Andromeda Galaxy

Die Insel

Andromeda Galaxy; M31, the Andromeda Galaxy (now with h-alpha); By: Adam Evans, Uploaded by "NotFromUtrecht"; Copyright: CC BY 2.0; 18. September 2010, 01:31; Source: Wikimedia

Erstellt am 25. Juni 2023 um 0:33 Uhr

Lust auf Pathos? Lust darauf, sich so richtig feierlich beschwipst emotional am Wasser gebaut zu fühlen? Nee, ich auch nicht. Passt ja irgendwie nicht. Was könnte denn heute in unserer Zeit solche Gefühlsduseleien rechtfertigen?

Wobei es schon Situationen gibt, wo es mich ein wenig anfasst, dass ich so gar nichts fühle. Weihnachten, zum Beispiel. Ok, man verbringt viel Zeit damit, mit lieben Menschen enorme Mengen an Leckereien zu verdrücken, aber sonst? Ostern erst! Ein so langes Wochenende ist ja gut und schön, aber lohnt es sich denn, dafür am Kreuz gestorben zu sein?

Kann das noch Anlass für Pathos sein?

Es gibt ja Menschen, die ziehen den Sinn für ihr Leben daraus, dass vor über 2000 Jahren ein Kind unter unklaren Vaterschaftsverhältnissen in ziemlich prekärer Lage auf die Welt gekommen und herangewachsen ist; nach einigen aufsehenerregenden Happenings und Events ist der junge Mann zwischen die Räder der römischen Besatzung und der jüdischen Bevölkerung gekommen und wurde infolgedessen – und wegen einiger unglücklicher Wortmeldungen – hingerichtet.

Ok, jemand muss den Stein vom Eingang der Grabhöhle weggerollt und den Leichnam entfernt haben. Ab diesem Punkt werden die Ereignisse dann etwas verworren. Waren es das schlechte Gewissen und die enttäuschten Hoffnungen der Anhänger? Von Generation zu Generation wurden die mündlichen Überlieferungen jedenfalls mysteriöser, übersinnlicher und unglaublicher, bis dann schließlich einige dieser Anhänger anfingen, diese Überlieferungen aufzuschreiben.

Spannend, dass sich daraus in der Folge 2000 Jahre Architektur- und Kulturgeschichte ergibt und mehrere weltumspannende megareiche Organisationen daraus hervorgehen. Spannend ist es aber auch, dass erst in den letzten zweihundert Jahren ein nachhaltiger Trend entsteht, sich mehr und mehr zu fragen, ob diese Story wirklich dazu taugt, sein Leben danach auszurichten.

So vielleicht, stattdessen?

Wie wär’s mit einer alternativen, ziemlich wilden mystischen Geschichte, die weit mehr auf Fakten beruht?

Aus einer Singularität heraus, die man – mangels besserer Erklärung – mit dem Namen „Big Bang“ versieht, entsteht eine Unmenge an Strahlung und Materie, die ab diesem ersten Moment mit unvorstellbarer Geschwindigkeit expandiert. Im Rahmen des Gewimmels entstehen Himmelskörper wie Klumpen in einer nicht wirklich gut gelungenen Mehlschwitze. Diese organisieren sich durch die Schwerkraft zu Sonnen-Systemen und Galaxien, weiter auseinandertreibend wie schwarze Edding-Punkte auf einem Luftballon, der aufgeblasen wird.

In all diesem Gewühl, das immer öfter von riesigen Distanzen der kalten kosmischen Leere durchzogen ist, passiert etwas Besonderes: ein Lotto-Gewinner! Vielleicht gibt es auch mehr als einen Gewinner, aber einen haben wir hier vor der Nase! Warum? Die einwirkende Schwerkraft, die Nähe zur nächsten Sonne, die kleine Trabanten-Kugel, die sich aus der riesigen Kollision mit einem anderen Planetoiden ergeben hat – all das führt dazu, dass eine atembare Atmosphäre und für vielfältige organische chemische Reaktionen ideale Bedingungen entstehen. An einem unbekannten Ort aus einer warmen grün-braunen schleimigen Pfütze erhebt sich: ein Mensch, ein Homo! (Ja, ich hab’ hier ein paar Schritte übersprungen, touché!)

Diesem Homo aber reicht es noch nicht, sich von Ein- und Mehrzellern hin zu einem Fisch zu entwickeln, das Wasser zu verlassen, seine Körpertemperatur in den Griff zu bekommen, seine Nachkommen lebend auf die Welt zu bringen und sich schließlich einen aufrechten Gang und einen opponierbaren Daumen zu verschaffen.

Nachdem dieses irre Geschöpf Unmengen an Proteinen verschlungen hat (Soja gab’s damals leider noch nicht), sodass sein Gehirn auf ungeahnte Größe ins Kraut schoss, schaut es auf eine glatte Wasseroberfläche und: Es erkennt sich selbst und hört ab diesem Zeitpunkt gar nicht mehr auf damit, sich komische Fragen zu stellen, wie: „Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Und was soll das alles hier überhaupt?!“

Weil es an Sensationen noch nicht genug ist, fängt dieses Wesen auch noch an, sich zu domestizieren wie ein Hund – es wird sozial, kooperiert, errötet und gibt anderen Einblick in seinen Gemütszustand. Der Rest ist Geschichte – Kulturgeschichte … inklusive dieser relativ irrelevanten verrückten Story ganz oben, an der sehr viele Menschen – sei es durch Tradition oder ganz bewusst – ihr Leben orientieren.

Story-Wechsel?

Wie wäre es also, auf Basis dieser realistischeren, aber eigentlich viel unglaublicheren Geschichte Legenden zu spinnen, Gebäude zu errichten und Feiertage und Feste zu feiern?

Wir sind auf einer Insel in kosmischer Leere gestrandet! Kein rettendes religiöses Schiff wird kommen, die nächste Zivilisation, falls sie überhaupt existiert, hunderte oder tausende Lichtjahre entfernt. Wir haben nur uns, unseren Wissensdurst, unseren Erfindungsreichtum, unsere Begeisterung für Kultur und Kunst, unseren Faible für Fürsorglichkeit und Geselligkeit. Wir haben uns, mit unserer Lust an Diskussion und Streit, unserer Vorliebe für Geschichten, für Kurioses und Phantastisches.

Unsere Zivilisation hat gleichzeitig viel geschafft, auf das wir Stolz sein können und andererseits noch riesige Herausforderungen vor sich.

Sind das nicht alles herrliche Gründe und Anlässe, um pathetisch zu werden, Sekt- und Saft-Flaschen zu öffnen und das eine oder andere Freudentränchen aus dem Auge zu wischen?

Konkret?

Fangen wir doch mit den Gemeinsamkeiten an. Die Art, wie sich unsere Erde leicht gekippt um die Sonne bewegt, bestimmt unseren Wechsel der Jahreszeiten, Blühen und Sterben, Werden und Vergehen. Der ganze Planet ist zur gleichen Zeit mit diesen Wendepunkten konfrontiert, nur jeweils entgegengesetzt - während es auf der Nordhalbkugel blüht, vergeht es gerade auf der Südhalbkugel.

Die beiden Termine der Tagundnachtgleiche (um den 20. März und den 23. September herum) fallen mit dem Frühlings- und Herbstanfang zusammen und sind in den verschiedensten gegenwärtigen und vergangenen Zivilisationen bereits als Feste gefeiert worden. Das eine Fest ist eher eins der Geburt und es Neuanfangs und das andere eher eins für Dankbarkeit (Ernte, Lebensabend) und Einkehr.

Dann haben wir die Sommer- und Wintersonnenwende, bei der jeweils der längste Tag oder die längste Nacht gefeiert werden. Auch diese Feste sind für viele jetzige und frühere Zivilisationen bereits fest verankert gewesen. Während beim längsten Tag (siehe der skandinavische Mittsommer) für die meisten Feierwütigen Musik, Tanz und Geselligkeit im Mittelpunkt stehen, ist die längste Nacht (siehe z. B. die Perser mit „Shab-e Yalda“) eher eine ruhige Feier mit Gedichten und Geschichten und heimeligem Feuer und der Hoffnung auf bald längere Tage.

Aber?

Ähnlich wie die kirchlichen Feste Stück für Stück mit dem wachsenden Einfluss der Kirche kamen, sich zunächst mit heidnischen Festen überlappt haben, um diese schließlich bis auf einige Rudimente völlig zu überlagern, müsste es auch mit den „neuen alten Festen“ geschehen. Aber auf welcher Basis? Wer stößt das an? „Jetzt kommt er gleich wieder mit seinen Dörfern 2.0!“ Bingo – meine Phantasterei ist entlarvt. Aber träumen darf man doch! Z. B. von Nachrichten-Meldungen, dass …

  • … die Abrufzahlen von Audio- und E-Books vor der Wintersonnenwende durch die Decke gehen und Streaming-Dienste die Serien-Hits dieses Jahres wieder auf dieses lange Wochenende legen. „Am Nachmittag gehen wir noch zu einer Lesung in das lokale Bücher-Café und abends werden wir dann bei den Schwiegereltern mit viel leckerem Essen und vielen guten Geschichten verbringen!“.

  • … mit dem Frühlingsanfang wieder die „Umwelt-Aktionswochen“ beginnen, mit Stadt-Verschönerungen, Pflanzaktionen und Müll-Einsammeln in Parks und in der Natur. „Wer organisiert denn das Osterfeuer diesmal? Wollen die feinen Herren wieder in klirrender Kälte oben am Hang campieren? Wenn ihr nett seid und ihr uns noch ein paar Getränke übriglasst, dann kommen wir nachts vorbei und bringen euch ’ne Brotzeit!“

  • … sich dieses Jahr zum Mittsommer-Fest besonders viele Bands angemeldet haben, die über die ganze Stadt verteilt spielen werden. „Ich hoffe, ich bin bis morgen zur langen Wissenschaftsnacht wieder nüchtern! Zum Glück ist das Spaß-Fußball-Turnier erst übermorgen, zu dem wir unsere Mannschaft angemeldet haben.“

  • … beim Spenden-Marathon zum Herbstanfang diesmal erneut eine Rekord-Summe zusammengekommen ist. „Kocht ihr heute Abend auch was für das große Dorf2.0-Buffet? Bin gespannt, welche Projekte diesmal abgeschlossen und neu angestoßen werden.“ „Hab gehört, die Bagger sollen schon für die neue Halle kommende Woche anrücken. Ja, ist schon alles im Kühlschrank und muss dann später nur noch schnell in den Ofen. Wir wollen vorher noch zum Chor-Konzert gehen! Da singen Freunde von uns mit.“

Aber wer gibt den Takt vor?

Wir sprachen ja über Pathos … über Feierlichkeit, Hochgefühl und Tränen im Knopfloch. Kann es so etwas ohne Kirche, feines Talar-Gewandt und Liturgie geben? Wer ist der Zeremonienmeister dieser Feiertage?

Wird das nicht eine dystopische, kindische ‚Wir feiern uns selbst‘-Orgie? Oder eine Orwellsche staatlich organisierte „Hate Week“, die dann vielleicht eher „Pride Week“ oder „Schaut, was wir geschafft haben“-Wochen heißt? Cringe statt Pathos?

Umso wichtiger ist es, dass der Inhalt der Feierlichkeiten „from bottom-up“, d. h. von individuellen Dörfern 2.0 und Familien mit Inhalt gefüllt wird und sich Rituale dann erst allmählich daraus ergeben. Ja, da haben wir sie endlich wieder, die Dörfer 2.0. Touché!

Und der Pathos, der rührt dann her von …

  • … einem ergreifenden Moment während eines Konzerts
  • … einer Rede, die anlässlich des Mittsommers verstärktes Engagement wegen der grassierenden Hitze-Welle anmahnt.
  • … einem Gedicht, das während der Winter-Sonnwende vorgelesen wird
  • … einem Gespräch, während man am Osterfeuer mit Freunden die Nacht durchwacht.

Eine Insel, allein im kalten kosmischen Meer mit ungewisser Zukunft – und die Menschen auf ihr feiern gemeinsam und gönnen sich den einen oder anderen individuellen, persönlich empfundenen Pathos … auf dieser Insel lässt es sich doch eigentlich ganz gut leben!

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