieren. Das Stillsitzen ist wie früher, aber viel lernen wir mit speziellen Apps. Jede halbe Stunde gibt’s kurz ne Pause und wir wenden das Gelernte bei Bewegungs- und Praxis-Spielen an. Das bilde die Grundlage für alles, sagen die Erwachsenen.

Die Höhere Schule – erneut so ein Konstrukt aus der Vergangenheit, von dem sehr wenig in der Gegenwart übrig geblieben ist! Zudem übernimmt, potzblitz, schon wieder eine App einen Teil der Funktion. Dort planen wir zusammen mit unseren Eltern, welche Aktivitäten wir im kommenden Jahr buchen. „Aktivitäten“, das sind meistens kleine Gruppen von fünf bis zehn Teilnehmern, die dann irgendetwas zusammen produzieren, konzipieren, veranstalten, dienstleisten oder erforschen, ein paar Wochen oder Monate lang. Hinz und Kunz bietet diese Mini-Kurse an: Wirtschaftsunternehmen, Verwaltung, Dörfer 2.0, Museen, Vereine – es gibt so viele Gelegenheiten, auf Alltägliches neugierig zu machen und hinter die Kulissen zu schauen. „Wie wird dies oder jenes gemacht?“ „Wie entsteht ein Produkt?“ „Wie stellt der Verkäufer sicher, dass sich sein Laden lohnt?“ Immer gibt es Hintergrundwissen, Querverbindungen zu den verschiedensten Disziplinen, Anknüpfungspunkte zu weiteren Themen. Egal, ob Mathe, Chemie, Biologie, Physik - alles gehorcht ja den Gesetzmäßigkeiten, die sich daraus ergeben: ich muss nur genau hinschauen! Klar, oft nehmen einem Computer oder Maschinen die Rechnerei ab, aber es ist gut, wenn man grob die Zusammenhänge kennt. Ein Beispiel: als wir neulich bei einem Gärtner eine Aktivität zum Züchten von Kräutern absolviert haben, kam schnell die Frage auf, warum die Pflanzen nicht weiterwachsen. In Experimenten haben wir dann schnell herausfinden können, woran es jeweils liegt. Wenn man die Messwerte aufgezeichnet hat, dann ergeben sich richtige Kurven wie im Mathe-Buch. Der Gärtner hat erzählt, dass sein Opa für solchen „Mathe- und Physik-Kram“ noch keinen Nerv hatte, aber seit sein Vater Teil eines Dorfes wurde und er „infiziert“ wurde, mit dieser ganzen Naturwissenschaft, hat er viel geändert. Und dann ging es gleich weiter mit Biologie, mit der Population von so genannten „Schädlingen“ und anderen Insekten, die sich wieder von ihnen ernähren. Auch hier kamen wir über Experimente schnell auf exponentielle Funktionen. Die sind wirklich überall! Das Schöne ist: durch die kleine Gruppe und dadurch, dass wir bei der Aktivität konkrete Ziele haben, geht es nicht um “brav sein und ne gute Note schreiben”. Zudem ist allen klar, dass manche mehr Spaß an der Theorie und andere mehr Freude an der Praxis haben. Deshalb können wir Schwerpunkte setzen, auch wenn jeder mal alles gemacht haben muss. Ziel des Ganzen ist, dass wir auch nach dem Kurs uns noch weiter mit Pflanzen beschäftigen und uns beispielsweise für den CO2-Gehalt in der Raumluft interessieren.

Manchmal fährt uns der Kleinbus vom Dorf jeden Morgen ein paar km und holt uns später wieder ab oder wir bleiben gleich für ein paar Tage vor Ort und übernachten dort. Bei einigen Aktivitäten brauchen wir kaum vor die Haustür zu gehen. Sie finden im Museum statt. Ein Teil vom zweiten und der ganze dritte Stock sind in kleine Räume aufgeteilt, die unter anderem speziell für diese Gruppen ausgelegt sind.

Ok, wir brauchen dringend ein paar Beispiele!

  • „Gesunde Salate und Desserts zubereiten“ (+ Kalkulation und Verkauf in der Kantine des Museums, organische Chemie)

  • „Wir basteln ein Roboter-Insekt, das selber krabbeln lernt“ (+ Grundlagen der AI und Sensorik, Programmierung)

  • „Ballett für Anfänger“ (Theorie des Tanzes, Anatomie, Dehnübungen, Balance, Fitnesse, Musikgeschichte)

  • „Wir basteln einen Wetter-Ballon und lassen ihn aufsteigen, um den Ozon-Gehalt der Luft zu messen“ (+ mathematische, handwerkliche und chemische Grundlagen)

  • „Buch-Club, Science-Fiction Romane aus verschiedenen Zeiten“ (Literaturgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Physik, Mathematik)

  • „Was ist eigentlich alles in einem Kiosk zu tun?“ (Warenwirtschaft, Buchhaltung, Einzelhandel, Zinseszins-Berechnung)

  • „Bilder und Statuen aus der Antike und was sie bedeuten“ (Kunst, Kunstgeschichte, Geschichte)

  • „Buch-Club, L’Existentialisme de Jean Paul Sartre“ (Philosophie, Französisch, Literatur)

  • „Laser-Tag und was wir daraus lernen können“ (Fitnesse, Strategie, Optik, Ausdauer-Sport)

Oft bauen Aktivitäten aufeinander auf, ja es faltet sich ein ganzes Netzwerk auf, das sich aus den unterschiedlichsten Richtungen betreten lässt. Beginne ich erst mit der archäologischen Ausgrabung, arbeite mich dann von Artefakten mit lokalem Bezug zu anderen vor, um dann schließlich in historisch-gesellschaftlichen Strömungen zu enden? Oder starte ich mit einem packenden Computer-Spiel, dringe in die entsprechende historische Epoche ein und untersuche dann, wo Anknüpfungspunkte zu heutigen Entwicklungen bestehen? Es gibt so viele Möglichkeiten, sich den Dingen zu nähern!

Die Kurse bieten das, was früher die Schulen abgedeckt haben – und noch viel mehr. So finde ich heraus, was mich interessiert und wo meine Schwächen und Stärken liegen. Ich merke bei bestimmten Themen, dass sie mich mehr fesseln als andere und ich bekomme eine Idee, welche Arbeitsfelder es in diesen Bereichen gibt: „Ikigai“ nennen es die Japaner. Die besagte App zeichnet meine Fortschritte auf, schlägt passende Folge-Kurse vor, zeigt Wege auf, die zu bestimmten Berufsbildern führen und lotst mich zudem zu komplementären Aktivitäten, die mich in neue Themenkomplexe bugsieren und mich auf andere Weise herausfordern.

So etwa mit zwanzig weiß ich jetzt, dass meine Stärke darin liegt, in drei Bereichen gleich gut zu sein: technisch verfüge ich über ’ne gute Auffassungsgabe, aber für die Details fehlt mir oft die Geduld. Andererseits rede ich gern und viel und bin gern unter Menschen, aber ich brauch’ auch immer wieder die Erdung in der Sachmaterie. Last but not least fällt es mir leicht zu verstehen, was Anwender wollen und es macht mir wahnsinnig Spaß im Austausch mit den Technikern dann Stück für Stück mitzuverfolgen, wie aus der Theorie Praxis wird. Dazu weiß ich, dass ich über Organisationstalent verfüge, dass ich Saxophon-Spielen liebe und Spanisch und Arabisch gern mag, dass ich eher extravertiert bin und aufpassen muss, dass ich Leute mit meinem Redeschwall nicht überfordere – und dass ich mich selbst davon abbringen muss, zu viele Sachen gleichzeitig zu wollen und dann nichts davon fertigzustellen!

Weiter geht’s mit Uni und Ausbildung – die sind in den Dörfern 2.0 fast das gleiche, nur dass sich die einen noch mehr mit der Theorie befassen und dort Skills sammeln, während die anderen schneller zur Praxis übergehen. Wichtig ist, dass sich nie eine Tür unwiederbringlich schließt. Warum sich für ein „Entweder-Oder“ entscheiden müssen?!

Fachlich interessieren mich Mechanik und Robotik. Vielleicht werde ich später mal die künstlichen Insektenschwärme mitentwickeln, die wir bei uns im Dorf herstellen und die dann z. B. als Mini-Drohnen ihren Einsatz finden. Dafür steht mir allerdings noch ein heftiges Lern-Pensum bevor, wofür ich für zwei bis drei Jahre ins Robotik-Dorf am anderen Ende von Deutschland übersiedeln werde. Vielleicht kommt noch eine Zusatz-Ausbildung im Colab-Dorf dazu, wo es um verschiedene Techniken und Methoden der Zusammenarbeit geht.

Das Robotik-Dorf ist ein ziemlich futuristischer Gebäude-Komplex mit Dach-Werkstatt, mitten in der Großstadt, dessen schwunghafte Formen im Zaha Hadid-Stil einem den Mund offen stehen lassen. Schon in meinem Insektendorf kommen Menschen aller Sprachen und Hautfarben zusammen, aber das hier ist definitiv noch ne Nummer größer.

Als neuer Robotik-Aspirant wartet keine wilde WG auf mich, wie früher der Fall gewesen wäre. Stattdessen hat hier jeder seine Schlaf-Wabe – so eine, wie es sie früher nur in japanischen Hightech-Hotels gab. Es gibt hier so viele wechselnde Studenten, dass sich das Kern-Dorf und die Bildungseinrichtung voneinander separiert haben. Bei genauem Hinschauen ist das gar nicht mal übel. Gewissermaßen ist der Campus mit seinen etwa zweihundert Student:innen ein Dorf für sich. Alles andere würde anonym und unübersichtlich.

Für das erste halbe Jahr hat der Tagesablauf etwas Klösterliches. In der App hat sich jeder ein Grundlagen- und Kurs-Programm zusammengestellt, wo es zunächst um die theoretische Vermittlung geht. Wir fallen aus unseren Waben am Morgen fast direkt in eine luxuriöse Duschlandschaft, samt Schwimmbecken, in dem ich gern zum Aufwachen ein paar Bahnen schwimme. Danach, am Campus gibt es viele Pomodoro-Räume, wo jeder für sich zeitlich getaktet jeweils 25 Minuten an seinem Curriculum arbeitet. Anschließend geht’s dann jeweils für fünf Minuten oder längere Pausen in die dazwischen liegenden Café-Bereiche, wo mich meine Datenbrille auf Gemeinsamkeiten mit anderen aufmerksam macht, die auch dort herumstehen. Das hilft meinen manchmal müden Smalltalk-Skills auf die Sprünge. Dieses Wechselspiel aus Lernen und Kaffee-Pausen ziehe ich oft so lange durch, bis mir die Augen zufallen. Abends gibt’s den einen oder anderen geselligen Programmpunkt, aber oft verkrieche ich mich in meinen gemütlichen Sarkophag und schlafe nach der ersten Serien-Episode ein.

Unser Lern-Pensum ist ziemlich üppig: Apps, Programmiertutorials, Audio-Bücher und jede Menge wissenschaftlicher Fachartikel und Prototypen-Beschreibungen. Dazwischen gibt es immer mal wieder Diskussions-Panels, wo Experten aus dem Dorf mit uns verschiedene Themen diskutieren. Zudem gibt es Sitzungen mit Lara, der Künstlichen Intelligenz für die Robotik-Ausbildung, die auf das bereits absolvierte Curriculum Bezug nimmt, den Finger in die Wunde legt, gut verarbeitetes von halbgarem Wissen unterscheidet und Medien vorschlägt, um Kenntnisse zu vertiefen. 3D-Brillen helfen dabei, in verschiedene praktische Disziplinen einzuführen. Toll, wenn es reicht, nach der Nutzung hunderter virtueller Bauteile das Programm zurückzusetzen, statt mühevoll die Werkstatt aufzuräumen.

Jetzt nach einem halben Jahr beginnen die Projekt-Gruppen, in denen wir zusammen unter Anleitung die ersten praktischen Gehversuche vornehmen. Parallel dazu sind wir für jeweils einige Stunden in der sogenannten „Manufaktur“ eingeteilt, wo wir relativ leicht vermittelbare Tätigkeiten übernehmen, die beim Training der neuronalen Netze und bei der mechanischen Fertigung anfallen. Den Rest der Zeit füllt immer noch das Lern-Curriculum. Hatte ich erwähnt, dass den ganzen Tag irgendwelche humanoide, canine, reptiloide oder insektoide Roboter um uns herumkreuchen und die unterschiedlichsten Tätigkeiten erfüllen? Glücklicherweise bringen nicht alle von ihnen Erfrischungen und Fingerfood vorbei, sondern animieren auch zur Bewegung durch witzige Mini-Spiele, sonst würde ich glatt zunehmen, auch wenn ich kulinarisch nicht über die Stränge schlage.

Später geht das eher passive Aufsaugen von Informationen und Zusammenhängen in aktives Forschen über – PhD-Phase wäre früher die Bezeichnung gewesen. Während uns das Einzelstudium an die Grenzen der Wissensblase befördert hat, haben wir im Zuge der Forschungsaktivitäten die Gelegenheit, diese zusammen mit den Professoren auszudehnen und zu überschreiten. Unsere Namen landen zunächst weit hinten und schließlich weiter vorne in den Autorenlisten der Publikationen und Prototypen-Beschreibungen, die manchmal zu Patenten werden. Ganz automatisch merke ich, dass ich immer wieder in meine Lieblingsrolle schlüpfe: das Vermitteln zwischen den fachlichen Anforderungen und die Frage, wie wir sie technisch am besten in sinnvollen Inkrementen erfüllen.

Wie schon früher im Insektendorf sparen die Älteren nicht daran, mir Feedback zu meinen Stärken und Schwächen zu geben, mich auf Potenziale aufmerksam zu machen und mich in die unterschiedlichsten Richtungen zu ermuntern. So ergibt dann oft eine Praxis-Gruppe die nächste und manchmal ist die Lehrkraft des einen Projekts der Tandem-Partner des nächsten.

Was amouröse Abenteuer betrifft, hab ich mir ein paar Auszeiten genommen. Es ergibt ja keinen Sinn, in den akuten Phasen mit Schmetterlingen im Bauch höchste Konzentriertheit zu simulieren. Zudem ist die Hormonwelle auch ideal dazu geeignet, gemeinsam (oder notfalls auch alleine) auf ihr durch die Stadt zu reiten und diese genauer zu erkunden. Seit sich die Dörfer ausbreiten wie die Pilze schießen mit ihnen auch interessante Plätze, Interaktionsmöglichkeiten und Gebäude aus dem Boden und geben damit der Stadtentwicklung neue Impulse. Gerade in den Dorf-Cafés ist das so, weil dort interessante Exponate ausgestellt werden oder sogar Flash-Mobs und andere Aktionen stattfinden. Dadurch passiert es selbst Kontakt-Muffeln, dass sie eigentlich nur einen schnellen Kaffee trinken wollten und sich plötzlich im hitzigen Gespräch mit neuen Bekannten wiederfinden.

Meine Dating-Abenteuer sind leider jedes Mal relativ schnell im Sand verlaufen. Einmal hat es mich so mitgenommen, dass ich mir gern vom Counselor habe helfen lassen, der parallel die Funktion eines Studienbetreuers hat.

Während meines Jahrs im Colab-Dorf hat es dann geklappt, eine Partnerin zu finden. Da war auch der Frauenanteil deutlich höher. „Gleiche Chancen“ sind auch heute leider noch nicht gleichbedeutend mit „gleichmäßige Geschlechterverteilung“ und wir machen gleich weiter mit den Klischees! Nach reiflicher Überlegung und Diskussion bin ich mit meiner Freundin übereingekommen, dass ihre Projektmanagement-Chancen in meinem Insekten-Dorf deutlich höher sein dürften, als meine Robotik-Chancen im Friedhofs-Dorf, aus dem sie stammt. Ja, so etwas gibt es! Traumhaft verwilderte Mausoleen und zauberhafte Engelsstatuen, überwuchert von Efeu gibt es dort, samt Orchester, Requiem-Chor und Dingen, an denen Sherlock Holmes seine Freude gehabt hätte! Ich schweife ab. Kurzum, ob der günstigeren beruflichen Aussichten hat mich die beste Ehefrau von allen in mein Insekten-Dorf begleitet, wo wir dann auch – ganz klassisch – geheiratet haben. Der Bienenstich als Hochzeitskuchen ist selbstredend eins der Dorf-Markenzeichen.

Mein – würde man direkt die Rechnung bekommen – sündhaft teures Studium hat sich übrigens zu einem Drittel aus den Ersparnissen finanziert, die ich bei uns im Insektendorf und während des Studiums in der Manufaktur ansammeln konnte, zu einem Drittel hat die Kosten mein Dorf gedeckt. Sollte ich später in einem anderen Dorf arbeiten (dieser Fall tritt jetzt bei meiner Frau ein), dann übernimmt dieses Dorf den Anteil. Das letzte Drittel übernehmen meine Eltern aus ihren Dorf-Ersparnissen.

Urlaube haben sich auch ein Stück weit verändert. Es ist gerade das Ziel, seinen Lebensalltag als Dorfbewohner genau so einzurichten, dass es einem an nichts fehlt: Herzensprojekte, langweilige oder monotone Arbeiten zu einem kleinen Anteil und dann so in einem sozialen Kontext, dass selbst die Monotonie noch angenehme Seiten entfaltet. Wenn es uns mal nach größerem Kontrastprogramm gelüstet, dann besuchen wir Freunde und Bekannte. Es gibt so viele inspirierende Bekanntschaften, z. B. aus vergangenen Projekten! Ein üppiges Maß an Gästezimmern steht in den meisten Dörfern zur Verfügung. Manchmal ergeben sich sogar kleinere Kooperationen daraus. D. h. die Funktion von Urlaub, sich einfach mal von dem ganzen dysfunktionalen Scheiß zu erholen, gibt es fast nicht mehr.

Viele Dörfer in landschaftlich schönen Gebieten haben hotelartige Gebäude direkt angegliedert. Viele prunkvolle Villen und Palazzi in Italien oder schottische Schlösser sind beispielsweise von Dörfern 2.0 in Beschlag genommen. Gerade diese Gemeinschaften haben sich oft Themen verschrieben, die früher als „Orchideen-Fächer“ gegolten hätten: viel Arbeit für relativ begrenzten Anwendungsnutzen. Dort sichert dann der Tourismus das ökonomische Auskommen. Einige Urlauber verlieben sich dann dermaßen in Arabesken, aztekische Kunst oder die isländische Geschichte, dass sie im höheren Alter dorthin umsiedeln. Daraus ergibt sich eine zusätzliche Einnahmequelle: ein sehr aktives Dorf2.0-Altenheim.

Wenn klimawandelbedingt die Temperaturen weiter so steigen, werd ich mit meiner Familie vielleicht auf die Insel Rügen umziehen: dort versetzen die Dörfer 2.0 Teile der Insel alle zwei Jahre komplett zurück in die Vergangenheit. Als wir zu besagter Zeit das letzte Mal dort Freunde besucht haben, mussten wir mehrere Tage lang in Kostüme aus der Zeit des Jugendstil schlüpfen. Von Jahr zu Jahr kommen mehr Requisiten und Infrastruktur dazu und die Ortschaften nutzen die Gelegenheit, die Pracht aus dieser Zeit wieder auf die wunderschönen Holz-Fassaden zu zaubern. Sogar die guten alten Badewagen sind wieder en vogue, von denen aus sich die Damen geschützt von männlichen Blicken in die Fluten stürzen konnten. Die Fürstin zu Putbus wäre beglückt! Nicht zuletzt durch die Fähigkeiten, die die Urlauber mitbringen, entstehen oft weitere Projekte und schließlich Finanzierungsmöglichkeiten – wenn z. B. die schicken Badewagen als Umkleide ihren Weg an Badeseen finden oder wenn in einem italienischen Palazzo eine Mode-Designer:in auf eine Expert:in für spätrömische Kunst trifft und in der Folge dutzende neue Modelle mit atemberaubenden Mustern den Markt erobern.

Es hat schon eine opulente Note wie bei Marcel Proust, wenn wir wie vergangenes Jahr statt eines schnellen Zwei-Wochen-Urlaubs einfach mal ein halbes Jahr für ein paar Projekte an die Küste übersiedeln. In diesem Fall haben wir dafür die Wohnung getauscht und einem anderen Ehepaar einen Ausflug in die Welt der Insekten ermöglicht. Zum Glück war es für unsere Familie sehr leicht, unsere sentimental-behafteten Habseligkeiten in 5 Kisten zu verstauen.

Wobei wir damit gleich bei den nächsten beiden Stichwörtern ankommen: „Mietwohnung finden“ und „Haus bauen“. Zwei Phänomene aus der „alten Welt“ haben für mich in diesem Kontext nie einen Sinn ergeben:

  • Je länger ich in einer Wohnung lebe, desto mehr gehört sie mir doch? Warum korreliert das Gefühl nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten?
  • Wenn ich ein Haus kaufe und will ein paar Jahre später woanders hin: warum ist es so kompliziert, das eine wieder loszuwerden und etwas Neues woanders zu bekommen? Warum sollte ich alles am besten schon Jahrzehnte im Voraus wissen?

Was in der alten Welt ein altväterlich-mitleidig mildes Lächeln von Vertretern der liberalkonservativen Parteien nach sich gezogen hätte, ist in der Welt der Dörfer 2.0 längst Realität geworden. Klar, wenn Menschen über Wohnraum verfügen, die möglichst viel Geld damit erwirtschaften wollen, dann sind diese Regeln unumstößlich. Wenn aber die Immobilien den Dörfern gehören und diese ein Interesse daran haben, mit den Fähigkeiten ihrer Bewohner:innen Wohlstand zu sichern, dann stellt sich die Lage anders dar: Das Nutzungsrecht am Wohnraum geht mehr und mehr auf die Nutzer über, je länger sie in einem Dorf aktiv sind und damit für dieses Dorf etwas erwirtschaften. Durch die laufenden Mietzahlungen ist die Wohnung dann irgendwann abgegolten. Weitere Einzahlungen ermöglichen es dann, z. B. gegen größere Wohnungen im gleichen Dorf zu tauschen oder die kleine Wohnung eines Dorfes 2.0 in einem hässlichen Industriegebiet gegen ein geräumiges Apartment eines italienischen Palazzo in einem dortigen Dorf zu tauschen. Im Hintergrund laufen dafür dann mehr oder minder komplexe Tausch-Geschäfte ab, die zwischen den Dörfern vereinbart sind.

Und noch etwas kommt dazu, was das Sammeln von Habseligkeiten betrifft: in der alten Welt hortet jeder seinen eigenen Kram, nur dass sich der Besitzstand seit der Industrialisierung nicht mehr in hochwertigem Tafelsilber und Porzellan-Geschirr, ledergebundenen Folianten und irrsinnig schweren Schränken und Tischen in „Eiche-Rustikal“ abbildet. Im Gegenteil: der Trödel-Händler schätzt sich glücklich, wenn es etwas von Wert findet, bevor er alles in riesige Plastik-Säcke packt, um es zu verschrotten.

Bei den Dörfern 2.0 zieht wieder eher die „Eiche-Rustikal“ ein, d. h. für alles das, was wir gemeinsam verwenden, achten wir auf Langlebigkeit, Wert und Ästhetik. Viele Dorf-Küchen beispielsweise könnten genau so in Luxus-Apartments eingebaut sein, nur dass deutlich mehr Personen sie nutzen. Wer hat schon Lust, Platz und Mittel für eine eigene Kochnische aufzuwenden, wenn er stattdessen mit zusätzlichem Service ein paar Meter weiter wie ein Paul Bocuse kocht, zumindest was die Werkzeuge betrifft. Das Gleiche gilt auch für Bäder. In der eigenen Wohnung gibt es beispielsweise nur ein WC und ein Waschbecken für die schnelle Katzendusche. Sobald die Zeit auch nur einen Funken Genuss bei der Körperpflege erlaubt, bietet es sich an, gleich auf die Regen-Dusche nebenan oder gar den Whirlpool und die finnische Sauna zurückzugreifen.

Wichtig ist, dass für alles jemand verantwortlich zeichnet, dieser dann Neulinge in die Benutzung einführt und notfalls – gegen eine üppige interne Überweisung – auch mal hinterherräumt, ohne dass es dabei zu bösem Blut kommt. Die sensibelsten Instrumente, bei denen im Falle einer Fehlbedienung höherer Schaden droht, befinden sich in einem abschließbaren Bereich, der nur nach Absolvieren eines kleinen Schulungsprogramms zur Verfügung steht. Dass es für alles klare einfache Regeln gibt und sich z.B. die Sponsoren eines Back-Automaten zwar verantwortlich fühlen, aber nicht zu cholerisch-kulinarischen Despoten mutieren, das obliegt wiederum der Dorf-Verwaltung.

Die Punkte Job und Job-Wechsel, sowie Hobbies und „Wann ist wieder Urlaub?“ lassen sich alle zusammen abhandeln. Mein Wochenpensum bestimmt sich je nach Lebensphase und nach aktueller Laune. Mal ist es gesteckt voll, mal sorge ich für größere Ruhe- und Freizeit-Strecken. Manchmal erfordern es die Umstände und manchmal die eigene Lust, dass ich gar nicht aufhören will. Andere Male ziehe ich mich eher zurück und widme mich z. B. einem neuen Spielzeug, einem neuen Fahrrad vielleicht. Dann steige ich aus einigen Projekten aus. Langeweile und Zeiten für Rückzug und Reflexion gehören explizit dazu. Viele widmen sich auch phasenweise mehr der Kunst oder der Musik, treiben sich im Atelier des Dorfes oder im Tonstudio samt Instrumentenraum herum.

Als Kern-Tätigkeit berate ich Kunden, die mithilfe unserer Robotik-Insekten unterschiedlichste Aufgaben lösen. So haben wir z. B. Käfer- und Ameisen-Kolonien, die auf verschiedene Chemikalien und Metalle ausgerichtet sind und z. B. auf ehemaligen Müll-Deponien das Erdreich durchgraben. Sie sammeln die Substanzen, auf welche sie programmiert sind, in einem Depot. In einem von vielen weiteren Szenarien haben wir Fluginsekten so trainiert, dass sie in wüstenartigen Gebieten kleine Trichter graben und dort Baumsamen anpflanzen und tropfenweise bewässern. Wenn sich hunderte Insekten um zehntausende solcher Vegetationswiegen kümmern, dann klappt es relativ schnell mit der Renaturierung großer Landstriche. Von Umweltgiften und Beton zersetzenden Krabblern haben wir noch gar nicht gesprochen. Es ist ein weites Feld!

Oft müssen wir bei Projekten abgestimmt auf Kundenwünsche neues Sozialverhalten unserer Mini-Roboter trainieren oder die neuronalen Netze auf die jeweilige Umgebung justieren. Die Überwachung der Schwärme ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Das Tolle ist, dass unsere Projekte einen erheblichen Nutzen haben, weil sie z. B. dabei mithelfen, unwirtliches Gelände wiederzubesiedeln oder ohne großen Einsatz sehr wertvolle Stoffe wiederzugewinnen. Entsprechend viel zahlen unsere Auftraggeber dafür. Für ein paar Wochen bin ich dann auf Reisen, um mir vor Ort alles anzuschauen, Anforderungen und Kundenerwartungen zu sondieren und ganz nebenbei bekomme ich Gelegenheit, meine Fremdsprachen-Skills zu pflegen. Im Anschluss geht es daran, hoch konzentriert mit den Entwicklern und Ingenieuren die Anforderungen umzusetzen. Wenn alles geschafft ist, trete ich meist einige Wochen kürzer. Ich arbeite dann z. B. in unserer Dorf-Imkerei mit. Das finde ich irrsinnig erholsam und lehrreich. Außerdem übernehme ich zum Runterkommen immer mal wieder eine Schicht für Führungen in der entomologischen Abteilung des Museums. Das hab ich ja von Kindesbeinen an aufgesogen.

Wenn ich merke, dass ich etwas für meine Fitness tun muss, übernehme ich Kurier-Fahrten mit dem Rad oder trage, unterwegs mit dem E-Mobil für ein paar Stunden Pakete aus. Den ganzen Tag lang könnte ich mir das nicht vorstellen, aber wenn es wie bei mir Teil des freiwilligen Sportprogramms ist, dann macht es Spaß, den Weg in den vierten Stock zurückzulegen.

Ob ich auch Geld dafür bekomme? Klar! Aber wie das eigentlich genau ist mit dem Verdienst aus verschiedenen Projekten, der ominösen Dorf-Vertrauenswährung und dem Umstand, dass die meisten bei uns nicht nach Stunden bezahlt werden, sondern Teilhaber des Dorfes sind und damit eine monatliche Ausschüttung bekommen, muss an anderer Stelle beschrieben werden. Dafür fehlt uns hier schlicht die Zeit.

Apropos, meine Frau hat eher ein Faible für Projekt-Management, sowohl was die Verwaltung des Dorfes und des Museums betrifft, als auch mit Bezug auf Veranstaltungen und Events. Sie hilft zudem viel beim Catering, weil sie einfach wahnsinnig gerne backt. Ja genau – oft bereitet sie die über zehn verschiedenen Arten von Bienenstich zu, für die wir bekannt sind. Bei ihr sind es eher die persönlichen Bezüge, die Harmonie und der Zusammenhalt, die wichtig sind und weniger bestimmte Themen, bei denen sie viel erreichen will. In letzter Zeit engagiert sie sich auch viel mehr bei der Kinderbetreuung. Ich glaub’, wir steuern da auf einen wichtigen Punkt zu.

Hatte ich gerade vom Kinderkriegen geredet? Da blinzelt man einmal und schon sind Zwillinge unterwegs! Schön, dass nur die erste Zeit so in die Knochen fährt wie früher, Schlafdefizit inclusive. Allerdings fällt vieles organisatorisch auch leichter, weil wir die Baby-Infrastruktur des Dorfes z. B. zum Tauschen nutzen. Was allein das häufigere Vererben der irrsinnig teuren Kinderwägen an Geld spart! Dank der komfortablen Bedingungen, unter denen man Kinder im Dorf aufziehen kann, ist bei uns die Geburtenrate bereits fast so hoch wie im amerikanischen Bibel-Belt. Schade, dass unsere Gesellschaft so lange gebraucht hat, um wieder zu den Gewohnheiten der Jäger und Sammler zurückzukehren.

Meine Frau hat Lisa und Leo, so heißen die zwei, immer mitgenommen, wenn sie sowieso im Bee Hive, unserem Dorf-Kindergarten, mitgeholfen hat. Der ist als großes, markantes Gebäude direkt ans Museum angegliedert und ist zur Hälfte öffentlich und zur Hälfte privat. Viele der Ideen, die wir im privaten Teil erfolgreich ausprobieren, kopieren wir danach im Museumsteil. Dort stehen die Features dann müden Besuchern und deren Kindern zur Verfügung: die Waben für eine mehr oder minder intensive Ruhepause, beispielsweise oder die wabige Kletterwand mit weichem Boden, der ganz leicht nach Honig duftet.

Jetzt mit drei Jahren bleiben sie dort etliche Stunden pro Tag, manchmal sogar über Nacht. Die Waben funktionieren in etwa wie die Schlaf-Sarkophage bei meiner Robotik-Ausbildung, nur dass bis zur Gutenachtgeschichte und dann wieder am Morgen ein großes Gewusel und Herumgetolle herrscht. Es hat bei mir eine Zeit lang gebraucht, bis ich den gleichen Durchblick wie meine Frau hatte, wann die Kinder bei uns sind, wann jemand von uns mitbetreut und wann wir sturmfreie Bude zu Hause haben.

Wenn beide erst mal die Grundschule hinter sich haben und die Aktivitäten anfangen, dann werden wir öfter mal einige Wochen Zeit für uns selbst reservieren. Viele der Aktivitäten finden zum Glück über mehrere Tage an einem anderen Ort statt. Sei’s drum, insgesamt ist es am wichtigsten, dass viele der Pflicht-Themen erledigt sind und der schöne Teil der Kinder-Erziehung im Mittelpunkt steht: Cowboy-Überfälle inszenieren, Chemie-Experimente mit Knall und grünen Wolken absolvieren, Gespenster-Kostüme basteln und sich als Insekt unter dem Bett verstecken!

Weil wir gerade beim Organisatorischen sind: Auch die Frage, ob das Essen schon auf dem Tisch ist, ist im dörflichen Kontext anders geregelt als zu früheren Zeiten. Zum einen gibt es die etwas größere „Großküche“, die gleichzeitig einen Teil des Caterings fürs Museum übernimmt. Auch die anderen beiden Dörfer verfügen über so ein Edelstahl-Monster. Oft registrieren wir uns für alle Tagesmahlzeiten per App, damit die Küchen planen können. Natürlich ist es auch möglich, spontan vorbeikommen. Dann ist es ggf. geboten, auf Dinge auszuweichen, die es noch gibt. Meistens sind ein bis zwei Arbeitsplätze frei, auf denen es möglich ist, selbst Mahlzeiten zuzubereiten. Für Basis-Zutaten ist dabei gesorgt. Besondere Wünsche sind gegebenenfalls selbst mitzubringen.

Wenn nicht gerade für größere Events oder Ähnliches Hochbetrieb herrscht, wird der große Tisch im Raum auch gleich als Esstisch genutzt. Zumindest wenn man nichts gegen einen etwas höheren Lärm-Pegel hat, macht das die Essenszeiten immer zu einem großen sozialen Event fast schon napoletanischen Ausmaßes. Dafür geht es in den Zeiten dazwischen deutlich „nordeuropäischer“ zu.

Egal ob man auf der Anbieter- oder Nachfrage-Seite steht: Tischgenoss:innen finden sich ebenso wie jemand, der noch ein paar Kartoffeln mehr in die Heißluft-Fritteuse wirft. Für alle anderen Fälle gibt es den Dorf-Kiosk, der Snacks, Fingerfood und kalte Pizza „ankauft“, bevor etwas verfällt. Selbst außerhalb der Öffnungszeiten ist dank des befüllten Automaten noch ein schneller Mitternachts-Snack möglich.

Über das Thema „Sich scheiden lassen und erneut heiraten“ kann ich aus meiner Perspektive glücklicherweise nichts beisteuern. Es kommt natürlich vor. Solange Sätze wie „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“ gegolten haben, ergab es sich fast automatisch daraus, dass Job und Beziehung konsequent voneinander getrennt werden. Alles schön in seine eigene Schublade ablegen! Aber auf’s Dorf übertragen, wird das affig!

Das gilt übrigens nicht nur für Situationen, in denen Pärchen-Vibes in der Luft liegen. Da sich alle Kennen und um ihre Schwächen und Stärken wissen, ist der Kontakt generell enger geworden und damit das Potenzial für auch heftigere Auseinandersetzungen gegeben. Umso wichtiger ist es, dass das Thema “Konflikt-Entschärfung” bei allen auf der Agenda steht. Zudem sind bzw. werden in jedem Dorf Bewohner:innen gezielt in diesen Themen geschult und oft gibt es auch noch einen Counselor.

Bezüglich amouröser Avancen läuft es jedenfalls auf die folgenden Regeln hinaus:

  • Anbahnung
    • Wenn „den Hof machen“, dann dezent. Vielleicht kann eine dritte Person bei der Einschätzung helfen, ob Chancen bestehen, wenn in einer direkten Konfrontation nichts kaputtgehen soll.
    • Bei einseitiger Liebe ist es am besten, einen Counselor aufzusuchen und – im schlimmsten Falle – für längere Zeit Abstand zu suchen. Vor allem Männer müssen früh lernen, dass es nichts bringt, einer unerfüllten Liebe hinterherzulaufen.
  • Beidseitige Schmetterlinge im Bauch
    • Erste Regel ist, dass alle anderen nie mehr zu sehen und zu hören bekommen sollten als bei einer guten Freundschaft. Alles mehr ist zu viel und einfach lästig.
    • Wenn beidseitig Schmetterlinge im Bauch aktiv sind, kommt’s drauf an, ob es beide dennoch hinbekommen, die erste Regel einzuhalten. Wenn nicht, ist es besser, für Ersatz zu sorgen und erst mal einen frühzeitigen Honeymoon anzutreten. Schöner als jetzt wird es sowieso nie mehr.
  • Trennung
    • Die obige erste Regel gilt auch hier: nie mehr Drama zeigen als bei einem freundschaftlichen Streit. Alles darüber hinaus will niemand sehen und hören, von niederen Klatsch- und Tratsch-Instinkten einmal abgesehen.
    • Hier ist ebenfalls frühzeitig ein Counselor einzuschalten und – im schlimmsten Falle – für längere Zeit Abstand zu suchen. Wieder einmal sind vor allem die Männer gefordert, ihren „inneren Klaus Kinski“ im Zaum zu halten.

Sofern bei einer Trennung Kinder im Spiel sind, kommt es darauf an, ob sich beide Eltern noch im gleichen Dorf aufhalten oder nicht. Durch die Regelungen, was die Wohnung betrifft, gelingt ein Wechsel von Pärchen- auf Single-Modus in jedem Falle deutlich einfacher.

Über Rente, Enkel und Altenheim haben wir bereits kurz gesprochen. Mit dem Älterwerden ändert sich nur so viel, wie die Betroffenen es wollen. Das Dorf-Guthaben sollte inzwischen gut gefüllt sein und alle möglichen Pläne für den Ruhestand ermöglichen: sei es, dass es am wichtigsten ist, am Leben der Enkel und Urenkel teilzunehmen, dann bietet das Dorf alle Möglichkeiten dazu, sei es, dass klimatische, thematische oder medizinische Gründe den Ausschlag geben, auf die alten Tage doch nochmal die Location zu wechseln.

Und dann ist da noch der Tod. Wenn ich allein heute zurückschaue, wen ich alles in Dorf-Projekten kennen, lieben und schätzen gelernt hab, sei es im eigenen oder in fremden Dörfern, dann komme ich auf eine Zahl wie ich sie mir zu früheren Zeiten nur auf einer Promi-Beerdigung hätte vorstellen können. Entsprechend turbulent wird es dann oft, wenn für jemanden die letzte Stunde geschlagen hat, inclusive Nachtwache, etlichen Anekdoten und viel Musik. Auf diese Weise begegnen sich Menschen und liegen sich lachend und weinend in den Armen, die sich ohne den Todesfall nie begegnet wären.

Bevor es zu pathetisch wird, noch ein praktischer Abschluss: Eine der Aktivitäten von den bereits erwähnten Friedhofs-Dörfern ist es, die sterblichen Überreste von Menschen pietätvoll in eine Vielzahl von Stoffen umzuwandeln: Edelsteine, Ziegelsteine, Humus, ein Keramik-Block mit Magerung zur weiteren Verarbeitung, sogar Garne sind möglich. Viele Bewohner oder ihre Liebsten entwickeln schon zu Lebzeiten eine Idee, was mit ihnen nach ihrem Ableben geschehen soll. Deshalb haben die meisten Dörfer kleine idyllische Wäldchen mit Statuen, Pagoden und Mausoleen die zum Ausruhen und Erinnern einladen.

Ich z. B. würde gerne als einer der farbigen Wimpel oben an unserem Campanile flattern. Die Vorstellung gefällt mir, dass mich der Wind über die Jahre Franse für Franse in alle Himmelsrichtungen verteilt. Eine Plakette mit meinen Daten samt QR-Code auf eine Web-Seite gibt’s dazu am Sockel des Glockenturms.


Soweit meine üppige Variante von meiner zukünftigen Version des „Spiel des Lebens“. Ich gebe zu: viel Schillerndes und Bahnbrechendes ist in meiner Lebensgeschichte nicht zu finden, aber vielleicht ist das ja gerade der springende Punkt!

Möge sich der werte Leser selbst die Super-Talente dazudenken, die hunderten Fälle, in denen aus kreativen innovativen Dorfgemeinschaften fähige Politiker:innen, brillante Wissenschaftler:innen, charismatische Wirtschaftslenker:innen, große Erfinder:innen oder Künstler:innen mit Weltruhm hervorgehen. Aber meiner Meinung nach ist das nur am Rande wichtig. Zentral ist, dass sich die große breite Masse an Menschen besser darin entfalten kann als früher und nicht nur ein höheres Maß an Produktivität und Kompetenz, sondern vor allem auch an Glück, Gemeinschaft und Lebenszufriedenheit erreicht.

Ich stelle mir vor, wie sich das kleine Plastik-Auto mit seinen bunten Stäbchen vom “Spiel des Lebens”-Board entfernt, größer wird, sich durch Städte und Dörfer bewegt, vorbei an lichtdurchfluteten geschwungenen Hallen, in denen Menschen lernen, arbeiten und diskutieren, vorbei an öffentlichen Orchester-Konzerten mit Chor und Straßen-Umzügen mit riesigen mechanischen feuerspeienden Metall-Figuren, entlang üppiger Ur- und Nutzwälder die trotz aller Wildheit zeigen, dass leidenschaftliche Menschen in und mit ihnen leben, durch große Tunnel, in denen sich alte mit neuartigen Verkehrsmitteln treffen, gut gewartet von einem Ingenieursdorf. Vielleicht, wenn wir wieder das Tageslicht erreichen und schneller und schneller werden, hebt unser Plastik-Auto dann sogar irgendwann ab, zündet seinen Raketen-Antrieb, nähert sich einem Galaxy-Class-Raumschiff in niedrigem Orbit und parkt in Hangar 3, um in Richtung Andromeda-Galaxie aufzubrechen. Vorstellbar wäre das doch, unter diesen Umständen!

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