Raus!

; Archiv2(B)094 Rural extended family, 1910s, presumably on the enclosed porch with electric light and surface-mounted electrical wiring; image vividly colorized by Google Gemini.; By: Hans-Michael Tappen; Copyright: Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Generic; Source: Flickr

Erstellt am 20. September 2025 um 20:01 Uhr

Denken wir kurz an die Ausgangsmetapher zurück:

Wir befanden uns in einem engen, stickigen Raum, dicht gedrängt mit ein paar Freunden und anderen Menschen. Trotz aller scheinbaren Stabilität in der Außenbetrachtung war in uns gar nichts stabil. „Raus, ich muss raus hier!“ Wider alle Konvention hatten wir uns den Weg an die frische Luft gebahnt, um durchzuatmen, nicht ohne kurze Zeit später eine gewisse Beunruhigung zu verspüren und nach Wegen zu suchen, diese Befürchtungen zu zerstreuen.

Die gute Nachricht ist: Wir haben uns aus der Knute des Familien-Clans und der Großfamilie befreit. Unsere Wohnungen schrumpfen und unsere Haushalte werden immer kleiner und kompakter. Kein Wunder! Wir alle streben danach, unsere persönliche Freiheit zu maximieren, während wir Konflikte, lästige Kompromisse und jegliche Form von Hierarchie nach Möglichkeit umschiffen wollen.

Während wir also in unseren minimierten Festungen hocken und genüsslich unsere Autonomie feiern, schleicht sich eine unbequeme Frage durch die Hintertür: Werden wir irgendwann – vielleicht schon bald, vielleicht erst im Alter – der Einsamkeit verfallen? Schlägt die schöne Ruhe allmählich in Beziehungslosigkeit um? Verlieren wir gar die Fähigkeit, mit anderen Menschen umzugehen, Kompromisse zu schließen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen?

Studien zu Einsamkeit:

Der Einsamkeit entfliehen – aber wohin?

Es muss doch eine Alternative dazu geben, dass ganze Bevölkerungsgruppen vereinsamen oder gar zu Hikikomori mutieren! Aber wie und wohin ausbrechen aus diesem System, in dem wir uns mehr und mehr in komfortablen Schubladen isolieren und den anstrengenden Kompromiss, das soziale Arrangement durch aalglatte Dienstleistung ersetzen?

Was geht uns verloren, indem wir in der Wohn-Schublade verharren? Was könnten wir gewinnen, wenn wir Trennwand um Trennwand herausnähmen? Gerade introvertierte Menschen sind ja versucht zu rufen: „Gar nichts!“

Law and Order und die Ruhe im Auge des Sturms

Kommen wir deshalb zuerst zum Grund, warum nicht wenige aus einem Wohn-Arrangement mit anderen fliehen, sobald sie die finanziellen Möglichkeiten haben: Wenn die Bereiche „Privat vs. Öffentlich“, „Lautstärke“, sowie „Ordnung und Hygiene“ betroffen sind, ist schnell die Schmerzgrenze erreicht, mit anderen zusammenleben zu wollen. Deshalb braucht es für diese Aspekte dringend ein schonungsloses möglichst realitätsnahes Verfahren zum Ermitteln der „Passung“, des „Fits“, bereits beim Bewerbungsgespräch. Vielleicht lassen sich auch gleich Probezeiten und Sanktionsmechanismen thematisieren. Gemäß der Ankündigung sollte es diese dann natürlich auch geben, damit die anderen Bewohner den zeitnahen Auszug eines Störenfrieds friedlich herbeiführen können, ohne dass die WG in ein Langzeit-Drama gestürzt wird. In jedem Fall braucht es die Bereitschaft, über Grenzen der Freiheit zu reden und kommunikative oder psycho-soziale Probleme anzugehen, statt sich zurückzuziehen.

Das vorausgeschickt, gibt es aber vielleicht ein Missverständnis: Gerade, weil man mit anderen Menschen zusammenlebt, muss das ja keinen Dauer-Kontakt bedeuten. Entsprechend sind Rückzugsecken und Rückzugsräume umso wichtiger, vielleicht sogar solche im sozialen „Halbschatten“, wo man wie im Café zwar etwas vom Leben mitbekommt, sich selbst aber nicht in dessen Mittelpunkt befindet.

Raus aus der Lethargie

Sobald mehrere Menschen unter einem Dach leben, entsteht wie von Zauberhand Motivation für die verschiedensten Projekte: Plötzlich schrauben manche gemeinsam Möbel zusammen, legen ein Hochbeet im Hinterhof an oder organisieren eine epische Entrümpelungsaktion mit gemietetem Transporter. Eine geteilte Vision fürs Zusammenleben und Gemeinsamkeiten wirken dabei wie ein Turbo-Boost – sei es bezüglich der Wohndauer, des Einrichtungsstils oder gemeinsamer Interessen wie Nachhaltigkeit, Technikbegeisterung oder die Liebe zu antiquarischen Schätzen. Je größer die Schnittmengen in der Lebensperspektive ausfallen, desto seltener und zahmer gestalten sich potenzielle Konflikte.

Willkommen auf dem sozialen Trainingsparcours!

Schon beim Zusammenleben zu zweit ist einem schnell bewusst, dass es ohne Übung der sozialen Muskeln nicht geht. „Soziale Validierung“ heißt das psychologische Zauberwort. Nur im Spiegel anderer Menschen können wir überprüfen, ob unser Verhalten angemessen ist und wertvolle Rückmeldungen erhalten. Umso wichtiger, dass alle Beteiligten wohlwollend miteinander umgehen und bereit sind, aufeinander zuzugehen. Und falls es – wie so leicht möglich – doch mal kracht? Dann können hoffentlich gemeinsame Freunde helfen, die die Rolle de Hobby-WG-Psycholog:in einnehmen können.

Die Synergie der Talente

In einer Gemeinschaft ergänzen sich Stärken und Schwächen wie Puzzleteile: Der eine zaubert in der Küche, die andere jongliert mit Zahlen für die WG-Buchhaltung, ein Dritter repariert alles mit zwei Schrauben und Klebeband. Ältere können auf die Kinder der Jüngeren aufpassen, während die Jüngeren bei Pflegebedürfnissen unter die Arme greifen. Dieses „Tit for tat“ eröffnet viele Chancen und macht schwierige Situationen leichter erträglich – nicht zuletzt mit Blick auf das Älterwerden und gesellschaftliche Krisen.
Eine Überlegung am Rande: Vielleicht sind ja das „Tit for Tat“ und die kontrollierenden Blicke des Nachbarn auf dem traditionellen Dorf genau deshalb so unangenehm, weil es eben doch sehr wenige Gemeinsamkeiten gibt und nicht all zu viele Werte geteilt werden? Und schon sind wir wieder bei der Einsicht, dass Zusammenleben sehr schwierig ist, wenn Zufall, Geldbeutel und freie Grundstücke darüber entscheiden, wen man zum Nachbarn hat.

Vier Hochzeiten, ein Todesfall und der Weltuntergang

Wer bis ins hohe Alter in einer gut funktionierenden WG lebt, entgeht dem Schicksal der Einsamkeit und Hilflosigkeit. Selbst die ambulante Pflege wird effizienter, wenn mehrere Klienten unter einem Dach wohnen. Und falls die Apokalypse eintritt: In einer größeren Wohngemeinschaft lassen sich Wasservorräte, Dosenravioli und (im Normalfall anders genutzte) unterirdische Schutzräume deutlich besser organisieren! Zudem ist man umgeben von Hochzeiten und Trauerfällen, Glücksmomenten, Neubegegnungen und Verlusten – und entwickelt so eine robuste Resilienz gegenüber allen Lebenslagen.

Apropos, da wir es gerade schon vom „Weltuntergang“ hatten: Die Studie „Building resilience to lessen climate trauma“ von Jyoti Mishra, PhD, MBA, co-director of the University of California Climate Resilience Initiative (2025) unterstreicht, welche wichtige Funktion lebendige Gemeinschaften dabei erfüllen, mit den Traumata fertigzuwerden, die z. B. durch Katastrophen im Zuge des Klimawandels ausgelöst werden.

Mit der WG als Mini-Weltgesellschaft gegen den Verschwörungswahn

Nichts erweitert den Horizont so sehr wie eine bunte, internationale WG. Hier trainieren die Bewohner:innen täglich den Umgang mit unterschiedlichsten Standpunkten, Kulturen und Lebensweisen. Der unvermeidliche Wechsel führt dazu, dass man jung bleibt – und dazu flexibel, neugierig und optimistisch.

Und noch etwas kann wiedergewonnen werden, je vielfältiger die Mitbewohner:innen sind, ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten und an „Sich aufeinander einlassen wollen“ vorausgesetzt, natürlich: Viele Verirrungen unserer Zeit – das Abdriften in Verschwörungstheorien, Radikalisierung, der Sog in Incel-Foren oder esoterische Rabbit-Holes – all das gedeiht vor allem in der Isolation. Wenn man allein vor dem flimmernden Bildschirm sitzt, während Algorithmen und Demagogen die Timeline bespielen. Umgeben von geschätzten und geliebten Menschen ist es deutlich schwieriger, solche extremen Ideologien und Haltungen aufrechtzuerhalten.

Die Küche als Seelenhafen

Je enger und harmonischer das Zusammenleben, desto stärker das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Nichts wirkt heilsamer als eine Küche, in der fast immer jemand für eine Tasse Kaffee oder einen Plausch zu haben ist. Dieses Nest-Gefühl ist Gold wert, besonders wenn es um psychische Gesundheit geht. Bei emotionalen Problemen verzögert Rückzug nur das Unvermeidliche – echte Heilung findet meist nur in befriedigender sozialer Interaktion statt.

Von der WG zum Wohnprojekt

Spätestens wenn es um ganze Familien geht, müssen wir größer denken: Häuser statt Wohnungen! Wenn mehrere Menschen ihre Ressourcen bündeln – etwa in einer Baugenossenschaft – werden plötzlich Synergien möglich, die auch Menschen mit kleinerem Geldbeutel Zugang zu hochwertigen Wohnformen verschaffen. Man muss kein Fan der Pariser Salons der Wende zum 20.Jahrhundert sein, um die Vorteile der Haussmann-Architektur zu schätzen: Der elegante Übergang von „halb öffentlich“ zu „sehr intim“ innerhalb der eigenen vier Wände – von einladenden Eingangsgalerien und Gemeinschaftsräumen bis zu streng abgetrennten Privatbereichen. Im Gegensatz dazu steht der Besucher im prekären Sozialbau oft schon an der Tür mitten im „Allerheiligsten“. Kein Wunder, dass die Hemmschwelle steigt, überhaupt jemanden einzuladen.

Wie sich in gemeinsamer Kraftanstrengung ganze Häuser erschließen lassen, zeigen eindrucksvoll die Projekte des Mietshäuser-Syndikats. Aber auch hier gilt wieder: Je mehr Menschen zusammenwohnen, desto wichtiger werden Abstimmungsprozesse und gemeinsame Aktionen. Das Collegium Academicum in Heidelberg liefert hierfür inspirierende Beispiele.

Vom Wohnprojekt zum Dorf2.0

„Die Hölle, das sind die anderen!“, wie schon Jean-Paul Sartre in seinem Werk „Geschlossene Gesellschaft“ bemerkt. Es fehlt nicht viel dazu, das Zusammenleben mit anderen als Hölle zu empfinden, eben weil sie einen ständig beobachten, beurteilen und in eine bestimmte Rolle drängen, aus der man sich nicht befreien kann. Deshalb halt! Schluss mit Wolkenkuckucksheim und Schönfärberei! Es fehlen wichtige Aspekte!

Stellen wir uns einen einfachen Fragebogen vor:

  • Würden Sie lieber eine große teure Luxusküche mit 10 sehr vertrauten Personen (die aber nicht Familie sind) teilen oder lieber einen billigen Herd exclusiv besitzen?
  • Würden Sie lieber ein Tasten- oder Streich-Instrument mit 10 sehr vertrauten Personen (die aber nicht Familie sind) teilen oder lieber eine billige Variante exclusiv besitzen?
  • Würden Sie lieber ein luxuriöses Badezimmer mit 10 sehr vertrauten Personen (die aber nicht Familie sind) teilen oder lieber eine billige Variante exclusiv besitzen?

Machen wir uns keine Illusionen: Viele werden sich im Zweifel für die letztere Variante entscheiden. Man sieht einfach schon den nur notdürftig aufgeräumten Küchen-Arbeitsplatz oder den aktuell blockierten Herd vor sich, man riecht die aufdringlichen Spuren der Handcreme auf dem Fitness-Gerät und man zuckt zusammen wenn man sich vorstellt, wie die andere Person die Geige malträtiert, ohne sich dessen bewusst zu sein. Man ahnt die Ressentiments voraus, die man beginnt, gegenüber anderen zu hegen, man spürt die Sorge bereits, ob man sich wohl selbst korrekt verhält und man ahnt die Erschöpfung beim Gedanken daran, dass heute in der Besprechung bestimmt schon wieder das Thema sein wird, dass der Dirk immer sein Zeug nur ins Waschbecken stellt und die Irina immer ihre Haare im Siebeinsatz vergisst!

Der Punkt ist: Dörfer2.0 müssen smart sein. Sie dürfen nicht die Augen verschließen vor all diesen Kleinigkeiten, sie müssen Lösungen dafür finden, am besten schon im Vorfeld. Erst wenn für alle die Vorzüge die Nachteile deutlich überwiegen, lässt sich guten Gewissens für sozialere Wohnformen werben.

Vorbeugen (d. h. Konflikte schon im Vorfeld vermeiden)

Gemeinsame Werte und Vorstellungen, Zwiebelschichten und bewusste Teilung

Betrachtet man das Konfliktstile-Chart nach K.W. Thomas & R.H. Kilmann, dann fällt auf, dass die für beide Parteien lukrativen Seiten in der Mitte (Kompromiss) und vor allem rechts oben (Kollaborieren) liegen. Was das Chart nicht direkt ausdrückt ist, das genau diese Bereiche hinsichtlich der Zusammenarbeit eine sehr hohe Korrelation dazu hat, wie ähnlich die Sichtweisen, Werte und Methodologien beider Parteien sind. Nur wenn diese eng beieinanderliegen, sind Kompromisse nicht allzu schmerzhaft und im besten Fall sind ein produktiver Wettstreit der Ideen und ein Wettbewerb um den effektivsten Ansatz möglich.
Umso wichtiger ist es, immer zuerst diese Sach- und Werte-Ebene aus der Sicht des anderen kennenzulernen, die Prioritäten und Ziele auf den Tisch zu legen und im besten Fall schonungslos zu ermitteln, in welchen Bereichen man zusammenkommt und wo es nur auf ein „agree to disagree“ hinauslaufen kann.

Anschaffung teurer Gegenstände

Für jeden teureren Gegenstand sollte es konkrete Sponsoren geben, von denen ein großer (ggf. fiktiver) Teil der Finanzierung kommt und die Gebrauchsregeln definieren oder zusammen mit dem Gegenstand eine Möglichkeit schaffen, ihn wegzusperren, so dass nur geschulte oder vertraute Personen Zugang bekommen. Dabei muss

  • es für alle prinzipiell möglich sein, den Gegenstand zu nutzen (ggf. Vorwissen, Skills, Vorerfahrung mit günstigeren Versionen, etc. vorausgesetzt)
  • sich der Zugang digital steuern lassen. Ggf. reicht es ja auch aus, wenn das Labor, das Musikzimmer, etc. insgesamt absperrbar sind.
  • es möglich sein, niedrigschwellig eine kleine (fiktive) Gebühr für die Nutzung zu verbuchen. Diese Gebühren können in einen Puffer fließen, aus dem z. B. Reparaturen, Ersetzungen oder weitere Geräte bei hoher Nachfrage finanziert werden können. Mit fortschreitender Technik wird dieser Punkt immer einfacher: anfangs hätte man noch ein Handy oder ein Wearable ranhalten müssen. Mit KI-Kamera-Auswertung (ohne dass dabei ein richtiges Bild aufgezeichnet werden muss) wäre dafür nur die initiale Einwilligung nötig.

Das Ziel ist es zu vermeiden, dass Gegenstände viel zu schnell verlottern und sich abnützen und sich eine Art kollektive Vernachlässigung ausbreitet, ein Gefühl von „eh wurscht!“ Zudem führt die zahlreiche Nutzung dazu, dass die Mittel vorhanden sind, um die Ausstattung zu verbessern. Zudem könnte es fast wie Gamification wirken, wenn ich erst bestimmte Skills entwickelt oder Dinge gelernt oder verinnerlicht haben muss, um etwas, das ich wirklich gerne ausprobieren und nutzen will, auch tatsächlich nutzen zu dürfen.

Hinterfragen von Sprüchen wie „Es kann doch nicht so schwer sein“

Bevor man sich mit solchen oder ähnlichen Sprüchen über den Verfall der Sitten und die Verweichlichung der Jugend aufregt, wäre es vielleicht schlauer zu überlegen, ob es nicht vielleicht tatsächlich realisierbare technisch-organisatorische Lösungen gibt, die man in Angriff nehmen könnte:

  • Niemand bringt den Müll runter? Deutlich leichter ist es, wenn der Schritt zweigeteilt wird: ist er voll, wird der Sack an die Tür gestellt und geht jemand ohnehin runter, nimmt er den Sack gleich mit.
  • Wenn Geschirr immer wieder auf der Arbeitsplatte abgelegt wird, statt es direkt in die Spülmaschine zu stellen, dann hilft es vielleicht, wenn man den kompletten Gitter-Einsatz zur Bestückung auf die Ablage stellt.
  • Gibt es ein Möbel-Arrangement, das gleichermaßen bequem ist und gleichzeitig dem Staubsauger-Roboter ermöglicht, überall hinzukommen?
  • Gibt es Möbel, die gleichermaßen bequem wie pflegeleicht sind? (robust gegenüber Flüssigkeiten und Schmutz, etc.)

Bei manchen Lösungen wie dem weiter unten diskutierten Schwarzen Brett entsteht aus dem Hobby-Projekt vielleicht sogar eine Geschäftsidee!

Social Facilitators

Es macht einen irrsinnig großen Unterschied, ob mich ein technisches Gerät auf ein Verschulden von mir aufmerksam macht, ob dies durch einen Fremden geschieht (oder jemanden, dessen Job das nun mal ist) oder ob es eine gut bekannte Person aus persönlicher Betroffenheit heraus tut. Sobald geliebte geschätzte Menschen uns kritisieren, ist es deutlich schwieriger, die Emotionen im Zaum zu halten und die Kritik ruhig anzunehmen. Entsprechend sollten wir versuchen, diese Art von Konflikten möglichst gut abzupuffern. Aber wie? Nennen wir diesen Job auf Zeit „Social Facilitators“:

Stellen wir uns vor, wir haben eine Person, die vielleicht die Sprache noch nicht so gut spricht, die z. B. zur Anerkennung von Zeugnissen Hilfe bei den Behörden benötigt oder nach Möglichkeiten sucht, sich einem erwünschten Berufsbild anzunähern, das im Dorf2.0 existiert. Der Deal ist: während Du uns hilfst, Konflikte gering und den Laden am Laufen zu halten, reparierst, aushilfst und ein paar Reinigungsschichten übernimmst, arbeiten wir mit Dir parallel dazu eine Liste mit den Todos ab, die auf Deiner Liste stehen. Dazu kommt natürlich die Anwärterschaft auf eine Dorf-Mitgliedschaft, samt Zimmer.

Wichtig ist, dass „Social Facilitators“

  • von allen wie die Retter der Sozialgemeinschaft, statt wie Diener oder Putz-Personal behandelt werden. Menschen, die das nicht vermögen und sich abschätzig verhalten, haben in einem Dorf2.0 nichts verloren.
  • nicht nur das Malheur beseitigen, sondern das Problem bei Bedarf auch adressieren, Kontakt suchen oder sich sogar um Lösungen bemühen, die das Problem künftig verhindern
  • nicht in dieser Tätigkeit gefangen sind. Mit dem Erreichen ihrer wichtigsten Ziele können sie dann wie alle anderen auch im Dorf produktiv mitwirken und eine neue Person kann ihren Platz einnehmen.

Anonym auf Verstöße aufmerksam machen

Nicht zuletzt für technik-affine Dörfer2.0 bietet vielleicht auch die KI, insbesondere Tools zur Muster-Erkennung die Möglichkeit, frühzeitig Verursacher auf Probleme aufmerksam zu machen und damit auf eine Beseitigung hinzuwirken, noch bevor ein Konflikt daraus entstehen kann. Ein paar Szenarien, die sich relativ einfach bild- und tontechnisch feststellen lassen dürften:

  • Ob die Küchenzeile aufgeräumt ist oder nicht
  • Ob der Abfluss in der Dusche frei und die Dusch-Tür abgezogen ist
  • Ob der Müllbeutel an der Tür beim Verlassen der Wohnung mitgenommen wurde
  • Wer zur Schlafenszeit auf dem Balkon viel zu laut geredet hat

Nur ist die Frage: wie macht man das, ohne dass man sich wie in einem Überwachungsstaat fühlt?

  • Die Kamera und das neuronale Netz zur Auswertung müssen direkt miteinander gekoppelt sein, sodass die Bild-Information technisch zugesichert nie im externen Zugriff ist, sondern lediglich der sich daraus ergebende Datensatz. D. h. man hat eine Kamera samt On-Board-aufgespielter Auswertungssoftware, die nie irgendwelche Filme und Bilder verschickt (und das bzgl. der Schnittstellen gar nicht kann), sondern lediglich in der Lage ist zu funken: „Abfluss verstopft“ vs. „Abfluss frei“.
  • Die Kopplung mit Personen-Daten (d. h. potenziellen Verursacher-Daten) sollte nie im gleichen System stattfinden (falls überhaupt) und nur z. B. im Auftrag einer Bewohner-Versammlung konsultiert werden.
  • Im Mittelpunkt muss immer die Konfliktlösung und die Verbesserung der Abläufe zum zukünftigen Reduzieren von Konflikten stehen, nicht das Finden eines Schuldigen.

Effekt am Rande: das gleiche System könnte ggf. auch als Alarmanlage oder für anonoymisierte Sozialstudien genutzt werden, indem das Netzwerk zusätzliche Muster beigebracht bekommt.

Kultur der Anerkennung

Eine weitere insgesamt beruhigende und gegensteuernde Maßnahme besteht darin, gezielt eine Kultur der Anerkennung zu fördern. Das positive Gefühl, für seine Mithilfe oder seine Rücksichtnahme geschätzt zu werden, kann negative Spannungen ausgleichen und sogar ein positives Gegengewicht schaffen. Der Startpunkt könnte eine großes digitales LED-Schwarzes-Brett sein, das z. B. über Handys und PCs mit Inhalten bespielt werden kann. Ein Bereich könnte insbesondere für anonyme Nachrichten reserviert sein. Dort könnten sich nicht nur Kindsköpfe austoben, sondern es bietet die Chance mit gutem Beispiel voranzugehen und guerillia-artig Mitbewohnern regelmäßig Danksagungen, etc. zu hinterlassen: „Danke, dass Du mir neulich geholfen hast, das Chaos in der Küche zu beseitigen, Daniel!“. Damit umgeht man den Reaktanz-induzierenden pädagogischen Zeigefinger („seid einander freundlich, dankbar und anerkennend gesinnt!“) und man bietet zeitgleich ein soziales Ventil, um bei Bedarf auch aufrührerischen oder sarkastischen Äußerungen gegenüber Raum zu bieten.
Das Ziel ist also nicht, Konflikte vollständig zu eliminieren. Das wäre mehr als kontraproduktiv. Das Ziel ist ein sozialer Rahmen, in dem sie als normale, lösbare Teile des Zusammenlebens gesehen werden und nicht als Bedrohung für persönliche Beziehungen. Zudem erleichtert man es gezielt, dass Unmut schnell an die Oberfläche kommen kann, um dann konstruktiv gelöst zu werden.

Mit Konflikten tatsächlich umgehen

Psychologische Basics

Sicher, es mangelt nicht an Coaches, die behaupten, gut mit Konflikten umgehen zu können und die beliebig teure Trainings dafür anbieten. Aber schon bei der Forschung nach Konflikt-Theorien wird es relativ schnell dünn. Dazu kommt die Erfahrung, dass beides problematisch sein kann: zu viele und zu wenige Worte! Hollywood versorgt uns dann noch mit dem Mythos einer Katharsis-Theorie, dass man sich gegenseitig nur ein paar rechte Haken verpassen und sich im Dreck wälzen muss, um fast schon psychoanalytisch im Schnellgang lange schwelende Zwistigkeiten zu lösen. Schließlich bringt uns Schulz van Thun noch bei, dass die Frage, was da „Grünes in der Suppe“ ist, eben nicht trivial ist und von Watzlawick lernen wir, dass wir gar nicht „nicht kommunizieren“ können. Was aber fehlt ist eine Systematik:

  • Welche Persönlichkeitstypen treffen aufeinander und wie gehen sie mit den unterschiedlichen Persönlichkeitsausprägungen um?
  • Welcher Kontext und welche dritten Personen beeinflussen den Konflikt und lassen den Personen ggf. wenig Handlungsspielraum (kognitive Dissonanz)?
  • Wo ist die Sachebene betroffen und wo gehen Teile des Konflikts bereits auf eine persönliche Ebene über?
  • Was sind die viszeralen Anteile, d. h. die Bereiche, wo bereits ein Wort, eine Miene oder eine Geste zu einem „dicken Hals“ beim anderen führt?
  • Welches Verhalten würde zu Überraschungen und zum Aufbrechen erwarteter Verhaltensmuster führen?
  • In Abhängigkeit all dieser Faktoren: wie und in welchem Rahmen und in welcher Reihenfolge können und sollten die sachlichen und persönlichen Probleme gelöst werden?

Haben wir in dieser Komplexität schon etwas außer irgendwelche viel zu einfachen Kochrezepte? Oder müssten wir so eine Disziplin vielleicht erst ins Leben rufen, bevor wir soziale Abenteuer ohne ein hierarchisches „solange Du Deine Füße unter meinen Tisch steckst“ wagen? In jedem Fall werden Dörfer2.0 ganz selbstverständlich Mediatoren brauchen, die dafür sorgen, dass der soziale Friede gewahrt bleibt und alle darauf fokussiert bleiben, harmonisch und produktiv zu bleiben, statt sich im sozialen Klein-Klein selbst zu zerlegen.

Abstrakte und konkrete Regelwerke

Was in der WG schon wichtig war, hat im größeren Maßstab eines Dorfes2.0 natürlich eine mindestens genauso große Bedeutung. Mit dem Manifest haben wir bereits einen relativ abstrakten Werte-Rahmen abgesteckt. Die Frage ist, ob es für jedes Dorf nicht noch einen konkreteren Werte-Rahmen braucht, der diese Basis-Regeln anerkennt, aber noch mehr in die Details geht, um den skizzierten Konflikten vonvorneherein aus dem Weg zu gehen.

Wie liberal ist das Dorf2.0 gegenüber

  • Alkohol und anderen Drogen (gar nicht, nur gelegentlich, wird auch Exzess toleriert?)
  • Unordnung (von übertriebener Reinlichkeit bis zum Tolerieren von Unordnung, Defekten und Staub)
  • Haustieren (sind Hunde und/oder Katzen erlaubt? Dürfen sie z. B. auf Sofas springen?)
  • einer carnivoren Lebensweise (darf Fleisch gegessen werden – oder zumindest tierische Produkte wie Eier?)
  • Zurschaustellung von Wohlstand (sind kollektive oder individuelle Statussymbole erlaubt?)
  • Lärm und Interaktion (ist es ein eher intro- oder extravertiertes Dorf? Wird oft gefeiert?)
  • Konservativ vs. progressiv (ggf. sind in Dörfern 2.0 sogar Konflikte entlang dieser Demarkationslinie möglich)

Wenn solche Besonderheiten abgesteckt sind, steht es mir als Bewohner, dem es zu unordentlich ist, offen, ob ich lieber z.B. die eine oder andere Unordnung akzeptiere und dafür bei den mir bereits vertrauten Menschen bleibe oder ob mir der Punkt so wichtig ist, dass ich das Dorf zugunsten eines anderen verlasse – vielleicht nur auf Zeit, um dann reumütig wieder zurückzukehren. In jedem Fall kommt so niemand auf die Idee, mit seinen eigenen Unpässlichkeiten alle anderen ändern zu wollen.

Aber genug jetzt vom Wohnen! Wir hatten ja bereits wiederholt das Thema „Gemeinsamkeiten“ und „gemeinsame Werte“ besprochen. Wenn diese schon für das bloße Zusammenleben wichtig sind, wie wichtig sind sie erst für den produktiven Teil unseres Lebens! Entsprechend geht es gleich weiter mit den Befreiungsschlägen, die uns bei der Arbeit erwarten.

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