
Ikigai
Ikigai; The different aspects of Ikigai; By: Janov Pelorat; Copyright: Derived from works in the PUBLIC DOMAIN by Dennis Bodor (SVG) and Emmy van Deurzen (JPG); Source: Too many and all look nearly the same
Erstellt am 4. September 2016 um 23:56 Uhr
Wir haben Kontrolleure für Kontrolleure und Menschen, die Werkzeuge entwickeln, damit Kontrolleure Kontrolleure kontrollieren können. Was all diese Leute wirklich machen sollten, ist wieder in die Schule zu gehen und darüber nachzudenken, worüber auch immer sie gerade nachgedacht hatten, bevor sie jemand dabei unterbrochen hat, um ihnen zu sagen, es ginge nur darum, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.
Buckminster Fuller, 1970 (amerikanischer Architekt und Philosoph
Bullshit-Jobs, Burnout, Boreout, innere Kündigung, Job-Unzufriedenheit… wäre es angesichts dieser grassierenden Phänomene nicht schön, wenn es Kulturen gäbe, bei denen die Frage im Mittelpunkt steht, welchen Sinn man seiner Existenz verleihen will, jetzt wo man schon mal in dieses Leben hineingeworfen wurde?
Et voilá – Ikigai!
Ikigai? Noch nie gehört? Das ging mir bis vor kurzem auch noch so. Das japanische Konzept (iki = leben, gai=Sinn), Link zur Aussprache bedeutet, zusammen mit seiner Umwelt herauszufinden, wofür man sein Leben verwenden möchte. Bis zum Zweiten Weltkrieg geht es dabei martialisch eher darum, wofür es sich zu sterben lohnt, der ehrenvolle gute Tod zum Wohle der Gemeinschaft. Hatte ich erwähnt, dass es sich um ein japanisches Konzept handelt?
Seit die Zeiten deutlich heller sind und statt Krieg und Tod Ratgeber-Literatur die Welt überrollt, hat sich die Bedeutung hin zu dem gewandelt, was man plant, mit dem Leben im Kleinen wie im Größeren anzufangen, was einen glücklich macht, worin man „seinen Sinn“ findet. Bemerkenswert ist, dass der Bezug zu den Menschen um einen herum geblieben ist: Es muss nicht nur für einen selbst Sinn und Nutzen ergeben, sondern auch für die Welt und die Menschen um einen herum. Zum Glück ist der qualvolle aufopfernde Samurai-Tod dabei nur noch selten notwendig.
Vom Verstand her aufgezäumt bedeutet Ikigai das zu finden, was diese vier Fragen gleichzeitig positiv beantwortet:
- Womit beschäftige ich mich gerne?
- Bin ich gut darin, bzw. würde ich gern darin noch viel besser werden?
- Finde ich einen Weg, meinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten?
- Die Menschen um mich herum, die Natur – haben die auch etwas davon?
Vom Gefühl her aufgezäumt geht es eher um die folgenden Fragen:
- Was macht es mir leicht, aufzustehen?
- Wann vergeht die Woche wie im Fluge?
- Was sind die Dinge, die mir auf dem Sterbebett in der Rückschau wichtig sein werden?
Wir haben gerade gesehen, dass das Ikigai-Konzept selbst wie ein betrunkener Weltkriegssoldat knapp am Kamikaze vorbei in unsere moderne westliche Welt gestolpert ist und sich gerade verwundert den verkaterten Kopf hält. Lassen wir ihn doch in einem Dorf 2.0 Platz nehmen, geben wir ihm eine Kopfschmerz-Tablette und überlegen wir anhand ein paar Überschriften, ob er nicht genau am richtigen Platz gelandet sein könnte! Dabei kommen wir auch an einigen der erweiterten Aspekte vorbei, die Ken Mogi in seinem Buch aufzeigt.
Gruppe versus Individuum
In Japan verläuft die gesellschaftliche Diskussion entlang der Konfliktlinie, ob das Ikigai eher aus der Selbstverwirklichung heraus zu sehen ist oder ob es eher darum geht, welche Bedürfnisse die Gruppe hat. Es ist ein gesellschaftliches Tauziehen zwischen dem für Japan eher neueren westlichen Individualismus und dem traditionellen Kollektivismus.
Löst dieses kollektivistische „Ich kümmere mich um die Bedürfnisse der anderen und die anderen kümmern sich um meine Bedürfnisse“ nicht nur bei mir, sondern auch bei Ihnen Schweißperlen auf der Stirn aus? Dieses Gefühl von Gruppendruck, von viel zu aufmerksamen Nachbarn… Oder denken wir an die berühmte Banklehre, welche die Eltern und Verwandte den Sprösslingen bei jeder Gelegenheit nahelegen. „Mach doch was Vernünftiges!“ Vielleicht denken wir auch an die väterliche Firma oder das Geschäft der Mutter, das das nach einer Nachfolge verlangt und der Grund für erheblichen Druck sein könnte, sich statt Selbstverwirklichung nach den Bedürfnissen der anderen zu richten.
Arbeiten wir die Gründe für solchen dysfunktionalen Druck doch nochmal explizit heraus. Er entsteht, wenn
- die Menschen um einen herum nicht das eigene Weltbild und die eigenen Vorlieben teilen (Bubble)
- besonders familiäre Notwendigkeiten („führe unser Erbe an Dich weiter!“) zu Druck führen (Erbe)
- eine mehr oder minder existenzielle Notlage der Gruppe Engagement in eine bestimmte Richtung erfordert. Diese Notlage könnte von extern kommen (Krieg, Pandemie) oder von innerhalb der Gruppe, z. B. Ersatz im Krankheits- oder Todesfall (Not)
Aus der Dorf2.0-Perspektive geht es darum, diese Faktoren für dysfunktionalen Druck möglichst gering zu halten:
Im Bubble-Szenario liegt es nahe, zur dominanten Meinungsblase zum Platzen zu bringen. Hier könnte eine größere Zahl an Bezugspersonen als „nur“ die Eltern helfen, insbesondere solche, welche die eigenen Ansichten teilen. Zudem sollten diese Bezugspersonen ähnlich „mächtig“ im Sinne von „einflussreich“ sein, um z. B. Druck der Eltern entgegenwirken zu können. Unter diesen Bedingungen sollte es doch eigentlich möglich sein, zu einer Änderung der Haltung (der Eltern!) oder zu Kompromissen zu gelangen, die beiden Seiten gerecht werden.
Eine Lösung für das Erbe-Szenario wäre es, wenn Besitztümer nicht Personen oder Familien gehörten, sondern z. B. der Belegschaft selbst oder eben beispielsweise dem Dorf 2.0. Es stellt sich zudem die spannend-provokative Frage im Dorf-Kontext, ob das Konzept „vererben“ noch einen Sinn ergibt, wenn die Verantwortung für die Daseinsfürsorge weniger bei den Eltern liegt, sondern vielmehr beim Dorf, in dem die Kinder aufwachsen. Voilá, schon gibt es Stoff für einen weiteren Artikel.
Bleibt noch das Notlagen-Szenario: Hier dürften sich viel Kommunikation, Hilfsangebote und der häufige Verweis auf den vorübergehenden Charakter als Lösung erweisen, zusammen mit der Betonung des Umstands, dass alle im gleichen Boot sitzen.
Vergessen wir aber nicht, dass das Abwägen zwischen dem, was die Gruppe braucht und dem, was ich brauche, auch sehr positive Aspekte hat. Wenn dieser Prozess gelingt und sich eine Passung herstellen lässt, dann ergibt sich ein Gefühl von Harmonie: Nicht nur ich habe mich für „das Richtige“ entschieden, sondern alle anderen um mich herum sind ebenfalls der Meinung, dass ich am richtigen Platz bin!
Ikigai, Umwelt und Nachhaltigkeit
Das Spannende an Ikigai ist, dass es eben nicht auf grenzenlose Selbstoptimierung und individualistisches „mit dem Kopf durch die Wand“ setzt, sondern seine Umwelt miteinbezieht. Ist es nicht bemerkenswert, dass es damit auf individueller Ebene leistet, was das Dorf auf einer sozialen und politischen Ebene zu erreichen versucht? Es geht eben nicht um Wettbewerb und Profit-Maximierung. Die Existenzberechtigung des Dorfes entsteht in erster Linie daraus, dass es sich eines Themas oder Anliegens annimmt und für dieses Thema zusammen mit seiner Umwelt und seinen Bewohnern etwas Positives zu erreichen sucht.
Ebenso wie das Individuum im Ikigai versucht, die Aufmerksamkeit auf die kleinen Dinge zu richten und im Hier und Jetzt zu sein, versucht das Dorf, Stück für Stück eine tragfähige auf Dauer funktionierende Gemeinschaft mit vielen kleinen positiven Ritualen, Genüssen, gemeinsamen Anstrengungen und Vergnügen aufzubauen. Dass es auf dieser Basis dann darum geht, im Sinne des Themas des Dorfes produktiv und wirkungsvoll Einfluss zu nehmen, versteht sich von selbst.
Grundvoraussetzungen, um das Ikigai zu finden
In einem Arbeitspsychologie-Seminar habe ich ein Interview mit einer Fabrik-Arbeiterin gelesen, die sehr detailliert beschrieb, welche Genugtuung sie empfindet, Glühbirnen behutsam auf eine bestimmte Weise in Kartons zu verpacken. Minutiös schilderte sie die Varianten, wie die Glühbirnen in unterschiedlicher Positionierung bei ihr am Fließband ankommen und wie angenehm es sie herausfordert, mit einer eleganten Handbewegung diese Birnen dann effizient in die Polsterung und die Verpackung zu befördern. Dazu kommt der Klatsch und Tratsch mit den Kolleg:innen. Eine Beförderung, mehr Verantwortung – all das wäre in ihren Augen vermutlich eher eine Zumutung oder gar Bestrafung, aber keine Belohnung gewesen. Am Ende kann nur der Einzelne selbst beurteilen, wie viel Ikigai für ihn in einer Tätigkeit steckt.
Wenn es auch Menschen geben mag, die „ihre Nische“ in einer so monotonen Tätigkeit finden – welche Auswahloptionen hat ihnen das Leben zuvor geboten? Es ist schon einen großen Unterschied, ob ich mich bei abgebrochener Schulausbildung nach dem Durchlaufen von fünf prekären Bullshit-Jobs für mein persönliches Glühbirnen-Paradies auf Erden entscheide oder ob ich wirklich die Gelegenheit für eine fundierte Entscheidung bekommen habe. Z. B. indem ich auf Basis guter Allgemeinbildung in eine Reihe handwerklicher, körperlich anspruchsvoller oder technischer Tätigkeiten hineinschnuppern durfte und mich dann trotzdem für die Glühbirnen entscheide. Dann, touché, liegt mein Ikigai wohl tatsächlich im Versandfertigmachen von Glaswaren!
Als ein weiteres Manko unseres Arbeitsmarkts stellt sich das „Entweder-oder“ dar: entweder Entwickler:in oder Architekt:in, Produkt-Manager:in oder Tester:in, Lehrer:in oder Fahrrad-Bot:in – und was ist, wenn das Ikigai genau dazwischen liegt? Warum muss ich den ganzen Tag Essenspakete in der vierten und fünften Stock schleppen? Wären es drei Stunden, zweimal pro Woche gewesen, hätte es noch als vergütetes Fitness-Programm und bezahlter Spaß durchgehen können. Aber wir müssen es natürlich so lange zeitlich strecken, bis jeglicher Spaß verloren geht und eine Vollzeit-Beschäftigung daraus erwächst.
Bevor jetzt aber angesichts Ingenieur:innen, die für ein paar Stunden pro Woche Pizza in den fünften Stock bringen, das Argument fällt, die feinen Herrschaften nähmen den Armen jetzt auch noch die prekären Jobs weg: die Problematik liegt doch genau in dieser Aufteilung in prekäre und nicht-prekäre Jobs, „gute“ und „schlechte“ Arbeit. Es ist eben nicht nur eine Tätigkeit, sondern die Tätigkeit ordnet die Person einer Klasse zu. Das gilt es aufzubrechen. Statt uns damit abzufinden, dass eine Kassierer:in in ihrem Leben nichts anderes mehr erreichen wird als eine Registrierkasse zu bedienen, könnte sie auch den zeitlichen Spielraum bekommen, um ihren Horizont zu erweitern, Fähigkeiten zu entwickeln, sich neue alternative Zukünfte zu erträumen und sich diesen anzunähern. Dann steht sie auch nicht so schnell auf der Straße, wenn eine Selbstbedienungskasse ihre Tätigkeit übernimmt.
Ein letzter Aspekt noch in dieser Rubrik: wer getrieben ist von Existenzängsten, Armut und der Befriedigung existenzieller Bedürfnisse, für den spielt Ikigai keine Rolle. Fragt man jemanden, der sich mit drei Minijobs über Wasser hält, welche Tätigkeit für ihn die Zeit wie im Fluge vergehen lassen würde, käme vermutlich nur ein trockenes zynisches Gelächter zurück.
Ein Dorf 2.0 eröffnet also die Möglichkeit, in die verschiedensten Themen und Tätigkeiten hineinzuschnuppern. Es bietet das Potenzial, mehrere (sich bevorzugt ausgleichende) Tätigkeiten flexibel auszuüben, ohne dabei große bürokratische Hürden zu errichten. Am wichtigsten aber ist es, dass es die Muße ermöglicht darüber nachzudenken, wo das Ikigai für die eigene Person liegt. Eine existenzielle Absicherung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das klappt.
Von der klassischen Arbeiter:in hin zu Dorf und Ikigai
Weil wir gerade von der Kassierer:in sprachen: gehen wir beispielsweise von einer alleinstehenden Mutter mit Migrationshintergrund aus, die als Reinigungskraft arbeitet. Sie übernimmt den Job im Dorf, weil die Bezahlung gut ist. Der Bürgermeister bietet ihr an, doch nachmittags zu kommen und ihre Tochter mitzubringen, was ein weiteres Problem bei ihr löst.
Schnell fällt der Raumpflegerin auf, dass die Dorfbewohner sie respektvoll behandeln und immer wieder Leute das Gespräch mit ihr suchen – ohne die obligatorische Frage zu stellen, woher sie denn wirklich kommt. Da das Dorf mit ihrer Leistung zufrieden ist, bietet es der Frau die Möglichkeit an, aus ihrer relativ teuren Mietwohnung in das Dorf zu ziehen. All die Annehmlichkeiten hat sie ja im Rahmen ihrer Aufgaben bereits kennengelernt – bislang nur von der „zu reinigenden“ Seite. Durch die Dorf-Mitgliedschaft erhöht sich nun auch das Gehalt durch einen höheren Anteil an Sponsoren-Währung. Die Tochter ist ohnehin meist mit den anderen Kindern und deren Betreuung unterwegs oder nimmt an Schulaktivitäten teil.
Zu fünfzig Prozent ihrer Zeit besucht die Frau nun Sprach- und andere Kurse, sammelt Anregungen in Praktika und setzt sich das erste Mal damit auseinander, was sie wirklich will im Leben (Ikigai).
Geld vs. Motivationspsychologie
In der Motivationspsychologie besteht der experimentelle Verdacht, dass intrinsische (d. h. durch innere, nicht durch äußere Belohnung hervorgerufene) Motivation Schaden nimmt, wenn es zu einer erwarteten finanziellen Belohnung kommt.1
Interessanterweise ist beides Bestandteil des Ikigai:
- die empfundene Hingabe für ein Thema oder eine Tätigkeit, also gewissermaßen intrinsische Motivation
- die Notwendigkeit einen Weg zu finden, wie sich damit der Lebensunterhalt verdienen lässt, also erwartete finanzielle Belohnung
Selbst wenn sich die Studienlage noch konsolidiert: dass der Spaß-Faktor schnell nachlassen kann, sobald man sein Hobby zum Beruf macht, klingt plausibel.
Schauen wir uns die größten Stressoren an, die beim Gedanken aufkommen könnten, das Hobby zum Beruf zu machen, samt der Lösungen, die in einem Dorf 2.0 dafür denkbar wären:
- Die Angst zu scheitern: Hier hat das Dorf sicher die wichtige Funktion, Bewohner rein wirtschaftlich mit einem bedingungslosen Grundeinkommen-Versprechen aufzufangen und bei Misserfolgen Möglichkeiten für Alternativen aufzuzeigen. Eventuell sind auch erst mal Rückzug, Wunden lecken und eine Runde Langeweile nötig oder man fühlt sich nach „zweiter Reihe“ und kann sich bei gut definierten Tätigkeiten erholen. Wenn die Energie-Reservoirs dann wieder aufgetankt sind, dann startet ein neuer Versuch, sich dem Ikigai anzunähern.
- Existenzieller Stress: Egal ob Regendusche, Sauna, komfortable Wohnküche, effizientes Wäschewaschen und -trocknen, das Dorf bietet für all das qualitativ hochwertige und langlebige Produkte (und ggf. Dienstleistungen) an, sodass der Einzelne für den eigenen Haushalt nur wenig benötigt. Das bedeutet auch, dass für das komfortable Überleben ziemlich geringe Kosten anfallen, was den „Überlebensstress“ deutlich reduziert.
- Bürokratie: Buchhaltung, Rechnungswesen, Mahnwesen und Steuer sind für viele gute Argumente, lieber doch für die Ziele von jemand anderem zu arbeiten, statt eigene Träume zu verwirklichen. Die wichtigste Gegenmaßnahme ist hier, dass man mit seinen Träumen im Dorf 2.0 nicht alleine ist, sich gegenseitig als Sparringspartner unterstützt oder gleich zu mehreren an etwas arbeitet. Damit ist dann geteiltes Leid halbes Leid. Zudem werden Steuerberatung und Lohnbuchhaltung im Dorf der Automatisierung voraussichtlich als Erstes zum Opfer fallen, was vermutlich zu wenigen Tränen führen wird. Da das Thema sehr viele Dorfbewohner betrifft, sind die Synergien besonders groß. Ziel ist es, den einzelnen den perfekten Überblick, Transparenz und die größtmögliche Partizipation zu ermöglichen und die Daten so weit wie möglich leicht überblickbare standardisierte Strukturen zu überführen.
Erfolg ohne Ikigai
Bevor wir zur eigentlichen Überschrift „Ikigai ohne Erfolg“ kommen, möchte ich vorher den Spieß herumdrehen. Braucht es auch „Erfolg ohne Ikigai“?Damit meine ich: wenn alle auf ihrer Ikigai-Wolke schweben, an Maschinen basteln, das Mikrobiom explorieren und erstaunliche Dinge mit Holz bauen, wer staubsaugt, putzt Toiletten und bringt Altkleider zur nächsten Annahmestelle? Genau genommen geht das Problem weit darüber hinaus: Es betrifft alle möglichen notwendigen Tätigkeiten, die bei den Bewohnern gerade nicht hoch im Kurs stehen.
- Zuallererst haben wir das riesige Potenzial der Automatisierung und Robotik. Ich vermute, dass es viele Dörfer 2.0 geben wird, die genau in diesem Bereich zwischen Mechatronik und Künstlicher Intelligenz Potenziale heben werden.
- Sofern die betreffenden Tätigkeiten nicht weg-automatisiert werden können, kann ich mir gut vorstellen, dass sich genügend Sponsoren finden lassen, die dafür sorgen, dass die Tätigkeit so gut bezahlt wird, dass sich leicht jemand finden lässt, der sie übernimmt.
- An den vorherigen Punkt schließt sich nahtlos an, dass sich bei besserer Bezahlung unter den Bewohnern jemand finden lassen dürfte, der den Extragroschen gut gebrauchen kann und für ein paar monotone Arbeitsstunden als Ausgleich zur sonstigen Tätigkeit mitnimmt. Hier erwiese sich eine App als hilfreich, mit der Bewohner sich für diese Tätigkeiten einbuchen können und es damit zu keinen Doppelungen kommt.
- Um zum bereits beschriebenen Beispiel mit Kassiererin oder Kassierer bzw. Raumpflegerin oder Raumpfleger zurückzukommen: die beschriebenen Tätigkeiten sind hervorragende Sprungbretter, um Fuß zu fassen und überhaupt erst in die Situation zu kommen, sich mit seinen Ikigai-Wünschen zu befassen. D. h. man würde sie eine Zeit lang ausführen, um dann schließlich entweder die Zeit stark zu reduzieren, in der man noch Reinigungsarbeiten übernimmt oder ganz auf andere Tätigkeiten umzusatteln.
Ikigai ohne Erfolg
Bleiben wir noch bei den Stressoren und der Frage: Was, wenn ich mir hier nur ein riesiges Luftschloss baue?
Klar, im Kern ist auch ein Dorf 2.0 eine wirtschaftliche Unternehmung: eine, die nicht auf die Erzielung von Gewinnen ausgerichtet ist, aber Ende läuft es nicht, wenn die Einnahmen inclusive Spenden geringer sind als die Ausgaben. Die Frage muss also erlaubt sein, wie viel Misserfolg grundsätzlich vertretbar ist.
Auf der anderen Seite der Dialektik steht die Frage, ob eine Gesellschaft nicht viel mehr Erfolgsgeduld benötigt, um erfolgreich zu sein: Wie viele Van Goghs, Kafkas, Einsteins, Teslas oder Kants gäbe es mehr, wenn Menschen um sie herum mehr Geduld gehabt hätten? In wie vielen Fällen haben die Kafkas all ihr Schaffen mit Erfolg verbrannt? Wie viele nie geschriebene und gelesene Biografien enden mit Sätzen wie:
- „Schließlich hab mich dann doch noch erfolgreich umgebracht.“
- „Irgendwie konnte keiner mit dem, was ich gemalt hab, etwas anfangen und so hab ich noch mehr getrunken und irgendwie war’s das dann auch.“
- „Mein Mann hatte kein Verständnis für das, was mich umtreibt und so hab ich lieber Hausfrau gespielt“.
- „Meine Frau wurde immer unzufriedener, die Kinder brauchten was zu Essen und so hab ich den Job angetreten. Abends und an Wochenenden hab ich leider nur noch sehr wenig zuwege gebracht. Und das war’s dann.“
Um die Dialektik aufzulösen, sind zwei Fragen zu beantworten. Wie können möglichst viele Menschen ihrem Drängen, ihrem Ikigai, folgen, ohne dabei wirtschaftlich Kopf und Kragen zu riskieren? Die zweite Frage zielt eher in die Richtung, welche Impulse und Anregungen sich als hilfreich erweisen, damit sich das Tal der Tränen möglichst kurz gestaltet.
Die Frage nach dem Minimum ist leicht zu beantworten: sofern ein Dorf einen funktionierenden wirtschaftlichen Kern hat, sollte es leicht möglich sein, einige Bewohner „mitzuschleppen“,ohne dass diese selbst wirtschaftlich etwas beitragen. Ist dazu noch eine Bereitschaft da, einen Beitrag zu leisten – zu unterrichten, sich an Forschung und anderen Arbeiten zu beteiligen, anderen als Sparringspartner zu dienen u.v.m., dann sollte sehr schnell ein Break-even erreicht sein, auch wenn ein Großteil der Zeit in das Ikigai fließt.
Bleibt noch die Frage nach den Impulsen. In einem Dorf 2.0 findet das Schaffen ja nicht im luftleeren Raum statt. Bei Kunst und Kultur oder gar bei wissenschaftlichen und technischen Fragestellungen ist als allererstes zu klären: Bin ich vielleicht einfach im falschen Dorf? Wenn ein künstlerischer Feingeist unter Abwasser-Ingenieur:innen aufwächst, erwarte ich von einem Dorf 2.0, diesen Mismatch zu entdecken und zum Umzug in ein passendes Dorf mit der passenden Spezialisierung zu ermuntern, natürlich nur, sofern der Sprössling bereits im passenden Alter ist.
Nun, da wir schon mal in der passenderen Umgebung sind, z. B. in einem Kunst-Dorf an der norddeutschen Küste, darf es endlich spannend werden, im Austausch mit den anderen herauszufinden, wohin die Reise gehen könnte:
- Was fehlt mir noch, was brauche ich, was bringt mich in die richtige Richtung?
- Welche Tätigkeiten sind gute Komplemente zu meinem Ikigai und bringen mich dort weiter, indem sie mich anders beanspruchen und auf neue Ideen bringen?
- Kann ich vielleicht jemand anderem als Sparringpartner dienen und jemand anderes macht das bei mir?
- Gibt es Optionen, mein Werk bereits zu einem frühen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit zu bringen, Feedback dazu einzusammeln und anderen damit eine Freude zu bereiten?
- Gibt es die Möglichkeit, im Kleinen zu veröffentlichen? Sind Fragmente der Kunst z. B. als Illustrationen verwendbar? Lassen sich Teile der Komposition bereits mit anderen Instrumenten oder in anderen Formen z. B. als Kollagen-Elemente verwenden?
- Gibt es – bei wissenschaftlichen Theorien – bereits außerhalb der „großen Realisierung“ kleinere Verwendungsmöglichkeiten? Vielleicht ist es nötig, diese Annäherungen noch eher als Kunst statt als Weiterentwicklung zu verkaufen, aber wenn es auf die Idee dahinter aufmerksam macht, ist es das nicht wert?
- Beschleunigt ein Investment meine Anstrengungen? Gibt es Sponsoren, die das Risiko mit mir zusammen eingehen würden?
Ikigai – sich nicht um Geld kümmern, außer das ist es gerade, was Spaß macht
Letztlich ist die ganze Dorf 2.0-Idee für Menschen entwickelt, die eigentlich keine Lust haben, sich mit Geld zu beschäftigen. Umso wichtiger ist es, dass das Vertrauen in die folgenden Fragen zu jeder Zeit gesichert ist:
- Ich hab genug, um mir auch außerhalb des Dorf-Kontextes etwas leisten zu können
- Ich hab mehr als genug auf meinem „Sponsoren-Konto“, mit dem ich einen neuen Schreibtisch-Stuhl oder einen neuen PC ordern kann oder mit dem ich zusammen mit anderen z. B. ein zweites Tonstudio finanzieren kann, weil das bisherige oft zu überlaufen ist
- Das, was ich bislang fürs Dorf geleistet hab, eröffnet mir jetzt und in der Zukunft Möglichkeiten, z. B. eine größere Wohnung, den Umzug in ein schöner gelegenes Dorf, etc.
- Für den Fall, dass ich irgendwann von dem ganzen Dorf-Zeug genug habe, bekomme ich mein Dorf-Investment zurück, auch wenn der Modus auf einen Kompromiss hinausläuft, der den Dorf-Betrieb nicht gefährdet.
Sollte ich mit meiner Ikigai-Musik Millionen verdienen, was dann?
Gehen wir das Beispiel mal durch. Nehmen wir an, ein paar verrückte ITler machen in einem IT-Dorf nach Feierabend Musik, gründen eine Band und es läuft gut, zu gut, viel zu gut. Sie verdienen nach einiger Zeit richtig Asche, machen große Konzert-Tourneen und verkaufen einen Berg Merch-Produkte. Gemäß dem Gedanken, dass das Geld per se nicht interessiert, sondern nur die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, hat die Band Lust auf eine Yacht. Die Star-Allüren wollen gepflegt sein! Entsprechend nimmt das IT-Dorf Kontakt auf zu einem Dorf 2.0, das z. B. am Mittelmeer liegt und das auf das Thema „Unterwasser-Flora“ spezialisiert ist. Dort brauchen sie ein Boot ähnlicher Größe, um die Taucher- und Skipper-Ausbildung zu ermöglichen. Entsprechend wählen die Experten ein Boot, mit dem beide Parteien zufrieden sind und die Band schlägt noch einen Nutzungsvorrang heraus – schließlich gäbe es ohne ihr Engagement das Boot nicht. Zusätzlich wird auf eine möglichst CO₂-neutrale Produktion, sowie einen CO₂-neutralen Betrieb Wert gelegt. Ganz zufällig gibt es da ein Dorf 2.0, das sich auf die Fertigung solcher High-End-Öko-Yachten spezialisiert hat – Bingo! Win-Win-Win… Selbst wenn die Band ihre Lust auf maritime Abenteuer verlieren sollte, ist sichergestellt, dass das Boot weiter genutzt wird und es nicht sinnlos in einem Hafen herumsteht. Ggf. gibt das IT-Dorf sein Nutzungsrecht auf und bekommt dafür im Hintergrund wieder Guthaben gutgeschrieben. Hauptsache, alles wird möglichst effizient genutzt.
Die, deren Ikigai der Umgang mit Geld ist
Gerade weil das Gros der Dorfbewohner von Geld nichts wissen will, müssen manche umso gewissenhafter damit umgehen und dabei maximale Transparenz walten lassen. Glücklicherweise entfaltet auch das Finanzwesen einen gewissen Bann – so spröde er den meisten auch erscheinen mag. Bei so manchem schlagen die Herzen höher, wenn alles korrekt kontiert ist, die Bilanz aufgeht und der Strom der Buchungen nachvollziehbar von Ende zu Ende fließt.
Noch viel wichtiger ist es, wenn diese Personen nicht nur als seelenlose Dienstleister aktiv werden, sondern selbst an der Konsolidierung der Finanzen und der Prosperität interessiert sind – natürlich ohne in Kontrollwahn auszubrechen und den Strom an Innovation und Kreativität zu drosseln.
Was bedeutet das mit Hinsicht auf das Dorf 2.0?
- Für alle wirtschaftlichen und gemeinnützigen Unternehmungen des Dorfes wickeln die Finanz-Spezialisten Steuer und Buchhaltung ab und geben Feedback zur aktuellen Situation.
- Auch für das Dorf als Gesamt-Institution liefern sie einen monatlichen Überblick, samt Rückstellungen, internen Buchungen und Austauschzahlungen mit anderen Dörfern.
- Schließlich bereiten sie die Daten als Diskussionsvorlagen auf und machen sie online verfügbar, damit die gewählte Dorf-Führung sie mit interessierten Dorf-Bewohner:innen diskutieren kann.
Vom Fremd-Ikigai zum Selbst-Ikigai
Gerade hatten wir bei den Finanzen bereits den Fall, dass jemand z. B. in einem Finanzdorf aufgewachsen ist und dort studiert hat, später aber mit seiner Expertise in der „Peripherie“ einem themenfremden Dorf unter die Arme greift. Dass es auch von der „Peripherie“ in die Zentrale, also in die andere Richtung, geht, zeigt die folgende kurze fiktive Geschichte.
Seit ich ein Kind bin, bin ich von Woll- und Leinenstoffen, Weben, Färben, Stricken und Sticken umgeben. Es ist die Welt, in der ich aufgewachsen bin. Jetzt in der Pubertät merke ich, dass das alles nicht so wirklich meine Welt ist und endlich habe ich eine Idee, in welcher Richtung meine Welt liegen könnte.
Am Anfang standen die langen Schimpf-Tiraden eines Onkels. Der will eigentlich nur wie so oft ein verworrenes Muster auf den Stoff bannen, mithilfe des Stick-Roboters, aber wie so oft klappt das nicht. Während er noch flucht und auf der armen unschuldigen Maschine herumhämmert, springe ich ihm routiniert zur Seite. Schnell sehe ich, dass es an überlappenden Formen liegt, die übersetzt auf die Faden-Führung Chaos anrichten und welche die Maschine deshalb nicht akzeptiert.
Es gelingt mir, eine leichte Änderung bei der Anordnung in den Muster-Dateien vorzunehmen, sodass sie optisch nahezu gleich sind und die Maschine sie dennoch akzeptiert. Ich zeige das neue Muster meinem Onkel, der nickend etwas Unverständliches grunzt. Schon läuft die Maschine los.
Meine Tante weist mich aufs Talent hin, dass ich bei Themen wie Geometrie und Software-Entwicklung an den Tag zu legen scheine. Wir buchen ein paar der anstehenden Schulaktivitäten um, die noch änderbar sind und füllen meinen Stundenplan mit IT-Themen auf.
Nun, fünf Jahre später, bin ich in ein IT-Dorf gezogen, das sich darauf spezialisiert hat, physikalische Engines für Simulationen und Spiele zu entwickeln und dort bin ich völlig in meinem Element.
Ikigai und Rente
Denken Sie oft an Urlaub und Rente? Ich auch. Vielleicht ist gerade das das beste Zeichen, dass ich meilenweit entfernt bin, von meinem Ikigai. Wobei – das trifft es nicht einmal. Es ist weniger das fehlende Ikigai, es ist eher das fehlende Dorf 2.0, das es mir ermöglichen würde, meine Begeisterung für IT, für kognitive Psychologie und die vielen Anwendungen dieser Kombination zu leben. Damit ist nicht nur die Arbeit gemeint, sondern vor allem das gemeinsame Bewältigen von Problemen, Lernen, Spielen, Genießen u.v.m.
Die spannende Frage stellt sich, ob ich unter solchen Umständen noch immer so oft an Urlaub und Rente denken würde; wahrscheinlich nicht. Vielleicht würde ich noch einige andere Arten von Leben explorieren wollen – ein halbes Jahr in einem Dorf an der Küste, ein halbes Jahr im südamerikanischen Dschungel… Vermutlich hätte ich das dann aber schon längst durchgezogen.
Langsamer würde ich treten, mehr unterrichten, im kleineren Kreis. All die Kinder würde ich aufwachsen sehen, denen ich mit auf ihren Weg geholfen habe, auch wenn’s nicht meine biologischen Kinder sind. Vermutlich würde ich durch die gesammelte Erfahrung auch für viele als hilfreicher Ratgeber gelten und es sehr genießen, dass ich Menschen durch die eine oder andere Krise führen konnte.
Ikigai und die Wirkung
Statt die Studien-Ergebnisse zu paraphrasieren, verweise ich lieber direkt auf die Ohsaki- und JAGES-Studie, sowie möglicherweise weitere, die künftig dazukommen.
Ob ich es noch erleben werde, dass sich der Effekt auch in Dörfern 2.0 nachweisen lässt?
- Rheinberg, Falko (2010): Intrinsische Motivation und Flow-Erleben. In: Heckhausen, Heinz / Heckhausen, Jutta (Hg.): Motivation und Handeln, 4. Auflage, Berlin [u.a.]: Springer (Springer-Lehrbuch), 365-387.↩
