
Sehnsucht nach Tannenzapfen
Autumnal forest; Autumnal mixed forest in the Blockheide-Eibenstein Nature Park; By: Duke of W4; Copyright: Licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International license; Source: Wikimedia Commons
Erstellt am 15. Juli 2024 um 1:00 Uhr
Sehnsucht nach Tannenzapfen
John Strelecky spricht in seinen Büchern davon, man solle sich sein Leben als ein Museum vorstellen, dessen Räume auch proportional so befüllt sind, wie man seine Zeit verbracht hat. Entspricht ein Büro- und Excel-Museum meinen Vorstellungen? Bin ich mit einem Familien- und Haushalt-Museum zufrieden oder fehlt da was?
Strelecky spricht auch davon, sich fünf große Wünsche oder Ziele zu stecken (Big Five for Life). Auch Unternehmen könnten das für sich bestimmen, und ein Bewerbungsgespräch ist dann der Test, ob die fünf Ziele miteinander in Einklang zu bringen sind.
Beide Ideen sind vielleicht ein bisschen sehr amerikanisch, die Parallele zur Großwildjagd unpassend und meinen Arbeitgeber würden meine fünf Ziele eher irritieren als zum Abgleich ermuntern. Aber im Ernst, es ergibt schon Sinn, über den Kern des Ganzen nachzudenken. Sollte man sich von der Museumsmetapher und den „Big Five for Life“ überfordert fühlen, hilft vielleicht noch ein anderer Ansatz:
Meistens sind unsere Sehnsüchte von einer dicken Schicht Alltag, Pflicht und „Business as Usual“ überdeckt. Aber manchmal, in tragischen oder schönen Momenten wird diese Schicht ganz dünn und die Ideen blitzen durch, was wir mit diesem Leben eigentlich anfangen wollten, was wir erreichen wollen, was uns fasziniert. In diesen Momenten schwingt ein Resonanzboden in uns. Es werden die Sehnsüchte erkennbar, die uns treiben. Vielleicht sogar die Sehnsucht nach Tannenzapfen?
In einem Artikel hatte ich einmal von einem Mann gelesen, der immense Summen für Abende in Sterne-Restaurants ausgab. Wenn er gefragt wurde, worin für ihn der Reiz bestand, ein Lokal nach dem anderen abzugrasen und wie ein Junkie für die nächste Reise, für den nächsten Abend zu sparen, erzählte er die folgende Begebenheit:
Vor etlichen Jahren war er in ein preisgekröntes Restaurant eingeladen worden, das für seine speziellen Kreationen aus Walderzeugnissen bekannt ist. Und als er ein Amuse-Gueule kurz vor dem Hauptgang über seinen Gaumen führte, die Aromen in sich aufnahm, die Texturen zwischen seinen Zähnen genoss und dem ätherischen Erlebnis auf seiner Zunge hinterherspürte, war es plötzlich geschehen: Er ist im Wald. Mitten im Wald. Moosteppich unter seinen Füßen, das Spiel von Licht zwischen den Buchenblättern auf seinem Gesicht, und ein leichter Windhauch weht ein Aroma von Kiefer und Tanne in seinen Nüstern. Vogelgezwitscher umgibt ihn und das leise Gurgeln eines Bachlaufs. Als er nach der Ewigkeit einiger Sekunden wieder die Augen öffnet und schluckt, ist er wieder umgeben von gediegener Restaurant-Atmosphäre und kann es gar nicht fassen, dass seine Reise so schnell wieder zu Ende sein soll. Ein kleiner gefüllter Porzellan-Löffel hatte ihn innerhalb von Sekunden in den tiefsten Wald katapultiert.
Es war die Sehnsucht nach diesem Moment, die von diesem Zeitpunkt an sein Leben erfüllt hat, der Wunsch, diesen „Kick“ zu wiederholen, ihn erneut, immer wieder und ganz anders zu erleben.
Mir geht es ähnlich, nur dass ich die Essenz meiner Sehnsucht nicht in einem Tannenzapfen zu fassen vermag. Es ist eher wie wenn man sich an mehrere kulinarische Erlebnisse gleichzeitig erinnert: den Crunch vom einen, das süß-säuerliche Aroma des anderen, die warme Schärfe des dritten und die buttrige Zartheit des vierten. Und dann verspürt man plötzlich diese fixe Idee, das müsse sich doch eigentlich alles in einem einzigen Amuse-Gueule vereinen lassen! Nur dass (es sei denn, man ist Koch) diese Komposition eine vage zukünftige Ahnung bleibt, da man keine Ahnung hat, wie man sie umsetzen könnte.
Schluss mit Essen – bei mir hat die Sehnsucht nichts mit Geschmackserlebnissen zu tun. Die Analogie bezieht sich eher darauf, dass die einzelnen Komponenten der Sehnsucht bekannt sind (Crunch, Aroma, Schärfe, etc.). Die vage Ahnung der Kombination all dieser Komponenten liegt aber in der Zukunft, weil die Kombination noch nicht gelungen ist. Meine Sehnsucht ist eine vage zukünftige Ahnung, deren nostalgische Fragmente in einer allmählich verbleichenden Vergangenheit liegen. Ziemlich ätherisch und gasförmig, wenn man es sich einmal so plastisch vor Augen führt.
Buttrige Zartheit
Ich muss knapp aus der Pubertät herausgewachsen sein. Ich sitze an einem Küchentisch nach langer mehrstündiger Autofahrt. Es gibt Tee, Gebäck und Schmalzbrote. Ich war hier noch nie. Überall fremde, aber freundliche Gesichter – und zwei ältere Freundinnen aus meiner evangelikalen Kirchengemeinde, mit denen ich hergefahren bin. Das Gespräch schweift über viele Themen: den Gottesdienst, den wir morgen mitgestalten, Lieblingslieder, die noch etwas von den Stahlsaiten der neuen Western-Gitarre lädierten Finger. Wildfremde Menschen – und trotzdem fühlt es sich an, als würde man sich schon ewig kennen, als könnte man direkt anknüpfen. Es liegt wohl am religiösen evangelikalen Glauben, den man teilt, den gemeinsamen Werten, Themen, Gewohnheiten, Ritualen. Egal, ob andere Muttersprache, ob man Ozeane überwindet, ob alles plötzlich ganz anders aussieht: Man ist zu Hause, fühlt sich verstanden und die wichtigsten Themen muss man nicht lange ausdiskutieren oder sie gar umschiffen und stattdessen übers Wetter reden – das erste nostalgische Fragment, nennen wir es „gemeinsames Weltbild“.
Süß-säuerliches Aroma
Die Nachmittagssonne scheint in die großen Fenster des Gewerbehofs. Drinnen im Großraumbüro herrscht emsige Betriebsamkeit. Wir sind fünf Software-Entwickler:innen, die das Ziel haben, heute noch ein Feature fertigzustellen, das aktuell noch nicht rund läuft. Mit wenigen Worten und Gesten verabreden wir uns in der Teeküche. Dort angekommen, koordinieren wir in gelöster Atmosphäre einen konzertierten Schlachtplan. Der Mathematiker will versuchen, den Prototypen eines Algorithmus, von dem er mal gehört hat, soweit umgesetzt zu bekommen, dass wir ihn einbauen können. Die Kollegin mit ihrer unglaublich schnellen Auffassungsgabe scannt bereits das bisherige Feature und hat schon ein paar Ideen, woher die seltsamen Ergebnisse kommen. Ich selber bereite alles so vor, dass wir in etwa einer Stunde alles zusammenführen und ausprobieren können. Es fliegen noch ein paar Ideen und schon geht es konzentriert los. Dazwischen noch ein paar Gedankenbälle hin und her und in etwas länger als eineinhalb Stunden laufen die ersten Trial und Error-Runden. Kurze Zeit später läuft die erste Version – das zweite nostalgische Fragment. Hier ist die Überschrift: „Miteinander vertraute Profis zusammen im Flow“.
Warme Schärfe
Weder der große Tisch und die Stühle passen zusammen, noch ergeben Kühlschrank und Wanddekoration ein schlüssiges Gesamtbild, aber das soll so sein. Auch die englischen, deutschen, italienischen und spanischen Sprachfetzen wollen nicht so recht zusammenpassen. Aber all das ist egal, wichtig ist nur, dass auf dem Tisch ebenso viele Leckereien wie alkoholische Getränke stehen und bis hin zum alten Sofa in der Ecke auch noch der letzte Platz belegt ist. „Ey, by the way: why are you Englishmen driving on the wrong side?“ „Well… we actually call it »left«!“ Mitten im launigen Tohuwabohu taucht die – nun aber wirklich wichtige – Frage auf, was wir eigentlich mit dem riesigen Wohnzimmer machen sollen, wo doch eigentlich fast immer alle in der Küche sind. Bestenfalls übernachtet dort mal jemand für ein paar Tage auf der Couch. Die irrwitzige Idee entsteht, mit ein paar Rigips-Platten das Durchgangs-Wohnzimmer so aufzuteilen, dass neben einem langen Flur ein vermietbares zusätzliches Zimmer entsteht. Schon ein paar Tage später werden an einem Wochenende in einer gemeinsamen Aktion Profile befestigt, Spax-Schrauben ins Holz getrieben und Türrahmen ausgeschäumt und schon kurze Zeit später zieht der erste Mieter ein – das dritte nostalgische Fragment. Nennen wir es „Zusammen wohnen, feiern, etwas schaffen“.
Crunch
Bilbao, Spanien. In der sehr modernen und aufgeräumten Jugendherberge ist im Sommer nach der Jahrtausendwende relativ wenig los – obwohl sie dort schon einen Automaten haben, der automatisch heiße Käse-Salami-Sandwiches zubereitet. Ich habe ein Zimmer für mich alleine. Vor ein paar Minuten habe ich mich noch etwas gelangweilt vom Pförtner mit ein paar zotigen Witzen versorgen lassen, die ich leider nur halb verstand. Aber dann hat mich plötzlich eine Idee elektrisiert, wie ich meine kognitionspsychologischen Relationen noch besser visualisieren könnte. Eine schnelle Entschuldigung und schon habe ich mich auf das Bett meines Zimmers zurückgezogen, wo ich – immer noch wie unter Strom – auf ein paar Blatt Papier ein semantisches Netz aufspanne. Seit ein paar Monaten schon nimmt mich die Idee in Beschlag, Sachtexte in semantische Relationen herunterzubrechen, Teil-Ganzes- oder Eigenschaftsrelationen zum Beispiel. Das Papier füllt sich mit Begriffskästchen und Pfeilen, mit denen ich gesellschaftliche Entwicklungen ausdrücke, die in dem Text über die russische Oktoberrevolution eine Rolle spielen. In dieser Nacht finde ich erst Schlaf, als viele Seiten eng mit Kästchen und Relationspfeilen überzogen sind – das letzte nostalgische Fragment. Überschrift: „Themen finden, die einen die Zeit vergessen lassen.“
Edelgase?
Jetzt haben wir also diese gasförmigen Erinnerungsfragmente, wie vier Erlenmeyer-Kolben, in denen in vier verschiedenen Farben Erinnerungen aufsteigen, um von Gummi-Schläuchen aufgesammelt einem unbestimmten Ziel entgegenzulaufen. Aber es ist ja schon fast zum Mäusemelken, wie schrecklich isoliert sie voneinander sind. Wie Edelgase sind sie weit davon entfernt, sich zu mischen und miteinander zu reagieren.
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Das gemeinsame Weltbild bezog sich auf die religiöse Bubble, die Wissenschaft und Technik diametral entgegensteht. Jeder Versuch in einer späteren Lebensphase, beides miteinander zu vermischen, musste scheitern.
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Die Lust und Laune machende Zusammenarbeit mit viel Flow fand in einem kommerziellen Kontext statt, der uns gewissermaßen „künstlich“ zusammengeführt hat. Dabei waren wir befasst mit einem Thema (Online-Shop), das uns allen vermutlich nur sehr wenig bedeutet hat.
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Die internationale WG-Situation mit produktiven Ausbrüchen kam nur dadurch zustande, dass Menschen unterschiedlichsten nationalen und biografischen Hintergrunds in einer Großstadt zusammengekommen sind. Jedem war klar, dass es um eine kurze, wilde Phase in unser aller Leben geht.
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In die intellektuell elektrisierende Situation meiner semantischen Netze habe ich mich relativ isoliert während des Studiums gebracht. Mit der Diplomarbeit hat’s noch im Alleingang geklappt, aber nach dem Wechsel nach Berlin zur Promotion war dann schnell zu merken, dass alleine ohne Aussicht auf Mitstreiter und finanzielle Förderung der Leerlauf droht.
Kondensationskeime
Etwas fehlt also noch, um eine Reaktion zu ermöglichen… Hm, wie wäre es mit Kondensationskeimen in einer Glasröhre, an denen sich die auskühlenden Gase zu kleinen Tropfen zusammenfinden! Während die Tropfen größer werden, vergrößern sie wie eine Lupe auch die Keime, um die herum sie wachsen. In den Tropfen sehe ich fremde Welten, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen! Galaxien, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat! Gemeinsames Weltbild, Profis, die engagiert und vertrauensvoll zusammenarbeiten, Menschen, die gemeinsam wohnen, feiern und arbeiten, und jede Menge faszinierender Themen, die einen um den Schlaf bringen können… Star Trek!
Schon früh haben die unzähligen Geschichten aus dem Star Trek Universum diese vier Gedankenfragmente zusammengeführt und gezeigt, dass das alles zusammenpasst. Es passt nicht nur, es gehört sogar zusammen! Man sollte vielleicht daraus nicht nur inspirierende Geschichten für eine ferne Zukunft spinnen, sondern sich vielmehr fragen, was eigentlich genau im Wege steht, diese Art des Lebens und Zusammenarbeitens schon heute Realität werden zu lassen! Es braucht gar keine Raumschiffe und keinen Warp-Antrieb dafür. Im Gegenteil! Vielleicht ist das Zusammenwirken von Menschen unter dieser Prämisse genau der schnellste Weg, um zu fremden Sternen (und einer Menge anderer Ziele) zu gelangen!
Jetzt wüsste ich nur gern, in welchem Café am Ende der Welt ich Herrn Strelecky übers Knie legen kann, denn so wie es aussieht, braucht mein Museum einen sehr großen Saal für die Dauer-Ausstellung: „Wie ich neben mehr oder weniger dröger Arbeit und der besten Ehefrau von allen mein Leben damit verbrachte, mir eine alternative Realität herbeizuspinnen, von der mehr als fragwürdig ist, ob sie realistisch ist und jemals kommt.“ Danke für nichts, Herr Strelecky!
