Manifesto

Manifest

Manifesto; Upper part of the Manifesto on futurist poetry by Bruno Jasienski (1901�1938); colors have been solarized; By: Bruno Jasienski; Copyright: Public Domain (author died 1938); Source: Wikimedia Commons

Erstellt am 7. September 2024 um 16:33 Uhr

Dorf-Manifest (2.0)

§1. Grundgegebenheiten

§1.1 Allein 1.1

Wir sind auf uns alleine gestellt, hineingeworfen in ein kaltes Universum. Um uns herum: Naturgesetze, die es nicht schert, ob wir an sie glauben.

§1.2 Das Ziel 1.2

Wir sammeln unsere Ausrüstung, bereiten uns vor, erkunden gemeinsam diesen galaktischen Spielplatz und nehmen ihn behutsam und umsichtig Stück für Stück in Besitz.

§1.3 Der Mensch 1.3

Wir verfügen über Intellekt, Wissbegierde und Beharrungsvermögen, Mitgefühl, Leidenschaft und Intuition, Kreativität, Kunstfertigkeit und Sinn für Ästhetik.

Wir streiten gern und finden gemeinsamen Boden, wir sehnen uns nach sozialen Kontakt und atmen auf, endlich allein sein zu können, wir wollen herausgefordert werden und suchen Entspannung.

Mit all dem ausgestattet, liegt es in unserer Hand, dieses kalte Universum zu unserem Wohnzimmer und unserem Spielplatz zu transformieren.

§1.4 Das Dorf (2.0) 1.4

Auch wenn wir Zeit für uns selbst brauchen, sind wir doch soziale Geschöpfe. Unsere Primaten-Hirne sind auf übersichtliche Rudel hin, aufs Dorf optimiert. Sobald wir von zu vielen Personen umgeben sind, sobald wir viele der Menschen nicht mehr kennen, wird alles unpersönlich, abstrakt, unverständlich – ein anonymes System, das mit der Zeit seine Seele verliert. Allein, Orte brauchen Seele, Institutionen brauchen Seele, sonst verlieren sie ihren Sinn und ihre Wirkmächtigkeit.

§2. Grundannahmen

In ein kaltes Universum hineingeworfen, machen wir uns also auf es zu explorieren, gemeinsam als Dorf und ausgestattet mit dem, was uns als Menschen ausmacht. Aber was soll diese Dörfer 2.0 charakterisieren? Welche Grundannahmen liegen ihnen zugrunde?

§2.1 Familie, auch ohne gemeinsame Gene 2.1

Das Dorf ist der Ort, an dem wir uns sicher, aufgehoben und zu Hause fühlen. Dieser Ort ist Familie, egal ob es genetische Gemeinsamkeiten gibt oder nicht.

§2.2 Gemeinsamkeit durch Themen 2.2

Themen – manche von uns werden von ihnen absorbiert, andere empfinden eine leichte Faszination und Bindung, für Dritte geben sie nur eine Richtung, um nicht im Beliebigen zu bleiben.

Dem Dorf selbst gibt das Thema eine Ausrichtung und seinen Bewohnern eine Identifikationsfläche: Wir sind nicht irgendein Dorf. Wir sind DAS Dorf, das genau dieses Thema, genau diese ökologische Nische, besetzt.

§2.3 Wohlhaben 2.3

Nur wer sicher, satt, zufrieden und unter Freunden ist, kann leistungsfähig sein. Es ist der Mangel an übergeordneten Dingen, der uns hungrig auf Veränderung macht, nicht der Mangel an leckerem Essen, interessanten Erfahrungen und einem sicheren Auskommen. Aber der Umstand, dass es uns an nichts fehlt, bedeutet nicht, dass wir Dinge verschwenden oder verstauben lassen.

Andersherum gilt aber auch: Der Motor für dieses Wohlhaben muss erst mal konstruiert sein, muss am Laufen gehalten werden und Ersatzmotoren sollten übernehmen können, wenn der erste seinen Dienst versagt. Erst wenn kollektiv der Wohlstand gesichert ist, kann das unbeschwerte nachhaltige Wachsen beginnen.

§2.4 Räumliche Nähe 2.4

Von Rückzugsräumen, Nischen und gemütlichen Ecken einmal abgesehen: räumliche Nähe und Gelegenheiten, sich über den Weg zu laufen, sind für das Dorf ein kritischer Faktor beim Zustandekommen von Projekten, Aktivitäten, Ideen und Impulsen.

§3. Handlungsfelder

Wir reden vom Dorf also als von einem komfortablen zu Hause, in dem es uns an nichts fehlt. Wir, das ist eine Familie, die nicht auf Genen basiert, sondern auf gemeinsamen Werten und Themen. Aber auf welche Art werden wir dank der räumlichen Nähe gemeinsam produktiv?

§3.1 Forschung und Lehre 3.1

Wir tasten uns auf unserem galaktischen Spielplatz behutsam voran und geben das dabei gewonnene Wissen weiter. Jeder ist in seinem kleinen wie großen Bereich ein Lernender und Forschender.

§3.2 Kunst 3.2

Während wir uns unseren Weg durch die Galaxis bahnen, reflektieren wir über uns, unsere Wahrnehmung, unsere Möglichkeiten und unsere Umwelt. Unsere kreative Auseinandersetzung damit bringt Kunst in allen Formen hervor.

§3.3 Technik, Wirtschaft, Einsatz fürs Gemeinwohl 3.3

Wir machen mit dem erworbenen Wissen unser Leben und das von anderen besser und effizienter, schaffen Produkte, bieten Dienstleistungen an. Der Fokus liegt dabei auf Empowerment und Automatisierung, statt auf dem Schaffen von Abhängigkeiten.

Bei alledem suchen wir nach Möglichkeiten, zum Gemeinwohl beizutragen, ohne uns dabei übervorteilen zu lassen. Insbesondere geht es darum, an den Ursachen etwas zu ändern, die Hilfe notwendig machen.

§3.4 Sozialwissenschaften 3.4

Wir wissen, dass Menschen füreinander die wertvollsten und gleichzeitig nervenaufreibendsten und riskantesten Werkzeuge darstellen. Deshalb schaffen wir gegenseitigen Respekt, faire Bedingungen und sozialen Ausgleich, lösen soziale Probleme und vermitteln in Konflikten. Genau das immer besser zu schaffen, stellt die wichtigste Wissenschaft, Kunst, Technik und Dienstleistung dar.

§3.5 Vielfalt statt Einfalt 3.5

Forschung und Lehre, Kunst, gemeinnütziges oder kommerzielles Engagement – es tut uns gut, in all diesen Bereichen Erfahrung zu sammeln, auch wenn uns Vorlieben und Schwerpunkte vor allem in einen oder zwei der Sektoren verschlagen.

§3.6 Herzensprojekte 3.6

Im Sinne des Ikigai unterstützen wir Bewohner beim Finden und Verfolgen ihrer Herzensprojekte. Dabei geht es um realistische Unterstützung, statt um ein naives „Folge Deinen Träumen, Du kannst alles schaffen!“

§3.7 Grenzen 3.7

Wir reiten die Wellen der Wissens- und Geldvermehrung. Das Dorf und die Gesellschaft drumherum diskutieren und setzen den Rahmen.

§4. Die Anderen 4

Wir betreiben also Forschung und Lehre, produzieren und dienstleisten, schaffen Kunst, entwickeln Technologie und lassen bei Alledem das Gemeinwohl nicht außen vor. Dabei überwinden wir Bubbles und Stereotype, indem wir Erfahrungen in mehreren dieser Bereiche sammeln, entdecken im Laufe der Zeit, für welche Projekte unser Herz wirklich schlägt und sehen ein, dass unserem Wissensdurst und unserem Drang nach wirtschaftlichem Erfolg nur ein Rahmen von außen gesetzt werden kann. Diesen Rahmen setzen das Dorf selbst und – die Anderen.

Die Anderen – das ist die Gesellschaft um das Dorf herum, das sind Interessierte und Assoziierte, das sind die, mit denen wir fair umgehen, wenn sie uns fair behandeln und es sind die, mit denen wir uns konstruktiv, kreativ, kämpferisch und herausfordernd auseinandersetzen, wenn sie unsere Rechte zu beeinträchtigen versuchen.

§4.1 Andere Dörfer 4.1

Reise- und Explorationsgenossen, die sich gemeinsam mit uns auf den Weg machen, werden im Angesicht von Herausforderungen mit uns zusammenrücken, statt nach eigenem Vorteil, Streit und unsinnigen Zwistigkeiten zu suchen.

Dieser produktive Safe-Space ist vielleicht das allerwichtigste am Dorf-Konzept, weil es Potenziale entfesselt, statt Kosten für doppelte und dreifache Absicherung zu erfordern.

Dazu kommt, dass alle Dörfer zusammen übergeordnete und gemeinsame Aspekte klären und bearbeiten können, was zusätzliche Synergien schafft.

§4.2 Andere Personen und Institutionen 4.2

Wir schaffen Gelegenheiten, um Interesse zu wecken und ins Gespräch zu kommen und machen unsere Städte und Dörfer damit bunter. Aber auch für Anfeindungen und ähnliche negative Interaktionen rüsten wir uns, da unser Lebensstil das Antipattern für viele Konservative, Esoteriker und Religiöse sein wird.

§4.3 Die öffentliche Hand 4.3

Beide, Dörfer 2.0 und die öffentliche Hand, sind dem Gemeinwohl verpflichtet. Entsprechend bietet sich die Zusammenarbeit und die Übernahe von Aufgaben an, dort wo es sinnvoll ist.

§5. Handlungsmaxime im Dorf

Egal, ob es uns selbst, das eigene Dorf, andere Dörfer, Dritte oder die öffentliche Hand betrifft: Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder eine ganze Reihe von Handlungsmaximen vor Augen führen, die uns davor bewahren, in Unfrieden und Grauzonen abzurutschen, aus denen nur schwer herauszukommen ist.

§5.1 Respekt vor Freiheit, Eigenheiten und Autonomie des anderen 5.1

Gerade weil es beim Dorf 2.0 um ein engeres Zusammenleben geht, ist der Respekt vor der Freiheit, den Eigenheiten und der Autonomie des anderen wichtig. Es geht aber nicht darum, dass alle ihre Freiheiten maximal einschränken, sondern sich gegenseitig gleichermaßen umsichtig und großzügig so viele Freiheiten wie möglich erlauben. Im Konfliktfall sind Investitionen organisatorischen Lösungen vorzuziehen.

§5.2 Balance wahren 5.2

Wir respektieren unsere jeweiligen Eigenheiten, balancieren Privates und Gemeinschaftliches aus, berücksichtigen gegenseitig unsere Schwächen und Stärken und bauen konstruktiv darauf auf. Wir achten aufeinander und bewahren uns gegenseitig davor, auszubrennen oder uns von uns selbst zu entfremden.

§5.3 Fakten und realistische Ansprüche 5.3

Wir orientieren unsere Entscheidungen an Fakten und schaffen Transparenz statt gefühlten Realitäten. Gegenseitig unterstützen wir uns dabei, dass unser Handeln und unsere Werte übereinstimmen. Dies beinhaltet, dass wir bei den Zielen fürs Dorf ehrgeizig, mit den Ansprüchen an uns aber realistisch und großzügig sind.

§5.4 Mystizismus 5.4

Wir lieben das Geheimnisvolle, das Magische und das Überirdische. Aber wir verwehren diesen Sehnsüchten den Eingang in die Realität. Umso mehr leben wir uns aus in Spiel und Kunst.

§5.5 Partizipative Leadership 5.5

Wir sprechen Bullshit an, wo er entsteht. Flache, bei Bedarf auch mal wechselnde Hierarchien und „die Suppe selbst mit auszulöffeln, die man eingebrockt hat“, gehören zu den Grundprinzipien.



  1. Zu „Allein“:

    • Mit Bezug auf Søren Kierkegaard ist die Formulierung „hineingeworfen“ gewählt, um die Notwendigkeit des Handelns und die existenzialistische Verantwortung zu betonen.
    • Durch den Verweis auf die Naturgesetze wird implizit die Gründung auf den Wissenschaften betont, die Notwendigkeit zu lernen, sowie die Ablehnung von „alternativen Fakten“.
    • All der galaktische Bezug soll u.a. die Brücke zu Roddenberry’s Star Trek-Idee schlagen. Ein Dorf 2.0, das ist wie ein Raumschiff, wie eine Enterprise, mit Menschen, die zusammenarbeiten, weil sie eine gemeinsame Vision haben.

  2. Zu „Das Ziel“:

    • Ist es verwerflich, nicht nur zu „explorieren“, sondern auch „in Besitz zu nehmen“? „Behutsam“ und „umsichtig“ machen für mich den Unterschied zu selbstherrlicher Ressourcen-Verschwendung und Raubbau. De facto ist der Mensch aber auch nur ein Schleimpilz, der sich auf seiner Nährlösung zu vermehren und auszubreiten versucht.
    • Indem wir das Ziel beschreiben, stellt sich implizit die Frage, welche alternativen Ziele es geben könnte, die andere Menschen verfolgen:
      • „Es gibt kein Ziel!“: Wir leben einfach. Wir richten uns ein, setzen uns durch, lassen uns von Extravaganz oder Mainstream treiben: sich behaupten, Kinder in die Welt setzen, reisen, arbeiten, genießen, vielleicht protzen. Wozu alles mit Bedeutung aufladen? Wohl demjenigen, der nicht mehr braucht, um glücklich zu sein.
      • „Es gibt ein Ziel und es ist in meiner Biografie oder der meiner Familie begründet“: Hier wird es meist um die Kompensation persönlicher oder familiärer Frustration gehen, z.B. Reichtum oder Liebe zu erlangen oder einen Gegner zu vernichten; der Fundus also, aus dem Dramen und Thriller viele ihrer Plots beziehen.
      • „Es gibt ein Ziel, aber es liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit!“: früher war alles besser, als es noch keine Ausländer gab, als der Kaiser noch für Ordnung gesorgt hat, als alle noch friedlich mit der Natur koexistiert haben. Dorthin müssen wir zurück, egal ob es diese glückliche Vergangenheit wirklich gab und ob es sich in irgendeiner Form als machbar erweist, wieder dorthin zu kommen.
      • „Es gibt ein Ziel, aber das kennen nur Wissende, Gläubige, Auserwählte!“: Hier finden sich alle ernsthaft praktizierten Religionen, Verschwörungstheorien und Ähnliches wieder
      • „Was soll ich mir selbst Gedanken machen? Ich folge einfach Bezugsperson X und ihrem Ziel!“

  3. Zu „Mensch“:

    • Ziel ist die Balance zwischen Ratio und Gefühl und die Aufzählung aller weiteren positiven menschlichen Eigenheiten. Die negativen Züge sollen hier nicht im Mittelpunkt stehen.
    • Dörfer 2.0 dürfen nicht zu einem Ort der Selbst-Ausbeutung werden. Intellektueller Wettstreit, Flow und empfundene Sinnhaftigkeit könnten sonst schnell zu einem Ausbrennen führen. Das Gleich gilt für „zu viel soziale Interaktion“… ein Dorf 2.0 muss ein Ort sein, an dem man auch gut alleine sein kann. Entsprechend ist diese Ying-und-Yang-artige Formulierung wichtig. Es erinnert an die Bibel, Buch der Prediger, Kapitel 3, 1-8.
    • Die Gegenüberstellung Mensch vs. Universum dient dazu, dem Kalten gleich etwas Versöhnliches, Optimistisches entgegenzusetzen.
    • Warum über den Planeten sprechen, wenn man auch gleich das Universum nehmen kann!

  4. Zu „Dorf (2.0)“:

    • Wissenschaftlicher Hintergrund dazu ist die Forschung rund um „Dunbar’s Number“. Analog zur „neuronalen Kapazität“ dürfte es das Gefühl der Anonymität sein, das eine ganze Reihe negativer Folgen mit sich bringt.
    • Der Ausdruck „Primaten-Hirn“ verweist zusätzlich auf die Evolutionsbiologie.
    • Beispiele für „anonyme Strukturen“ könnten Städte, Wohn-Silos, Universitäten und vieles mehr sein.
    • Wichtig ist auch die Abgrenzung zum Dorf 1.0

  5. Zu „Gene“:

    Die Auflösung der Familienbindung soll in erster Linie eine Chance und keine Pflicht sein. Man kann ja an einer Stelle noch Traditionen verhaftet sein, während man sich an anderer Stelle bereits Neuem öffnet. Erstaunlich daran ist jedenfalls, dass viele dieser Aspekte einen Bogen weit in die Vergangenheit schlagen, in die Zeit der Jäger und Sammler, wie Nikhil Chaudhary in dieser Studie zum Stamm der Mbendjele BaYaka zeigt. Relevant sind hier vor allem folgende Punkte:

    • Über Familien-Dynastien und Stammesstrukturen sind wir gesellschaftlich hinausgewachsen. Sie kumulieren Wohlstand, setzen falsche Anreize für Loyalitäten und grenzen aus.
    • Nicht die Familie sichert formal die Zukunft der Kinder, sondern das Dorf. D. h. die Notwendigkeit Berge von Reichtum anzuhäufen, damit es die Kinder einmal besser haben, ist eigentlich vom Tisch.
    • Nicht die Familie sichert den Lebensunterhalt der Kinder, sondern das Dorf. Das dürfte die Lebensentwürfe und Prioritäten von Eltern deutlich verändern.
      • Niemand ist zu einem ausbeuterischen, langweiligen Job gezwungen, weil er sein Kind durchbringen muss.
      • Sich um ein Kind zu kümmern, ist nicht in erster Linie eine finanzielle und organisatorische Aufgabe, sondern die Freude, sich um ein Kind zu kümmern und seine Entwicklung mitzugestalten.
    • Nicht das Blut, der genetische Fortbestand, die Dynastie sind wichtig, sondern die Personen, die zu unserer eigenen Entwicklung beitragen und diejenigen, die wir in ihrer Entwicklung positiv beeinflussen. Entsprechend unwichtig werden dann Kriterien wie die Hautfarbe.
    • Auch wenn es biologische Eltern und formal Erziehungsberechtigte gibt, sollte sich dieser Kreis informell und formell erweitern lassen, z.B. analog zu den kirchlichen Paten-Eltern. Ein Kind könnte z.B. ab einem Alter von 14 Jahren bereits in ein anderes Dorf wechseln und dortige Paten-Eltern wären dann dort dafür verantwortlich.
    • So erfreulich es ist, wenn ein Kind viele Bezugspersonen hat (zu denken wäre hier an Personen, die als Lehrer:innen, Projektleiter:innen, etc. fungieren), so sehr wächst dadurch auch die Gefahr von Missbrauch. Aber sind eine robuste nicht allzu familien-hierarchische Erziehung und mehrere Bezugspersonen nicht auch genau der richtige Schutz davor?
    • Mit der Dorf-Struktur ist die Möglichkeit verbunden, dass Kinder nicht nur kollektiv „gehütet“ werden, sondern es auch dediziert einen Ort gibt, wo sie betreut gemeinsam übernachten können, zumindest tageweise.
    • Je mehr Inspirationsquellen, Vertrauens- und Bezugspersonen ein Kind hat, desto besser.

  6. Zu „Gemeinsamkeit durch Themen“:

    • Nahrung, Recycling, Bauen, Gesundheit, besseres Miteinander-Auskommen, Zusammenarbeit, Energiegewinnung, Verkehrsmittel, Bildung, Erziehung! Mehr Verständnis der Geschichte, der Chemie, der Physik, der Kunst, der Materialkunde! Maschinelles Lernen, Datenanalyse, Kommunikation, Migration, Politik! Arbeiten mit Holz, mit Metallen, mit Papier! Den Themen ist kaum eine Grenze gesetzt!
    • Wichtig ist die Aufteilung in Primär- und Sekundärthemen. Cafés und Restaurants mit leckeren Angeboten gibt es hoffentlich in jedem Dorf, aber im Gourmet-Dorf versammeln sich jene, die eine besondere Leidenschaft für die Nahrungszubereitung verbindet. Jedes Dorf wird Spezialisten für IT haben und Menschen, die sich mit Automatisierung, etc. beschäftigen, aber der neuste heiße Scheiß zu dem Thema, den gibts im IT-Dorf.
    • Die Frage, woher das initiale Thema kommt, dürfte sich in vielen Fällen durch die wirtschaftliche, pädagogische oder gemeinnützige Unternehmung ergeben, aus der heraus das Dorf gegründet wird. Aus der erfolgreichen Heizungsinstallateursgenossenschaft wird das Energie-Dorf, aus der gut laufenden Gemeinschaftspraxis ein Gesundheitsdorf.
    • Wohin sich das alles entwickelt, wird eine spannende Frage. Differenzierung, Wettbewerb, Rivalitäten, Kooperationen und gemeinsam gegründete neue Dörfer – vermutlich wird es alles geben.
    • Kann man auf eine Firma stolz sein… oder auf eine Stadt? Schwierig. Aber stolz sein auf ein thematisch ausgerichtetes Dorf, das nicht nur kommerziell, sondern auch noch gemeinnützig und in Sachen Forschung und Bildung aktiv ist? Könnte gehen!
    • Ähnlich wie im Mittelalter Kirchen und Kirchtürme auf Dörfer aufmerksam gemacht haben, verlangen dann auch die Dörfer 2.0 über die Zeit nach optischen Alleinstellungsmerkmalen. Aber das klingt allemal besser als die „Bürgermeister Müller“- oder gar die „Schmidthuber & Söhne“-Mehrzweckhalle…

  7. Zu „Wohlhaben“:

    • Das Wort “Wohlhaben” gibt es gar nicht mehr im Duden (nur noch als Adjektiv), wohl aber im alten Grimm-Wörterbuch. Ich finde es hier als Nomen sehr passend, weil es für mich perfekt ein sekundäres Lebensziel zum Ausdruck bringt: ohne über Geld nachdenken zu müssen, möchte ich mich wohlhabend fühlen.
    • Wenn wir die hehren Ziele („Menschen kooperieren verantwortlich im Angesicht eines kalten Kosmos“) und den thematischen Fokus, worin man einen Beitrag leistet, mal beiseite lässt, bleibt das ganz mondäne Ziel von einem Dorf 2.0, möglichst wohlhabend zu leben. Dabei ist Wohlhaben aber dadurch definiert, abgesichert zu sein, möglichst wenig Zeit mit lästigen Tätigkeiten zu verbringen, sich ohne Zukunftsangst verwirklichen zu können und (zumindest aus wirtschaftlichen Gründen) auf nichts verzichten zu müssen.
    • Ein im Dorf gepflegter und gewarteter Fahrzeugpark würde beispielsweise keine klassischen Verbrenner umfassen, wohl aber ein paar luxuriöse E-Mobile, etc., alles für den kleinen Beitrag zum Verleih. Weitere Beispiele wären eine Sauna, ein Schwimmbad und vieles mehr.
    • Es sind ja insbesondere die reichen, gesättigten Neoliberalen, die den Mythos verbreiten wollen, nur die materielle Not sporne zur Höchstleistung an. Aber z.B. Rutger Bregman zeigt in seinem Buch „Im Grunde gut“ auf, dass nur derjenige überhaupt über Schaffenskraft verfügt, der sich keine Sorgen um das nächste Essen und die nächste Monatsmiete machen muss.

  8. Zu „Räumliche Nähe“:

    • Die räumliche Nähe bezieht sich auf alles, von Coworking-Werkstätten über Coworking-Labore hin zu Coworking-Offices, gemütlichen Wohnküchen bis hin zu Jam-Sessions und vielen anderen Möglichkeiten der Freizeit-Gestaltung.
    • Wichtig bei aller Nähe ist der Lärm-Schutz und damit die Trennung zwischen Wohn-/Arbeitsbereichen und Schlafbereich. Aber es sollte kein Arbeitsweg zurückzulegen sein, um ins Getümmel zu kommen, maximal ein kurzer Spaziergang.
    • Alle Lokalitäten innerhalb eines Dorfes sollten räumlich möglichst nahe beieinanderliegen.
    • Direkte Kommunikation ist der virtuellen Kommunikation vorzuziehen

  9. Zu „Forschung und Lehre“

    • In unserem Bemühen, alles in Schubladen zu verpacken, haben wir auch unsere menschliche Wissbegierde formalisiert und hinter Zertifikate und die Türen öffentlicher Institute gepackt. Warum soll es nicht völlig normal sein, dass z.B. ein gut mit Hintergrundwissen ausgestatteter Handwerker auf eine neue Lösung oder ein interessantes Phänomen stößt, es anschließend wissenschaftlich beschreibt und vielleicht sogar wissenschaftliche Titel dadurch erwirbt? Wissensarbeit muss in die breite Bevölkerung und nicht in die Hand einer elitären Oberschicht.
    • Forschung und Lehre werden in unseren Dörfern ganz selbstverständlich integriert und gefördert. Mit den betreffenden Institutionen kommen wir in Kontakt, beteiligen uns und treten in den produktiven Austausch.
    • Dorfbewohner beteiligen sich (z.B. als freiwillige Versuchsperson oder durch das freiwillige Sammeln von Proben) an Forschungsprojekten.

  10. Zu „Kunst“

    • Es gibt viele Definitionen von Kunst. Manche gehen von den Werken, manche von der Person des Künstlers, weitere von der Rezeption des Konsumierenden aus. Hier gehen wir ausschließend vom aktuellen Kontext aus: wenn es nicht Forschung und Lehre zuzuordnen ist und keinen konkreten praktischen Nutzen hat, dann könnte es Kunst sein.
    • Kunsthandwerk, Kunstgewerbe und Design lägen nach dieser Definition im Bereich „Technik, Wirtschaft und Einsatz fürs Gemeinwohl“, aber bereits hier zeigt sich wieder, welche Dorf-Ökosysteme das ermöglicht.
    • Ohne Kunst verlieren alle anderen Bereiche an Seele, weil sie weder hinterfragt noch ihre Grenzen ausgetestet werden, weil das Undenkbare nicht gedacht und erlebbar gemacht wird, weil der spielerische Umgang damit keine neuen Fragen aufwirft.

  11. Zu „Technik, Wirtschaft, Einsatz fürs Gemeinwohl“

    • Gemeinwohl: Wichtig ist hier die Abgrenzung von „Charity“. Uns geht es nicht in erster Linie darum zu helfen, um unser Gewissen zu erleichtern oder uns gut zu fühlen. Sankt Martin ist eben kein Modell, da ein halber Mantel weder nachhaltig ist, noch dauerhaft zu einer Lösung führt. Oft hat man den Eindruck, manche Lösungen sollen gar nichts lösen, sondern nur dazu beitragen, dass sich alle Beteiligten (die Hilfsbedürftigen dabei oft am wenigsten) mit gutem Gefühl zurücklehnen können. Gegen solche Bullshit-Lösungen gilt es vorzugehen und – sofern das zugrundeliegende Anliegen berechtigt ist – nach einer tatsächlichen, wenn auch vermutlich komplexeren oder aufwändigeren Handhabe zu suchen. Dies schließt auch politisches Engagement, Engagement in Lobby-Gruppen und NGOs, sowie juristisches Engagement ein, z.B. das Einreichen von Klagen. Ja – auch ein juristisches Dorf ist nicht nur denkbar, sondern wünschenswert.

    • Produktion und Dienstleistung:

      • Da es in den Dörfern weniger um „Nine to Fife“ als um Ikigai geht, ist von einer hohen Produkt- und Dienstleistungsqualität auszugehen, deren Bezahlung in der Höhe nicht vom Kunden abhängen sollte. Die Bezahlung kann allerdings in unterschiedlicher Form erfolgen:
        • im Austausch mit anderen Dörfern kann über Sponsoren-Guthaben ein Ausgleich bzw. ein „Tit for Tat“ stattfinden. Durch das gemeinsame Fundament der Dörfer und die daraus resultierende Vertrauensbasis sind auch langfristige Kontrakte möglich.
        • neben „Full Service“ können verschiedene Stufen in Richtung „Hilfe zur Selbsthilfe“ eingeschlagen werden. Eine Variante dabei könnte sein, dass kundenseitig Arbeitskräfte trainiert und ausgebildet werden, die dann später in bestimmtem Umfang für das Dorf 2.0 tätig werden.
    • Technik:

      • Speziell dort, wo Technik, d. h. angewandte Forschung, zum Tragen kommt, sind verschiedene Lizensierungsmodelle denkbar. So sollten Dörfer untereinander Technik in einer gebührenfreien Dorf-Lizenz austauschen (Wissensallmende), während nach außen hin zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Lizenzen unterschieden werden könnte.

  12. Zu „Sozialwissenschaften“

    • Warum es (noch) keine Dörfer 2.0 gibt? Weil es zwei leichte und eine schwierige Variante gibt zusammenzuleben. Hier in der historischen Reihenfolge:
      • Der Clan-Chef, Feudalherr, Kirchenbevollmächtigte bestimmt, wie Du lebst
      • Je nach Geldbeutel kannst Du Dir so viel Autonomie wie möglich kaufen.
      • Wir versuchen uns untereinander immer wieder neu ausdiskutierte Regeln zu geben, mit deren Hilfe wir möglichst reibungslos zusammenleben können und dabei sowohl die gemeinschaftlichen als auch individuellen Vorteile maximieren.
    • Weil dieser dritte Weg so viele Komplikationen mit sich bringt und es sehr leicht ist, immer wieder in die Hierarchie-Variante und die Solitaire-Variante zu verfallen, ist der sozialwissenschaftliche Ansatz, sowohl was Forschung und Lehre betrifft, aber vor allem auch was die Anwendung betrifft, so wichtig.
    • Da wir zum Erhalt der Leistungsfähigkeit in den Dörfern darauf angewiesen sind, dass möglichst alle miteinander klarkommen, haben die angewandte Psychologie und die Konfliktforschung eine ganz besondere Bedeutung inne. Interessant ist hierbei auch die strukturierte Beobachtung und Kategorisierung von Problemsituationen, um z.B. mit neuronalen Netzen aufzuklären, welche Faktoren unter welchen Bedingungen hilfreich bzw. abträglich sind.

  13. Zu „Vielfalt statt Einfalt“

    • Auch wenn jeder seine Schwerpunkte hat, ist es wichtig, dass z.B.
      • der Forschende auch die Anwendung seines Wissens erfährt
      • die Cashcow ihre Expertise auch für das Gemeinwesen nutzt
      • der fürs Gemeinwesen ackernde Helfer auch mal erfährt, dass andere für seine Dienstleistung richtig Geld zu zahlen bereit sind (und welche Anforderungen sie damit verbinden)
      • der Praktizierende seine Arbeit theoretisch hinterfragt und sich mit neusten Forschungsergebnissen auseinandersetzt.
      • der Vielsitzer z. B. durch das Aushelfen im Garten oder in anderen Bereichen durch das Haptische ein Gegengewicht zum Abstrakten schaffen und durch die Betätigung vielleicht sogar ein paar Pfunde verlieren. Vielleicht lassen sich mit physiotherapeutischer Hilfe ja sogar aus unangenehmen, monotonen körperlichen Tätigkeiten Trainingspläne für körperliche Fitness und Gelenkigkeit entwerfen!

  14. Zu „Herzensprojekte“

    • Der erste Schritt ist, bei der Definition der Projekte zu helfen: geht es wirklich um „Schafzucht auf Neuseeland“? Geht es um den Ort, den Beruf, das Tier oder ein spinnertes Reklameposter, ein Klischee? Was ist der Kern des Klischees? Ist es die Auseinandersetzung mit rauer Natur, Zurückgezogenheit oder müßigem Landleben?
    • Der zweite Schritt ist der, das richtige Dorf zu finden (es geht hier also um eine fernere Zukunft mit sehr vielen Dörfern, die überhaupt erst so eine Auswahl erlauben)
    • Der dritte Schritt ist eine Sparringspartner:in, die hilft, am Ball zu bleiben, weiterzukommen und notwendige Entscheidungen zu treffen. Am besten sollte eine Schulung zum Projekt-Sparringspartnern ausgearbeitet und angeboten werden, sodass möglichst viele diese Rolle einnehmen können.
    • Der vierte Schritt ist das Denken in Inkrementen und das Up- und Downsizing, je nachdem, wie sich das Projekt entwickelt. Inkremente sind dabei eine Art Evolutionsschritte, denen das Projekt unterliegt und die es ermöglichen, klein anzufangen und dann Stück für Stück immer wieder eine Schippe draufzulegen. Das geht aber sicher nicht in allen Bereichen, bzw. ist dort mehr Kreativität gefragt als z. B. in der IT.

  15. Zu „Grenzen“

    • Es gibt die Fabel vom Frosch, der vom Skorpion gebeten und gebettelt wird, ihn über den Fluss zu bringen. Der zunächst sehr skeptische, schließlich doch nach⁰gebenden Frosch bringt ihn bis in die Mitte des Flusses, wo der Skorpion dann doch zusticht. Während beide in ihren letzten Zügen liegen und der Frosch den absaufenden Skorpion fragend anschaut, gurgelt jener nur: „Tut mir leid, ich bin halt ein Skorpion!“
    • In zwei Disziplinen könnten ähnliche Sätze fallen:
      • „Ich war unethisch, egoistisch oder hab nicht ans Klima gedacht – ich bin halt ein Unternehmen!“
      • „Ich hab etwas erforscht, das sich im Nachhinein als Waffe nutzen lässt – ich bin halt Wissenschaftler!“
    • Wirtschaft und Wissenschaft stellen also zwei Motoren, zwei „Systeme ohne natürliche Grenze nach oben“ dar.
    • Deshalb ist es naiv, wenn sich Unternehmen und Wissenschaftler selbst Grenzen setzen sollen. Die Erfolgs- und die Neugier treiben zum „höher, weiter, mehr“! Selbst wenn die Moral so stark ist, dass sie die positive Phase überdauert, sobald die Angst vor Abstieg und Ruin einsetzt, sind hehre Werte die ersten Opfer.
    • Umso wichtiger ist es, dass das Dorf 2.0 als Ganzes den Rahmen für allen Besitz und alle Aktivitäten setzt.
    • Natürlich kommen jenseits der Grenzen, welche das Dorf und andere Dörfer 2.0 setzen, auch die allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Begrenzungen, die zu diskutieren und einzuhalten sind.

  16. Zu „die Anderen“

    • Durch die Definition der In-Group (gleiche und andere Dörfer 2.0) ergibt sich automatisch die Definition der Out-Group. Deren Kategorisierung erfolgt in die drei Gruppen „offen, interessiert“, „neutral“ und „feindselig“.
    • Wie bei jeder Gruppe, die gegen Konventionen verstößt („Geringere Priorität der Familie“, „gegen individuelle Kapital-Anhäufung und -Vererbung“, etc.), wird es Feindseligkeiten und Gerede geben.
    • Dörfer müssen ihren Werten treu bleiben und sich gegenseitig darin bestärken, statt sich korrumpieren zu lassen.
    • Dörfer handeln in bester Hoffnung Werte-geleitet – aber entwickeln dennoch im Hintergrund Risiko-Szenarien und entsprechende Alternativ-Pläne.
    • Wenn sich Dörfer zur Wehr setzen, dann tun sie das nie unbegründet, aber notfalls auch einen Finger breit über die Regeln hinaus, wenn es sein muss, ganz gemäß Kohlbergs Postkonventioneller Ebene
    • Die postkonventionelle Ebene und die Abwägung ihrer Anwendung ist umso wichtiger für Dörfer 2.0 in undemokratischen Ländern.

  17. Zu „Andere Dörfer“:

    • Das Vertrauen drückt sich in abgestimmten Angeboten, Verträgen, Lizenzen und Ähnlichem aus.
    • Ein Verwaltungsdorf könnte z. B. ein System + Dienstleistungen anbieten, das es anderen Dörfern und deren Bewohnern ermöglicht, ihre Buchhaltung abzuwickeln – unterstützte Hilfe zur Selbsthilfe, gewissermaßen. Das gleiche System könnte auch kommerziell außerhalb des Dorf-Kontextes angeboten werden.
    • Das eigene und schließlich andere Dörfer können auch als Test-Ballon dienen, bevor Produkte, Features oder Dienstleistungen auf die Allgemeinheit losgelassen werden.
    • Bei Krankenkassen oder Versicherungen gehen wir davon aus, dass es sich nicht lohnen würde, so etwas selbst auf die Beine zu stellen. Gehen wir allerdings davon aus, dass mit den Dörfern 2.0 intakte gelebte Gemeinschaften geschaffen werden, deren Bewohner aufeinander Acht geben und sich umeinander sorgen, so sollte es möglich sein, Produkte zu Preisen anzubieten, die nirgendwo sonst möglich sind.
      • Eine Dorf-Krankenkasse könnte von einer gesünderen Lebensweise der Bewohner, sowie erhöhter psychischer und körperlicher Gesundheit profitieren und dadurch niedrigere Beiträge anbieten.
      • Eine Dorf-Haftpflicht-Versicherung könnte davon profitieren, dass Bewohner kein Interesse daran haben, „sich Geld zurückzuholen“ und es „denen mal richtig zu zeigen“.
    • Ebenso wie sich Firmen einer Holding gegenseitig finanziell aushelfen, tun Dörfer das auch untereinander.
    • Die erarbeiteten Anrechte im einen Dorf müssen auch auf alle anderen Dörfer 2.0 bei einem Umzug übertragbar sein.
    • Bei Ausscheiden aus dem Dorf-Kontext werden die erarbeiteten Anrechte so z. B. in monatlichen Raten ausgezahlt, dass sie für den Ex-Bewohner angemessen und das Dorf tragbar sind.

  18. Zu „Andere Personen und Institutionen“:

    • Es wird sich herausstellen, ob Dörfer 2.0 eher unter einem Akquise- oder unter einem Selektionsproblem leiden werden.
    • Jedenfalls ist es leicht, Interessenten und Neugierige zu verlieren, indem ihnen niemand Aufmerksamkeit schenkt – umso mehr, wenn es sich um introvertierte Menschen handelt, die ungern um Aufmerksamkeit heischen. Umso mehr müssen wir deren Einbezug gezielt planen und organisieren.
    • Nicht nur, aber auch in dieser Hinsicht wäre es spannend, Aspekte des Dorfes 2.0 mit anderen Gruppierungen (Kirchen, Klöster, Logen, etc.) zu vergleichen und in der diesbezüglichen Literatur nach Problemen und Lösungen Ausschau zu halten.

  19. Zu „Öffentliche Hand“:

    • Es dürfte Parallelen zur Verbindung von Kirche (sowie Vereinen wie der Arbeiterwohlfahrt) und Staat geben, die ja auch beide in gewisser Weise dem Gemeinwohl verpflichtet sind und sich deshalb Aufgaben teilen.
    • So könnten ein oder mehrere Dörfer z. B. übernehmen:
      • Museen
      • ein Wasserwerk, ein Schwimmbad, eine Sauna-Landschaft mit Hallenbad, eine Berghütte, eine Forschungsstation, eine öffentliche Grünanlage und deren Pflege, eine Burg, ein Schloss, etc.
    • Es ginge dann darum, den Nutzen für die Öffentlichkeit zu erhalten und zu vergrößern und gleichzeitig dort Projekte, Forschung, etc. durchzuführen.
    • Es würde zudem Sinn ergeben, wenn es „Dorfschulen“ gäbe, die schon einmal das Aktivitäten-Konzept nutzbar machen und in der Praxis bewähren würden. Das wäre zugleich ein schönes Gegengewicht zu den esoterischen Waldorf-Schulen

  20. Zu „Respekt vor Freiheit, Eigenheiten und Autonomie des anderen“:

    • Sammeln wir ein paar Beispiele, die das Abstrakte mit Leben füllen:
      • Der typische Usecase „Der Arbeitsplatz ist zu laut“ lässt sich beispielsweise durch ein weiteres speziell schallisoliertes Büro lösen, das ruhiges Arbeiten ermöglicht. Zusätzlich kann nach Wegen gesucht werden, wie die Lautstärke reduziert werden kann, ohne dass sich andere in ihrer Freiheit signifikant eingeschränkt fühlen.
      • Gendern: Es tut niemandem weh, eine Person so anzureden, wie sie es sich wünscht. Es zeigt einfach Respekt. Mit Bezug auf das Schreiben gibt es so viele Argumente in die eine oder andere Richtung, dass es schwer ist, Empfehlungen zu geben – bis auf eine vielleicht: Beim generischen Maskulin kommen verschiedene Berufsgruppen so sehr ins Schwitzen, dass man bei den letzten fünf Lesern, es waren drei Ingenieuren und vier Ärzte, vor lauter Schweiß die BHs durch die Bluse sehen konnte. Falls Sie die Stelle gerade zweimal lesen und die Stirn runzeln mussten: Es dürfte nicht nur daran liegen, dass ich durch esoterische Technik-Magie die Berufe der letzten Leser:innen kenne, sondern dass beim generischen Maskulin halt doch nicht alle mitgemeint sind.
      • Abtreibung: Natürlich ist ein Zellhaufen noch kein lebendes Wesen und die Rechte der Mutter wiegen in den meisten Fällen stärker, als das zukünftige Leben, das in ihr heranwächst.
      • Suizid: Jeder Mensch hat das Recht, seinem eigenen Leben ein Ende zu bereiten und im besten Fall ist das Wissen um diese Tür die beste Prophylaxe, um sie zu nutzen. Für den Krankheitsfall und hohes Alter sollte eine mündige Gesellschaft Rituale finden, die ein selbstgewähltes Ausscheiden aus dem Leben ohne größere Turbulenzen ganz nach Harold&Maude-Art ermöglichen.
      • Drogen: Der Übergang vom Medikament und dem Genussmittel zur Droge ist in den meisten Fällen ein rein kulturell und sozial geprägter. Entsprechend wichtig ist die nüchterne wissenschaftliche Einschätzung jenseits von bierseligen Klischees und das Treffen von Entscheidungen im Sinne von Aufklärung, Vorsorge, Freiheit und Autonomie.

  21. Zu „Balance“:

    • Während in traditionellen Wirtschaftsbetrieben eher das Problem ist, in die Puschen zu kommen, ist für Dörfer 2.0 alles darauf ausgelegt, dass genau das gelingt. Im Zweifel muss eben nicht Familie „gespielt“ werden, sondern es ist Familie und Wichtigkeit muss nicht inszeniert werden, sondern sie ist wichtig.
    • Entsprechend ist die spannende arbeitspsychologische Frage, bis zu welchem Punkt Leistungsbereitschaft hilfreich und gesund ist – man will ja auch an seine Grenzen gehen und den Flow nutzen und ab wo sie beginnt zu schaden (Burnout, Selbstentfremdung, etc.).

  22. Zu „Fakten und realistische Ansprüche“:

    • Es ist zutiefst menschlich, dass Emotionen und Vorlieben hinter Meinungen stehen und dass Fakten oft erst herangezogen werden, um diese Meinungen zu stützen. Wo immer das geschieht, versuchen wir behutsam, dies offenzulegen.
    • Beispiel Veganismus: es kommt darauf an, dass alle deutlich weniger Fleisch und tierische Produkte essen. Ob der Einzelne dabei völlig darauf verzichtet, ist allein seine Sache.

  23. Zu „Mystizismus“:

    • Interessanter Aspekt: Es sind ja oft gerade die Nerds, unter denen z. B. Fantasy-Rollenspiel grassiert. Ggf. ist es ein kognitiver Skill der dazu befähigt, Mystizismus und die Sehnsucht danach zu erkennen, aber willentlich aus den alltäglichen Überlegungen auszuschließen und das Bedürfnis danach z. B. in Spielen zu sublimieren.

  24. Zu „Partizipative Leadership“:

    • Interessanter Aspekt: Indem die Mehrzahl der Mitwirkenden auch tatsächlich am Ergebnis monetär partizipieren, ergeben viele der agilen Regeln im Dorf 2.0 erst wirklich einen Sinn. Im Gegensatz dazu wird traditionell bei agilen Methoden zwar so getan als partizipierten die Beteiligten, dies geht aber kaum über Obstkorb, Club-Mate und ein mageres Start-Up-Gehalt hinaus.

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