
Protz oder Pilz
Fachwerkhaus in Lennestadt; Denkmalgesch�tztes Fachwerkhaus in Lennestadt - Gleierbr�ck, 30 August 2011; By: Dr. Hans Wiechers; Copyright: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported; Source: Wikimedia
Erstellt am 16. Februar 2026 um 2:16 Uhr
Gasthaus, Wirtsstube – Noor, 14. November 2049
Wie ein Stein war sie gestern diagonal in das große Doppelbett gefallen. Zuvor hatte sie noch mit Ines an der Bar des Gasthofs einen Absacker genossen, bevor sie sich dann schnell in das für sie vorbereitete Gästezimmer der Lohmühl-Klause zurückgezogen hatte.
Das Doppelbett hätten sich Ayo und Hugo teilen sollen. Aber nun lag eben sie erschöpft und zufrieden auf der genau im richtigen Ausmaß zurückfedernden Matratze.
Nur zwei Stunden später war sie allerdings wieder glöckchenhell, weil sie kurz nach Mitternacht zuerst Hugo und dann nochmal Ayo aus den Federn geklingelt hatten. Es war ein Fehler gewesen, das Telefon nicht auf lautlos zu stellen. Beide brauchten Kontaktdaten von ehemaligen Kommilitonen und Freunden, mit denen sie schon länger nicht mehr gesprochen hatten. Ach ja, und es würde in zehn Minuten noch ein autonomer Fahrzeug-Pod vor der Tür warten. Noor solle bitte ihre Mediabrille auf den Sitz legen und den Pod dann an die Adresse von Joachim dirigieren. Dort würde Hugo darauf warten. Die haben sie doch nicht mehr alle!
Über eine Stunde benötigte sie, bis sie über drei Ecken nicht nur die Daten hatte, sondern – was für ein Glück, dass es sich in beiden Fällen um Nachteulen handelte – auch eine Live-Verbindung mit Ayo und Hugo herstellen konnte. Wozu um alles in der Welt brauchte Hugo einen heutigen IT-Security-Mitarbeiter und Ayo einen Junior-Professor für 3D-Mikroskopie? Beide hatten die Chuzpe, Noors Neugierde zu ignorieren und ihr einfach eine gute Nachtruhe zu wünschen. Alles würde sich morgen aufklären. Von wegen!
Als alles vorbei war, räkelte sie sich wieder auf dem Doppelbett und stellte sich in einer Autogenes-Training-Phantasiereise vor, wie die beiden Herren versuchen, zu zweit auf dem beigestellten Feldbett zu nächtigen. Der Kopf-Comic war noch nicht ganz am Ende, da hatte sie Morpheus bereits wieder in seine Arme geschlungen.
In ihren Träumen wurde sie verfolgt von einer klatschenden Horde aufs Handy starrender Jugendlicher. Während sie vor der namenlosen Menge davonlief, die immer wieder „Wellness, Wellness“ murmelte, fragte sie sich, wie es diesen Zombies gelang, gleichzeitig zu klatschen und aufs Handy zu starren!
Ja, der Abend gestern war nicht allzu gut, aber dafür umso ereignisloser für sie verlaufen. Eine erste Online-Abstimmung, die in jeder Duell-Folge einen der Höhepunkte darstellt, hatte ergeben, dass drei von vier Stimmen der Zuschauer auf das Wellness-Ressort entfielen. Entsprechend konnte sie sich – unmerklich deprimiert – zurücklehnen. Herr Berger, dem das Sieger-Lächeln schon selbstgefällig ins Gesicht gemeißelt war, beantwortete in aller Ruhe Fragen und nur vereinzelt wollte noch jemand etwas von Genossenschaften, Pilzen und Earthships wissen. Die meisten wollten etwas hören von Rendite-Erwartungen, Rabatten für Anwohner, die voraussichtliche Dauer der Bauarbeiten – die Krönung war die Frage gewesen, wo es diese wunderbar duftende Seife zum Kaufen gibt und ob sie tatsächlich aus dem Lohmühlental stammt! „Natürlich nicht, Dummerchen! Herzlichen Glückwunsch, Du bist auf billiges Marketing hereingefallen“, hatte sie gedacht.
Dann endlich gab es einen kleinen Lichtblick, als jemand nach einiger Zeit die wohlige Wellness-Welle zu Bergers Gunsten mutig durchbrochen hatte und fragte, ob sich denn das Konsortium auch für die Aufforstung engagieren wolle, wenn er den Zuschlag bekäme. Und was antwortet dieser gelackte Kerl? „Natürlich werden wir uns engagieren, das sieht ja sonst schlimm aus, wenn das Ressort aus dem falschen Winkel heraus fotografiert wird! Sie glauben gar nicht, was für eine Arbeit das war, den Wald in unserem Drohnenvideo, das sie vorhin gesehen haben, wieder hineinzuretouchieren!“ Nach dieser Antwort verzog sich Noors Gesicht kurz zu einem breiten Grinsen, denn nun konnte sie endlich in Worte fassen, was ihre Gehirnwindungen schon seit gestern Nachmittag kitzelte: Berger selbst war wie die Fassade einer Film-Kulisse: gerade noch öffnet man staunend den Mund, aber kaum tritt man einen Schritt zur Seite, dann ist da nur noch Leere, Schein und Makulatur!
Ardit schien all das überhaupt nicht zu kümmern. Siegestrunken saß er an seinem Platz in der ersten Reihe und hatte diesmal anscheinend den Job des Anheizers und Claqueurs. Stets schien er nach den Antworten seines Bosses schon Sekunden vor allen anderen zu applaudieren, wodurch sich das Publikum selbst bei mittelmäßigen Repliken zu einem Beifall animieren ließ.
Bei Noor blieb der Einsatz natürlich aus, sodass auch dieses Erlebnis zu ihren Albträumen beitrug.
Nach einem Minimum an massenkompatibler Morgen-Toilette ist sie noch ein wenig steif, aber durchaus salonfähig die Treppe hinuntergeschlurft, um dort neben einigen anderen Gästen wieder mit einem erfreuten Kopfnicken auf Ines zu treffen, die bereits vor einem Früchtemüsli und einer großen Tasse Kaffee sitzt. „Ich hoffe, Deine Nacht war weniger turbulent als meine!“, mufft Noor, nachdem sie sich ebenfalls ein Croissant und einen Kaffee organisiert hat und neben ihr Platz nimmt. „Von wegen! Erst hat mich Joachim rausgeklingelt und mich gefragt, ob ich zufällig noch den Kontakt zu einer der jungen Polizistinnen herstellen könne, mit denen der Rothwald-Verein in einem Vandalismus-Fall vor einiger Zeit Kontakt hatte. Und dann wollte Clara von mir noch die Daten von einer der Frauen, die im Auftrag der Uni immer mal wieder botanische Vorträge hier machen. Sag mal, was läuft da eigentlich?“, seufzt Ines. „Jupp, ich hatte ganz ähnliche Anrufe von Ayo und Hugo – hier gärt irgendetwas gewaltig!“ Just in diesem Moment bekommen beide eine Nachricht ins Display, dass alle vier bereits seit den frühen Morgenstunden in der nahegelegenen Stadt seien, alles wie am Schnürchen laufe und sie damit rechneten, pünktlich um 13:00 Uhr vor Ort einzutreffen. Es müsse bitte bitte bitte mit allen Mitteln verhindert werden, dass die Abstimmung vor ihrem Eintreffen stattfindet. „Uns fliegt hier die Hütte davon! Das Konsortium vermisst schon die Grundstücke! Die haben das Spiel schon so gut wie gewonnen!“, schreibt Noor frustriert zurück. „Ruhig, Brauner! Alles wird gut!“, kommt postwendend als Antwort. Ines und Noor schauen sich vielsagend an und wenden ihre Aufmerksamkeit dann wieder eine ganze Zeit lang wortlos ihrem Kaffee zu. „Weißt Du was? Ich hab ne Idee, um auf bessere Gedanken zu kommen!“ Ines schlägt begeistert mit der flachen Hand auf den Tisch. „Wir machen nen Spaziergang hoch zur Bank. Von da oben sieht die Welt immer deutlich besser aus!“
Zerknittertes Blatt eines Karo-Notizblocks, 14. November 2049
Joachims Handschrift ist deutlich erkennbar, ebenso wie Kritzeleien und der hellbraune Abdruck zweier Kaffeetassen. Ein Graphologe würde das Fundstück einsortieren in die Kategorie „Schriftstück, Beamter höherer Laufbahn in Krisensituation unter Schlafentzug“.
- Ines anrufen: Polizistinnen, Frau bot.Garten
- Polizistinnen vorbereiten
- Sylvia (bot Garten) vorbereiten
- Mont? : Videosuche, Bildsuche => Anfangsbeweise
- Francine -> Eltern -> Französische Polizei -> Europol -> Kontakt Europol
- Polizistinnen -> Kontakt Europol
- Noor anrufen: IT-Security, 3D-Mikroskopie
- Cloudstrike, Hotline -> Kontakt Henning
- Auf Noors Brille warten
- Polizistinnen -> Treffpunkt
- Michael, Juniorprof, Reisemikroskop+Video
- Michael, Vox ausleihen => Sylvia
- Clara und Ayo, Micha, Technik vor 2:00 Uhr nachts abholen
- Henning: Logs von Clara und Noor
- Temperatur und Feuchtigkeit prüfen, Kamera-Position
- Treffpunkt 8:00 Uhr Bäckerei Nähe Bot.Garten
- Sylvia, Botanischer Garten => Vox an generative Biologie-KI
- Sylvia, Visplay
- Daten mergen mit Reisemikroskop -> gen. Biologie-KI
- Video mit KI finalisieren
- Treffen 12:45 Uhr Polizei Waldhof
Ruheraum des Labors des Botanischen Gartens, Waldhof – Ayodele, 14. November 2049
Pünktlich um zwölf Uhr mittags hatte ihn der Wecker von der alten durchgesessenen Couch hochschrecken lassen. Er fühlte sich, als wäre er erst vor einer Minute auf seine zum Kopfkissen umfunktionierte Jacke hinabgesunken. Die Ballonmütze hatte er sich über die Augen gezogen und mit dem Gedanken, dass er dem muffigen Mikrobiom der Mütze mal wieder den Garaus machen müsse, war er sofort eingeschlafen.
Der Vorabend und die Nacht war ein Höllenritt an Teamwork gewesen, wie ein surreales Theaterstück, mit allen Kommunikationskanälen und an verschiedenen Orten. Sie hatten gebettelt, geworben, den Teufel an die Wand gemalt und umgarnt – schließlich ging es darum, zu schlafender Nachtzeit und am heiligen Sonntag eine Vielzahl an Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht für jeden getan hätten. Dort wo sich Clara mit umwerfendem Charme in die Schlacht gestürzt hatte, bestachen Joachim mit behördlicher Ernsthaftigkeit, Ayodele mit kumpelhaftem Gutzureden und Mahnen und Hugo mit gnadenloser Logik. Er gluckste in sich hinein, als er den verknitterten Notizzettel mit Joachims penibel gepflegter ToDo-Liste auf dem Tisch liegen sah. Er hatte ihnen das Original dagelassen und selbst die Kopie mitgenommen. War das ein Versehen oder ein behördlicher Ritterschlag?
Drüben auf der anderen Seite des Couchtisches hatte sich Hugo mit blassem, ungläubigem Gesichtsausdruck bereits erhoben. Auf seiner Wange zeichnete sich noch das grobe Muster des Couch-Stoffes ab. „Mist, womit putzen wir uns denn die Zähne?“, war sein erster Gedanke. „Stell Dir einfach vor, wir wären irgendwo im Feld auf Forschungsreise!“, antwortete Ayo, um sich dann theatralisch an den Kopf zu fassen und in gespielter Erschrockenheit hinzuzufügen: „Mist, kannst Du ja nicht. Du schwänzt ja immer und wartest schön im Hotel, dass wir die Daten rüberschicken! Rezeption, wir brauchen eine Zahnbürste für den Herren!“
Nach nur drei Minuten hatten beide eine Katzenwäsche im kleinen WC-Raum mit noch kleinerem Waschbecken hinter sich gebracht und sich mit reichlich eiskaltem Wasser gestärkt. Warmwasser war anscheinend zu viel Komfort für dieses Etablissement.
Nun geht es los, Schlag um Schlag: während Ayo sicherstellt, dass mit der Vox, der Video-Box alles in Ordnung ist, prüft Hugo die Ergebnisse der generativen KI, sichtet Material – insbesondere die Verrechnung der Aufnahmen des Reisemikroskops mit der deutlich hochauflösenderen Vox-Optik, stöpselt alle Kabel ab, und verpackt die Vox in einer fast leeren Kiste Kopierpapier, deren Inhalt er zuvor noch in den Kopierer einsortiert hatte. Nun kommen noch die zwei Köfferchen mit dem Zubehör für das Visplay dazu und schon kann es losgehen.
Während sich nach mehreren langen Fluren und der Kellertreppe nach oben die Eingangstür des Botanischen Gartens hinter ihnen schließt, fährt bereits Clara ihr kleines rotes chinesisches E-Auto vor dem Eingang vor. Sowohl sie als auch Joachim auf dem Beifahrersitz sind im Gegensatz zu den zerknitterten Jungs wie aus dem Ei gepellt. Nur bei genauerem Hinsehen lässt die graue Eminenz erkennen, dass es schon lange her sein muss, dass sie so wenig Schlaf abbekommen hat. Zum Glück zieht Claras Kombination aus apricotfarbenem Oberteil und dunkelblauem Rock alle Aufmerksamkeit auf sich. „Und? Hat alles geklappt?“, ertönt sofort ihre erwartungsfrohe Frage. „Wie am Schnürchen!“, geben Hugo und Ayo zurück. „Und bei euch?“ „Wir werden in Lohenroth in zehn Minuten erwartet. Clara, drück auf’s Gas-Pedal!“
Gasthaus, Saal – Joachim, 14. November 2049
Die Geräusche der auf die Abstimmung wartenden Gäste verstummen, als jemand die Flügeltüren öffnet und die Stimmen von Clara und Joachim unten im Treppenhaus zu hören sind. Schließlich erscheinen die vier Vermissten mit Augenringen und den gleichen Klamotten wie gestern im Saal – zusammen mit energisch geröteten Wangen, einem großen Metallkoffer und einer Box, in der normalerweise (nur noch in sehr seltenen Fällen) Kopierpapier verkauft wird. Nach einem kurzen Wortwechsel mit Ines führt sie diese vor zur Bühne, wo Joachim das Podium erklimmt, während Clara mit ihrer Box neben Ines Platz nimmt. Alle Augen sind gespannt auf Joachim gerichtet. Der wiederum schaut hinüber zu den Techniker:innen, die ihm mit Daumen nach oben signalisieren, dass er loslegen kann.
„Liebe Freundinnen und Freunde, meine Damen und Herren, es tut mir leid, dass ich die Abstimmung noch etwas verzögern muss. Hugo bittet Sie, den hier projizierten QR-Code zu scannen; ein paar Abbildungen der dort hinterlegten Inhalte werden wir Ihnen auch direkt auf der Leinwand anzeigen. All das sind die Rechercheergebnisse der letzten Nacht, denn nach allem, was wir inzwischen in Erfahrung gebracht haben, drohen wir Opfer eines Investitionsbetrugs zu werden, wenn wir uns auf das dubiose Konsortium von Herrn Berger einlassen!“
„Was fällt Ihnen ein!“, springt Herr Berger, gerade noch auf der anderen Seite ganz vorne sitzend, schäumend mit hochrotem Kopf auf. „Das ist Rufschädigung! Ich werde Sie verklagen!“
„Sie können die Anzeige gleich draußen am Eingang aufnehmen lassen. Ein paar Beamt:innen von der nahegelegenen Polizeidirektion waren so freundlich, mit uns hierherzukommen, um direkt Ihre Personalien aufzunehmen und sicherzustellen, dass Sie sich weiteren Ermittlungen nicht entziehen können!“
Während Ardit seinem Chef zu Hilfe eilt und beide wie nicht ganz unschuldige Lämmer ebenso ratlos wie gelähmt im Angesicht der Löwen Rücken an Rücken um sich schauen, nähern sich die Polizist:innen routiniert, langsam und dezent von zwei Seiten und führen beide schließlich ohne Widerstand nach draußen.
„Herr Berger hat vor mehr als zwanzig Jahren im Elsass ein ganz ähnliches Investitionsprojekt wie dieses hier vorangetrieben. Auch dort ging es um eine ländliche Gegend, denkmalgeschützte Häuser und hochtrabende Gastronomie- und Wellnesspläne. Als dann aber der Baufortschritt arg zu wünschen übrig ließ, Löhne nicht gezahlt wurden, lokale Gutachter verwendete Baumaterialien als minderwertig identifizierten und ein Mitarbeiter einen sehr unbeholfenen Versuch unternommen hatte, die lokale Denkmalverwaltung zu schmieren, wuchsen die Zweifel. Vor einer kurzfristig anberaumten öffentlichen Anhörung setzte sich der Sprecher des Konsortiums Hals über Kopf ins Ausland ab. Im Anschluss stellte sich heraus, dass nur ein Bruchteil der Investitionsmittel tatsächlich investiert wurde und der Großteil auf Offshore-Konten im Ausland versickert war.“ Hier macht Joachim zielsicher eine rhetorische Pause.
„Vielleicht hätten Sie sich doch besser über Ihre bewegte elsässische Familiengeschichte hinwegsetzen und einen unverdächtigeren Namen wählen sollen, als Sie aus der Versenkung zurückgekommen sind, Hans-Peter Berger!“, ruft Joachim dem aus der Saaltür gerade Entschwindenden hinterher. Ines schmunzelte über die Szene, in der Joachim zu einem grotesken Hercule-Poirot-Double mutiert – ohne Schnurrbart zwar, aber dafür fällt sein triumphierendes Lächeln weit drastischer aus als das deutlich zurückhaltendere Original. „Oder soll ich Sie lieber bei Ihrem richtigen Namen nennen, Monsieur Jean-Pierre Montclair?“
Gasthaus, Saal – Hugo, 14. November 2049
Nach einer halbstündigen Pause betritt Hugo die Bühne – nun aber deutlich selbstbewusster, als gestern: „Vielleicht erinnern sich manche noch an den Ausfall des Beamers gestern. Gäste, die Video-Signale in ihren Mediabrillen empfangen und die Techniker:innen von „Das Duell“ haben vielleicht auch die Störung und den Ausfall von weiteren Komponenten bemerkt. Ich habe mich heute Morgen mit einem IT-Security-Kollegen austauschen können, der einen Blick auf die Log-Dateien eines solchen Geräts werfen konnte.“ Er nickt Clara lächelnd zu – es waren schließlich ihre Geräteprotokolle, die sie der Lösung nähergebracht hatten. „IT-Experten werden in den Logs eines betroffenen Gerätes erkennen, dass sich gestern um 12:47 Uhr ein Gerät namens ‘Video__Lohmühle’ mit ihrem Gerät verbunden hat und dadurch sämtliche weitere Video-Eingänge blockiert hat. Dieser Zustand hielt für mindestens zwanzig Minuten an.
Dieser Vorgang erfüllt vermutlich den Tatbestand der sogenannten „Störung von Telekommunikations- und Funkanlagen“ und wird je nach Schwere mit Geld und Freiheitsstrafe geahndet. Geschädigten steht Schadenersatz zu. Wir haben gerade in der Pause den Raum hier, sowie den Vorraum durchsucht – leider erfolglos.“ Er scheint den enttäuschten Ausdruck auf den Gesichtern fast zu genießen. „Die Kollegin von der Polizei, die auf richterlichen Beschluss hin die Zimmer von Herrn Berger und seinem Assistenten durchsucht hat, hatte dagegen deutlich mehr Glück als wir und konnte dieses Beweisstück hier sichern!“ Nun grinst er übers ganze Gesicht und weist zur Polizistin hinüber, die nur widerwillig bereit zu sein scheint, die Rolle von Hugus Bühnen-Assistentin zu spielen. Im Plastik sieht man einen Akku und ein schwarzes Gerät, aus dem acht Antennen ragen.
„Der Beweis steht natürlich noch aus, aber wir gehen stark davon aus, dass die Polizei Fingerabdrücke finden wird, die es ermöglichen, das Gerät Herrn Berger zuzuordnen. Alle, deren Gerätschaften von den starken Bluetooth-Signalen gestern in Mitleidenschaft gezogen wurden, bitte ich, sich die Zeit zu nehmen und nach der Abstimmung noch nach unten zu mir in den Gastraum zu kommen. Das gilt selbst dann, wenn es keine merklichen Schäden gibt. Wir werden dort die Logs sowie Ihre Kontaktdaten registrieren, sodass sie ggf. Schadensersatzansprüche gegen die mutmaßlichen Täter stellen können!“
Gasthaus, Saal – Clara, 14. November 2049
Während all der Aufregung hatte Clara mit Ines und dem Regisseur des Internet-Formats die Köpfe zusammengesteckt. Seine geröteten Wangen und nach oben gerutschten Augenbrauen verrieten jedem Beobachter, dass er hier die ganz große Story mit Millionen von Klicks witterte.
Als Clara schließlich in Richtung Bühne läuft, steht nun sie im Zentrum der Aufmerksamkeit – und die Kopierpapier-Box, die sie feierlich trägt und schließlich im hinteren Bereich der Bühne auf einem Tischchen abstellt.
„Lassen Sie mich kurz das Wort ergreifen, während der Regie-Assistent hier hinten mit dem Inhalt aus meiner Kiste noch ein paar Vorbereitungen trifft. Sieht wohl ganz so aus, als fände unsere Abstimmung nur mit einer statt zwei Parteien zur Auswahl statt. Die Frage ist nun eher, ob wir heute den Wissenschaftlern ein Mandat geben oder ob wir die Entscheidung vertagen und die Abstimmung zu gegebener Zeit unter neuen Bedingungen wiederholen.
Aber lassen Sie mich kurz erzählen, was mich dazu bewogen hat, die Veranstaltung gestern schon vor dem Podium zu verlassen. Ich hab vor ein paar Tagen hier beim Spazieren ein Stück Rinde von einem toten Ast mitgenommen und es bei uns auf dem Hof auf die Kommode im kühlen Hausplatz gelegt. Gestern, als ich die Autoschlüssel nahm, hab ich gemerkt, dass auf dem zuvor recht normalen feuchten Stück Rinde plötzlich deutliche Schleimfasern, an einigen Stellen fast schon wie kleine Würmchen zu sehen sind. Als Ayodele dann gestern von seinen Schleimpilzen und Bakterien erzählt hat, musste ich plötzlich daran denken und bin mit ihm zuerst zu uns nach Hause und dann zu einem sehr guten Bekannten gefahren, der auch am Wochenende Zugang zum mikrobiologischen Institut an der Uni hat. Ayodele hielt meinen Fund nämlich für wie geschaffen für dieses Treffen heute, selbst wenn sie als Gruppe die Abstimmung nicht gewinnen sollten. Auf jeden Fall haben sie gestern Abend eine sogenannte Vox, eine Video-Box, präpariert, eine Art Schaukasten, dessen Sockel ein leistungsstarker PC ist. Damit kann man unter stabilen Bedingungen makro- und mikroskopisch z. B. Lebewesen oder chemische Prozesse beobachten. Die neuronalen Netze des Systems sind darauf trainiert, verschiedene charakteristische Phasen oder Bewegungen zu erkennen, dreidimensional aufzuarbeiten und fortlaufend mit neuem Material abzugleichen und zu optimieren. Hugo war dann heute Morgen, als wir die Box abholten, noch so freundlich, an der Uni für uns gleich noch ein Visplay klarzumachen. Keine Angst, die neuste Generation funktioniert mit Wasserdampf in der Luft, der dank Jahreszeit und Ihrer Anwesenheit in genügendem Maß vorhanden sein sollte. Haben Sie bitte Verständnis, dass wir den Raum dafür jetzt verdunkeln werden.“
Während die bereits zu drei Vierteln geschlossenen Jalousien ganz geschlossen werden und auch der Beamer erlischt, erstrahlt zunächst die Box auf der Bühne, in der erkennbar ein kleiner Gegenstand, das Stück Rinde, liegt. Zudem wird Clara von einem kleinen Scheinwerfer so in fahl-goldenes Licht getaucht, dass man ihre Gesichtszüge gerade so erkennen kann. Dann, völlig überraschend für alle, entsteht über den Köpfen unter dem Giebeldach dank des Visplays, was eine Abkürzung für Volumen-Display ist, ein riesiges dreidimensionales Abbild dessen, was Clara gerade noch als Schleimfasern und kleine Würmchen beschrieben hat.
„Was Sie hier sehen, sind die Einzeller, die sich – ohne dass ich mir dessen bewusst war – auf dem Stück Rinde befunden haben, das ich hier im Wald fand“, durchdringt die sonore Stimme Claras das leise Raunen. „Dank dieser erstaunlich smarten Box und der drei Laser, die das dreidimensionale Video über unseren Köpfen in winzigen Wassertröpfchen materialisieren, können wir hier verschiedene Stadien des Lebenszyklus des Schleimpilzes Dictyostelium Discoideum verfolgen. Die kleinen Einzeller haben gemerkt, dass das Holz durch die Rinde immer trockener wird und dadurch keine gute Überlebensprognose besteht. Deshalb ziehen sie sich hier gerade in der Aggregationsphase zu einem Hügel zusammen, aus dem sich dann – wie Sie sehen können – allmählich eine Art Finger, samt dunklerer Fingerkuppe erhebt. Wir werden hier Zeuge wie sich individuelle Amöben zur Erreichung eines gemeinsamen Zieles zu Organismen zusammenschließen. Ist das nicht fantastisch? Hier sehen wir jetzt an einem anderen Exemplar, wie sich der Finger in Bewegung setzt und auf dem Rindenstück nach oben wandert. Mehrere Zentimeter können so zurückgelegt werden. Dafür bräuchten einzelne Zellen viel länger! Jetzt sehen wir den so genannten „mexikanischen Hut“, aus dem sich – ah, das sehen wir hier – Sporen- und Stiel-Zellen langsam nach oben bewegen. Dieser kleine Kerl sieht bereits aus wie der Berliner Fernsehturm, nur dass das kleine Köpfchen eher wie eine Art klebrige Kugel ist, die entweder einfach an vorbeilaufenden Würmern, Käfern oder Milben kleben bleibt oder gar gegessen wird. In jedem Fall besteht eine realistische Chance, dass die Sporen an einen Ort kommen, wo bessere Bedingungen herrschen und sie sich dann durch Keimung wieder zu einer lebensfähigen Amöbe entwickeln können.“
Clara war sich nicht sicher, ob ihren Worten schon jemals so aufmerksam gelauscht wurde. Der magische Moment ließ sie kurz innehalten und schlucken, um nicht von der Euphorie und dem Gefühl von Ergriffenheit überwältigt zu werden, die in ihr aufstiegen.
„Wenn wir uns für das Dorf2.0-Projekt entscheiden, dann gäbe es auch für uns die Möglichkeit, neben unserem isolierten Leben allein und in der Familie immer mal wieder soziale Organismen zu bilden, die Ziele erreichen können, die jedem Einzelnen allein nicht möglich gewesen wären. Wir könnten dieses verzauberte Tal mit seinen Lost Places wieder zum Leben erwecken. Wir könnten diesen Gasthof von einem leidlich genutzten Lokal zu einem Treffpunkt voller Leben machen, wo jeden zweiten Abend Menschen wie wir jetzt zusammensitzen, sich austauschen, feiern, genießen, aber auch neue Erfahrungen machen und Neues lernen. Deshalb möchte ich herzlich dafür werben, dass Sie, sobald jetzt dann gleich die Lichter wieder angehen, mit Ihrem lauten Applaus zu erkennen geben, dass Sie die Abstimmung vornehmen möchten. Danke für Ihre Aufmerksamkeit!“
Gasthaus, Vorraum des Saals – Joachim, 14. November 2049
„Was wolltest du uns denn zeigen?“, fragt Ines erschöpft, übermüdet und ein klein wenig genervt, als sie im Saal den letzten Tisch aus der Abstellkammer einen Stock tiefer platziert hatten. Alles war wieder bereit für das Mutter-Kind-Basteln morgen Nachmittag. Joachim hatte bereits seitlich von Ardits Modell des Wellness-Tempels Stellung bezogen.
„Schaut mal hier, wo der westliche Hügel hoch zu unserem Bänkchen ansteigt. Seht ihr’s? Na?“ Clara und Ines rücken so nahe wie möglich heran, ohne irgendwelche Bäumchen oder Häuschen in Mitleidenschaft zu ziehen. „Ah, du meinst die Toilette und die Kellerbar? Komisch, wie kommen sie denn auf diese schräge Idee? An der Stelle ist doch da draußen nichts!“, runzelt Clara die Stirn. Tatsächlich führen im Modell zwei wuchtige Holztüren in den Hügel hinein. Über der einen prangt ein „00“-Schild, über der anderen besagter Schriftzug, der feuchtfröhliche Cocktailabende verspricht.
„Das dachte ich auch erst, aber dann hab ich vorhin mal geschaut, als wir die Technik rausgetragen haben: Der Hügel erweckt dort einen eingedellten Eindruck und das Erdreich sieht so aus, als sei es von Mauerresten durchdrungen! Ich habe die ganz starke Vermutung, dass es Berger, der alte Fuchs, tatsächlich geschafft hat, frühere Baupläne oder Urkunden vom Forsthaus zu organisieren; und seinen Bauvorhaben nach zu urteilen, dürften dort zwei relativ große Felsenkeller eingezeichnet sein. Das war ja früher der einzige Weg, das Bier auch im Sommer kühl zu halten. Aber viel wichtiger: Wisst ihr, was das bedeutet?“ Clara gähnt: „Sag es uns schon endlich!“
„Das bedeutet: Wenn der Boden dort bereits in der Vergangenheit bebaut bzw. unterkellert war, dann dürfte es auch deutlich einfacher sein, z. B. für eine vorschriftskonforme Variante seines Earthships eine Genehmigung zu bekommen. Zudem haben doch die Jungs und Mädels einen Ort gesucht, an dem sie Pilze züchten können – voilà!“ Die Begeisterung fiel spärlicher aus, als er es erwartet hatte. Aber vielleicht war das am Ende eines so langen, ereignisreichen Wochenendes gar kein Wunder.
Gedankenverloren spielt Ines mit dem Schlüssel des Gasthauses, den ihr die Wirtin in die Hand gedrückt hatte, als sie vor zwanzig Minuten in den ungewöhnlichen sonntäglichen Feierabend nach Hause gefahren ist. Die Gäste, die Nerds aus der Hauptstadt, die Macher von „Das Duell“ – alle sind längst aufgebrochen, das Gröbste ist aufgeräumt und nur der harte Kern des Ortsvereins steht hier noch zu dritt und schleppt sich nun wieder hinunter zum Nebenraum des Gasthauses, der wegen seiner Wohnzimmeratmosphäre als gemütlicher Café-, Lounge- oder Leseraum genutzt wird. Während Ines drei „Schnitt“ einschenkt – also ein Absacker-Bier mit sehr üppiger Krone – notiert sie auf dem Zettel für „Eigengebrauch“ einen halben Liter und dann setzen sich alle nochmal kurz hin.
„Wow, in einem halben Jahr rücken jetzt also tatsächlich die Nerds an! Ich kann’s gar nicht glauben!“, seufzt Ines. Mit einem Scheppern lässt sie den Schlüssel auf den Tisch fallen, um ihren Saft zu ergreifen. Mit der Vorwärtsbewegung schaut sie Joachim an: „Apropos, jetzt sag schon endlich! Wie seid ihr diesem Berger nun eigentlich auf die Schliche gekommen?“
Joachims Gesichtszüge entspannen sich zu einem feinen Lächeln wie das eines Kindes, das seit fünf Stunden darauf wartet, endlich verraten zu dürfen, wo es seine Süßigkeiten versteckt hat. Kurz schaut er in die Runde, schiebt seine Brille nach oben und setzt sich gerader hin.
„Gestern Nachmittag hat Herr Berger beim Beantworten der Fragen so ganz beiläufig diesen Zimmermannspruch erwähnt. Es ist ja tatsächlich so, dass im Fachwerk vertikale Ständer oder diagonale Streben oft mit horizontal laufenden sogenannten Riegeln verbunden werden. Das Verbinden gelingt dank ineinandergreifender Verbindungsstücke, die man Zapfen und Schlitz nennt. Und da man im Mittelalter – zumal unter Zeitdruck – die Zapfen noch nicht ganz so präzise fertigen konnte, musste man manchmal ein bisschen mit Talg nachhelfen, damit der Zapfen nicht auf halbem Wege durch die Reibung des Holzes steckenbleibt, zumal bei größeren Balken – und schlechteren Zimmermännern.“
„Joachim!“, stöhnt Ines und zieht dabei das „i“ in die Länge. „Entschuldigung, ich schweife ab!“ Irritiert blickt er einen Moment gedankenversunken schräg an die Decke und beißt sich dabei auf die Oberlippe. Irgendwo ganz links oben scheint er seinen roten Faden schließlich wiederzufinden, was ihn mit der gleichen Vorfreude wie gerade eben wieder in die Runde schauen lässt.
„Auf jeden Fall wurde ich gestern ganz hibbelig, weil dieser Spruch von Berger in mir etwas ausgelöst hat. Ich hab den schon einmal gehört, wenn auch in einer anderen Sprache und in sehr negativem Kontext! Auch die Geste, dieses derbe Fingerreiben! Aber woher? Woher kenne ich das? Das Grübeln hat mich fast umgebracht. Und dann verteilt der Assistent dieses Stück Seife mit Tannenduft. Ich bin ja so ein sensibler Riecher und so hab ich mir das Ding gleich unter die Nase gehalten, um es ggf. sofort an meine Sitznachbarin weiterreichen zu können. Sobald mir der Duft in die Nase stieg, sah ich das Gesicht meiner Studienfreundin Francine vor meinem geistigen Auge – die Zeit, als wir zusammen Denkmalschutz studierten, sie mit Nebenfach Kunst, ich mit Nebenfach Steinmetztechnik, war die beste meines Lebens. Mein Gott, sie hat Tannenduft so geliebt!
Dann durchfuhr es mich, denn es war Francine, die mir vor zwanzig Jahren völlig von Sinnen erzählt hatte, dass ihre Eltern, die im Elsass wohnen, einen Großteil ihrer Ersparnisse an einen durchtriebenen Kerl mit dem hochtrabenden Namen Jean-Pierre Montclair verloren hätten, der sich mit einem Großteil der Investorengelder ins Ausland abgesetzt hatte. Zusammen haben wir uns das schmierige Video angesehen, das bei der ersten Investorenversammlung gedreht wurde und genau da brachte er auf Französisch den gleichen Spruch und die gleiche Geste. Ich musste das Video pausieren und hab Francine irritiert gefragt, was dieser Satz und diese Geste bedeuten sollen, da ich die Fachvokabeln nicht verstand. Deshalb blieb es mir dann doch in Erinnerung – wenn ich den Synapsen auch erst mit etwas Seife auf die Sprünge helfen musste!
Hugo half mir gestern, das Internet nach Montclair oder Berger zu durchgraben, öffentliche und halböffentliche Register zu scannen und eine KI auf sein Bild anzusetzen. Schon nach ein paar Stunden hatten wir so viel Material beisammen, dass ich den Rest übernehmen konnte.
Es wird wieder still, jetzt wo alle wieder übermüdet über ihren Getränken meditieren. Plötzlich beginnt Clara zu kichern: „Wisst ihr, was das Schärfste ist?“ Als sie in fragende Gesichter blickt, setzt sie gleich fort: „Ich muss mir dauernd vorstellen, wie aufgetakelte Damen mit hochgesteckten, in Handtücher gewickelten Haaren genau an der Stelle in edlen Holzbadewannen liegen, in denen vierhundert Jahre zuvor schmierige Schweine- und Rindshäute lagen!“
Joachim gluckst: „Das wäre eine richtige Wellnesssause geworden! Die erste ‚Anwendung‘, wie man so schön sagt, ist das Äschern in einer Brühe aus Kalk und Urin zur Vorbereitung auf den Gerbvorgang. Dann kommt das Beizen mit Hundekot und altem Roggenbier. Und im Finale dürfen sich die Damen entscheiden, ob sie sich in Fischöl und Hirnmasse walken lassen möchten oder ob sie sich lieber ein bis zwei Jahre lang in einer sprichwörtlichen Brühe aus Wasser und gemahlener Eichen-, Hasel- und Birkenrinde erholen wollen. Wellness Montclair – wir wissen, was Ihrer Haut guttut!“
Az.: 42 Js 11/50 - JGG
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
In der Strafsache gegen
Ardit Hoxha, geboren am 12.03.2031 in Fshativogël, Albanien, wohnhaft zuletzt in Tirana, Albanien, Staatsangehörigkeit: albanisch, Beruf: Persönlicher Assistent
wegen Beihilfe zum gewerbsmäßigen Betrug und Störung von Telekommunikationsanlagen
hat das Amtsgericht Waldhof – Jugendschöffengericht – in der Sitzung vom 08. Juli 2050
für Recht erkannt:
- Der Angeklagte ist der Beihilfe zum versuchten gewerbsmäßigen Betrug in Tateinheit mit Störung von Telekommunikationsanlagen schuldig.
- Von der Verhängung einer Jugendstrafe wird abgesehen.
- Dem Angeklagten wird die Weisung erteilt, 200 Stunden gemeinnützige Arbeit zu leisten. Die Ableistung hat im Rahmen des Resozialisierungsprojekts „Lohmühlen-Dorf“ (Genossenschaft i.Gr.) als Täter-Opfer-Ausgleich zu erfolgen.
- Der Angeklagte wird für die Dauer von einem Jahr der Aufsicht und Leitung der Jugendgerichtshilfe unterstellt.
- Der Angeklagte trägt die Kosten des Verfahrens, soweit er nicht durch die Jugendgerichtshilfe hiervon befreit wird.
GRÜNDE
I. Feststellungen zur Person
Der zum Tatzeitpunkt 18-jährige Angeklagte wuchs als Vollwaise in Albanien auf. Er wurde frühzeitig durch den gesondert verfolgten Hans-Peter Berger (alias Jean-Pierre Montclair) gefördert, der ihm eine Privatschulausbildung finanzierte und ihn im Alter von 17 Jahren als persönlichen Assistenten anstellte. Zwischen dem Angeklagten und Berger bestand ein ausgeprägtes Abhängigkeitsverhältnis; Berger fungierte als einzige Bezugsperson und Vaterersatz. Der Angeklagte verfügt über überdurchschnittliche Begabungen im Bereich der Informationstechnik und Organisation, war jedoch aufgrund seiner isolierten Erziehung im kriminellen Umfeld Bergers nicht in der Lage, die Unrechtmäßigkeit der geschäftlichen Praktiken seines Mentors vollumfänglich zu reflektieren.
II. Sachverhalt
Im Zeitraum vom 02. bis 14. November 2049 unterstützte der Angeklagte Hans-Peter Berger bei dem Versuch, die Bewohner und Investoren im Lohmühlental über die Seriosität eines geplanten Hotelkomplexes zu täuschen. Während Berger die federführende Planung und rhetorische Umsetzung übernahm, war der Angeklagte für die Aufbereitung der (manipulierten) Zahlenwerke und die technische Infrastruktur zuständig. Am 13. November 2049 platzierte der Angeklagte weisungsgemäß einen Bluetooth-Störsender im Saal des Gasthauses, um die Präsentationen der Konkurrenzgruppe („Dorf 2.0“) zu sabotieren. Die Störung und Beschädigung von Geräten, wie z. B. Mediabrillen, welche zahlreiche anwesende Gäste an diesem Tag benutzten, wurde dabei billigend in Kauf genommen. Dies führte zu einem zeitweiligen Ausfall von Video- und Telekommunikationssignalen im gesamten Veranstaltungssaal und benachbarten Räumen.
III. Beweiswürdigung
Der Sachverhalt steht fest aufgrund des umfassenden Geständnisses des Angeklagten sowie der Zeugenaussagen von Ines Maier und Hugo Kowalewski. Insbesondere die technischen Protokolle (Logs), die durch den Zeugen Kowalewski gesichert wurden, belegen die Urheberschaft des Angeklagten hinsichtlich der Funkstörung.
IV. Rechtliche Würdigung
- Anwendung von Jugendstrafrecht: Auf den Angeklagten ist gemäß § 105 JGG Jugendstrafrecht anzuwenden. Trotz seiner intellektuellen Reife ergab die Exploration durch die Jugendgerichtshilfe, dass der Angeklagte zur Tatzeit in seiner sittlichen und emotionalen Entwicklung einem Jugendlichen gleichstand. Er war in seiner Willensbildung massiv von der Autorität Bergers dominiert und besaß keine gefestigten eigenen Wertvorstellungen außerhalb des Bergerschen Bezugssystems.
- Straftatbestände: Die Handlungen erfüllen den Tatbestand der Beihilfe zum versuchten Betrug (§§ 263, 22, 27 StGB) sowie der Störung von Telekommunikationsanlagen (§ 317 StGB).
V. Strafzumessung und Resozialisierung
Von der Verhängung einer Jugendstrafe zusätzlich zur bereits verbüßten Untersuchungshaft konnte abgesehen werden, da keine schädlichen Neigungen im Sinne einer verfestigten kriminellen Persönlichkeit vorliegen. Die Tat ist als jugendtypische Verfehlung unter dem Einfluss einer dominanten Erziehungsperson zu werten. Zur Erziehung des Angeklagten und zur Förderung seiner Integration in die hiesigen Lebensverhältnisse ist die Ableistung von Sozialstunden geboten. Das Gericht folgt hierbei dem Vorschlag der Jugendgerichtshilfe und der Zeugen des Projekts „Lohmühlen-Dorf“. Die Ableistung der 200 Arbeitsstunden im Lohmühlen-Dorf bietet dem Angeklagten die Möglichkeit, einen Täter-Opfer-Ausgleich herbeizuführen und seine technischen Talente erstmals für ein gemeinwohlorientiertes Projekt einzusetzen. Durch die Einbindung in die sozialen Strukturen des Dorfes soll die einseitige Fixierung auf kriminelle Erfolgsmuster aufgebrochen werden.
Hinsichtlich der Staatsangehörigkeit des Angeklagten wird festgestellt, dass aufgrund der positiven Sozialprognose und der Bereitschaft der Genossenschaft „Lohmühlen-Dorf“, den Angeklagten als Praktikanten aufzunehmen, keine ausländerrechtlichen Maßnahmen (Ausweisung) veranlasst sind.
Waldhof, den 08.07.2050
Der vorsitzende Richter am Amtsgericht
Café gegenüber dem Amtsgericht Waldhof – Ardit, 08. Juli 2050
„Sie hätten mir doch wenigstens die heiße Hübsche schicken können! Aber nein, es muss natürlich die Amazone sein!“, durchfuhr es Ardit, während sie sich ihm gegenüber an den Tisch setzte. „Wie geht es Dir?“, fragte Ines in der für sie typischen kühlen Freundlichkeit.
Ja, wie ging es ihm? Eine verdammt gute Frage war das! Nur zu oft hatte er während der Untersuchungshaft sich den Kopf über dieser Frage zerbrochen. Zeit zum Nachdenken hatte er schließlich genug.
Zuerst war da nur die blanke Wut gewesen, dass sie ihm die wichtigste Person in seinem Leben genommen hatten. Er hatte Berger umkreist wie – ja, wie der Mond die Erde und dann eines heiteren Nachmittags war diese Erde einfach verschwunden, weg. Er sah jetzt noch vor seinen Augen, wie das Polizeiauto mit seinem Chef auf dem Rücksitz vor ihnen davonfuhr. Seitdem hatte er seinen Babë nicht mehr gesehen. Erst während dessen Verhandlung in wenigen Wochen würden sie sich wieder über den Weg laufen.
Wütend war er auch auf Berger selbst: Wie leichtsinnig kann ein Mensch sein? Wenn man über die Jahre so vielen Leuten auf die Füße tritt, das muss doch irgendwann mal auffliegen? Und er hatte doch alles, verdammt! Die Villa, der Pool, die Partys, die feinen Essen mit Politikern, interessante Projekte – was wollte er denn noch mehr? Montclair! Nur ein paar Mal hatte Berger von Montclair gesprochen, das war schon viele Jahre her. Und dann klang es, als meine er damit irgendeinen fernen Verwandten.
Dann kam ein Gefühl der Leere in ihm hoch. Wenn er der Mond war, der seinen Boss wie eine Erde umkreiste, wohin ging sein Weg jetzt? Ohne die Gravitation des Planeten führte seine Bahn direkt hinein ins kalte Universum. Wo sollte er hin? Zu den entfernteren Verwandten seiner Familie in Albanien hatte er schon lange keinen Kontakt mehr. Und mit Deutschland verband ihn nur, dass es Bergers Land war… oder Nachbarland. Es war einfach nur verwirrend. Das Land der Lämmer jedenfalls war es nicht. Und wer braucht schon einen Löwen mitten im Wald?
Ganz allmählich machte sich so ein Gefühl zuversichtlichen Selbstbewusstseins in ihm breit: Waren es nicht am Ende seine Gewitztheit, sein Organisationstalent, sein unermüdlicher Fleiß und sein Geschick, die Berger so oft aus der Patsche geholfen hatten? Brauchte er Monsieur Montclair oder brauchte nicht vielmehr Montclair ihn? Sicherlich könnte er sich selbst etwas aufbauen, vielleicht sogar aus eigener Kraft reich werden! Aber wollte er wirklich dem Beispiel Montclairs folgen? 1500 km Asphalt hatten sie gefressen, nur um Menschen, die ihr beschauliches Tal mit neuem Leben füllen wollen, um ihr Geld zu bringen. Das ist doch Irrsinn!
Und dann kam noch etwas in ihm hoch – so eine Art neugieriger Neid. Bisher hatte er vor allem diese ruhelose, fast schon gierige Energie Bergers kennengelernt. Da ging es ums Gewinnen, um Stärke zeigen. Es ging vor allem auch darum, genügend Erklärungen und Selbstmitleid anzuhäufen, dass es vollkommen gerechtfertigt schien, andere arglos auszubeuten. „Die haben es nicht besser verdient!“
Die kurze Zeit, die er in diesem seltsamen Gasthof verbracht hatte, ließ ihn eine neue Art von ruheloser Energie erleben. Da war nicht dieser rastlose Hunger, diese Notwendigkeit von Dominanz und Gewinnen-Wollen, da gab es auch keine Exzesse, die dann schnell in brutale Hahnenkämpfe umschlagen konnten. Stattdessen schien es dort eine Nische und eine Chance für jeden zu geben: jede Hautfarbe, Frauen, Männer, Alt und Jung. Vielleicht gab es da auch einen Platz für ihn? Sosehr er dieses Amtsgericht auch verachtete, das ihn wie ein Kind behandelt hatte und meinte, sich ganz sprichwörtlich ein Urteil über ihn erlauben zu dürfen – vielleicht hatten diese Richter ja aber in diesem Punkt Recht? Einen Versuch war es sicher wert! Was konnte er schon verlieren?
„Ganz gut!“, nickt er, während einen Wimpernschlag lang ein unsicheres Lächeln seine Wangen umspielt.
