Old Mill

Protz oder Pilz

Old Mill; Eschborn, Old Mill as seen from Westerbach brook, 17.09.2017; By: Mheinrich; Copyright: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International; Source: Wikimedia

Erstellt am 16. Februar 2026 um 2:09 Uhr

Gasthaus „Zum Krug“, Lohenroth – Ines, April 2043

Ein dicker Schwall Bier stieg in einer parabolischen Flugbahn aus dem Steingut-Krug auf und ergoss sich kurz nach Erreichen des Scheitelpunkts über die linke Seite des Whiteboards, um dort die fein säuberlich in Fünfer-Gruppen organisierten Striche in einer bernsteinfarben-schwarzen Flut von der weißen Oberfläche zu spülen.

„Lasst das Tal in Ruhe! Lasst die Ruinen in Ruhe! Verdammt nochmal! Es ist schon schlimm genug, was die mit ihren Harvestern dort an Kahlschlag angerichtet haben! Jetzt müsst nicht auch noch ihr der Natur in den Rücken fallen!“

Während die explosiv ausgesprochenen Worte noch in feinen Tröpfchen auf den Tisch herabregneten, blickte der Bio-Landwirt mit dem unter dem ungepflegten Zehntagebart hochroten sonnengegerbten Gesicht nochmal zornig in die Runde, ließ den Humpen mit einem lauten Wummern auf den Bierdeckel schlagen, griff nach seiner Jacke und stürmte mit einem Türschlagen aus dem Raum. Seine Frau und ein Gehilfe folgten ihm, peinlich bemüht, keinem der Anwesenden ins Gesicht schauen zu müssen.

Auf der anderen Seite des Gastraums wird nun eine zaghafte Stimme laut: „Weiß noch jemand, wie viele Ja-Stimmen wir gezählt hatten? Leider bin ich vor dem… Vorfall… nicht mehr dazugekommen, das zu notieren.“

Ines, die gerade noch den letzten Strich auf der linken Board-Seite hatte vermerken wollen, schüttelt und wringt ihren durchnässten Ärmel, während sie noch ungläubig auf die leeren Plätze starrt. Dann sagt sie tonlos: „Das waren 46 Ja-Stimmen und 3 Nein-Stimmen, Joachim!“

Es war eine zermürbende Diskussion, die der Abstimmung vorangegangen war, selbst wenn ein Großteil der Anwesenden schlussendlich ja offensichtlich zu einer gemeinsamen Meinung gelangt ist. Ja natürlich, der Rothwald-Verein hat sich der Aufgabe verschrieben, die Natur und den Wald zu schützen. Aber es geht halt auch um den Erhalt alter Bauwerke und alter Traditionen, um Heimat! Und ist nicht die beste Form von Schutz, wenn man das System nicht sich selbst überlässt, sondern versucht, in aller Demut ein Teil davon zu werden?

Das Lohmühlental ist doch keine Wildnis wie in den Bergen Montanas! Das ist alles Kulturlandschaft hier. Man muss schon ein schlimmer Romantiker sein, wenn man nicht erkennt, dass gerade viele der Forstwirte den Wald nicht anders behandeln als wie ein riesiges Maisfeld – nur halt mit Fichten statt mit Mais. Warum hundert Jahre warten bis zur Fällung, wenn man schon nach zwanzig Jahren ein Geschäft machen kann? Und warum nur drei Stämme behutsam mit einem Pferdegespann extrahieren, wenn doch ein Harvester an einem einzigen Tag in der Lage ist, einen ganzen Hektar an Mondlandschaft zu hinterlassen!

Da ist doch die Alternative nicht, sich zurückzuziehen – eingreifen muss man! Ein Beispiel setzen, dass es auch anders geht! Und den Anfang macht eben das alte Gasthaus, danach die Restauration der alten Lohmühle und dann wird man schon sehen.

Mit einem ebenso entschuldigenden wie versöhnlichen Grinsen blickt Ines in die Runde: „Wenn nicht noch jemand etwas zu sagen hat, könnten wir jetzt zum gemütlichen Teil des Abends übergehen!“

Auf der Bank – Joachim, Mai 2046

Feinsäuberlich überdeckte das dunkelblau-weiße Karo des Küchentuchs neben ihm die von Grünalgen gefärbte Sitzfläche der Bank. Geometrisch angeordnet hatte er dort auf dem Deckel und der Wanne der Plastikdose das drapiert, was er sich in den nächsten zehn Minuten zu Gemüte führen wollte: ein halber bereits kräftig riechender Camembert, ein gekochtes Ei, ein Körnerbrötchen, eine Essiggurke, ein Apfel.

Jetzt saß er hier und genoss den großartigen Blick über das sich weitende Lohmühlental, das er von seiner Bank ganz oben am Hang an diesem strahlenden Sommertag bis zum gegenüberliegenden Hügelkamm überblickte. An einer Stelle aber blieben die Augen beim Blick über den Wald an einer von der Sonne immer wieder ausgedörrten Buckelpiste hängen wie ein Daumen, der über ein Stück schorfige Haut fährt und irritiert innehalten muss. Mag der Kahlschlag für die Forstbesitzer auch noch so wirtschaftlich notwendig gewesen sein – für den Boden war das Entnehmen aller Borkenkäfer-geschädigten Bäume mit schwerem Gerät eine Tortur, die er noch lange nicht vergeben würde. Mehrere Aufforstungsversuche waren gescheitert. Da half es auch nichts, dass ein paar Kommunalpolitiker voller Elan für die Kamera frische Setzlinge im Boden versenkten! Dies galt umso mehr, da die Forstbesitzer doch wieder in Richtung maximalen Holzertrags spekulierten, statt auf einen nachhaltigen klimarobusten Mischwald zu setzen. Da konnten sich die Experten des Rothwald-Vereins die Lippen fusselig reden, selbst wenn die nun über Jahre heißer und trockener werdenden Sommer die Lage gewiss nicht verbesserten. Es war zum Mäusemelken! Und das war ja nicht die einzige Stelle. In den umliegenden Waldgebieten gab es noch mindestens sechs andere Stellen, die teils noch schlimmer aussahen als diese hier.

„Ruhig, Joachim!“, redete er sich gut zu. „Dein hoher Blutdruck rettet keinen einzigen Baum! Augen schließen, einatmen, ausatmen!“ Er spürte, wie die Ruhe langsam wieder zurückkehrte. Sonnenstrahlen wärmten sein Gesicht. Herrlich wie die letzte Feuchtigkeit aus den umliegenden Büschen in warmen Wogen an ihm vorbeiströmte und das Zirpen, Zwitschern und Rascheln seinen Tinnitus leiser werden ließ.

Noch einmal hat er tief eingeatmet und öffnet nun beim Ausatmen wieder seine Augen. Seine aus der Zeit gefallene randlose Brille rutscht auf dem schwitzigen Nasenrücken schon wieder langsam nach unten. Schnell schiebt er sie unelegant nach oben und fegt eine vor Kurzem erst gekürzte graue Strähne aus der vor Schweißperlen klebrigen Stirn. Ein knackiger Biss von der Essiggurke und schon fließen die Gedanken wieder im Rhythmus der Kau-Geräusche.

Der Bach, der sich aus dem Nordwesten ins enge Tal herunterschlängelt, glitzert silbrig im Sonnenlicht und scheint nochmal Schwung zu holen, bevor er sich dann bei der alten Lohmühle für einen Moment für eine kleine Insel teilt. Genau vor dieser Teilung ragte einst das klobige Mühlrad in das vertiefte Bachbett, um das Leder fast am Ende der Herstellung in großen Fässern so lange im Kreis zu bewegen, bis es weich genug war. Auch die Eichen- und Birkenrinde wurde dort gemahlen, damit in diesem speziellen Badezusatz die Tierhaut durch die in der Rinde enthaltenen Gerbstoffe zu haltbarem Leder reift.

Jetzt liegen das Fachwerk des Mühlhauses sowie die Gebäude dahinter in Ruinen. Efeu verschlingt die Mauer- und Dachreste. Bemerkenswert, dass der Rothwald-Verein sich tatsächlich durchringen konnte, die marode Lohmühle auf der fernen Seite des Bachs mit vielen Auflagen, aber für kleines Geld zu erwerben. Das gleiche war zuvor schon mit dem Forsthaus im Tal zu seinen Füßen geschehen – zu einem ähnlich günstigen Preis.
Den Stein ins Rollen gebracht aber hatte das alte Gasthaus direkt dem Forsthaus gegenüber, ein tatsächlich noch relativ schmuckes Gebäude. Ein älteres Ehepaar hatte es dem Rothwald-Verein als Nachlass vermacht. Seit dem Erbfall hatten die abendlichen Gedankenspiele nicht mehr aufgehört, ob es nicht doch möglich sein könnte, diesem verlassenen Tal wieder Leben einzuhauchen.

Das Geräusch einer Kreissäge aus Richtung des Gasthauses verrät ihm, dass diese Träume gerade dabei sind, Wirklichkeit zu werden. Ines, Clara und er haben es tatsächlich geschafft! Die Vorsitzende der Ortsgruppe, ihre langjährige Partnerin und er haben wochenlang den Verein überzeugt, das Internet mit Crowdfunding-Kampagnen mobilisiert und bei den Behörden geworben – insbesondere Letzteres war sein Verdienst – und schließlich waren alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Da hat es sich doch tatsächlich einmal ausbezahlt, dass er sich in der unteren Denkmalschutz-Behörde bis zum Referatsleiter emporgearbeitet hat!

Beim Biss in den Camembert muss er an seine französische Studienfreundin Francine denken – was haben sie geträumt damals in den 2010er Jahren während des Studiums: von Altbau-Wohnungen mit Fachwerk, von Konzerten in mittelalterlichen Kellergewölben und davon, verwunschene wilde Türmchen zu restaurieren und wieder mit Leben zu erfüllen.

Seine Miene verfinstert sich. Alles kam dann ganz anders. Francines Eltern hatten einen Großteil ihrer Ersparnisse in einem Betrugsfall verloren und sie wollte so schnell wie möglich zurück ins Dorf, um sie zu unterstützen. Zunächst gab es noch einige Emails, Briefe sogar, aber als sich dann noch eine Romanze bei ihr ergab, entfernten sie sich voneinander, als sei sie auf einem anderen Planeten, weit weg von seiner Lebensrealität. Immerhin, die alten Träume würde er jetzt einfach mit seinen jetzigen Weggefährt:innen umsetzen.

Auf der Bank – Clara, März 2049

Mit natürlicher Grazie breitete sie ihren dünnen Regenschutz auf der Bank aus, ließ sich nieder und schlug dabei die trotz eleganter Strickhose erkennbar schlanken Beine übereinander, als hätte sie in der Primetime-Talkshow Platz genommen. Hier oben in der Sonne ließ sich der Frühling bereits aushalten! Eine dunkle Korkenzieher-Locke schaute unter dem Kopftuch im Stil der 1960er Jahre hervor und tanzte keck neben dem Glas ihrer Mediabrille zur Bewegung ihres Kopfes.
Fliehen musste sie! Unten im Gasthof hatten sich Ines und der Wirt nach dem Mittagessen in Tabellen und Kalenderblättern eingegraben, um die nächsten Events zu planen, Kosten zu kalkulieren und nach Möglichkeiten zu suchen, noch ein paar mehr Besucher:innen ins Tal zu locken. Deutlich zu viele Kalkulationstabellen für ihren Geschmack! Apropos Geschmack – gut war das Essen schon – selbst was die vegetarische und vegane Auswahl betraf, aber halt auch nicht viel besser als in vielen anderen Gasthäusern ringsum! Extra deshalb fuhr niemand hier raus!

„Höllenmaschine, wir machen ein Video für alle meine SocialMedia-Kanäle!“, ruft sie plötzlich – und erschreckt damit ein Eichhörnchen, das schnell in Richtung der weiter entfernten Kastanie davonhuscht. Jetzt wird ein bisschen gearbeitet! „Baue die Verbindung zu meiner Mini-Drohne hier auf, Flugchoreografie Pano-Supertotale-Halbnah, Fokus auf dieses Produkt hier, sobald ich es hochhalte, danach Zusammenschnitt mit Brillen-Kamera, fünf Sekunden Countdown!“ Schnell nimmt sie die kleine Flasche mit elegantem Schriftzug aus kompostierbarem Kunststoff und wartet, bis der Countdown nach unten gezählt hat.

„Hallo meine Lieben, ich überrasche euch heute mal wieder mit einem sonnigen Blick auf das schöne Lohmühltal. Dort drüben ist gerade die alte Mühle wieder in aller mittelalterlichen Pracht renoviert worden und die Gehöfte rund um den Hof sind auch schon fast bezugsfertig. Heftig, was die Handwerker der Rothwald-Genossenschaft da geleistet haben, oder? Mal schauen, ich hoffe, kommende Woche kann ich euch schon zu einem kleinen Rundgang mitnehmen! Grad waren wir noch hier unten in der Lohmühl-Klause essen und jetzt helfe ich meiner Verdauung mit einem kleinen Spaziergang auf die Sprünge. Wie ihr seht, bin ich mal wieder hier oben auf meinem Lieblingsminigipfel! Apropos, weil’s bei mir gerade auch ein bisschen rumort: Wenn euer Magen bei zu viel Veggi-Proteinen auch Probleme macht, empfehle ich euch dieses kleine und leckere Wundermittel mit einer verboten verrückten Mischung aus Orangensaft, Kamille, Fenchel und Salbei. Ihr werdet überrascht sein, wie lecker das schmeckt und euch wundern, wie gut euer Magen damit in die Gänge kommt! Heißer Tipp!“ Geschickt und lässig öffnet sie den Deckel mit einer Bewegung des Daumens, führt in der gleichen Bewegung das Fläschchen zum Mund und trinkt es mit überbordender Mimik und Gestik aus. Natürlich kann sie sich auch kein theatralisches „Ahhhh!“ verkneifen. „Danke euch fürs Zuschauen, meine Lieben! Bleibt liebevoll und bis sehr bald!“

„Geschnittenes Video abspielen!“ Hm, ok, einen Oscar gibt es dafür keinen, aber das passt schon! „Höllenmaschine, extrahiere geläufige Tags aus dem Video und dem Kontext, dazu noch den Namen der Marke ‘Salamo’, Titel je nach Zielgruppe und dann blende mir die Korrekturfahne ein, wie es für alle Kanäle und Zielgruppen aussehen wird.“
Wie ein Dirigent bewegt Clara ihre grazilen und gepflegten Hände nach links und rechts, um die Social Media Cards mit ihrem Video ggf. nochmal neu zu generieren, wenn Tags oder Titel zu wünschen übrig lassen. Nach ein paar Minuten kommt das Spektakel zu einem Ende.

Mehrere Apps haben sich vor den dynamischen Bildschirm-Hintergrund des strahlenden Lohmühlentals geschoben und angesichts der noch langen Todo-Liste gewinnt gerade ein weiteres „Duell“-Video Claras Aufmerksamkeit; Aufmerksamkeit – ein scheues Reh, das beim kleinsten Anflug von Unlust und Unsicherheit darauf aus ist, ins nächste Prokrastinationsdickicht zu springen! Während es also so aussieht, als würde eine junge Dame mit sehr dunkler Sonnenbrille gedankenverloren ins Tal schauen, ist Clara schon längst verloren im Video von „Das Duell“, in dem die Eigentümer-Gemeinschaft eines historisch geschützten Industriegebäudes in einem Gewerbegebiet nach einem neuen Mieter sucht. Während vor wenigen Minuten noch der Pitch eines etwas abgehobenen Ingenieursbüros zu sehen war, sprechen gerade ein paar übereifrige Startup-Gründer ihre Gründe in die Kamera, warum sie für das Gebäude die ideale Wahl sind.

Plötzlich wird es schattig im Lohmühltal. Es ist doch erst zwei Uhr nachmittags! Wo ist denn die Sonne… ? Offff… Ines hat sich still und leise direkt vor ihr aufgebaut und schneidet, nun da ihre Beute die Störung registriert hat, Grimassen. Als Clara erkennend zur Brille greift, beugt sie sich runter und gibt ihr einen Begrüßungskuss! „Doofi“, ruft Clara, während ihre Brillengläser aufhellen und sie wieder ins echte Leben zurückkehrt. „Gib’s zu, Du bist schon wieder am doom-watchen!“ „Ja, erwischt. Meine Timeline wird von diesen Duell-Folgen geflutet… ich weiß nicht warum, aber irgendwie fasziniert mich das! Vor allem die fiesen Kommentare des Regisseurs aus dem Off sind einfach genial!“

Schnell ist der Regenmantel, der gerade noch als Unterlage gedient hat, über die Schulter geworfen und schon geht er los, der kurze aber steile Abstieg bis hinunter zum Parkplatz.

Auf der Bank – Ines, August 2049

Schon lange bevor man von der Bank aus jemanden hätte sehen können, machte sich wegen der lauten Wortfetzen Unruhe an der Bank breit. Ein Hase floh schnell auf die rückwärtige Lichtung, während einige Vögel, die gerade noch um die Bank herum nach Futter gesucht hatten, sich schnell in eine sichere Beobachtungsposition weit oben in die Baumkrone begaben.

„Jetzt hier so beiläufig kommst Du um die Ecke damit, dass Du ohne unser Wissen und unsere Zustimmung schon alles so gut wie fertigbesprochen hast? Ist das wirklich Dein Ernst?“, tönt eine relativ hohe Frauenstimme durchs Gebüsch. „Ich wollte Dich überraschen! Du magst die Videos von denen doch so! Das Duell – jetzt auch im Lohmühlental!“, versucht eine dunklere Frauenstimme den Vorwurf humorig zu entschärfen. „Mögen oder nicht mögen – darum geht es doch nicht!“, tönt eine Männer-Stimme. „Die Mühle wird doch schon restauriert! Die sind ja schon fast fertig! Du gefährdest doch den ganzen Vertrag, den der Verein mit der Handwerker-Genossenschaft abgeschlossen hat! Die haben doch ihre gemieteten Flächen schon gekündigt! Die gehen davon aus, dass sie Anfang kommenden Jahres hier einziehen! Und der Pächter des Gasthofs, der hat auch einen Vertrag unterzeichnet. Das kannst Du doch nicht einfach so zur Seite wischen!“

Jetzt wird das Gesicht einer robust gebauten jungen Frau mit resoluten Zügen sichtbar, die sich trotz aller Entschlossenheit immer wieder zu vergewissern scheint, dass ihre vorwurfsvollen Verfolger noch am Ball sind. Die verspielten Sommersprossen stehen dabei im Gegensatz zum leichten Ansatz von Zornesfalten. Direkt nach Ines kämpfen sich Clara und Joachim den Weg hoch, von denen die eine wieder mit funktionaler Eleganz besticht, während der andere mit Jeans und Karo-Hemd eher an vergangene Epochen erinnert.

„Das ist alles völlig unproblematisch“, versucht Ines eine weitere Replik. „Hört mir doch einfach mal in Ruhe zu, wer die beiden Kandidaten überhaupt sind. Mir ging es nur darum, dass ich es diesmal nicht wieder in die Länge ziehen will. Achim, es kommt mir immer so vor, als würdest Du am liebsten über die Entscheidung über eine Entscheidung zu einer Entscheidung abstimmen. Mach’s doch nicht so kompliziert! Entweder einer der Vorschläge ist stichhaltig genug, dass wir als Verein das ganze weiterverfolgen wollen oder eben nicht! Und wenn wir uns entscheiden, dann haben wir hoffentlich auch den Schwung und den Elan, gleich in die Planung und die Umsetzung zu gehen, statt lange auf der Stelle zu treten. Wollt ihr jetzt hören, was die beiden Teilnehmer planen oder nicht?“ Jetzt haben alle drei die Bank erreicht, aber so richtig scheint keiner der drei die Ruhe zu haben, sich hinzusetzen. Clara und Joachim nicken grimmig. Während es Clara gelingt, sich elegant mit trotzig verschränkten Armen halb auf der Rückenlehne der Bank Platz zu nehmen, versucht sich Joachim kurz und vergeblich an einer ähnlichen Pose, um dann schließlich seinen Fuß abgewinkelt auf die Kante der Sitzfläche zu stellen und dann die Hände protestierend in die Flanken zu pressen. Beide schauen Ines erwartungsvoll und herausfordernd an.

„Ok, es ist folgendermaßen“, beginnt Ines ihre Verteidigungsrede. „Wenn es nach der ersten Gruppe, einer Art Investoren-Konsortium geht, soll aus dem Lohmühlental eine Art Wellnesshotel-Paradies unter Denkmalschutz werden. Sie wollen das Forsthaus, das Gasthaus und die Mühle baulich miteinander verbinden – vermutlich kommt noch ein weiterer Gebäude-Komplex dazu, um die Verbindung über den Fluss zu schlagen. Es gibt da wohl schon Ideen und Pläne. Ziel ist es, eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen zu schaffen, die Pächter des Gasthauses und die Handwerkergenossenschaft rauszukaufen und dann kannst Du hier mit Deiner Karosse vorfahren und dich ein Wochenende lang bei Wellness und Waldspaziergängen erholen.“

„Wie außergewöhnlich!“, bemerkt Clara schnippisch. „Und wieder ein einfallsloser Wellness-Tempel! Allein im Radius von einer Stunde Autofahrt fallen mir zwei bis drei ein!“ Joachim beginnt jetzt unruhig hin und her zu laufen. „Eine Bauerlaubnis für den Wiesengrund ist so gut wie ausgeschlossen! Wie stellen die sich das vor? Außerdem liegt die Mühle am Eingang zum potenziellen Polder-Flutgebiet! Das darf schon deshalb nicht zugebaut werden. Wer denkt sich nur sowas aus! Aufregen könnte ich mich da!“

„Da bin ich überfragt, da wirst Du sie zum gegebenen Zeitpunkt selbst löchern müssen!“, gibt Ines klein bei. „Ich weiß nur, dass dieses Konsortium wohl auch gute Beziehungen in die Politik hat. Aber egal, kommen wir zur zweiten Idee.“ Eine neugierige Skepsis ist Clara und Joachim ins Gesicht geschrieben. „Die zweite Idee kommt von drei nerdigen jungen Hipstern aus der Hauptstadt, die sich im Bereich Mikrobiologie, Biochemie und Bioinformatik tummeln. Soweit ich weiß beschäftigen sie sich damit, dass nicht nur Menschen und Tiere ein Mikrobiom haben, d. h. eine Vielzahl verschiedenster Mikroorganismen, die auf und in ihnen leben und sich teils parasitär, teils koexistent und teils symbiotisch verhalten. Bei Bäumen ist das interessanter Weise auch nicht viel anders. Auf jeden Fall wollen sie eine Art Forschungsstation im Wald bauen, die ebenso umweltverträglich wie optisch spektakulär ausfallen soll. Dort wäre dann eine Art Labor, wo sie an Forschungs- aber auch an Anwendungsprojekten arbeiten könnten. Das Forsthaus wäre dann zumindest teilweise so eine Art Manufaktur, um die sich ergebenden Produkte verkaufsfertig zu machen. Unterstützung käme hier von verschiedenen Unis und Investoren. Vielleicht können sie uns auch beim Aufforsten der Kahlschläge helfen. Zudem wollen sie das Gasthaus und die Handwerksgenossenschaft unter eine Art genossenschaftliches Gesamtdach bringen. Dorf2.0 heißt das Konzept. So heißt auch das Webportal, über das diese Internetsendung „Das Duell“ auf sie aufmerksam geworden ist. Anscheinend sind dort Nerds aus allen möglichen Bereichen versammelt, sodass die oft ein interessantes Gegengewicht zu rein kommerziellen Projekten ergeben!“ Jetzt kommt Bewegung in Claras Gesichtszüge: „Ja, da kann ich mich gut an ein paar Episoden erinnern. Aber oft ziehen die Nerds den Kürzeren, leider. Die kommen oft einfach nicht an gegen die aalglatten Geschäftsleute, die die Stakeholder bei ihren finanziellen Motiven packen können!“

Bei Joachim wollen die Sorgenfalten auf der Stirn immer noch nicht verschwinden: „Forschungsstationen direkt im Wald, o mei o mei o mei… das klingt schon wieder nach übelster Barbarei! Dafür sind die Vorschriften nicht gemacht! Ines, Ines, wo reitest Du uns da wieder rein!“

„Wir müssen uns ja für nichts entscheiden“, wird Clara allmählich versöhnlicher. „Wenn beide Ansätze nicht überzeugen, dann gehen beide Seiten leer aus. Das ist schon oft genug bei ’Das Duell’ passiert. Mach Dir da keinen Stress! Und das Gute ist: zumindest für dieses Abstimmungswochenende wird hier die Hölle los sein! Da freu’ ich mich jetzt schon drauf! Und eins darfst du nicht vergessen, Joachim: Wenn Ines die Veranstaltung in den Sand setzt, dann ist sie wahrscheinlich die längste Zeit unsere größte aller Vorsitzenden des Rothwald-Vereins, Ortsgruppe Lohmühlental gewesen!“ Clara kichert schelmisch und auch Ines’ Züge entspannen sich, jetzt wo sie sieht, dass das Gröbste an Ärger überwunden ist. Jetzt muss sie die gleiche Überzeugungsarbeit nur noch bei der nächsten Vereinssitzung leisten.


Einladung zu „DAS DUELL – Wellness vs. Wissenschaft“

Am: Samstag und Sonntag, den 13. und 14. November Wo: In der Lohmühl-Klause bei Lohenroth Wichtig:

  • Sie sind Teil einer im Internet gestreamten Sendung. Achten Sie bitte auf ein angemessenes Äußeres
  • Sie benötigen ein Armbändchen für den Einlass, da wir nur über 100 Sitz- und 50 Stehplätze verfügen. Mitglieder lokaler Vereine, Ortsansässige und deren Gäste, sowie anderweitige Stakeholder haben leider Vorrang, da sie am Ende in Präsenz abstimmen müssen.
  • Der Eintritt ist frei. Wir danken allen Sponsoren der Veranstaltung und dem „Das Duell“-Team!

Programm für den 13. November (Samstag):

  • 11:00 Uhr – 12:00 Uhr: Meet und Greet-Frühschoppen vor und im Gasthaus, es erwartet sie fränkischer Fingerfood von vegan über vegetarisch bis hin zum berühmten Lohenrother Bioleberkäs (Vielen Dank an den Rothwaldverein und den Lohenrother Dorf-Laden)
  • 12:00 Uhr: Grußworte der Landrätin, des Bürgermeisters und des Duell-Teams im Saal (um Anwesenheit wird gebeten, da es hier ein paar wichtige Regie-Anweisungen gibt)
  • 12:30 Uhr – 14:30 Uhr: Die Mikrobiologen aus der Hauptstadt stellen sich vor
  • 14:30 Uhr – 15:30 Uhr: Kaffee und Kuchen (Vielen Dank an die Eltern des Waldkindergartens und die Fitness-Gruppe „Waldläufer“)
  • 15:30 Uhr – 17:30 Uhr: Das Investoren-Konsortium „Lohmühlen-Wellness-Ressort“ stellt sich vor
  • 17:30 Uhr – 19:00 Uhr: Fränkische Schmankerl im Glas (Vielen Dank an den bekannten Fernseh-Koch Armand Alasdair und das Team seines Lohenrother Sterne-Restaurants „Zur Sonne“)
  • 19:00 Uhr – 21:00 Uhr: Zwischenstand des Internet-Votings und Diskussionsrunde mit den beteiligten Teams

Programm für den 14. November (Sonntag):

  • 11:00 Uhr bis 13:00 Uhr Brunch (Vielen Dank an die Pächter des Gasthofs „Lohmühl-Klause“)
  • 13:00 Uhr bis 15:00 Uhr Finale Abstimmung und Ausblick

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