A life separated in drawers

Raus!

A life separated in drawers; Visualisation of separate aspects of our life being separated like in drawers: one drawer for work, one for sports, one for the hobby, ...; By: Own image; Copyright: Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.; Source: Image created with DALL-E3

Erstellt am 21. September 2025 um 22:01 Uhr

Denken wir kurz an die Ausgangsmetapher zurück:

Wir befanden uns in einem engen, stickigen Raum, dicht gedrängt mit ein paar Freunden und anderen Menschen. Trotz aller scheinbaren Stabilität in der Außenbetrachtung war in uns gar nichts stabil. „Raus, ich muss raus hier!“ Wider alle Konvention hatten wir uns den Weg an die frische Luft gebahnt, um durchzuatmen, nicht ohne kurze Zeit später eine gewisse Beunruhigung zu verspüren und nach Wegen zu suchen, diese Befürchtungen zu zerstreuen.

Freiheit durch Kommerz und Dienstleistung: Der Ausbruch aus dem dörflichen „Tit for tat“

Dorf ist anstrengend. Das haben wir schon im Artikel über den Übergang von traditionellen Dörfern zu Dörfern2.0 ausgiebig beleuchtet. Alle beobachten, alle tratschen. Jeder Gefallen zieht unweigerlich einen Gegengefallen nach sich – selbst wenn sich die kiloweise geschenkten Pflaumen der Nachbarin eher als Belastung denn als Freude erweisen. Obendrein verlangt das Dorfleben ein sorgsam gepflegtes Netz aus Kontakten, denn wer weiß schon, wann man wen braucht? Verpflichtungen, Kompromisse, soziale Kontrolle und Unfreiheit – wo ist bloß der Notausgang?

Zum Glück wurden Dienstleistungen und Supermärkte erfunden! Plötzlich wird alles herrlich unkompliziert. Eingekauft wird im Mega-Markt auf der grünen Wiese oder in der Stadt. Apps, Automaten und Selbstbedienungskassen ersetzen menschliche Angestellte. Ehrlich gesagt: Wer vermisst schon den mitleidigen Blick der Bankangestellten, wenn der Automat diskret den kläglichen Kontostand anzeigt, ohne lästige Fragen zu stellen? Eben waren wir noch eine große Dorfgemeinschaft, die aufeinander angewiesen war – und schwups, können wir uns in unsere Höhlen zurückziehen. Das Ergebnis: Eine auf Effizienz und Abwaschbarkeit getrimmte Schubladen-Gesellschaft, in der wir in unseren sorgsam abgetrennten Segmenten leben. Sogar das Zwischenmenschliche und Tragische haben wir „ausgelagert“ – vom Altenheim über die Sozialarbeiter:in bis zur Sanitäter:in. Für das perfekte isolierte Dorf-Idyll fehlt nur noch die mannshohe blickdichte Hecke. Fertig!

Doch dann folgt die Ernüchterung: Die letzten Dorfläden schließen, das Gasthaus macht mangels Nachfolger dicht, in Gesangs- und Sportvereinen schwinden die Mitglieder, und Nachbarn streiten bis vor Gericht, ob Ziegenhaltung in Wohngebietsnähe wirklich zumutbar ist. Die entscheidende Frage bleibt: Welche Art von Dorf wollen wir eigentlich? Das alte mit seinen vielfältigen Zwängen und unvermeidlichen Indiskretionen? Das neue, scheinbar perfekt isolierte Schubladen-Dorf? Oder brauchen wir etwas grundlegend anderes – einen dritten Weg jenseits dieser Extreme?

Segmentierung bis ins Private: Eine Schubladen-Gesellschaft

Die Kapselung, die mannshohen Hecken und das Stromlinienförmige setzen sich im Privaten nahtlos fort. Mit den Ex-Kollegen treffen wir uns montags, mit den aktuellen Arbeitskameraden donnerstags zum Feierabendbier. Mittwoch ist Chor, Dienstag Elternabend – wobei die Kontakte mit anderen Schuleltern ihre ganz eigene Hölle darstellen, komplett mit nie verstummendem Gruppen-Chat. Und selbst wenn wir Freunde treffen, verkommt das Ganze oft zum reinen Status-Update, einem gegenseitigen Vermessen, frei nach dem Motto ”Reich mir mal den Rettich rüber!“.

Überall lauern sie – die Schubladen: Familien-Schubladen, Job-Schubladen, Bildungsschubladen, sogar Urlaubsschubladen. „Schatz, schau mal, da liegt jemand!“ – „Mäuschen, komm, wir sind doch im Urlaub!“

Natürlich darf die Work-Life-Balance nicht zu kurz kommen! Weil die akademische Schreibtisch-Schublade etwas bewegungsarm daherkommt, erschaffen wir die Fitness-Studio-Dienstleistungsschublade. Und weil der Alltag so weit entfernt ist von den Grenzen der Naturwissenschaft, lösen die Rastlosen unter uns ein paar Geometrie- und Astronomie-Probleme auf der Handy-App. Hauptsache, alles bleibt schön in seiner Schublade!

Was aber, wenn wir dieses System durchbrechen? Lassen wir unsere Gedanken frei schweifen und bringen etwas Unordnung in die wohlsortierte Welt. Was geschieht, wenn die Schubladen ineinanderfließen und sich ihre Inhalte vermischen? Schon bei nur vierzehn Schubladen-Kategorien (Zeilen und abgekürzte Spalten der Tabelle) ergeben sich ((14*14)-14)/2=91 Pärchen mit jeweils zwei „Lesarten“ – ein Universum an Möglichkeiten jenseits der Isolation.

  • Nur die untere Hälfte der Tabelle ist befüllt, da sich sonst oben alles aus der anderen Perspektive wiederholen würde.
  • Auf der Diagonale trifft jede Kategorie auf sich selbst – die Reinform der isolierten Schublade.
  • Eine weiße Flagge (⚐) markiert Kategorien, die (entgegen meiner These) bereits häufig verbunden werden.
  • Eine schwarze Flagge (⚑) kennzeichnet Kombinationen, die kaum Sinn ergeben.

Da viele dieser Kombinationen die heutigen „Institutionen“ – Staat, Privatwirtschaft, Individuen bzw. Familien und Verwaltungsbezirke – überfordern würden, führt der Gedankengang immer wieder zum Dorf2.0 als alternative Organisationsform. Diese soziale Entität von maximal 200-250 Menschen, geeint durch eine gemeinsame Weltanschauung und ein verbindendes Anliegen mittlerer Abstraktion (z. B. „Wald fördern und nachhaltig mit Holz arbeiten“), versucht nicht nur zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten, sondern viele dieser getrennten Lebensbereiche wieder organisch zu verknüpfen.

Lassen Sie sich von den Verknüpfungen, die als klickbare Links in der Tabelle aufgeführt sind, auf eine manchmal lustige, manchmal überraschende und manchmal vielleicht sogar zum Stirnrunzeln einladende Fahrt mitnehmen. Viel Spaß!

Abt Wn Gsh Kd A/T Ulb Ktr Wft Bdg Gnt Ntr Spt Ptk Spl
Arbeit Das --- --- --- --- --- --- --- --- --- --- --- --- ---
Wohnen/
Leben


sind --- --- --- --- --- --- --- --- --- --- --- ---
Gesund-
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die --- --- --- --- --- --- --- --- --- --- ---
Kinder


Schub --- --- --- --- --- --- --- --- --- ---
Alter / Tod



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Kultur

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Bildung




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Gemein-
nützig-keit




Alles
fein
säu
--- --- --- ---
Natur


ber --- --- ---
Sport
lich --- ---
Politik


ge- ---
Spiel/
Hobby








trennt

Das HomeOffice als Maximum der Vereinzelung (Arbeiten beim Wohnen)

Ist es nicht genau so? Andererseits: Solange die Arbeit „nur ein lästiger Job zum Broterwerb“ bleibt, spielt es kaum eine Rolle, ob wir uns am Firmenschreibtisch oder im heimischen Arbeitszimmer vereinzeln. Vielleicht hilft das heimische Büro sogar dabei, uns vor Augen zu führen, was sich ändern müsste, damit wir die schützenden Burgmauern unserer Wohnung wieder freiwillig verlassen.

Jedenfalls: Sobald die Arbeit mehr den Charakter eines sinnhaften Berufs statt den eines „Jobs“ annimmt, lohnt sich auch die Überlegung, zu welchen Gelegenheiten das HomeOffice und zu welchen die Präsenz vor Ort für alle Beteiligten hilfreicher ist.

Und noch ein weiterer Aspekt: Grundsätzlich ergibt es doch Sinn, den Arbeitsort in einer Entfernung von einer Minute statt einer Stunde zu wählen. Insofern vereinzelt das HomeOffice nicht nur – es zeigt auch, dass in der Verbindung der „Wohnen“- und „Arbeit“-Schublade durchaus Vorteile schlummern.

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Der Sauna-Test (Wohnen bei der Arbeit)

Wohnen bei der Arbeit – klingt nach Ölbohrinsel oder Kreuzfahrtschiff: Zeitlich limitiert und anstrengend. Doch könnte das nicht bei entsprechender Infrastruktur und räumlicher Trennung ganz gut funktionieren? Direkt am Museum oder auf dem Klinik-Campus zu leben, in bzw. auf dem wir arbeiten?

Wenn wir mit Menschen gut und eng zusammenarbeiten können – wollen wir ihnen dann nicht potenziell auch in der Freizeit begegnen? Instinktiv antworten viele: „Nein, auf keinen Fall!“ Aber liegt das nicht vielleicht daran, wie Arbeit heute organisiert ist – und ob wir bei der Wahl unserer Kolleg:innen und Mitbewohner:innen ein Mitspracherecht oder gar ein Veto-Recht haben?

Machen wir den Sauna-Test: Logisch, dass niemand einer Gruppe von Fast-Wildfremden oder noch schlimmer: unliebsamen Zwangsbekannten in der Sauna begegnen möchte – und am allerwenigsten der cholerischen Chef:in! Letzteres gilt vermutlich auch umgekehrt. Aber was, wenn sichergestellt ist, dass alle Neuzugänge nicht nur bezüglich der Skills, sondern von der ganzen Art her gut ins Team passen? Und wenn dazu bestenfalls temporär wechselnde Chef:innen existieren, weil die meisten Beteiligten als Teilhaber im selben Boot sitzen und jemanden wählen, der in der aktuellen Situation am besten geeignet ist, für eine gewisse Zeit die Führung zu übernehmen – wäre es dann immer noch so unangenehm?

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Winkeladvokaten statt Lösungen (Gesundheit bei der Arbeit)

Es ist schon bizarr: Da arbeitet jemand für mich als Arbeitnehmer, und kaum gibt es einen Unfall, wühle ich als Unternehmer in Spitzfindigkeiten, warum diese Person strenggenommen gerade gar nicht gearbeitet hat. Durch die Aufsplittung in zwei Schubladen und zwei Zuständigkeiten werden Dinge künstlich getrennt. Das Sozialversicherungsrecht sieht hier etliche mehr oder minder bizarre Grenzverläufe vor.

Während es in einem modernen Firmen-Setting völlig normal ist, dass sich Anwälte mit einer längerfristigen Burnout-Krankschreibung beschäftigen (wurden alle Fristen für die Verlängerung der Krankmeldung eingehalten?), wären all diese Szenarien in einem integrativeren Ort wie einem Dorf 2.0 schon fast grotesk: Eine Mitstreiter:in hatte einen Unfall – klar müssen wir helfen! Eine Mitstreiter:in ist mit ihrer Beschäftigung so unzufrieden, dass der Burnout vor der Tür steht? Klar müssen wir zusammen herausfinden, in welcher Rolle sie sich wohler fühlen würde!

Mit diesem integrativen Dorfansatz werden dann plötzlich noch ganz andere Dinge ganz selbstverständlich, die heute oft lange gewerkschaftliche Kämpfe erfordern, zum Beispiel:

  • Überforderung und Stress reduzieren, wo immer möglich
  • Wählbare Steh-Arbeitsplätze
  • Ebenso leckeres wie gesundes Essen in der Kantine
  • Geschulte Kolleg:innen, die auf eine ungünstige Sitz-Haltung aufmerksam machen
  • Keine Sparmaßnahmen bei wichtigen Tools (wer eine Waschmaschine schon mal mit und ohne Hebe-Gurt getragen hat… )
  • Spaziergang-Meetings, wie bei den alten Philosophen in Athen

Vielleicht noch wichtiger sind die Dinge, die wir in einer dörflichen Mischung aus „zusammen leben und arbeiten“ weglassen könnten:

  • Das Ausfüllen von Formularbergen zur Verhinderung juristischer Konsequenzen, nur weil wir uns ein bereitgestelltes Pflaster nehmen, nachdem wir uns in den Finger geschnitten haben
  • Die groteske Regelungswut, besonders was Arbeits- und Arbeitsweg-Unfälle betrifft

Die Zugehörigkeit zu einem Dorf 2.0 und damit die Integration vieler Schubladen (Arbeit, Wohnen etc.) könnte genau die Lösung zur Beseitigung all dieser juristischen Komplexitäten sein: Das Dorf trägt Verantwortung für seine Bewohner und versichert sie – egal ob sie gerade wohnen oder arbeiten. Das Dorf regelt zudem die Kranken- und Unfallversicherung, unabhängig davon, ob jemand in der Dusche ausrutscht, auf dem Weg zu irgendeiner Aktivität ist oder arbeitet. Wäre das nicht ein großartiges Gefühl, wenn wir uns beruhigt um die „wichtigen Dinge“ kümmern könnten, statt zwangsweise zu halbseidenen Expert:innen in Versicherungs- und rechtlichen Fragen zu werden?

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„Komm mal vorbei, mit Deinen Werten stimmt was nicht!“ (Arbeiten, Leben/Wohnen und Gesundheit)

Was wäre, wenn beispielsweise eine Ärzt:in oder Pfleger:in so eingebettet in eine Gruppe von Menschen wäre, dass sie viele von ihnen als Bekannte oder Freunde gut kennt? Hier stehen wir wieder vor der Frage, inwiefern Dorf-Atmosphäre zum Segen oder Horror werden kann. Bei einem Dorf2.0, wie es hier immer wieder beschrieben wird, sähe das im Gegensatz zu den meisten traditionellen Dörfern folgendermaßen aus: Die Mediziner:in hätte sich bewusst für das eine oder andere Dorf entschieden, und alle, die nach ihr dazugekommen sind, hätten ihrer Zustimmung bedurft. Wird damit aus der Dystopie eine Utopie?

Würde es nicht einen wichtigen Unterschied machen, wenn jemand da wäre, der unsere Zipperlein kennt, der selbst viele Neuigkeiten im Medizin-Bereich mitbekommt und uns dann gegebenenfalls darauf ansprechen kann? Vielleicht beteiligt sich das Dorf2.0 sogar selbst an medizinischen Studien! In jedem Fall erscheint dies doch besser als ein Hausarzt, für den wir schlimmstenfalls nur lästige Kassenpatient:innen sind, die bestenfalls noch ein paar Extra-Kröten mit einer Igel-Leistung einbringen.

PS: Die allermeisten Hausärzt:innen leisten phantastische Arbeit für ihre Patient:innen. Allerdings drängt sich der Eindruck auf, dass sie das trotz statt wegen des Systems bewerkstelligen, innerhalb dessen sie „funktionieren“ müssen.

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Gut aufgehoben bei Profis (Arbeit => Leben/Wohnen)

Kommen Sie sich auch manchmal ausgeliefert vor? Oft müssen wir Entscheidungen in Bereichen treffen, in denen wir uns nicht wirklich gut auskennen: Medizin, Auto-Reparaturen, Hauskauf und vieles mehr. Klar, die andere Seite will unser Geld, aber will sie auch unser Bestes?

„Vitamin B“ hilft, aber je introvertierter wir sind, desto weniger Lust haben wir, einen ganzen Stab an guten Bekannten bei Laune zu halten, nur weil wir vielleicht doch irgendwann mal die Hilfe von jemandem brauchen.

Wäre es da nicht klasse, wenn es ein System wie das mittelalterlicher Klöster gäbe – nur möglichst ohne den religiösen Firlefanz, aber mit einer ähnlichen gemeinsamen Basis und dem daraus resultierenden Vertrauen? So eine gemeinsame Weltanschauung, gemeinsame Werte, ähnliche Themen – das wäre schon enorm hilfreich, um sich weniger ausgeliefert zu fühlen. Voilà, gerade habe ich schon wieder das Dorf2.0 beschrieben, und wir reden ja nicht von einem, sondern von hunderten Dörfern, die sich gegenseitig unterstützen, wo sie nur können. Das wiederum bedeutet, dass wir z. B. Dörfer haben,

  • die sich mit medizinischen Themen beschäftigen
  • die damit befasst sind, wie sich Versicherungen und Ähnliches optimieren lassen
  • die nach verschiedenen Kriterien Häuser bauen u. v. m.

Wenn nun all diese Dörfer zusammenarbeiten, sich auch gegenseitig mit Waren und Dienstleistungen versorgen, dann helfen hingebungsvolle Expert:innen im einen Bereich hingebungsvollen Expert:innen in anderen Bereichen – oder solchen, die es werden wollen.

Der „Arzt im Praktikum“ aus dem Medizin-Dorf wird in ein Architektur-Dorf entsandt, um sich dort seine Sporen zu verdienen, während der Jung-Architekt im Wasser-Biologie-Dorf die Erweiterung des Wohn-Bereichs plant. Der Jung-Biologe wiederum versucht gerade im Tourismus-Dorf mit den dort Verantwortlichen die Frage zu klären, wie sie dem Korallen-Riff helfen könnten, das wegen der erhöhten Meer-Temperatur zunehmend ausbleicht.

Alle zusammen machen sich bezüglich Steuer-Erklärung keine Gedanken, weil sie das mit der Unterstützung und dem Support des Finanz-Dorfs maximal optimiert online erledigen können.

Es klingt beim Schreiben fast zu schön, um wahr zu sein. Aber vielleicht ist das ja auch nur deshalb so, weil wir es in unseren anonymen marktwirtschaftlich verbundenen Schubladen vergessen haben, wie einfach wir es haben könnten, wenn wir – unter den richtigen Voraussetzungen – Nähe wagen!

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Vom Job zur Droge (Arbeiten im Alter)

Könnte sich Arbeit im Sinne einer Sinn stiftenden Tätigkeit so sehr in Balance mit anderen Lebensbereichen befinden, dass wir gar nicht damit aufhören wollen? Unvorstellbar? Manche Schauspieler:innen, Politiker:innen und Wissenschaftler:innen arbeiten bis ins hohe Alter – vermutlich weniger wegen des Geldes, sondern weil sie aus ihrer Beschäftigung Befriedigung ziehen und unangenehme Aspekte weitgehend losgeworden sind. An welchen Faktoren liegt es, dass eine Beschäftigung eher als lästiges 9-to-5 mit Spurt bis zum Renteneintrittsalter gesehen wird? Ich vermute, bei mir wären ein vertrautes, stabiles Team, der Umgang mit neuer Technologie und eine Person, die mich vor narzisstischen Chefs bzw. Auftraggebern mit unrealistischen Erwartungen abschirmt, die entscheidenden Faktoren.

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In aller Vertrautheit in die Schatten der Demenz (Arbeit mit Fokus auf älteren Menschen)

Stellen wir uns vor, in einem Dorf2.0 würde das Thema „Alter“ gleich mitgedacht! Nehmen wir an, es wäre völlig normal, in ein barrierefreies Apartment im gleichen Dorf umzuziehen, sobald sich die Notwendigkeit ergibt. Einen Teil der Pfleger:innen würden wir bereits lange kennen, bevor wir auf ihre Hilfe angewiesen sind.

Wieder einmal lacht der Teil meines Hirns laut auf, in dem sich die Mentalität von Schubladen und der gewohnten Dienstleistungsanonymität eingenistet hat. Löst das „der Markt“ nicht viel praktischer, indem er mir eine Pflegekraft aus Südost-Europa vorbeischickt, die ich dann einfach austausche, wenn irgendetwas nicht passt? Und solange meinem nostalgischen Gebrabbel eine KI zuhört, ist es völlig egal, dass Olga nur sehr gebrochen Deutsch spricht.

Andererseits – Pflege ist doch für beide Seiten viel unbefangener, natürlicher und leichter, wenn man sich kennt und schätzt, oder? Die Frage ist, ob das noch gilt, wenn es um schwere Demenz-Fälle geht, wo z. B. Präfrontaler Kortex und andere Hirnareale so beeinträchtigt sind, dass es zu sehr negativen Persönlichkeitsveränderungen kommt. Aber auch hier wäre zu überprüfen, ob sich nicht eine vertraute Atmosphäre mit bekannten Pflegenden positiv auf den Allgemeinzustand auswirkt. Zumal wenn die Pflegekräfte nach getaner Arbeit den Kittel an den Haken hängen können und darüber hinaus auch Supervision bekommen, wenn nötig – sie sind ja idealerweise mit einem Dorf2.0 vernetzt, das sich dem Thema „Pflege“ verschrieben hat.

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Bullshit-Jobs: Sinn der Arbeit (Arbeit und Älterwerden)

Ja, die meisten von uns verbringen einen Großteil des Lebens mit Arbeit, und viele Medien bringen Artikel darüber, dass vieles davon sogenannte eigentlich überflüssige Bullshit-Jobs sind. Ist es nicht eins der grausigsten Dinge überhaupt, dass wir große Teile unseres Lebens mit Tätigkeiten verbringen, die niemandem etwas nützen? Je älter wir werden und je kostbarer wir jede Minute erachten, umso schwerer wiegt diese Sinnlosigkeit. Wie in dieser Kolumne des Spiegel scheinen sich die Autor:innen allerdings oft schwer damit zu tun, zu ermitteln, aus welcher düsteren Grube diese Jobs eigentlich herauswachsen – vielleicht weil sie viel zu selbstverständlich die Schubladen und damit die Trennung von Leben und Arbeit verinnerlicht haben.

Im Kontext eines Dorfes 2.0 gibt es eigentlich nur drei Arten von Aufgaben:

  • Jene, die getan werden müssen, weil sie zum Leben oder gar Überleben aller beitragen
  • Diejenigen, die irgendjemanden mit Sinn und Freude erfüllen (und die von der Dorfgemeinschaft zumindest nicht als unethisch oder störend betrachtet werden)
  • Und schließlich die, die das eine mit dem anderen verbinden (hier gelangen wir dann zum „Sweet Spot“)

Ein einfaches Beispiel:
Gehen wir von dem Fall aus, dass einem Dorf2.0 von der öffentlichen Hand die Pflege eines öffentlichen Parks anvertraut wurde. Seit einiger Zeit wird beobachtet, dass immer wieder Müll um die Abfalleimer herum verteilt liegt. Ein älterer Herr des Dorfes, der sich gern im Park aufhält (und kleinere Müll-Probleme dabei wieder in Ordnung bringt), beobachtet, dass es nicht – wie einige vermuteten – Jugendliche oder Wohnungslose sind, die das Chaos verursachen. Es sind Raben, die auf der Suche nach Essbarem eine Strategie gefunden haben, in tiefere Schichten der Mülleimer vorzudringen, Müll-Kollateralschäden inbegriffen.

Als Reaktion darauf wird nun kein Bullshit-Job geschaffen, der täglich Müll aufsammelt und zurück in die Eimer stopft, statt an der Ursache anzusetzen. Kein Gartenbauamt einer Behörde wird jemanden mit einem Bullshit-Job beauftragen, monatelang mehr den Misserfolg zu dokumentieren als tatsächlich eine Lösung herbeizuführen. Keine Lobby-Organisation wird beauftragt, dafür zu lobbyieren, dass Raben aus dem öffentlichen Stadtbild verschwinden sollten.

Stattdessen spricht ein älterer Dorfbewohner, der sich ehrenamtlich ein bisschen um „seinen“ Park kümmert, eine Dorf-Handwerker:in an, ob ihr nicht eine Vorrichtung einfiele, die verhindert, dass die Raben an den Müll kommen. Kurze Zeit später werden Blenden getestet und an den Tonnen montiert. Zudem werden sie als Zubehör für die Tonnen im Dorf-Shop auch online vertrieben. Eine Biolog:in eines befreundeten Dorfes wird durch die Vorfälle zu einer wissenschaftlichen Arbeit angeregt, die die Ernährung städtischer Rabenvögel untersucht und eine Reihe von Maßnahmen vorschlägt, um die Population der Rabenvögel besser zu kontrollieren.

Vielleicht gelingt es ja sogar, eine Art Futterspender für Raben zu entwerfen, wenn diese Müll in ein dafür vorgesehenes Behältnis werfen! Hoch leben die neuronalen Netze!

Wenn feiernde Jugendliche oder Obdachlose die Ursache wären, dann wären natürlich andere Lösungen notwendig. Aber auch hier würde es sich lohnen, ein paar Ebenen tiefer einzusteigen – es müsste nur Menschen geben, die die Zeit dafür haben: Kann das Dorf dem Obdachlosen konstruktiv auf die Beine helfen? War die Party ein einmaliger Ausrutscher oder lassen ein paar pubertierende Rebellen Dampf ab und brauchen dafür vielleicht noch einen anderen Kanal? Vielleicht kann das Dorf die Sport-Aktivitäten im Park erweitern und lädt die Jugendlichen zu weiteren Veranstaltungen und Aktivitäten ein!

Ja sicher, es geht mir auch so: Gartenbau-Amt oder ein patrouillierendes Polizei-Auto als Lösung, das klingt irgendwie urban und professionell. Die alternativ-romantischen Dorf-Geschichten klingen dagegen erst mal naiv. Aber wären das nicht die deutlich nachhaltigeren – wenn auch ungewohnten – Lösungen?

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Der Buchhalter vom Daimler (Tod und Arbeit, Leben/Wohnen, Gemeinnützigkeit)

Warum steht es nur dem wackeren Herrn Daimler zu, sein Leben und Lebenswerk mit seiner Arbeit gleichzusetzen, aber bei seinem Buchhalter würde das komisch oder gar als naiv gelten? Wie müsste Arbeit sein, damit eine Gedenkplakette oder ein Porträt im Treppenhaus Sinn ergeben, statt Cringe auszulösen?

Der Buchhalter vom Daimler – da steckt ja schon der Fehler im Satz: „vom Daimler“! Der Daimler ist wichtig, nicht sein Buchhalter. Erst wenn der Herr Ingenieur und der Buchhalter gemeinsam auf Augenhöhe an einer Unternehmung zur Produktion von Fahrzeugen partizipiert hätten, wären beide Gesichter in der Ahnengalerie akzeptabel.

Wir könnten natürlich auch noch einen Schritt weitergehen und von Anfang an das Ziel ausrufen, dass es eigentlich nur die Gesamt-Unternehmung, das Dorf2.0 sein kann, das zusammen mit allen Unterstützungsleistungen zu herausragenden Erfolgen führt. Die einzelnen Akteure mögen in Fachkreisen die bewunderten Koryphäen sein – nach außen aber ist es die Team-Leistung, die insgesamt zählt. Es ist auch nur das Dorf im Ganzen, das in der Lage ist, den Erfolg und die Innovationskraft über das einzelne Individuum hinaus in die nächsten Generationen zu führen!

Der große Nachteil dieser Variante wäre, dass wir heute nicht mit einem Daimler-Benz durch die Gegend führen, sondern eher mit einem Schorndorf-Mühlburg.

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Von der stinkenden Brache zur hippen Latte-Macchiato-Location (Urlaub beim Arbeiten)

Wirre Idee – wobei die Idee so abwegig gar nicht ist, schließlich ziehen viele Schausteller und Zirkus-Kleinkünstler bereits seit Jahrhunderten mit einem „mobilen Dorf“ durch die Lande: Stellen wir uns eine Firma als wandelnde TinyHouse-Siedlung vor, z. B. eine Agentur, die Tourismus-Anbieter und -Agenturen vor Ort berät, um Infrastruktur und Social Media-Auftritte zu optimieren. Natürlich arbeiten in der Agentur Menschen, die gerne reisen, also warum nicht beides zusammenlegen?

Vielleicht würde sogar ein weiteres Konzept funktionieren: Ein mobiles Tiny-Dorf als Grundstücksaufwerter. In jeder Stadt gibt es größere Brachen, die dazu neigen zu vermüllen, zu stinkenden Plumpsklos zu verkommen und prekär lebende Menschen anzuziehen. Während hier der Teufelskreis nach unten und letztendlich zu einer Abwertung der Nachbargrundstücke und einer Reihe weiterer Probleme führt, könnte ein Tiny-Village auf Zeit eine Entwicklung in die andere Richtung herbeiführen.

Der Grundstückseigentümer, der den Grund z. B. in drei bis vier Jahren bebauen will, verpachtet den Grund samt zusätzlicher Vergütung an ein Tiny Village, welches den Ort kulturell, gegebenenfalls handwerklich, aber vor allem auch kulinarisch „bespielt“. Vielleicht verfügt das Dorf sogar über Gerätschaften, um nicht nur für sich selbst hilfreiche Infrastruktur zu schaffen, sondern diese auch für die künftigen Pläne gleich nutzbar zu machen.

Auch die vorherige als Problem beschriebene Idee ließe sich vielleicht aufgreifen: Ein Social Work-Tiny Village könnte genau für und mit Obdachlosen zusammen Tiny-Houses für eine temporäre Unterbringung bauen und sich während der gewährten Zeit darum kümmern, dass die betroffenen Personen wieder auf die Beine kommen und eine Perspektive entwickeln.

Wenn jetzt als letzter Baustein im Vorfeld ein Dorf2.0-Fond auch noch Kapital in Grundstücke und Immobilien dieses Gebiets investiert, dann gäbe es neben vertraglichen Vereinbarungen sogar einen finanziellen Hebel, der z.B. die dortige permanente Ansiedlung eines Dorfes2.0 zusammen mit am Gemeinwohl orientierter Infrastruktur absichert. Nur weil man Gutes erreichen will, braucht man ja noch lange nicht naiv zu sein…

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Not macht doof - und wenig kreativ (Arbeit im Kultur-Bereich)

In Kunst und Kultur ist es oft ein langer Weg bis zum potenziellen Durchbruch, der aber gegebenenfalls auch niemals kommt. Umso wichtiger ist es, Menschen um sich zu haben, die an einen glauben, einen auch existenziell unterstützen, die ehrliches Feedback, Inspiration und Impulse liefern und die helfen, Durststrecken zu überwinden. Dazu kommen der Bedarf an Inspiration, die Möglichkeit, immer wieder Neues auszuprobieren, mit unverbindlichen Jobs finanzielle Spielräume bei Bedarf zu erweitern und sich im Zweifelsfall der existenziellen Unterstützung sicher zu sein.

Sollte sich der Erfolg dann realisieren, lässt sich die Infrastruktur des Dorfes2.0 nutzen, um Bühnenbilder zu produzieren, um Installationen anzufertigen oder um im Tonstudio am neuen Release zu arbeiten. Und wenn der Erfolg erst mal da ist, dann kann die Unterstützung auch wieder zurück an die ehemals Unterstützenden fließen.

Wer den ruhelosen, nach kreativer Verarbeitung strebenden Geist einer Künstlernatur kennengelernt hat, weiß, wie erkenntnisreich und inspirierend die Auseinandersetzung mit solchen Menschen sein kann. Notfalls ist es halt nicht die große Vernissage, sondern das spontane Haarschneide-Sit-in am Fluss, die zum Event erweiterte Party oder das einzigartig-bizarr restaurierte IKEA-Regal!

In jedem Fall gilt es, mit dem reichlich idiotischen Mythos des armen Poeten aufzuräumen, für den die Not gewissermaßen erst die Voraussetzung ist, kreativ zu sein. Niemandes Gehirn arbeitet besser, wenn es sich in existenzieller Sorge und Not befindet – das Gegenteil ist der Fall!

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Impro, Revanche und Rollenwechsel (Kultur und Arbeit)

Stellen wir uns wieder wie im Sauna-Test vor, wir würden nur mit solchen Menschen zusammenarbeiten, die wir auf irgendeine Art sympathisch finden und/oder schätzen. Wie wäre es, mit diesen Menschen nach der Arbeit noch gemeinsam musikalisch zu experimentieren? Wie wäre es, gemeinsam Theater zu spielen, vielleicht sogar mit therapeutischer Rollen-Auswahl? Endlich mal den zu lauten Kollegen im Theaterstück anschreien und zu Boden schlagen, denjenigen, der viel zu oft recht hat, im Stück moralisch besiegen, dort musikalisch folgen, wo ich sonst eher den Ton angebe – die Interaktionsmöglichkeiten sind vielfältig!

Oft geht es in Arbeitssituationen heute darum, allen so viel Raum und Isolation zu lassen, damit es gar nicht erst zu Reibungspunkten kommt. Die spannende Frage ist: Welche Synergien und Effektivität sind möglich, wenn uns z. B. diese Formen der kreativen Auseinandersetzung dazu befähigen, viel enger zu kooperieren und zu interagieren? Zu welchen Sweet Spots dringen wir vor, wenn ein kurzer Blickkontakt reicht, damit alles ineinandergreift? Wo landet das Team, wenn selbst dem Introvertiertesten ganz selbstverständlich der Platz eingeräumt wird, all seine Ideen und Vorschläge zu äußern?

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„No Bullshit“-Policy (Wissenschaft der Arbeit)

Nicht zuletzt die „Agile“-Bewegung im IT-Bereich ist bemüht, den Irrsinn einzudämmen, der entsteht, wenn unterschiedlichsten Menschen so wenig Geld wie möglich dafür gezahlt wird, sich in eine hierarchische Struktur einzugliedern, um für Stakeholder an der Unternehmensspitze Mehrwert zu erwirtschaften. Aber wen wundert es – es ist der Fluch der Schublade, der die besten Vorsätzen wieder ein „Half-arsed Manifesto“ verwandelt.

Wenn wir andererseits mit einem Dorf 2.0 alles vom Kopf auf die Füße stellen und alle Beteiligten auf Augenhöhe daran interessiert sind, wirklich etwas zu bewegen und Mehrwert zu schaffen, dann gelten ganz andere Voraussetzungen! Was also, wenn einer Organisation gute Zusammenarbeit so wichtig wäre, dass sie sich selbst immer wieder zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen macht? Wie kann ein Arbeitsumfeld in verschiedensten Kontexten langfristig für alle Beteiligten das Optimum mobilisieren? Was haben erfolgreiche und erfolglose Projekte gemeinsam? Wie lässt sich das Wohlsein des Einzelnen mit dem Erfolg der Unternehmung zusammenbringen? Essenziell wäre dabei ein wie von Karl Popper vertretener Falsifizierungsmindset, der dafür sorgt, dass auch unerwünschte oder wenig aussagekräftige Ergebnisse geteilt und publiziert werden, statt in der Schublade zu verschwinden – ein weiterer Baustein der „No Bullshit“-Policy!

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Bräsige Ignoranz (Wissenschaft/Technik bei der Arbeit)

Es ist grauenerregend, wie sehr „Wissenschaft“ sozialisationsbedingt etwas geworden ist, das an Unis stattfindet und in Schulen gelehrt wird. Mit dem Abschluss klappt man das lästige Kapitel zu („Hoffentlich brauch ich Statistik nie mehr!“). So ist dann der denkfaule Mentor im Job schon fast stolz darauf, den Neuling mit den Worten zu begrüßen: „Was Du an der Uni gelernt hast, kannst Du alles vergessen! Hier brauchen wir nur ein paar Balken, den Mittelwert und die Standard-Abweichung!“

Gott bewahre, dass wir Wissenschaft als einen Erkenntnisprozess sehen, der alles in unserem Leben durchdringt! Gott bewahre, dass wir uns als Forschende sehen, die den Herausforderungen dieser Welt mit unbändiger Neugier, Erfindergeist und Einfallsreichtum begegnen sollen.

Mag sein, dass sich auch das wieder mit den Schubladen erklären lässt: „Ich bin hier in meiner Job-Schublade, in der ich die Zeit bis 17:00 Uhr möglichst unfallfrei zu verbringen versuche! Stör mich nicht mit Ideen, wie das alles auch ganz anders und mit komplizierten neuen Erkenntnissen funktionieren könnte! Heut Abend (in meiner Freizeit-Schublade) werd ich dann auf dem Sofa die neue Doku mit diesem Harald Lesch schauen!“

Sicher, an der geistigen Trägheit würde auch eine bedeutungsvolle und sinnvolle Beschäftigung in einem Dorf2.0 nichts ändern. Wohl aber würde vermutlich niemand mehr die Trägheit und Ignoranz mit solch stolzgeschwellter Brust vor sich hertragen. Vielleicht wäre sogar das Verständnis da für ein „Also gut, zeig’s mir, wie wir’s besser machen könnten!“

Sobald dieser Zustand erreicht ist, stellt sich die Frage, wie wir „Kanäle“ legen könnten, über die neueste Ansätze und Erkenntnisse aus der Academia direkt in die Arbeitswelt fließen können. Kooperationen, Praktika, praxisorientierte Abschlussarbeiten – es gibt so viele Möglichkeiten! Mit ein bisschen Glück schwappt die Erkenntnis-Welle dann auch noch an die Forschungseinrichtung zurück, indem sich Dörfer2.0 an Forschungsprojekten beteiligen und die Entwicklung tatkräftig mitvorantreiben.

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Das Leben, ein Geäst aus Möglichkeiten! (Arbeiten im Bereich „Bildung“)

Das Konzept „Schule“ ist ein ganz besonderer Fall von einer Schublade: Wir stecken Kinder in einen Kasten in Billig-Bauweise mit ekligen kaputten Toiletten und lassen sie dort, angeleitet von traurigen Gestalten, die selbst meist kaum beruflich mehr vom Leben gesehen haben als einen solchen Kasten, Dinge auswendig lernen, von denen sie vielleicht erst Jahre später verstehen, dass sie sie gebraucht hätten, wenn diese Dinge nicht schon längst wieder vergessen wären.

Wie wäre es mit einem völlig anderen Ansatz? Wir könnten Kinder in ein bis zwei Jahren mit dem Allernötigsten an Lesen, Schreiben und Rechnen ausstatten. Danach käme ein System von tausenden wählbaren, aufeinander aufbauenden Projekt- und Praktika-Kursen, die in Firmen, Vereinsgebäuden, Museen, Behörden und noch intakten Schulgebäuden stattfinden könnten. Eine riesige verästelte Kurslandkarte bestimmt, welches Vorwissen für die Teilnahme nötig ist. Und je nachdem, wo und wann die Teilnehmer:innen aussteigen, sind sie Schuster:in, Bibliothekar:in oder Betriebswirtschaftler:in…

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Lebenslanges Lernen beim Wort genommen (Bildung bei der Arbeit)

Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass uns diese verästelten Kurs-Module in alle existierenden und noch nicht existierenden Arbeitsbereiche katapultieren können: Wäre es nicht klasse, wenn das nicht nur für Kinder, sondern für alle Teile der Gesellschaft möglich wäre, job-begleitend oder per gesetzlichem Weiterbildungsanspruch? Dann könnte ich als Tellerwäscher:in im Hotel anfangen und als Küchenmeister:in oder Fachwirt:in aufhören. Oder ich starte als Pflegeassistent:in und verlasse das Krankenhaus Jahrzehnte später als Chef-Ärzt:in, Verwaltungschef:in oder als Logotherapeut:in.

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Selbsterkenntnis und Vitamin B (Kinder und Arbeit)

Machen wir ein Gedanken-Experiment zu den Kursen und Praktika, die wir hier und hier angesprochen haben. Stellen wir uns doch einfach mal vor, wir hätten mit 8 Jahren den Basics-Crashkurs in den Grundfähigkeiten abgeschlossen und hätten seitdem bis ins Alter von 18 Jahren jährlich 4-6 solcher Praktika und Kurse besucht, ausgeklügelt von einem Online-System, das gleichzeitig unsere Wünsche berücksichtigt und uns ein Mal in jede Ecke des Welt-Wissens bringt. Das heißt, wir hätten in zehn Jahren gut fünfzig verschiedene Bereiche und Tätigkeiten aus praktischer und theoretischer Sicht beleuchtet, hätten Bereiche entdeckt, die uns leicht und die uns schwerfallen, hätten etliche Faszinationen vertieft, hätten insbesondere in unseren favorisierten Bereichen Kontakte geknüpft und wüssten vermutlich genau, was wir im Leben tun wollen, was uns Spaß macht, wovon wir lieber die Finger lassen und wen von unseren ehemaligen Lehrer:innen und Praktikumsbegleiter:innen wir mal anrufen sollten – wäre das nicht fantastisch?

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Betreuung durch die Sippe, statt als Dienstleistung (Arbeit, Wohnen und Kinder)

Vorschule und Kindergarten sind gewissermaßen die „Schubladen“-Variante von Kinderbetreuung. Wenn dagegen genügend Familien zusammenleben, z. B. in einem Dorf2.0-ähnlichen Kontext, dann tun sich alternative Varianten dazu auf. Spannend wird dieses Konzept, wenn nicht nur ein Teil der Eltern, Großeltern und ältere Kinder das Problem der „Verwahrung“ und „Unterhaltung“ der Kleinen lösen, sondern wenn:

  • eine anregende Umgebung dazukommt, mit Tieren, Musikinstrumenten, Gerätschaften und Dekoration, die die Phantasie beflügelt und die motorische Entwicklung inspiriert.
  • eine Expert:in für kindliche Früherziehung dazukommt, die dann auch noch passende Impulse setzt und dafür sorgt, dass der an sich schon inspirierende Kontext immer wieder mit neuen Ideen bespielt wird.

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Mit Yin und Yang in die Sinnentleerung (Arbeit im Bereich „Gemeinnützigkeit“)

Es ist schon fast zynisch, wie unsere Gesellschaft die Schubladen organisiert: „Lasst die eine Person im Tele-Marketing Rentnern unnütze Finanzprodukte aufschwatzen und die andere Person darf dafür das Karma ausgleichen, indem sie im Bereich ‘Charity’ arbeitet und dort in Excel-Sheets verwaltet, wie viele Lastschrift-Aufträge die bezahlten Bettel-Student:innen auf der Straße einwerben können, wenn sie nur genug von den Bildern mit den Tier-Welpen und den weinenden Babys herumzeigen.“

Wir müssen nur alles ausreichend von seinem Sinn entleeren, dann schaffen wir es auch, dass alle keinen Spaß haben und alle keinen Sinn in ihrer tristen Tätigkeit sehen. „Lose, lose, lose“ at its best!

Optimistischer wird es hier im Anschluss.

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Den Kommerz mit dem (Gemein)Nützlichen verbinden (Gemeinnützigkeit bei der Arbeit)

Wie wäre es, wenn wir Profit- und Non-Profit-Arbeit viel mehr miteinander verbinden würden, z. B. indem eine Institution wie das Dorf2.0 über beidem steht und Wert darauf legt, Synergien des einen auch für das andere zu nutzen, um auch etwas Sinnvolles für die Allgemeinheit zu tun:

  • Der Online-Shop bietet zum Selbstkostenpreis einen Marktplatz für das Merchandising von gemeinnützigen Institutionen an. Gleichzeitig können Nachwuchskräfte dort erste Erfahrungen sammeln.
  • Eine Bau-Firma stellt für ein einmaliges Projekt zum Selbstkostenpreis für Kommunen TinyHouses für Obdachlose her, welche dann in einem TinyVillage von Sozialarbeiter:innen betreut werden können. Da die Evaluation des Projekts erfolgreich ist, wird eine zweite Version der TinyHouses, in die Verbesserungsvorschläge einfließen, als Bausatz zum gleichen Preis angeboten (d. h. mit Gewinn vermarktet), sodass Ehrenamtliche dort die TinyVillages zusammen mit späteren Bewohnern errichten können.
  • Die Verwaltungs- und Steuer-Software für Dörfer 2.0 wird in der Open-Source-Variante auch gemeinnützigen Vereinen zur Verfügung gestellt. Die technischen Kundenberater:innen helfen nicht nur zahlenden Usern bei Einrichtung und Konfiguration, sondern bieten die Dienste zu deutlich niedrigeren Preisen auch gemeinnützigen Vereinen an.

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Wie wäre es mit einer neuen „Frontier“? (Arbeit / Wohnen und Natur)

„Frontier“ – das war zur Zeit der Besiedlung des nord-amerikanischen Kontinents durch meist europäische Siedler nicht nur einfach irgendeine Grenze. Es war die Grenze zwischen „Zivilisation“ und „Wildnis“. Damals in einer Phase von grenzenlosem Kultur-Optimismus war das erklärte Ziel klar: Die Zivilisationsgrenze muss so weit ausgedehnt werden, bis sie irgendwann gar nicht mehr existiert. Der Mensch hat alles in Besitz genommen. Jetzt wird alles gut!

Heute in Zeiten von Umweltzerstörung und Klimawandel ist – zumindest bei manchen – Ernüchterung eingezogen: Wirklich verbessern könnten wir natürliche Prozesse oft nur, wenn wir noch sehr viel mehr darüber wüssten. Das heißt, wenn wir den Dunning-Kruger-Effekt vermeiden wollen, dann kann in vielen Fällen die Lösung nur darin bestehen, menschliche Arbeit und Wohnsiedlungen von Naturräumen abzugrenzen und die Natur weitgehend unberührt und unbeeinflusst zu lassen – abgesehen von nachhaltiger Erholung, viel Forschung und bestenfalls minimal-invasiven Eingriffen dort, wo klar ist, dass der Schaden des Nichteingreifens den des Eingreifens deutlich überwiegt.

Wäre der Mensch zu solcher Selbsterkenntnis und Demut in der Lage? Schwierig, vermutlich.

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Tippelbrüder und -schwestern statt Backpack-Influencer:innen (Von Arbeit zu Arbeit durch die Natur)

Es ist ja ganz lustig, wenn britische und australische Backpacker:innen in einem von einem Deutschen geführten Hostel darüber beraten, was denn nun der angesagteste Influencer-Hotspot in Thailand ist, gerade. Aber soll das wirklich schon das Ende der Fahnenstange in Hinsicht auf Horizont-Erweiterung sein? Mehr fällt uns nicht ein, als die Einheimischen dort mit unseren First-World-Problems zu belustigen?

Backpacking einmal anders: An die fünfhundert Handwerker:innen befinden sich auch heute noch auf Wanderschaft, auf der Walz oder auf der Tippelei – oft für drei Jahre und einen Tag. Wäre es nicht klasse, diese seit dem 12. Jahrhundert gepflegte Sitte in leicht modernisierter Form auch für eine Vielzahl anderer Berufe am Leben zu halten? Größere Strecken zu Fuß zurückzulegen, andere Regionen und gegebenenfalls sogar Länder kennenlernen, innerhalb kurzer Zeit eine Vielzahl an menschlichen und arbeitsbezogenen Erfahrungen zu sammeln und vor allem: Erfahren, dass man die gleiche Sache so oder ganz anders handhaben kann – das ist doch etwas, was Menschen vielleicht sogar mehr als ein Mal in ihrem Leben tun sollten, oder?

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In drei Wochen zur perfekten Figur (Arbeit und Sport)

Zum Abnehmen vier Wochen lang Pakete in den vierten Stock tragen, bei Umzügen helfen oder Spargel ernten – jeweils mit vorbereitenden und begleitenden Trainings-Sessions und mit physiotherapeutischem Boot-Camp. Wären solche Phasen nicht enorm hilfreich?

Solange Freizeit, Gesundheit und Arbeit in verschiedenen Schubladen lokalisiert sind, ist das unrealistisch – wobei: Bildungsurlaub gibt es ja auch schon in manchen Bundesländern. Warum nicht zusätzlich oder alternativ die Möglichkeit für einen Fitness-Urlaub? Wenn ich mir einreden könnte, dass ich gar nicht den „echten“ Urlaub für die Fitness opfere, sondern dass es zwei Wochen „Arbeit mal anders“ sind, dann könnte das schon das schlagende Argument sein!

Und noch ein Aspekt: Bei vielen Jobs wäre es mehr als hilfreich, wenn Verantwortliche die Zielpersonen oder das Zielgebiet besser kennen würden, ein Gefühl für die Menschen und ihre Lebenssituation hätten. Dort wäre dann die Post- oder Essenszustellung oder die Stadtreinigung noch mit mehr Synergien verbunden!

Gewerkschaftlich dafür streiten wird aber vermutlich kaum jemand für so etwas – aber Dörfer2.0 könnten das in die Hand nehmen!

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Wenn Habeck den Heizhammer auspackt (Arbeiten in der Politik als Lobbyist)

Warum ist Lobbyismus schlecht? Greenpeace betreibt doch auch Lobbyismus? Vielleicht liegt es daran, dass in der unlauteren Form von Lobbyismus unvernünftige und egoistische Forderungen zum Wohle von Einzelnen so dargestellt werden, als wären sie vernünftig und würden dem Allgemeinwohl dienen. Versuchen wir, die Spreu vom Weizen zu trennen:

  • Schlecht ist Lobbyismus, wenn wenige Menschen mit sehr viel Geld Politiker so beeinflussen, dass politische Maßnahmen getroffen werden, die vielen Menschen (und der Umwelt, in der sie leben) Schaden zufügen, sodass diese wenigen Menschen Vorteile daraus schlagen.
  • Gut ist Lobbyismus, wenn viele Menschen mit jeweils sehr wenig Geld Politiker so beeinflussen, dass politische Maßnahmen getroffen werden, die diesen vielen Menschen (und der Umwelt, in der sie leben) nützen, selbst wenn ein paar wenige (reiche) Menschen Nachteile dadurch erleiden oder daran gehindert werden, Gewinne zu erzielen.

Die gute Variante von Lobbyismus entsteht immer dann, wenn auf breiter Ebene gesellschaftliche Gruppen zusammenarbeiten. Wenn sich also alle irgendwie für Mensch und Umwelt relevanten Themen durch Dörfer 2.0 vertreten lassen und damit automatisch ein ganzes Stück weit das Private politisch wird, dann bleiben eigentlich nur noch die „Bösen“, d. h. die aus egoistischen Beweggründen Handelnden übrig, die eine kommerzielle „seelenlose“ Variante von professionellem Lobbyismus benötigen.

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Is it just gamification? (Spielen bei der Arbeit)

Gamification bei der Arbeit könnte zum Beispiel bedeuten, Kompetenzen, Entwicklungsschritte und erfolgreich ausgefüllte Rollen im Job transparenter zu machen, indem man sie ähnlich wie in Spielen mit Levels, Level-Aufstiegen, Attributen (Eigenschaften) und Skills (Fähigkeiten) beschreibt. Maßgeblich hierbei sollten diejenigen sein, die von den Arbeitsergebnissen der Person profitieren oder darunter leiden: Meistens also nicht die klassische Chef:in, sondern Peers, also Team-Kolleg:innen und Kund:innen (also Empfänger der Arbeitsergebnisse). Das Erreichen eines neuen „Levels“ in einem Skill oder die Verleihung eines neuen „Skill-Tags“ könnte wiederum mit einer Feierlichkeit verbunden sein, die gleichzeitig das Zusammengehörigkeitsgefühl aller stärkt. Und de facto wird dadurch für den Einzelnen die Frage beantwortet: „Was kann ich eigentlich, was ist meine Arbeit wert und welche Aufgaben oder Rollen sind für mich geeignet?“

Gamification kann auch bedeuten, Arbeitsabläufe organisatorisch, durch den Einsatz von Tools und durch Automatisierung so zu gestalten, dass lästige Aspekte wegfallen, die Flow (ein weiterer Gamification-Aspekt) verhindern.

Auch der Persönlichkeitstyp spielt hier mit hinein: Für den einen könnte der Reiz der Gamification darin liegen, dass der Aufstieg an Erfahrungen und bewältigten Herausforderungen ein bisschen planbarer und transparenter wird, da sind also Sicherheit und Bestimmtheit entscheidende Größen. Für den anderen könnte der Reiz der Gamification z. B. eher darin liegen, dass reguläre, gegebenenfalls als ein bisschen ermüdend empfundene Abläufe abwechslungsreich durchbrochen werden.

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Nicht wieder bei null anfangen müssen (Arbeiten und Älterwerden)

Es kann in der gleichen Firma oder beim Wechsel von Projekten geschehen: Die Hierarchie über einem ändert sich und plötzlich ist man wieder fast bei null. Man muss sich neu beweisen, neu unter Beweis stellen, dass man kein Idiot ist, neu belegen, dass man weiß, wovon man redet.

Wir hatten bereits unter dem Stichwort Gamification darüber gesprochen, dass man Kompetenzen, Entwicklungsschritte und erfolgreich ausgefüllte Rollen im Job transparenter macht, indem man sie ähnlich wie in Spielen mit Levels, Level-Aufstiegen, Attributen (Eigenschaften) und Skills (Fähigkeiten) beschreibt – ich nenne sie mal ganz allgemein ”Tags“.

Das Delta zur aktuellen Job-Realität liegt darin, dass einigermaßen reliabel und valide geregelt sein müsste,

  • was die Tags bedeuten (Definition)
  • wie und von wem diese Tags verliehen werden
  • wie, von wem und wann deren Level erhöht wird (wann steige ich in „Team-Führung“ auf?)
  • wie und von wem sie im absoluten Ausnahmefall wieder abhandenkommen können oder wie das Level von Tags gesenkt werden kann.

Optisch stelle ich es mir ein bisschen vor wie die riesigen bunten Bandschnallen auf Militär-Uniformen, nur schöner und weniger formell, zudem meistens nur virtuell. Im Prinzip ist es wie in der Sternenflotte, wo ich meine Meriten von einer Position zur nächsten mitnehme und die nachfolgende Stelle nicht erst naserümpfend herausfinden muss, ob die doppelte Verneinung in meinem Arbeitszeugnis wirklich als Kompliment oder als versteckte heftige Kritik zu werten ist.

Andererseits wird erkennbar, dass eine solche Idee eines vertrauensvollen, auf ein positives Menschenbild setzenden Systems bedarf. Das System der Dörfer2.0 wäre ein solches.

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Ready Player One (Arbeiten beim Spielen)

Manchmal leisten Menschen unbemerkt nützliche Arbeit, während sie eigentlich nur ein Spiel spielen. Bis auf Spiele mit einem Zweck wie z. B. ”Foldit” fallen mir aber nur wenige konkrete Beispiele ein.

Aber vielleicht denken wir hier ja nur nicht weit genug: Soziale Fertigkeiten lassen sich oft spielerisch erwerben, z. B. die Fähigkeit, eine Gruppe zu leiten oder mit bestimmten Charakterzügen umzugehen. Strategien zum Problemlösen lassen sich spielerisch entwickeln und viele Varianten der Konfliktlösung obendrein.

Stellen wir uns ein massives und realistisches MMORPG vor, in dem man künftig ähnlich der Visionen von „Ready Player One“ ohnehin einiges an Zeit verbringt.
Nehmen wir zusätzlich an, ich sei ein aufstrebender extravertierter flexibler Projekt-Manager, dem nur der Gedanke an penible, übervorsichtig-zögerliche introvertierte Software-Entwickler:innen die Schweißperlen auf die Stirn treibt.
Nehmen wir darüber hinaus an, jemand würde mich nun in diese Spielumgebung setzen. Dort wäre ich ein aus einer Schausteller-Familie stammender Halb-Gauner, der die Aufgabe hätte, mit einer Gruppe pedantischer, am liebsten über arkane Theorien streitender Magier:innen ein Artefakt zu finden und damit eine Belagerung zu durchbrechen, nur dass sich diese Magier-Mitstreiter:innen lieber in Laboratorien verkriechen würden, statt über Wochen bestenfalls auf Strohsäcken zu lagern und sich mit allem Möglichen an Problemen zu konfrontieren.
Vermutlich wäre ich nach intensivem Coaching bei der Durchführung dieser Aufgabe und nach der hoffentlich erfolgreichen Lösung derselben auch in der Realität deutlich besser gerüstet, um ein Software-Team zum erfolgreichen Release zu führen, oder? Ein paralleles Coaching der Software-Entwickler-Kolleg:innen könnte in der gleichen Zeit für die Entwicklung von Skills sorgen, die sie besser dazu befähigen, unter Unbill und Zeitdruck Probleme zu lösen.

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Freizeit als Job-Motor (Arbeiten dank Spiel, Sport und Kultur)

Das traditionelle Dorf zeigt bereits ganz gut, welche Impulse entstehen können, wenn Menschen beginnen, sich in ihrer Freizeit in gemeinsame Aktivitäten zu stürzen:

  • Im Gesangsverein oder (Blas-)Orchester werden Chor- und Orchesterleiter:innen gebraucht
  • Im Schützenverein und der Kegelbahn geht es zuerst handfest zur Sache, bevor man zum feuchten Teil des Abends übergeht
  • Im Fußball- oder Tennis-Verein werden Trainer:innen und Lehrer:innen benötigt
  • THW und Freiwillige Feuerwehr bieten weitere Ausbildungs- und Betätigungsmöglichkeiten
  • Im Bildungsbereich sorgen die Volkshochschulen, bzw. historisch präziser: Die Heimvolkshochschulen, für Beschäftigungspotenziale.

Wenn man sich jetzt das ländliche Dorf-Idyll dank Dörfern 2.0 noch ein bisschen akademischer und urbaner vorstellt, dann schießen die Optionen ins Kraut:

  • Spielleiter:in bei Pen&Paper-Fantasy-Rollenspielen ist beispielsweise ein höchst vorbereitungsintensiver und anspruchsvoller Job, der in etlichen Genres eine große Menge an historischem und naturwissenschaftlichem Wissen erfordert.
  • Die Bandbreite der bereits oben genannten Bereiche wird breiter:
    • kulturell (mehr Musikrichtungen, Tanz, Theater, etc.)
    • im Sport-Bereich, von Aikido über Yoga bis zum Parkour
    • im Bildungsbereich, z. B. durch die an anderer Stelle bereits diskutierten Kurse und Praktika.

Zudem sind das ja nur die Beschäftigungsfelder. Alle aufgelisteten Betätigungen brauchen auch wieder eine ganze Reihe von Materialien, Instrumenten und Zubehör. Und da diese Betätigungen unweigerlich zu einem großen Teil der Dorf-Kultur werden, mag die Nachfrage zwar fluktuieren und in neue Bereiche wandern, erliegen wird sie aber vermutlich nicht.

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Wohnen wie bei den Prousts (Wohnen mit Bezug auf Gesundheit, Alter, Tod – und Urlaub)

„Diesen Sommer werden wir am Meer verbringen und für den nächsten haben wir bereits eine luxuriöse Bleibe in einem kleinen Dorf im Gebirge ins Auge gefasst!“ Diese Sätze könnten aus dem Munde einer steinreichen bürgerlichen Figur aus einem Proust-Roman stammen. Aus der Zeit gefallen!

Weit entfernt von Proust komme ich zum Ergebnis: Ich mag meine Wohn-Situation nicht. Wie eine zu träge Maus in der Falle gewährleiste ich eine üppige Altersversorgung für meinen Vermieter. Das Elternhaus in der viel zu ruhigen Provinz ist nicht wirklich eine Lösung – zudem kennt man genügend Eigenheim-Besitzer:innen, deren Lebenssinn dazu mutiert, das eigene Heim permanent wie ein Tamagotchi zu pflegen. Ein etwas größeres Tiny-House wäre eine gute Lösung – da tut sich gerade einiges, zum Glück! –, aber ohne unmittelbare Stadt-Nähe fühlt es sich an, als sei das Dorf2.0-Konzept zu „Harry’s Dauer-Camping“ (natürlich mit Deppenapostroph) mutiert. Ich bin ungerecht, Verzeihung!

Aber gehen wir doch mal anders ran, wie würde ich denn wohnen wollen? Was wären meine User-Stories?

In jungen Jahren

  • ist das Pulsieren der Stadt wichtiger als deren Lärm und der verkürzte Stadt-Horizont
  • kann der eine oder andere Mangel leicht zur Normalität werden, solange die Kontext-Faktoren stimmen (inspirierende Leute, inspirierende Aufgaben)

Im mittleren Alter

  • ist es für die Gesundheit sehr förderlich, im vierten Stock zu wohnen (gern mit Aufzug, aber ohne ihn meist zu benutzen)
  • Stadt ist noch ok, auch wenn Stille ein wichtigerer Aspekt wird

Im höheren Alter

  • ist gesundheitlich ein Domizil an der See zu empfehlen, wo stets eine saline Brise die Atemwege verwöhnt. Zudem zählt die Stille und dass die Augen über viel Natur hinweg weit bis zum Horizont schweifen können.
  • auch eine gewisse Gesundheitsinfrastruktur sollte in der Nähe sein

In allen Altersstufen

  • habe ich keine allzu großen handwerklichen Ambitionen
  • habe ich nur sehr geringe Ambitionen, was Immobilienwirtschaft und Immobilienverwaltung betrifft.

D. h. mindestens dreimal ändert sich die Wohnsituation, von „Sturm und Drang“ hin zu ruhigeren Fahrwassern bis dann schließlich der Erhalt der Gesundheit im Mittelpunkt steht.

Und was sagt das Dorf2.0 dazu? Das setzt voll darauf, das Potenzial seiner Bewohner:innen möglichst voll zu entfalten, weil das die Garantie für sein Überleben und Wachstum ist. Entsprechend hat jede:r Bewohner:in die Möglichkeit, über sein Leben hin für günstiges Geld einen Mietanspruch zu erwerben, der dann für all diese unterschiedlichen Konstellationen angepasst werden könnte und mit dem Tod erlischt dieser Anspruch einfach und die Wohnung geht an die Nächsten über. (Genau da liegt übrigens das Geheimnis, wie es zu diesem Wohnanspruch wirtschaftlich kommen kann, eben weil er nach dem Tod wieder an das Dorf übergeht.)
Ein weiteres Dorf2.0-Prinzip ist es, sich nur zum Schlafen und Alleinsein zurückzuziehen und für alles andere sind gemeinschaftlich genutzte Räume da (samt Nischen und Rückzugsmöglichkeiten einerseits und gut gepflegtem High-Quality-Equipment andererseits). Das heißt, die privaten Siebensachen könnten sich in ein paar Kisten verstauen lassen, sodass ein Wechsel der privaten Wohnung gar nicht mehr allzu sehr ins Gewicht fällt. Es fühlt sich eher an, als würde man seinen eigenen kleinen intimen Mini-Hochleistungscomputer direkt am Leib tragen und ihn einfach an verschiedenen Orten mit einer Docking-Station und den dortigen Bildschirmen verbinden.

Und plötzlich riecht es gar nicht mehr nach „Haute Bourgeoisie“, einfach mal ein halbes Jahr an der See oder im Gebirge verbringen zu wollen!

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Warum immer „meins“?! (Wohnen und Kultur, Wissenschaft/Technik, Bildung, Spiel/Hobby und Sport)

  • Wozu für mich alleine Musikinstrumente horten, wenn die bei mir doch die meiste Zeit nur ungenutzt herumstehen?
  • Wofür alleine in eine Werkstatt oder ein Hobby-Labor investieren, wenn man es die meiste Zeit nicht benutzt?
  • Warum billige Fitness-Geräte herumstehen lassen, statt teure Geräte kollektiv zu nutzen?
  • Wie schön wäre ein wilder Garten mit Trampelpfaden, unterschiedlichen Erden und Untergründen und entsprechend unterschiedlichen Biotopen, statt klinisch gepflegtem pseudo-englischem Rasen?

Ja, es braucht ein bisschen mehr Koordination, eine Kasse zum Ersetzen von kaputtgegangenen Gerätschaften und einiges mehr, aber das kollektive Nutzen all dieser Dinge macht so viel mehr Spaß und bringt uns um so vieles weiter als alles für sich alleine zu horten.

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Die Wiederinbesitznahme des öffentlichen Raums (Wohnen und Gemeinnützigkeit)

Im Nachbardorf meiner Eltern war letzten Winter in einer Woche mit Minusgraden aufgefallen, dass ein rumänischer LKW-Fahrer am Wochenende in seinem Wagen kampierte. Der Dorf-Tratsch ist schnell und effektiv und so kamen schnell Leute vorbei, denen mit Händen und Füßen erklärt wurde, dass der Fahrer zu spät ankam und nun warten muss, bis die Firma vor Ort am Montag wieder öffnet. Mangels Geld blieb er in seinem LKW, was ihn – angesichts des unterkühlten Zustands, in dem er aufgefunden wurde – das Leben hätte kosten können. Schnell war Hilfe organisiert und der LKW-Fahrer gerettet.

Ortswechsel: Baumscheiben dürfen nur vom städtischen Grünflächenamt gepflegt werden und bleiben deshalb kahl. Der Müll liegt öfter verstreut neben als im Mülleimer. Jemand hat seine Matratze am Gehsteig abgeladen. Eine Obdachlose erledigt ihre große Morgen-Toilette, indem sie direkt neben der Abfalltonne blankzieht. „Ditt is Berlin!“

Gäbe es Dörfer2.0, dann könnte ihnen die Stadt die Obhut über den öffentlichen Raum in der direkten Umgebung überlassen – unter Regeln und auf Zeit, versteht sich. Unter Auflagen stünde dieser öffentliche Raum dann auch für Aktionen oder für die Gestaltung durch das Dorf2.0 zur Verfügung und vor allem würden sich Menschen um den öffentlichen Raum kümmern, die es auch betrifft, weil sie die Gegend als Heimat begreifen. Die Mitgestaltung sollte natürlich auch allen anderen Anwohner:innen möglich sein und – wir kennen die Lust an der Zurechtweisung mancher etwas zu sehr ordnungsliebender Pappenheimer – Tendenzen, dass das Kümmern in „Blockwart-Aktivitäten“ ausarten, müssten schon früh unterbunden werden.

Wichtig ist vor allem, dass die Dörfer – je nach Kapazität und Ausrichtung – Infrastruktur bereitstellen, um Probleme nicht nur oberflächlich zu lösen. Eine illegale Müll-Entsorgung auf einer Baumscheibe könnte Anlass sein, ein „Upcycling“-Projekt zu gründen, für das Nachbar:innen Sperrmüll abholen lassen können. Vielleicht ergibt sich aus den Flur-Gesprächen zu diesem Anlass auch ein Hinweis auf die Verursacher:innen und der Kontakt zum Dorf2.0 ist genau die Maßnahme, welche die Hilflosigkeit vertreibt, welche die illegale Entsorgung ursprünglich ausgelöst hat.
Bei ein paar illegal Kampierenden könnte ein Gespräch bewirken, dass die Personen zunächst für ein paar Wochen in Gästezimmern unterkommen können, die für diesen Bedarf ausgestattet sind, zusammen mit Dusche, frischer Wäsche, einem Kaffee und einem offenen Ohr. Klar mag bei manchen auch professionelle Hilfe gefragt sein, insbesondere wenn es zu Drogenmissbrauch, Paranoia und Wutanfällen kommt. Aber das ist ja vermutlich nur eine Minderheit.

Wäre es nicht irgendwie beruhigend, wenn wir uns auf diese Weise den öffentlichen Raum wieder aneignen würden und Probleme unkompliziert und in die Tiefe lösen würden, statt darauf zu vertrauen, dass das eine Reihe von professionellen Organisationen mit viel Verwaltungsoverhead hinbekommt? Dort geht es ja oft eher um das lästige Abarbeiten eines Falls, statt um die nachhaltige Lösung eines Problems vor Ort.

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FDP-Mitgliedschaft als pubertäre Rache? (Wohnen, Arbeiten, Bildung und Kinder)

Dorf2.0 gut und schön, aber wenn alle Erwachsenen ebenso freiwillig wie dicht-hyggelig zusammenleben: Was machen die pubertierenden Jugendlichen, die nie wirklich eine Wahl hatten? Was ist die Gegenkultur zur Lebensweise der Eltern? FDP-Mitgliedschaft und der Traum vom eigenen SUV?

Der Schlüssel könnten hier die Vielzahl an alternativen Bezugspersonen sein, die z. B. durch die Praktika und Projekte etabliert worden sind. Indem man nach den eigenen Talenten, Ambitionen und Sehnsüchten sucht und neue Themen, Skills und unbekannte Betätigungsfelder exploriert, begegnet man Personen, Z. B. Lehrer:innen und Ausbilder:innen, die man kennen und schätzen gelernt hat. Mit ein bisschen Glück führen diese Konkurrenz-Modelle dann nur zu einer Romeo-und-Julia-Affäre im Werbeagentur-Dorf2.0, statt zu Amt und Würden in der FDP…

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Dosen-Ravioli (Wohnen und Natur(-katastrophen))

Immer wenn irgendwo auf der Welt für ein paar Stunden der Strom ausfällt, kommen sie wieder, die medialen Aufforderungen, genügend Mineralwasser und Dosen-Nahrung zu bunkern. Aber wer hat denn den Platz und das Geld und die Energie dafür? „Schatz, wir müssen noch 50 Portionen Dosen-Ravioli aus der alten Tranche essen. Die werden sonst Ende des Jahres schlecht!“

Ein größerer Wohn-Arbeits-Zusammenhang wie ein Dorf 2.0 wäre hier genau die Lösung aller Probleme. Gäbe es dort eine Küche, dann könne man sogar eine durchlaufende Rationierung sicherstellen, sodass der Puffer ständig verbraucht und wieder nachbestellt würde – zumindest solange immer mal jemand Lust hat auf Dosen-Ravioli.

Das Dorf2.0 könnte natürlich seinen Bewohnern auch kostenlos oder zu sehr geringem Preis Trinkmahlzeiten anbieten, wie sie auf Basis von Soylent entstanden sind. Das dürfte gegenüber Dosen-Ravioli vielleicht sogar die unaufdringlichere, kostengünstigere und ausgewogenere Alternative sein.

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Popup-Dörfer (Natur und Wohnen)

Dieses Blog beschreibt Dörfer immer wieder im ursprünglichen Sinn als existenzielle Überlebensgemeinschaften. Dass das nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, zeigt dieser Spiegel-Artikel: So glich im Früh-Mittelalter die Gründung von Ortschaften einem gewaltigen Trial-and-Error-Spektakel. Die Bauweise selbst war meist noch relativ wenig langlebig, sodass man mit dem Morschwerden des Hausfundaments nach wenigen Jahrzehnten gleich die Gelegenheit wahrnahm, den Standort zu optimieren und es ein paar Kilometer weiter weg nochmal neu zu versuchen.

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Besser als die Apple-Watch (Gesundheit, Wissenschaft/Technik und Wohnen/Arbeiten)

Ohne externe Impulse fällt es vielen schwer, sich mit dem Verlauf von Blutwerten, Gewicht u.v.m detaillierter auseinanderzusetzen oder man fällt ins andere hypochondrische Extrem und befürchtet hinter jeder penibel beobachteten Schwankung ein größeres Leiden im Anmarsch. Auch das Durchhalten neuer Gewohnheiten oder guter Vorsätze sind allein schwierig.

In einem größeren sozialen Zusammenhang ist all dies deutlich leichter, insbesondere wenn eine Person, z. B. der „Dorf2.0-Krankenpfleger:in“ die guten Absichten forciert und dazu noch bei Auswertung und Interpretation zur Verfügung steht. Idealerweise ist auch die Medizinerin an Studien-Settings und korrelativer sowie kausaler Ursachenforschung interessiert. Unter den richtigen Bedingungen dürften sich also aus so einem Dorf2.0-Setting, wo man sich auf die Teilnahme an einer Vielzahl von Quer- und Längsschnitt-Studien z. B. zum Thema „Ernährung“ committet, eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten generieren lassen.

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Oper unterm Tisch (Bildung und Kinder)

Was habe ich es als Kind geliebt, bei der Familie meiner Paten-Eltern zu sein: Der Platz unter dem Wohnzimmertisch wurde zur Wagner-Opernbühne auf der Dinosaurier und StarWars-Figuren sangen, die sich mithilfe von feinen Fäden bewegten. Die Farfisa-Heimorgel wurde von Geige und Klarinette begleitet. Am Computer-Tisch erwarteten uns dramatische Raketen-Landungen und geheimnisvolle Zahlen-Ratespiele und aus der Elektro-Werkstatt habe ich heute noch den Geruch von Lötzinn in der Nase. Es regierte das universelle Staunen und die anarchische Neugier.

Wie lässt sich so etwas in größerem Maßstab, einem Dorf2.0-Maßstab organisieren? Und wie könnte man bei alledem den Schuss Anarchie nicht verlieren?

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„Ich kenn’ da jemanden!“ (Gesundheit und Bildung)

Ich will schon seit Ewigkeiten meinen Erste-Hilfe-Kurs auffrischen, aber irgendwie ist nie die Zeit und Gelegenheit dafür da. Aber ich sitz’ ja auch im HomeOffice meiner Berliner Mietwohnung – was soll sich da schon tun. Sicher, ich könnte auch einfach mal meinen Hintern hochbekommen, aber viel lieber imaginiere ich mir da ne Kaffee-Pause in meinem Luftschloss-Dorf2.0. Dort würd ich mit meinem Kollegen auf das Thema kommen und schon würde jemand sagen: „Da vorne ist doch Sebastian, unsere medizinische Pflegekraft!“ und schon wäre über Bekannte von ihm ein Kurs organisiert. Räumlichkeiten stehen bei uns im Dorf2.0 dafür bereit. Bei anderen Themen, z. B. Ernährung wäre es ähnlich.

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Nicht in den Heizungskeller! (Gesundheit und Alter / Tod)

Wie wäre es mit einem kühnen und mutigen Schritt, fernab von Entschuldigungen und Rechtfertigungen durch Religion einfach mal ein Ritual zu begründen, wie man freiwillig im „Harold & Maude“-Style aus dem Leben scheiden kann, mit ausreichend Vorlauf, samt Rücktrittsmöglichkeit, ohne Vorwürfe oder Drängen und möglichst schmerzlos? Schließlich ist alles besser als eine tödliche Überraschung beim Öffnen der Tür zum Heizungskeller oder dreihundert zornige Leute in einem stehenden Zug, während Sanitäter Leichenteile einsammeln. Dass die Selbsttötung tabuisiert und allein in einer ganz tief vergrabenen Schublade ihr totgeschwiegenes Dasein fristet, ist doch eine Schande für unsere moderne Gesellschaft!
Vielleicht ergäbe ja sogar so etwas wie der Beruf eines Sterbe-Begleiters Sinn. Dieser würde die Person, die den Wunsch hegt, ihre Lebensspanne zu verkürzen, für ein paar Wochen begleiten, würde das soziale Umfeld mit dem Wunsch vertraut machen, würde dabei helfen, Organisatorisches wie den Nachlass zu regeln, würde immer wieder nachforschen, ob der Wunsch zu sterben noch präsent ist (und wenn ja, warum). Im besten Falle würde die betroffene Person entscheiden, dass sie doch noch weiterleben will, aber dann wären zumindest einige Dinge bereits organisiert. Im schlimmsten Falle würde man nach einem Setting suchen, in dem die Zielperson ableben möchte. Hierbei würde dann je nach Strafgesetzbuch assistiert.

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„Hörst Du wie das Volk erklingt?“ (Gesundheit und Kultur)

Beginnen wir mit der Plattitüde: Natürlich ist es für unsere psychische und auch physische Gesundheit ein Balsam, wenn wir gemeinsam Musik machen, egal ob in Band, Chor oder Orchester und wenn wir gemeinsam im Theaterspiel oder im Tanz interagieren. Wo es mir dann glatt in Schauern den Rücken hinunterläuft, ist, wenn ich mir vorstelle, es käme hier zu einer Art Massenbewegung mit vielen Bands, Chören und Orchestern über viele Dörfer 2.0 hinweg, vielleicht sogar koordiniert, weil man sich wie beim Üldlaulupidu alle paar Jahre zu einem großen Musik-Event trifft. Das Besondere: Tausende hätten sich unter anderem mit den gleichen Liedern beschäftigt, alten und neuen, die möglichst ohne ausgrenzende nationale oder religiöse Inhalte das Menschsein, das Universum und unsere Explorationsabenteuer auf diesem Planeten besingen. Und dann pfeift jemand beim Einkaufen eine Melodie, eine Zweite stimmt mit ihrer Stimme ein und schon singt der halbe Supermarkt… gruselig – gruselig schön, oder?

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Hoch motiviert, aber erschöpft (Gesundheit und Spiel)

Jeder Untrainierte, der schon mal Paintball oder Lasertag gespielt hat, weiß, wie leicht es ist, hoch motiviert an die Fitnesse-Grenze zu stoßen. Dort wo gerade noch voller Elan geschossen und ausgewichen wurde, schlurft nur ein paar jämmerliche Minuten später eine atemlose Couch-Potatoe Zombie-Horde zum Respawn-Punkt. Immerhin ist es selten so leicht, eine Trainingsmotivation zu spüren, um diese Erschöpfungsgrenze Stück für Stück nach hinten zu schieben. Das Non-plus-ultra für mich wäre jedoch, wenn es möglich wäre, meine Fitness beim schweißtreibenden Schwertkampf mit Monstern oder im Dauerlauf durch eine Cyberpunk-Welt zu stählen – wären doch nur das „omnidirectional threadmill“- und das „VR-Headset + Hitze und Schweiß“-Problem gelöst!

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Nachhaltig sterben (Alter und Urlaub für die Pflegenden)

Beim Thema „Pflege“ wird die Schubladen-Thematik am besten deutlich: Die Jungen haben das Interesse, dass sie ihr Leben möglichst ohne Beeinträchtigung weiterleben können, die Investoren wollen mit Pflege-Einrichtungen Kasse machen und die Alten geben sich damit zufrieden – oder nicht –, dass sie zu einem mäßigen Preis-Leistungsverhältnis ihren Lebensabend bestreiten.

Eine weitere Variante gibt es noch, welche die Einkommensunterschiede zwischen verschiedenen Ländern nutzt: Der ältere Mensch kann in seinem gewohnten Umfeld bleiben, weil sich Menschen, meist Frauen, aus ärmeren Ländern in eine Art freiwilliger Dienerschaft auf Zeit begeben und damit ihre eigene Biografie, Familie und vieles mehr vernachlässigen.

In beiden Fällen kann man sich bereits dramatische Investigativ-Reportagen vorstellen, die entweder das Leid der Gepflegten oder das der Pflegenden zum Gegenstand haben.

Dorf2.0, irgendwelche Ideen? Eine Menge! Letztlich gilt es, einerseits laufend die Bedürfnisse der zu pflegenden Person zu erfassen, die im Laufe der Zeit vermutlich eher zunehmen werden. Dann geht es darum, die Befriedigung dieser Bedürfnisse aufzuteilen, auf

  • direkte Familie und enge Bezugspersonen
  • Freunde und Mitbewohner im gleichen Dorf und Infrastruktur, die im Dorf ohnehin angeboten wird (Küche, Sport, Gesundheit, intellektuelle Herausforderungen)
  • einen Pflege-Service, den sich mehrere Dörfer teilen und der die übriggebliebenen Bedarfe auffängt
  • Technik und Wohn-Infrastruktur (Gerätschaften zur Fortbewegung und zum Heben, Spezialbetten, künftig Robotik), die sich die Dörfer ebenfalls zusammen mit dem Pflegedienst teilen könnten.

Das Wichtigste bei alledem ist die Nachhaltigkeit, d. h. dass selbst bei Ausfall einzelner Personen niemand das Gefühl hat, zu überfordert und erschöpft zu werden oder zu viel Normalität aufgeben zu müssen. Wenn all das erreicht ist, lässt sich an die wichtigen Fragen denken: Was will ich von meinem Angehörigen noch wissen, was will ich mit ihm noch erleben, was hab ich ihm noch nicht gesagt und wie können wir die verbliebene Reise trotz aller Widrigkeiten noch zusammen auskosten?

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Worin investieren? (Urlaub im Alter)

Wenn wir vom Konzept der Dörfer 2.0 ausgehen, wo der Wohnraum zu erschwinglichem Preis vom Dorf gemietet ist und die meisten teuren Anschaffungen gemeinschaftliche Anschaffungen sind, stellt sich die Frage: Wofür das verdiente Geld eigentlich ausgeben? Das betrifft die Frage, wie komfortabel und luxuriös man sich das Alter einrichten mag, aber es betrifft ja genau so das ganze vorherige Leben.

Die komfortableren Basics können wir schnell zur Seite schieben, indem wir annehmen, dass zusätzlich zur gesetzlichen Pflege- und Rentenversicherungen alle Dörfer je nach wirtschaftlichem Erfolg in einen Altersfond einzahlen. Das kann und sollte am besten völlig unabhängig von den Meriten des einzelnen Mitbewohners geschehen. Und darüber hinaus?

Als nächste Stufe haben wir – unabhängig vom Alter – eine ganze Reihe von urlaubsartigen Aufwendungen, die entweder auf einen Selbstverwirklichungs- oder einen Schaffensprozess herauslaufen. Hier wären Stipendien denkbar, wie es sie – meist deutlich elitärer – heute schon gibt, sodass die Betroffenen an pittoresken oder anderweitig besonderen Orten Bücher schreiben, sich an Forschung beteiligen oder anderweitig kreativ werden können. Oder es geht um eher gesundheitliche Aspekte, wo dann auch ähnlich wie heute (aber vielleicht öfter und weniger bürokratisch) Kur-Aufenthalte an besonders gesundheitsfördernden Orten erhältlich sind.

Aber das kann noch nicht wirklich alles gewesen sein. Wenn wir nicht mit Erholungsbauten für den Pöbel wie Prora und solchen für die Bonzen im Cliff-Hotel enden wollen! Insofern ist die erste Erkenntnis:
Wir müssen uns auch die Erholungs- und Urlaubsorte als Dörfer2.0 vorstellen, d. h. die Orte, von denen wir sprechen, sind – bei aller komfortabler Ausstattung – keine seelenlosen Bettenburgen, in denen gedrillte Bedienstete Unverschämtheiten mit einem „gerne!“ weglächeln, sondern es sind Dörfer 2.0, die einen Teil ihres Einkommens touristisch, pflegerisch oder kur-medizinisch bestreiten – gastfreundlich, aber nicht unterwürfig-servil!

Bleibt noch die Frage: Woran macht man fest, ob jemand sich seinen Wunsch erfüllen kann und komfortabel sein Altenteil an der Küste oder im Gebirge verbringen kann und wer in Wanne-Eickel bleiben muss? Vor allem: Was ist mit jenen, die „so dumm sind“ und lieber in ihrem Dorf aktiv bleiben wollen?

Hier kommen wir zum springenden Punkt. Sind

  • Urlaub am Strand, die Wanderung durch die Anden und das Explorieren kulinarischer Höhepunkte in Bilbao zum ersten
  • der neuste Moog-Synthesizer im Musik-Studio und der nicht wirklich unbedingt nötige e-Sportwagen auf dem Dorf-Parkplatz zum zweiten und
  • die luxuriöse CNC-Maschine oder die neue Gusseisen-Ausstattung der Küche zum dritten

nicht fast das gleiche? Es sind Investitionen, in wachsendem Maße als „sinnvoll“ akzeptiert und das Wichtige ist, dass die Investierenden alles mit sich und den Menschen um sich herum austarieren:

  • hier meine Investition in mich selbst, meine eigenen Wünsche und mein eigenes Wohlergehen
  • hier mein Beitrag für unseren gemeinsamen Spaß
  • und hier mein Beitrag für die gemeinsamen Ziele, vielleicht mit dem Zusatz, dass es mir mit dieser ultra-neuen Maschine deutlich mehr Spaß macht, zu den Zielen beizutragen als mit dem alten Ding, das ich bislang ausgereizt habe.

Im Gegenteil müsste es dann auch das Normalste von der Welt sein, dass andere für die aufopfernde Pflege-Helferin für einen längeren Aufenthalt in den Alpen zusammenlegen (bzw. nennen wir es doch ebenfalls „investieren“), weil sie selbst gar nicht auf die Idee käme, sich das zu gönnen.

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Interessanterer Lesestoff (Tod, Kultur und Natur)

Haben Sie einen Lieblingsfriedhof? Falls nicht: Lange waren Friedhöfe auch für mich entweder öde Steinwüsten, Carrara-Regalreihen mit Einschiebe-Fächern oder wie in einem Excel-Sheet ausgerichtete Marmorplatten auf Rasen. Den Père Lachaise in Paris kenne ich leider noch nicht, aber die Friedhöfe an der Berliner Bergmannstraße sind ganz sicher einen Besuch wert. Selten gab es ein dichteres Erlebnis von wilder Natur, Mausoleen unterschiedlichster Baustile und mal üppigen, mal eleganten Statuen.

Würden doch Friedhöfe weniger als unansehnliche Stein-Wüsten, sondern eher als Kultur- und stille Naherholungsorte verstanden, bei denen das „Memento mori“ als unaufdringliche Mahnung mitschwingt! Ähnlich wie es in der Vergangenheit z. B. für Klöster üblich war, könnten Dörfer 2.0 dort in Mausoleen auch nach dem Tod dafür sorgen, dass ihre Bewohner „zusammenbleiben“. In kleinen Wäldchen und Tümpeln suchen Stadtbewohner an heißen Tagen besinnliche Abkühlung und sehen auf Bänken sitzend zu, wie Eichhörnchen von Ast zu Ast jagen. Ein Chor probt in der Kapelle, ein zur Video-Nische umgebautes Mausoleum verbindet die verblichenen Leben und Verdienste einiger der hier Ruhenden mit den Familien-Namen an ihren Grabstätten. Kinder wie Erwachsene setzen leise sprechend Fragmente von Grabinschriften zusammen, lösen Rätsel und bekommen im Friedhofs-Café eine Kugel Eis dafür.

Spannend auch die Frage, was wir auf den Grabinschriften und Epitaphen lesen, sobald die Religion deutlich in den Hintergrund tritt. Abwechslungsreicher dürfte die Lektüre in jedem Falle werden. Was, wenn sich mehr der in diesem Leben gefundene Sinn darin ausdrückt als die irre Hoffnung auf das Leben danach?

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Gut abgehangene neuronale Netze (Alter und Bildung)

Man muss nicht erst Synapsengewichte studiert haben, um den Wert eines gut abgehangenen neuronalen Netzwerks zu kennen, das mit einer Vielzahl von Situationen und Reizen beschossen wurde und das sich mal mehr, mal weniger erfolgreich, durch all diese Bewährungsproben hindurchgeackert hat. So ist es zumindest manchen von uns beschieden, an Weisheit im Alter zuzunehmen, vieles abgeklärter zu sehen, aber auch den Wert von vielem besser bemessen zu können.

Trotz all der Lobeshymnen auf das würdige Altern: Auch hier ist wieder der Austausch wichtig, das Erklären, das Erkennen des Alten im Neuen, das Validieren und Invalidieren von Erfahrungswerten, das oft nur im Austausch gelingt. Hier wird es wieder Moderation brauchen, damit die Skepsis des Alters dem Tateneifer der Jugend zwar Richtung und Tiefe verleiht, ihn aber nicht abwürgt. Andererseits muss auch die Jugend erkennen, dass Medien und Geräte neu sein mögen, die Mechanismen wie und warum sie die Menschen nutzen, dagegen immer die gleichen bleiben und dass die Alten deshalb vielleicht doch mitsprechen können, selbst wenn sie technologisch ein Stück weit hinter dem Mond leben mögen.

Ein wichtiger Dorf2.0-Aspekt ist, dass den Alten und vielleicht Konservativeren ein Stück weit der Zahn gezogen ist: Es gibt kein Vererben von Immobilien, Gemälden und anderen Reichtümern und ein daraus entstehendes Machtgefälle. Noch weniger gibt es ein „Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch streckst!“

Insofern ist besteht das Pfund, mit dem der ältere Mensch wuchern kann, exakt in diesem gut abgehangenen neuronalen Netz und der Ansammlung an Lebenserfahrung. Das macht sie wertvoll als Ratgeber:innen, in der Erziehung und der Ausbildung junger Menschen, aber auch als Beiräte für die meisten Projekte im Dorf 2.0 und das Dorf selbst.

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Charity ist irrwitzig! (Alter und Gemeinnützigkeit)

Da sind Sie eine gestandene hochbetagte Person, die viel geschafft hat in ihrem Leben. Leider haben Ihre viele guten Entscheidungen Sie dennoch in ein konventionelles Altenwohnheim gebracht und die wohlerzogenen Kinder haben ihre eigenen Familien, leider tausende Kilometer entfernt.
Aber freuen Sie sich, das Klischee von einem jungen hilfsbereiten Menschen ist auf dem Weg, der etwas Gutes tun will. Er kennt Sie nicht und eigentlich sind Sie ihm auch egal, aber er wird heute Nachmittag vorbeikommen und Ihnen aus einem Buch vorlesen, das sie nur mittelmäßig interessiert. Danach dürfen Sie ihm noch ein paar Schwänke aus Ihrer Jugend erzählen und der junge Mensch wird sich Mühe geben, Ihnen den Eindruck zu vermitteln, als würde er aufmerksam zuhören.
Wenn sich der junge Mensch dann Abends beim Nachtgebet in seinen guten Werken sonnt, beschließt er nicht nur einen tatenreichen Tag sondern, auch ein irrwitziges Charity-Kapitel!

In einem Dorf2.0 verliert der Umgang mit den Älteren ganz automatisch den erzwungenen gemeinnützig-ehrenamtlichen Charakter: Sie werden im dörflichen Kontext einfach weiterhin in viele Aktivitäten eingebettet, von der Kinder-Betreuung oder der Teilnahme an Freizeit-Aktivitäten bis hin zur Arbeit in Beiräten.
Da zudem der Kontakt zur jüngeren Generation über die Familie hinaus bestehen bleibt, kommt es nicht wie heute zu Vereinsamungstendenzen, wenn die Angehörigen der gleichen Alterskohorte allmählich das Zeitliche segnen.

Insofern würde jeder alte Mensch aus einem Dorf2.0 hoffentlich mit heiser krächzendem Lachen dankend ablehnen, wenn ein zu guten Taten motivierter wildfremder junger Mensch anbieten würde, heute Nachmittag zum Vorlesen vorbeikommen zu wollen.

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Nach mir die Kindswut! (Alter und Politik)

Wie wäre es mit einer Aktion „Alte geben den Jungen ihre Stimme“? Nein, nein, das Wahlrecht soll natürlich niemandem genommen werden. Aber man könnte bei einigen Treffen gezielt den politischen Austausch zwischen Alten und Jungen fördern, gemeinsam recherchieren und vieles mehr und am Ende könnten der ältere Part dann – soweit er überzeugt wurde oder bereits war – dem jüngeren Part versprechen, in seinem Sinne zu wählen.

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Who wants to live forever? (Alter/Tod und Wissenschaft)

Im vergangenen Wahlkampf ist erstmals eine Partei angetreten, die dem Tod den Kampf angesagt hat. Auch einige US-Tech-Millionäre widmen all ihren Reichtum der „ewigen Jugend“. Man könnte sich allerdings fragen: Wofür? Wenn wir mal all die egoistischen Gründe für ein verlängertes Leben gelangweilt beiseitelegen: Was bleibt übrig?

Ein über das Egoistische hinausgehender Grund mag sein, dass man noch nicht sterben mag, bevor ein bestimmtes Ziel nicht erreicht ist. Nun sind Dörfer 2.0 genau für solche ideellen Ziele gemacht, d. h. eigentlich ist es genug, ein Dorf mit dem entsprechenden Ziel zu gründen oder sich ihm anzuschließen und dann beruhigt das Zepter weiterzureichen. Nicht man selbst lebt „ewig“, sondern das Dorf, das das Ziel verfolgt, tut es.

Sofern nicht ohnehin jedermann die Mittel zur Verfügung stehen, die eigene Lebensspanne zu verlängern, dürfte zudem das Dorf ein geeigneter Ort sein, um zu entscheiden, wem diese Mittel zustehen sollen und ob und wie man sie verteilen will. Wer weiß, vielleicht ist das längere Leben ja auch mit Entbehrungen und Opfern verbunden. In jedem Fall erscheint mir so ein Dorf-Rat (vielleicht sogar ein „Jüngsten-“ statt ein „Ältesten-Rat“?) das geeignete Gremium zu sein, um eine solche Entscheidung zu treffen.

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Erholt bin ich ja schon! (Urlaub und Kultur / Wissenschaft und Technik / Bildung / Sport / Spiel)

Was wäre der Haupteffekt, wenn wir Gestalter unseres Arbeitslebens wären, über die Work-Life-Balance entschieden, Lästiges wegrationalisierten oder wegautomatisierten und damit zu großen Teilen aufgingen in dem, womit wir unter der Woche die meiste Zeit verbringen?

Richtig, der Urlaub würde ein ganzes Stück seine Rolle als „Antithese“ verlieren. Weil wir schon erholt in den Urlaub starten, besteht gar kein Grund, schlummernd am Strand zu brutzeln und über weite Teile trotzig die Füße hochzulegen. Das wiederum führt dazu, dass der Urlaub eine ganz andere Rolle bekommt: Vielleicht seltener, aber dafür länger und mit dem Fokus, in neue Gebiete vorzustoßen oder alte Steckenpferde wieder hervorzuholen, vielleicht Gewohnheiten zu ändern oder nach einer neuen Ausrichtung zu suchen!

Nun sind wir an dem Punkt, an dem Kultur, Wissenschaft/Technik, Bildung, Sport oder gar Gemeinnütziges in Spiel kommen:

  • In der Bretagne Landschafts- und Aktmalerei trainieren oder Chorleiter-Skills in der Ägäis erwerben, samt Sprachkurs
  • In der Nähe von London Metallurgie-Wissen und -Skills erwerben oder eine Reihe medizinischer Kurse absolvieren, die uns dem beruflichen Ideal näherbringen
  • In einer zehntägigen Wanderung durch das Nördlinger Ries Gesteinsproben sammeln und gleich vor Ort physikalische und chemische Experimente mit ihnen durchführen
  • In einer Kleingruppe mit Führer:in zwei Monaten die Karpaten überqueren, inclusive Survival und Meditation
  • Während einer Rundwanderung in Schottland an verschiedenen Standorten über einen Monat eine historisch-fiktionale Pen&Paper-Rollenspiel-Kampagne fahren, dabei fünf Whisky-Brennereien kennenlernen und zu Fuß an die 200km zurücklegen.
  • In Los Angeles zusammen mit Street-Workern TinyHouses zusammen mit Obdachlosen bauen

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Raus aus dem Touri-Bunker! (Urlaub und Gemeinnützigkeit)

Noch ein Problem mit dem Urlaub: Wir wollen ja eigentlich Land und Leute kennenlernen, manche von uns zumindest, aber de facto sind wir entweder meist in einem Touristen-Bunker eingeschlossen oder wir lernen statt Einheimischer Backpacker aus einer anderen Kategorie von Ländern als die kennen, die uns eigentlich vorschwebte.

Eine Alternative könnten gemeinnützige Projekte sein, wie z. B. das Erbauen von Gebäuden, die Reinigung oder Entrümpelung von Landstrichen und vieles mehr. Auch wenn noch lange nicht garantiert ist, dass es dazu kommt, schaffen solche Aktionen doch zumindest die Möglichkeit, in den Schuhen der Einheimischen zu laufen und ihnen auf einer ganz neuen Ebene zu begegnen.

Und doch – solche Projekte haben oft den schalen Beigeschmack eines Ablasshandels oder – noch schlimmer – eines „Ohne uns könnt ihr’s ja nicht!“ Und sobald die Weltretter-Charity wieder abgezogen ist, versandet der Brunnen oder die mühsam installierte Maschine gibt mangels Wartung den Geist auf.

Gehen wir stattdessen von einer Welt der Dörfer2.0 aus, lösen sich diese Probleme in Luft auf, denn der Initiator wäre in diesem Fall ein Dorf2.0 mit vielen Einheimischen statt einer NGO, der es im Zweifel vor allem auf die gute Presse ankommt.

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Volksnahe Experten? (Politik als Urlaub)

Gerade Politik ist ein Bereich, der anfängt zu korrumpieren, sobald er zur professionellen Schublade wird. Insofern ist unser Parlament gerade in zweierlei Hinsicht der falsche Kompromiss:

  • Die „Profi-Politiker“ sind so professionell, dass es viel zu oft in plumpen Populismus ausartet, wenn sie versuchen, Volksnähe abzubilden.
  • Andererseits sind sie in den wenigsten Fällen Expert:innen genug, um z. B. als Minister:innen kompetent Visionen für einen Bereich entwickeln zu können.

Wie wäre es, wenn sich das Parlament am besten zu 1/3 vs. 2/3 aus den folgenden zwei Gruppen zusammensetzen würde?

  • Ausgeloste Kurzzeit-Parlamentarier (z. B. für ein Jahr – das könnte noch als Urlaub durchgehen), die sich aussuchen, von welchen Experten (der Parteien?) sie sich zu welchem Thema briefen lassen wollen.
  • Profi-Parlamentarier aus den Parteien, die für die ganze Wahl-Periode präsent sind. Ggf. kommen diese eher aus dem Experten-Bereich, denn die „Volksnähe“ wird ja durch die Kurzzeit-Parlamentarier gewährleistet.

Wir müssten da noch so viel mehr experimentieren und ausprobieren, um zu schauen, wie man die meisten Bürger noch besser einbezogen bekommt, um Politik-Verdrossenheit zu bekämpfen! Auch Tools wie Adhocracy könnten da helfen.

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“Click-Baiting” für den guten Zweck (Kultur, Bildung, Wissenschaft und Technik in Verbindung mit Gemeinnützigkeit)

Auf zu einer weiteren verrückten unrealistischen Idee: Wenn Sie ein Großstädter sind wie ich, ist es Ihnen vielleicht auch unangenehm, dass Sie im Leben nicht auf die Idee kämen, die Zeitung haben zu wollen, die Ihnen der oder die Obdachlose in der U-Bahn gerade anbietet. Aber was sonst könnte man verkaufen?

Wie wäre es stattdessen, wenn es einen Ort gäbe, wo Obdachlose ähnlich wie Theater-Schauspieler kurze Anekdoten, interessante Trivia oder ähnliche kurze, aber interessante Schnipsel aus den unterschiedlichsten Kultur- und Wissensbereichen auswendig lernen könnten und vielleicht sogar die Art der Darbietung üben könnten?

Der Nutzen könnte Dreierlei sein:

  • interessante Geschichten gibt es immer und es steht nicht zu befürchten, dass diese irgendwann ausgehen oder technisch das Format ändern (wie es aktuell bei Zeitungen geschieht)
  • die Geschichten erweitern den Horizont und bringen auf andere Gedanken. Zudem wird das Gedächtnis trainiert.
  • Da niemand Geschichten von Menschen hören will, deren Anblick Stürme aus Mitleid und Ekel bewirken, sollte es an dem Ort mit den Geschichten auch freie Duschen und eine Altkleider-Ausgabe geben.

Werte Herrschaften, wussten sie, dass das Käse-Fondue noch gar nicht allzu lange das Nationalgericht der Schweiz ist? Viele Schweizer wussten nicht einmal von seiner Existenz, vor nicht allzu langer Zeit. Neugierig? Na, wenn Sie’s wissen wollen, müsste hier aber vorher noch ein paar Groschen reinfallen!

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„Von der Erde zum Mond“ (Kultur in Wissenschaft und Technik)

Wenn Kultur und Kunst dafür da sind, Emotionen zu wecken und auszudrücken, unser Wundern und unsere Neugier, das Spiel mit Mechanismen, Mustern, Formen und Gestalten in Form und Material zu gießen, dann frage ich mich, warum das viel zu selten in wissenschaftlicher Hinsicht geschieht. Vielleicht – mal wieder – weil diese Schubladen meistens fein säuberlich getrennt sind: Künstler machen Künstler-Dinge und finden Wissenschaft, Physik und Mathe „eher so mäßig interessant“. Wissenschaftler dagegen tun Wissenschaftler-Dinge und tun sich oft schwer mit einem Zugang zur Kunst – von ein bisschen Geige-Spielen einmal abgesehen.

Welche Räume öffnen sich, wenn sich die Kunst vermehrt einen Weg in die Wissenschaft/Technik bahnt und umgekehrt die künstlerischen Spielereien und Ausdrucksformen wiederum Wissenschaftler:innen inspirieren! Im Bereich von Literatur, Film und Serie haben wir mit dem Genre „Science Fiction“ bereits eine so drastische Vermischung wie die, von der ich spreche. Das Ergebnis sind nicht enden wollende Kreisläufe an inspirierten Menschen, die mit dem, was sie tun, wiederum andere inspirieren. Denken wir nur an Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“, das Anfang des 20.Jahrhunderts ganze Generationen von jungen Menschen ein Ingenieur-Studium aufnehmen ließ.

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„Nanos gigantum umeris insidentes“ (Wissenschaft und Technik in der Kultur)

Was, wenn ich eine Querflöte wie ein Klavier spielen könnte und wenn ich auf einer Klaviatur die Töne biegen könnte wie mit einer E-Gitarre? Was, wenn ich im dreidimensionalen Raum malen könnte oder wenn ich statt eines Öl-Gemäldes und eines Buches ein interaktives Spiel wie „Disco Elysium“ schaffe? Das Potenzial der Vermischung von Wissenschaft/Technik und Kultur wird allein schon daraus sichtbar, dass sich die Produktionsfirma von „Disco Elysium“ nach Fertigstellung aus einem Übermaß an Inspiration in mehrere Entwicklerstudios aufspaltete, von denen jedes einen anderen Aspekt des Spiels in Nachfolge-Produkten weiterverfolgen will.

Vielleicht ist das die große Gemeinsamkeit von Wissenschaft, Technik und Kunst: Alle drei Disziplinen versuchen neue Perspektiven, neuen Ausdruck, neue Möglichkeiten zu schaffen. Sie stellen sich auf die Schultern des Alten, um einen Blick auf das Neue zu bekommen – Zwerge auf den Schultern von Riesen!

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Stolpersteine (Kultur und Gemeinnützigkeit durch die öffentliche Hand)

Wenn beides gut miteinander harmoniert, dann ergibt sich so etwas wie die Stolpersteine. Wenn nicht (und das scheint recht häufig der Fall zu sein), dann findet man sich in der Satire-Rubrik zahlreicher Medien-Formate wieder: Der Skandal-Springbrunnen von Hintertupfingen! Der entscheidende Punkt ist vermutlich: Gibt es wirklich den Wunsch nach einem kollektiven Kunstwerk oder ist eine Stadt- oder Gemeindeverwaltung nur der Ansicht, sie käme einem öffentlichen Bedürfnis nach?

Was aber ist die Alternative zu ambitionierten Lokalpolitikern, die sich mit Steuer- und Lobby-Mitteln ein künstlerisches oder architektonisches Denkmal schaffen wollen? Wie wäre es, wenn sich Dörfer2.0 entsprechend austoben würden, wenn sie einen gewissen Wohlstand erwirtschaftet haben? Auch die neue Stadthalle könnte so entstehen, indem mehrere Dörfer2.0 ihre Mittel bündeln und Gemeindemittel zugeschossen bekommen.

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Spotify und Netflix als Genossenschaft (Kultur und Technik, sowie Politik)

Dass der Staat physisch Infrastruktur fördert(Straßen, Schienen, etc.), die Menschen dann benutzen, um ohne Zugangshemmnisse Austausch zu betreiben (wirtschaftlich oder nicht), ist völlig normal. Aber warum nicht auch digital vollziehen, was bereits so herrlich physisch funktioniert? Das ist vielleicht etwas aufwändiger als Wikipedia, könnte aber nicht weniger wegweisend sein!

Wie wäre es mit genossenschaftlich verwalteten und staatlich unterstützten Portalen, auf denen

  • Künstler ihre digitalen Produkte (Musik, Videos, Bilder, etc.) zur Nutzung anbieten können
  • User einen monatlichen Beitrag zahlen, um diese digitalen Produkte konsumieren zu können
  • ein Verteilmechanismus dafür sorgt, dass das eingezahlte Geld zum aller größten Teil im Verhältnis zu den Abrufzahlen und anderen Kriterien an die Produzenten ausgeschüttet wird.
  • Für Clients zu diesem gemeinnützigen Daten-Backend könnte es ähnliche Verteilmechanismen geben, sodass der Client mit den besten Features und der besten Usability belohnt wird.
  • Alle Performance-Daten müssten transparent veröffentlicht werden, um das Tooling optimieren zu können und z. B. Nachwuchsstars schneller zum Durchbruch zu verhelfen
  • Dieses genossenschaftliche Gebilde müsste von einem öffentlichen Gremium kontrolliert werden, das z. B. die Algorithmen und deren Konsequenzen auf den Gesamt-Mechanismus überwacht.

Nun höre ich bereits die mahnenden Stimmen, dass wir uns in einer Marktwirtschaft statt im Kommunismus befinden. Andererseits – sind es nicht die proprietären Plattform-Betreiber und die kartellartig den Markt kontrollierenden Musik-Labels die so etwas wie freien Wettbewerb gerade verhindern? Wie wäre es, wenn auch im Digitalen der Staat Infrastruktur bereitstellt und deren faire Nutzung für alle gewährleistet?

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Von R’lyeh nach Böhmen (Kultur, Bildung und Spiel)

Es ist schon seltsam, wenn man mit den Spielen von „Kingdom Come Deliverance“ durchs mittelalterliche Böhmen stolpert und sich dort mit Wilderern und Schweißgeruch beschäftigt, statt mit Tolkienschen Zauberwesen und magischen Sphären und es macht sogar Spaß. Ebenso faszinierend ist es, wenn man im Pen&Paper-Rollenspiel Cthulhu durch das New England oder das Berlin des frühen 20. Jahrhunderts streift und einerseits wie in der Literatur von H.P. Lovecraft begreift, dass die Erde nur ein Spielball im Wettstreit kosmischer Monstren ist, aber gleichzeitig bewegt man sich im Spiel durch diese Zeit, durchlebt die Nachwehen des Ersten Weltkriegs, ist mit irrwitzigen elektrischen Apparaturen konfrontiert und versucht sich gemeinsam in den Zeitgeist hineinzudenken. Was für riesige Räume zur Exploration tun sich da auf? Während man in „Kingdome Come“ mit dem Hammer aus dem glühenden Metall ein Schwert formt, fragt man sich fast unweigerlich: Wie weit könnte man das treiben? Mit wie vielen handwerklichen Kniffen könnte man das Spiel noch anreichern? Wäre es vielleicht doch möglich, dass man nach zehn Stunden in einer virtuellen Schmiede in eine richtige Schmiede geht und – nachdem man ein paar Mal von den Tücken der Realität eingeholt wurde – drauflos schmieden könnte? Sosehr man manchmal auch zu Zynismus neigt und denkt, man hätte schon alles gesehen: Wir haben noch nicht einmal einen Hauch von dem realisiert, was noch alles möglich ist!

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Bad-News-Bombardement! (Kultur, Politik und Spiel)

Haben Sie schon mal Tests wie jene des schwedischen Arztes und Statistikers Hans Rosling gemacht? Ich würde mich wirklich nicht als Pessimisten einstufen, aber – anscheinend bin ich’s doch und die meisten anderen mit mir. Was hab ich mich da miesepetrig verschätzt! Ist aber auch schwierig, wenn man nach 200.000 Jahren eigenen Erfahrungen und Hörensagen schon als normaler Mensch in einer Medienflut von schlechten Nachrichten versinkt. Wenn man dann auch noch Demagogen und Rattenfängern auf den Leim geht und nach ein paar Klicks gesellt sich zum ohnehin schon sehr durchwachsenen medialen Bild noch ein Berg von Falschnachrichten und Hetze hinzu – ist ja fast klar, dass es überall nur so wimmelt vor „Messermännern und Kopftuchmädchen“! Da hat die überaus positive Fakten-Welt von Rosling gar keine Chance mehr!

Bleibt die spannende Frage, wie wir es schaffen können, uns gegenseitig aus dem Sumpf schlechter Nachrichten herauszuziehen. Wobei, es ist ja noch schlimmer: Wie machen wir Freunde und Bekannte, die bis zum Hals in diesem Sumpf stecken, überhaupt klar, dass sie gar nicht klar sehen können vor lauter Frust, Wut und Hass? Beziehungsweise – die Wut ist ja vielleicht sogar richtig, aber sie müsste bei elitistisch-libertären Milliardären, skrupellosen Lobbyisten und trägen meist konservativen oder populistischen Politikern ohne Rückgrat landen, statt bei Flüchtlingen und Arbeitslosen! Dort wäre sie mehr als gut aufgehoben, die Wut!

Wenn wir es dann geschafft hätten, ein nicht zu übersteigert negatives Bild der Realität zu haben und wenn die falschen Feindbilder erst mal beseitigt sind, dann kommen eigentlich erst die richtigen, produktiven und interessanten Fragen hoch: Was wollen wir ändern, wie ändern wir’s und womit fangen wir an?

Genug mit Fragen, Antworten müssen her. Klar ist: Das ist kein Gespräch von 5 Minuten oder 5 Stunden. Eigentlich müssen Ängstliche und Mutige, Pessimisten und Optimisten, von Fake-News geflutete und Gutinformierte Zeit miteinander verbringen, aufeinander angewiesen sein, sich schätzen und mögen und immer wieder Gelegenheit haben, um ins Gespräch zu kommen.

Ich fürchte, ich hab grad schon wieder ein Dorf2.0 beschrieben, das den spielerischen Akt kultiviert, Sichtweisen zu vergleichen, Positionen auszuloten, Knackpunkte zu finden oder Kompromissräume zu eröffnen. Sendungsformate wie 13 Fragen geben eine Richtung vor und auch technische Werkzeuge wie Adhocracy können dabei unterstützen. Dörfer2.0 sind in diesem Sinne ein positiv stabilisierender Faktor. Schließlich geht es schon in den Grundideen darum, durch progressive Ideen wirtschaftliche Möglichkeiten zu schaffen, die dann idealerweise von den konservativen Teilen der Belegschaft umgesetzt werden, während die Progressiven vielleicht schon wieder am nächsten großen Ding arbeiten. Statt progressive und konservative Positionen aufeinanderprallen zu lassen bis es zu einem „wir gegen die“ kommt, muss es zum Austausch und zu Meinungsänderungen ohne Gesichtsverlust kommen können. Wo wäre das besser möglich als in einem Dorf2.0

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Streamern zuschauen? Ich glaub, ich werd alt (Kultur und Spiel/Hobby)

Wer einem der klassischen Streamer:innen mal ein bisschen zugeschaut hat, den könnte schon das Erstaunen überkommen, dass es da relativ einfache Statements und Aktionen sind, die die Zuhörer dazu bringen die Geldscheine zu zücken. Wie kommt es, dass Stream-Influencer so oft Menschen im Schreibtisch-Stuhl sind, statt Musiker beim Üben und Jammen, bildende Künstler beim Hämmern, Zeichnen und Malen oder Wissenschaftler im Labor? Nicht zuletzt im Kunst-Bereich könnte man sich da ja auch wilde Interaktionen vorstellen, die umso spektakulärer werden, je professioneller die Beteiligten unterwegs sind. All das könnte technisch so unterstützt werden, dass sich der Unterhaltungswert noch zusätzlich vergrößert. Es ist doch eigentlich viel zu limitiert, Leuten nur beim Plaudern oder Computerspielen zuzuschauen!

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Öde und Strebertum statt Magie (Wissenschaft/Technik in der Bildung und Kinder)

Wissen steht in Büchern. Dass es dort irgendwann mal hineingekommen sein muss, darüber hab ich mir bis sehr spät in meiner Schulkarriere nie Gedanken gemacht. Da es dem Frontalunterricht eher hinderlich als förderlich gewesen wäre, wenn diese Frage öfter mal diskutiert worden wäre, sahen die meisten Lehrer:innen auch nicht wirklich einen Grund darin, das zu thematisieren. Wir waren am Bayerischen Gymnasium. Da rezitiert man aus Büchern als hätten Ur-Bajuwaren das vor tausenden von Jahren schon genau so gemacht.
Wissen wird nicht mühsam erforscht, hart erarbeitet, clever ausgedacht, sondern es steht da schon immer drin – ohne wirklichen Zweck, ohne Magie, ohne Mysterium. Einfach so. Und wie man eine Tasse in eine andere Tasse „hineinkippt“, transportieren Lehrer einfach dieses Wissen von ihrem Kopf in den der Schüler. Weil… weil… das so sein muss. Deshalb gibt es ja die Schule. Das muss so. Sonst… sonst… gibt es keine guten Noten. Und ohne die gibt es keinen guten Job.
Irgendwann später in der Oberstufe entstand bei mir, nur für mich alleine sogar meine ganz eigene Privat-Magie, eine Faszination für wundersame Zusammenhänge, in Geschichte, in Chemie, in Deutsch und Biologie. Aber um mich herum meist stumpfe Öde. Es ist als würde ein Fließband-Arbeiter beginnen, mit seinen Produkten zu spielen, statt routiniert weiterzuarbeiten. Das stört den Betrieb!

So trivial und Sinn-beraubt wir Wissenschaft und Bildung sehen – so könnte das z. B. mit Geld nie passieren. Wenn man jemandem einen riesigen Haufen an Geldscheinen vor die Nase setzt, denkt kein Mensch: „Hm… eine Menge Papier ist das. Dieses Papier muss ich jetzt in Geschäfte tragen. Und dann krieg ich irgendwelche Sachen dafür. Vielleicht braucht man die für irgendwas.“ Aber wie so oft bei einem solchen hirnzersetzenden Irrsinn: Es schreit niemand. Ist normal!

Könnten wir vielleicht den sehr viel schwierigeren Weg gehen, Kinder schon früh auf dieser magischen Geschichte des Erforschens und Lernens mitzunehmen? Könnten wir die schwierige Mission unternehmen, in ihnen selbst den Wunsch zu wecken, herauszufinden, wie etwas sein kann, wie etwas funktioniert? Das wird mit der klassischen Schulbank nicht funktionieren und auch nicht mit einer App. Aber wäre das nicht trotzdem eine sehr erstrebenswerte Aufgabe? Und das tolle ist: Kids bringen diese Neugier, das große „warum“ ja mit! Zahlreiche Studien (siehe unten) belegen z. B. für Mathematik, dass Kinder mit maximaler Neugier beginnen, diese ihnen im Laufe der Jahre aber mehr und mehr abtrainiert wird.

Studien zur abnehmenden Motivation an Mathematik-Unterricht und anderen Fächern:

  • Anger, C., Koppel, O., & Plünnecke, A. (2018). MINT-Frühjahrsreport 2018: MINT–Offenheit, Chancen, Innovationen. Gutachten für BDA, BDI, MINT Zukunft schaffen und Gesamtmetall. Köln: Institut der deutschen Wirtschaft

  • Osborne, J., & Dillon, J. (2008). Science education in Europe: Critical reflections. A report to the Nuffield Foundation. Verfügbar unter http://efepereth.wdfiles.com/local—files/science-education/Sci_Ed_in_Europe_Report_Final.pdf [12.03.2020].

  • Gago, J.M., Ziman, J., Caro, P., Constantinou, C.P., Davies, G., Parchmann, I., Rannikmae, M., & Sjoberg, S. (2005). Europe Needs More Scientists: Report by the High Level Group on Increasing Human Resources for Science and Technology. Luxembourg: Office for Official Publications of the European Communities.

  • Mullis, I.V., Martin, M.O., Foy, P., & Arora, A. (2012). TIMSS 2011 international results in mathematics (S. 139-171). Chestnut Hill: TIMSS & PIRLS International Study Center.

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Faszinierend statt ekelig (Wissenschaft und Kinder)

Wir haben bereits darüber gesprochen, dass unser Schulsystem auf breiter Front daran scheitert, Kinder neugierig auf diese Welt zu machen und sie Stück für Stück für die Wunder und Rätsel dieser Welt zu begeistern und sie in ihre Magie und Komplexität mit hineinzunehmen.

Die spannende Frage ist, was die frühkindliche Erziehung im Kindergarten da bereits leisten kann. Länder, in denen die kindliche Früherziehung ein Studienfach, statt eines bloßen Ausbildungsberufes wie in Deutschland ist, gehen gezielt darauf ein, dass es für Kids nichts Spannenderes gibt, als sich spielerisch mit dem Leben der Erwachsenen auseinanderzusetzen. Wichtig ist nur, dass man der Neugier und dem spielerischen Drang begünstigt, statt den Weg einzuschlagen, der wie oben erwähnt, ins Verderben der lästigen Pflichterfüllung führt.

Wenn wir uns darin einig sind, dass sich moralisch „gutes“ Denken beim sozialen Lebewesen Mensch trotz und nicht wegen Religion entwickelt (siehe Studie unten), dann könnte man mal ausmisten, welche religiösen Inhalte noch die Kindergarten-Agenda prägen. Vielleicht könnte man ja mehr Zeit damit verbringen, zu erforschen, was so ein Ei eigentlich ist, statt es bunt zu bemalen, von Männern in Sandalen, Nägeln und Speeren zu erzählen und Osterhasen-Lieder zu singen. Überhaupt könnte man viel mehr Fragen stellen und mit den Kids die Antworten explorieren, statt mit einem „Weil es so ist! Und jetzt komm, wir singen jetzt was Schönes!“ zu antworten.

Das wiederum verdeutlicht, dass es gut ist, wenn sich viele unterschiedliche Menschen an der Kinder-Erziehung beteiligen, nicht nur Menschen mit einer fürsorglichen, auf Menschen fokussierten Ader, die keine allzu große Lust hätten, solchen eher dinglichen Fragen nachzugehen, was eigentlich im Inneren eines Eis passiert. Vielleicht könnte man sogar noch einen größeren Bogen schlagen und Kinder in der Grundschule bereiten kleine wissenschaftliche Spiele und Experimente vor, die sie dann mit Kindergarten-Gruppen verschiedener Dörfer durchspielen und dabei erklären, was da passiert.

Wäre das nicht insgesamt eine hervorragende Idee, dass vielmehr Doktoranden Studenten lehren, die Schülern etwas beibringen, welche Kindergartenkindern zu spannenden Entdeckungen verhelfen? Allemal hilfreicher als Texte zu schreiben, die nach der Korrektur direkt im Mülleimer des Vergessens landen, wäre es in jedem Fall!

Moral und Religion:

  • „When a Good God Makes Bad People: Testing a Theory of Religion and Immorality“, J.C. Jackson & K. Gray, American Psychological Association, Journal of Personality and Social Psychology, Feb 2019, 117(6)

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Hinter dem Vorhang (Forschung/Wissenschaft schon während der Bildung)

Während meines Zivildienstes gab es in der Behindertenwerkstatt einen Nebenraum, in dem haben ein paar besonders stark geistig beeinträchtigte Menschen Schrauben sortiert. Und wenn eine Schachtel fertig sortiert war, dann verschwand der Zivi mit der Schachtel hinter einem Vorhang, man hörte lautes Scheppern und schon war da eine neue alte Kiste mit Schrauben, die dringend sortiert werden musste.
Über die gesamte Schul- und Universitätslaufbahn kamen mir etliche Hausarbeiten, Referate, Studien-Arbeiten und Ähnliches genau so vor. Klar, Lehrjahre sind keine Herrenjahre und das meiste davon würde ich heute selbst nicht mehr lesen wollen. Selbst meine Diplomarbeit löst bei mir den einen oder anderen Schmerz-Reflex aus. Aber das würde sich ja mit der entsprechenden Betreuung ggf. ändern und verbessern lassen.
Das wichtigste wäre mir gewesen, dass es wenigstens die wenn auch noch so unwahrscheinliche Aussicht darauf gibt, mit der Arbeit etwas Sinnvolles schaffen zu können. Die vage Aussicht hätte schon genügt.
Man könnte beispielsweise in deutlich kürzeren Vorarbeiten und Übungen schon mal die häufigsten Fehler besprechen und ausbügeln, damit man dann in der Hauptarbeit diese nicht mehr zu wiederholen braucht. Aber klar, das wäre wieder kein Fließband, sondern mühsame Projektarbeit. Die lässt sich nicht mit 30 Personen, sondern nur mit 3-4 Personen am Stück durchführen. Aber vielleicht könnte die komplette Klasse ja an den besten Arbeiten so lange feilen, bis sich tatsächlich etwas damit anfangen ließe!
Wie wäre es z. B., eine Reihe von Wikipedia-Artikeln zum Thema zu optimieren, Bilder, Grafiken und Videos hinzuzufügen, Beispiele und Illustrationen. Und wenn es zu den Klassikern schon tausende Aufsätze gibt, nutzt man sie vielleicht nur für kurze Schreib-Übungen und widmet die Energie lieber einem zeitgenössischen Werk, das noch keine oder nur wenige Rezensionen hat.

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Eierlegende Wollmilchsäue (Wissenschaft/Technik, Bildung, Arbeit und Gemeinnützigkeit)

Nehmen wir den Pharma-Bereich als ein exzellentes Beispiel, wie Menschen die gleichen Skill-Sets, Expertise und Infrastruktur nutzen könnten, um ganz verschiedene Ziele zu erreichen:

  • Geld verdienen (z. B. profitable kommerzielle Vermarktung von massentauglichen Produkten)
  • Gemeinnützig agieren (z. B. für Medikamente für Nischen-Erkrankungen, für die es sich kommerziell eigentlich kaum lohnt)
  • dabei angewandte, aber auch Grundlagen-Forschung betreiben und
  • dazu noch andere ausbilden.

Interessant ist nicht zuletzt, wie sehr sich die Bereiche gegenseitig hilfreich verstärken könnten. Die gemeinnützigen Aktivitäten und die Forschung wirken wie ein Leuchtturm, der Menschen zu einer Ausbildung überzeugt. Diese wiederum stehen dann nach einiger Zeit auch für die kommerzielle Nutzung zur Verfügung.

Der Witz ist: Aus der Logik eines Unternehmens heraus wäre dieser Mix von Aktivitäten im besten Falle kühn und im schlimmsten Falle der wirtschaftliche Ruin. Aus der Perspektive eines Dorfes2.0 heraus ergibt das dagegen hochgradig Sinn. Genau deshalb ist es auch wichtig, dass die Infrastruktur dem Dorf gehört und an das Unternehmen und die Bildungseinrichtung nur vermietet wird, sodass sich exakt diese kombinierten Nutzungsszenarien ergeben.

Und noch ein wichtiger Aspekt: Während in einer Schubladen-Welt die Eisdiele im Winter schließen muss oder Verluste produziert, wird das Dorf2.0 einfach andere Verwendungsmöglichkeiten für Mensch und Infrastruktur finden: Vielleicht werden die Skills in Lizenz an andere Dörfer weitergegeben oder man ergeht sich in Lebensmittel-Studien, wie Eiskristalle bei niedrigsten Temperaturen dennoch ein elastisches cremiges Gebilde ausprägen können. Zudem könnte an „anziehbaren Kühl-Apparaturen“ gearbeitet werden, die es Menschen ohne Ausbildung im Sommer ermöglicht, ohne viel Infrastruktur an Touri-Hotspots leckere Bio-Eiscreme zu verkaufen.

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Hey, das ist mein Wald! (Wissenschaft/Technik in Kombination mit Natur und Sport)

Natur, das ist heute vor allem eine Sache: Ein Raum für Erholung und Sport. Vielleicht kommt noch ein bisschen Spiel hinzu, wenn wir an Freizeit-Beschäftigungen wie Geo-Caching denken. Die Frage ist: Wird ein Wald zu „meinem Wald“, weil ich ein bisschen darin jogge oder herumspaziere? Müssten wir dafür nicht ein bisschen mehr „investiert sein“?

Umso spannender ist die Frage, welche Aktivitäten zu einem solchen „Investment“ führen könnten. Vielleicht könnten Wandernde ja dabei helfen, flächendeckend wissenschaftliche Messungen vorzunehmen, kurze vorherige Schulung inclusive: Luft-, Boden- oder Wasserproben vielleicht, die Sichtung von Insekten und Pflanzen, die Messung von Temperatur an bestimmten Stellen unter bestimmten Bedingungen. So könnten aus einzelnen Stichproben weniger Freiwilliger Langzeit-Messungen im Raum werden.

Wirtshäuser könnten Meß-Sets samt Kaution und Schulung vielleicht sogar verkaufen und wo früher das Geo-Caching reiner Selbstzweck war, ist es jetzt mit einer sinnstiftenden Aufgabe verbunden. Auch die Beziehung der Erholungssuchenden zum betreffenden Naturraum dürfte sich ändern, weil irgendwie ist es ja jetzt mein Naturraum und ich will vermutlich wissen, welche Untersuchungen ich mit meinen Messungen ermöglicht habe und was die Ergebnisse bedeuten.
Am Ende führt es gar zu einer viel höheren Involviertheit, was den Klimawandel betrifft, denn ich hab ja jetzt in meinem Lieblingserholungsraum selber mit nachgemessen, dass die Sonneneinstrahlung deutlich intensiver ist als noch vor fünf Jahren.

An Gewässern und im Meer könnte es darum gehen, Seeigel in einem Raster zu zählen oder beim Schnorcheln Korallen zu pflanzen. Das Beste ist: Das gibt es sogar schon. Klasse wäre natürlich, wenn’s das noch viel öfter gäbe und wenn der Preis dafür deutlich sinken könnte, z. B. weil die Projekte von Dörfern2.0 unterstützt werden, statt auf die (dazukommenden) Mittel von helfenden Touristen angewiesen zu sein.

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Aufmerksamkeitsentzug (Wissenschaft/Technik und Politik)

So drastisch uns vor allem rechte Demagogen die Bedeutung „gefühlter Fakten“ gerade wieder vor Augen führen wollen, so sehr haben uns dann auch wieder Epidemien wie Corona gezeigt, dass die Macht der Gefühle schnell endet, wenn es um bedrohliche naturwissenschaftliche Zusammenhänge geht. Ja, man kann sich Entwurmungsmittel kredenzen oder mit der UV-Lampe in das Rektum leuchten, aber mit etwas Pech kollabieren die Lungen dann halt trotzdem.
Insofern ist Politik, die nicht auf Basis von Fakten operiert, vieles, aber sicher nicht langfristig ergebnis- und erfolgsorientiert. Selbst wenn der Klimawandel aktuell „aus der Mode“ geraten ist: Wenn das Wasser bis zu den Knien reicht oder der Asphalt in der Stadt nicht mehr abkühlen will, dann wird selbst dem Dümmsten irgendwann klar, dass er mit Verschwörungstheorien nicht weit kommt.
Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft Strategien entwickeln, um Populismus und all die damit verbundenen „gefühlten Fakten“ und Verzerrungen zurückzudrängen, Vertrauen in die Politik wiederherzustellen und dafür zu sorgen, dass Politiker hart abgestraft werden, wenn sie der Bevölkerung ein X für ein U vormachen wollen:

  • Wie wäre es, wenn Moderator:innen noch viel mehr im Erkennen schäbiger rhetorischer Strategien geschult würden, um den um ehrlichen Austausch bemühten Gästen unterstützend beispringen zu können? Das geschieht leider viel zu selten! Ist es nicht erstaunlich, dass wir in Talkshows, die zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen sollen, laxer mit Foulspiel umgehen als im unwichtigsten aller Fußball-Derbys?
  • Wichtig wäre zudem, Journalist:innen in Sachen Fakten und „False Balance“ besser zu schulen. Dabei wäre es ja sogar verzeihlich, dass der Quote zuliebe auch ein paar extreme Idioten eingeladen werden, nur sollten Moderation und die übrigen Gäste dann halt auch in der Lage sein, die unhaltbaren Standpunkte sturmreif zu schießen.
  • Talk-Gäste, insbesondere gewählte Politiker, die sich wiederholt falscher Fakten bedienen, sollten viel öfter möglichst direkt gestellt werden (warum geht der Video-Beweis nur beim Fußball?) und nach der dritten oder vierten dreisten Lüge könnte dann ein temporärer Talkshow-Bann erfolgen.

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Spielwiese mit Kernspin (Wissenschaft/Technik als Spiel/Hobby)

Im Buch „Eine kurze Geschichte von fast allem“ von Bill Bryson gibt es einige Ausflüge in das frühe 18. und 19. Jahrhundert, wo Menschen am Wochenende mit Hämmerchen und anderen Werkzeugen in die Natur entschwinden, um der Lösung wissenschaftlicher Rätsel näherzukommen, z. B. wie es einem Flusslauf gelingt, sich in Form eines Tals in den Boden zu fräsen.

Vermutlich ist der Zugang zu Wissenschaft und Technik heute deutlich einfacher als damals und vermutlich wird er in der Summe auch weit öfter in Anspruch genommen. Aber da sind halt wieder die Schubladen: Menschen beschäftigen sich oft nicht deshalb mit Wissenschaft und Technik, weil es faszinierend ist, weil es uns die Welt begreifbar macht und weil wir dadurch neue Möglichkeiten erringen, sondern weil wir in der Schule oder Uni gute Noten haben wollen, einen guten Abschluss machen wollen und danach vielleicht, weil es nun mal unser Job ist. ”Lass uns jetzt nicht über das Spike-Protein reden. Wir haben jetzt Mittagspause!

Umso wichtiger wäre es meiner Meinung nach, die Wissenschaft wieder ein ganzes Stück aus den Universitäten herauszuholen und mitten in den Mainstream zu bringen. Warum sollte es nicht völlig normal sein, ein interessantes Phänomen, das sich während Arbeit oder Freizeit ergeben hat, wissenschaftlich zu beschreiben und genauer unter die Lupe zu nehmen? Es ist ja gut und schön, wenn manche so sehr von einem Thema absorbiert werden, dass sie es zu ihrem Beruf machen, aber müssten wir uns nicht alle wieder viel mehr vor Augen führen, dass wir Explorierende sind, die in ein Universum voller Mysterien hineingeworfen wurden?

Andererseits: Wie geht das in einer Welt, in der die Grenzen der Wissenschaft so weit an die Ränder gewandert sind, dass es für die meisten neuen Erkenntnisse ganzer Teams und sündhaft teurer Apparaturen bedarf?

Vielleicht sind auch hier wieder Dörfer2.0 die Antwort, in denen die teuren Apparaturen eben keiner Firma gehören, die sie nach Feierabend wegsperrt. Warum sollte die Zentrifuge oder der Kernspin nach Feierabend nicht für Profi- und Amateur-Gruppen weiterarbeiten, entsprechende Qualifikation und Kostenübernahme vorausgesetzt? Und warum sollte sich das Team am Wochenende nicht in etwas unterschiedlicher Personalbesetzung erneut zusammenfinden, um ganz andere Forschungsthemen zu untersuchen? Nur weil Menschen eine sehr teure hochkomplexe Maschine auch in ihrer „Freizeit“, d. h. in einer Zeit nutzen, in der nicht kommerzielle Themen im Vordergrund stehen, bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass Dreijährige die Apparatur mit Fingerfarben bemalen.

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Handys so groß wie Werkshallen (Wissenschaft/Technik in der Bildung als Spiel/Hobby)

Insbesondere wenn man es mit anderen zusammenmacht, stelle ich es mir als riesigen Spaß vor, gemeinsam Meilensteine der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung nachzuvollziehen. Aber vielleicht müsste es ja nicht zu einem Wettbewerb ausarten. Stattdessen könnte das spielerische Entdecken und die Neugier auf weiterführende Fragestellungen im Mittelpunkt stehen. Man könnte sogar die zeitraubenden Teile ausklammern, solange absehbar ist, wie man z. B. im Falle Marie Curies aus 10 Tonnen Pechblende zu reinem Radium kommen kann.

So eine Hands-On-Entdeckungsreise hätte zugleich noch einen ganz anderen Vorteil: Wäre man danach nicht mit all dem Basis-Wissen ausgestattet, um mit relativ wenigen Hilfsmitteln in kurzer Zeit wieder von der Steinzeit in die Gegenwart zu kommen? Ok, es wäre eine Gegenwart, in der ein Handy erst mal wieder so groß wäre wie eine ganze Werkshalle, aber es kommt ja aufs Prinzip an!

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Vom Tellerwaschen zum Traumjob, Europa-Edition? (Bildung und Gemeinnützigkeit)

Ein wichtiger, aber vielleicht spezieller Aspekt von Gemeinnützigkeit ist es, Menschen aus dem Hamsterrad des „Arbeitens um zu Essen“ zu holen und sie beruflich in die Nähe von dem zu bringen, was gut zu ihnen passt. Da vielen gar nicht klar ist, welche Tätigkeit sie erfüllen und ihnen Spaß machen würde, welches Thema sie gern viel ihrer Zeit widmen wollen würden, ist noch ein weiterer Schritt vorher zu absolvieren, nämlich diese Beschäftigung, dieses Ikigai zu finden.
Wohlgemerkt, damit ist nicht – wie heute oft üblich – ein Nachmittag in der Bibliothek des Job-Centers mit spannenden Fragebögen gemeint oder ein Praktikum in der Großküche, wo die 14-Jährigen die nächsten Tüten, die gebraucht werden, aus der Vorratskammer holen. Worin soll da das Ikigai liegen?

Eher ist damit gemeint, sich über Stationen in einem oder mehreren Dörfern2.0 Stück für Stück von der Tellerwäscher:in oder der/dem Obdachlosen zur Wunschprofession emporzuexplorieren.
Das bedeutet, dass es völlig ok ist, im Dorf als Hilfsarbeiter oder Reinigungskraft zu arbeiten, aber es muss eben auch die Möglichkeit, ja sogar einen sanften Sog gegeben, andere Dinge auszuprobieren, sich zu qualifizieren und Erfahrungen zu sammeln. Entsprechend bedeutet es, dass ich die Hilfskraft schon von Anfang an mit dem Respekt einer Projektleiterin behandle, denn das Ziel ist, dass sie vielleicht in vier Jahren tatsächlich die ersten Projekte leitet, wenn es das ist, was ihr Spaß macht und worin sie gut ist. Natürlich könnte sie sich auch horizontal zu einer Tatort-Reiniger:in weiterentwickeln oder Kurse geben, wie man Cardio-Training, physiotherapeutische Übungen und Raumhygiene miteinander verbinden kann.

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Was soll der Gneis? (Bildung, Natur und Sport)

  • Klassenfahrt: „Zum dritten Mal heute quälen wir uns aus dem Bus, damit der Erdkunde-Lehrer nach 5 Minuten Fußmarsch auf eine Gesteinsformation zeigen kann. Einer der Schüler spult lustlos sein Kurz-Referat über Gneis ab. Hört dieser Tag niemals auf?“
  • Sonntagswanderung mit den Eltern: „Wie immer ebenso pittoresk wie ereignislos. Ich hasse Sonntage!“
  • Bundesjugendspiele: „10.000m-Lauf, 25 Runden auf der 400-Meter-Bahn. Kann mich bitte jemand notschlachten? Nein, nicht wegen der Überanstrengung! Die Monotonie und Langweile bei gleichzeitigem Seitenstechen bringt mich um!“

Zugegeben, es ist nicht der lebensbejahendste, weltoffenste Jugendliche, dessen Perspektive ich hier wiedergebe. Aber es zeigt doch gut, wie Dinge an Sinnhaftigkeit verlieren, sobald man sie voneinander isoliert und in eine Schublade packt. Allerdings sind sie – touché – einzeln deutlich leichter zu organisieren!

Stellen wir uns stattdessen vor, eine Gruppe von vier bis fünf Jugendlichen würde mit einer Bezugsperson drei Tage durch ein Mittelgebirge laufen und auf dem Weg würde man sich immer wieder in unterschiedliche Zeiten begeben, zu den Faltungen von Gesteinsschichten vor Millionen von Jahren, zu den Gletschern der Eiszeit, in die Mühlen-Wirtschaft des Mittelalters, auf die Schlachtfelder des 30-jährigen Krieges. Vielleicht würde sogar eine Übernachtung im Freien auf dem Programm stehen samt ein paar Basics, die man beachten sollte, um sich in freier Wildbahn orientieren und dort überleben zu können. Wäre das nicht etwas völlig anderes?

Wichtig ist vor allem: Zuerst die Neugierde und dann (auf eigenen Wunsch hin) die Weiterarbeit, nicht umgekehrt! Sonst kann man ihn auch gleich sein lassen, den Vortrag über den Gneis.

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Willkommen im Fachhandel für Demokratie (Bildung und Politik)

Da wir immer wieder kleinere Kurse und Lern-Projekte ansprechen: Parteien, Genossenschaften, gGmbHs, Vereine und vieles mehr einerseits, Petitionen, Volksbegehren, Crowd-Funding und Ähnliches andererseits – es gibt so viele Werkzeuge, die beim Mobilisieren für ein Anliegen und dessen Umsetzung helfen. Fast schon essenziell wäre eine Art Schnelldurchlauf, welche Demokratie-Werkzeuge es gibt, wann und wie man sie nutzt, wofür sie gut sind und worauf man achtgeben muss.
Zusätzlich muss es noch um Tools gehen, die Menschen dabei helfen, sich partizipativ zu organisieren. Adhocracy hatten wir bereits erwähnt. Fernab der technischen Hilfsmittel sind hier natürlich auch die psychologischen Skillsets gefragt, wie es gelingen kann, dass sich Menschen so weit zusammenraufen, dass sie in der Lage sind, ein gemeinsames Anliegen umzusetzen oder wie man Führung gestalten kann, ohne dass sie autokratisch mutiert.

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Love is the Answer (Politik und Bildung)

Wie kommt es, dass Populismus, Fake-News, Diskriminierung und konservative bis rechte Ideen aufblühen, zu einer Zeit wo man eigentlich schon dachte, das hätten wir hinter uns gelassen?

Die Antwort auf diese große Frage unserer Zeit liegt hier direkt vor unseren Füßen. Sie besteht aus drei Komponenten:

  1. Individualisierung: Wir haben bereits ausgiebig über den Trend gesprochen, dass die sozialen Gruppen und die Bindungen innerhalb von ihnen kleiner und geringer werden. Weil das so ist, wird auch die Anzahl der Gelegenheiten geringer, bei denen mich andere Menschen wissen lassen, dass sie nicht meiner Meinung sind oder gar, dass meine Meinung Unfug ist.
  2. Statt des Austauschs mit der sozialen Bezugsgruppe vor Ort sucht man sich dank Internet dort Menschen, die die eigene Meinung teilen. Oder hemdsärmelig ausgedrückt: Wo früher der Dorf-Idiot in der Kneipe mit einem „ja, ja, Du wieder“ ins Abseits geschoben wurde, organisiert er heute Montagsspaziergänge auf Telegram-Seiten.
  3. Dank der nächsten Neuerung, den Social-Media-Algorithmen, befeuern Populisten aller Couleur genau das, wofür man früher ausgelacht worden wäre, wenn man zu oft darauf herumgeritten wäre. Zudem verstärken sich Ängste noch mehr, weil man ja immer mehr mit den betreffenden Inhalten befeuert wird, sobald man erst mal darauf eingestiegen ist.

Und die Lösung? Klar, man kann Social Media oder gar das Internet reglementieren, aber ist das mehr als an Symptomen herumzudoktern? Mein Gedanke geht eher eine andere (ok, vielleicht wieder viel zu grundsätzliche) Richtung: Die Dörfer2.0 wären sogar noch besser als die ursprünglichen Dörfer, weil sie im Kern auf dem Prinzip funktionieren, dass

  • progressive Heißsporne mit ihren neuen Ideen
  • fürsorgliche Gemüter mit dem Wunsch, sich zu kümmern und
  • konservative Geister, die nach einem stabilen Gefüge suchen, in das sie sich einbringen können,

zusammenarbeiten müssen, damit die gesamte Unternehmung Erfolg hat.

Der Austausch, der aus dem „Zusammen funktionieren“ erwächst und die gemeinsame Einsicht, dass neue fortschrittliche Ideen und solide organisiertes Voranschreiten Hand in Hand gehen müssen, sollte verhindern können, dass es zu den aktuell verbreiteten populistischen Querschlägern kommt, da es bei all der Informiertheit und Pluralität um einen herum schwierig ist, Behauptungen aufrechtzuerhalten wie z. B. „dass der Habeck höchstpersönlich vorbeikommt, um mit dem Heizhammer die alte Ölheizung herauszureißen“.

Wie Forschende herausgefunden haben, ist es ja wenigster das passende Gegenargument, das den Irrenden wieder auf den Weg zurückführt, sondern der Umstand, dass er von geliebten, liebenden und am besten noch ihn respektierenden Menschen umgeben ist, die schon durch ihre Anwesenheit dazu auffordern, radikalere Standpunkte neu zu überdenken. „Hubert, Du weißt, ich schätze Dich und Deine Fähigkeiten sehr, aber das, was Du da über E-Autos erzählst, ist Unsinn. Und das weißt Du auch!“

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Back to the Future (Bildung und Kinder)

Früher war alles besser: Das vielleicht nicht, aber wenn ich an meine Kindheit denke, war zumindest auf dem Land vieles unkomplizierter. Früh fuhr man als Kind allein mit Bus oder Zug, lief längere Strecken ohne elterliche Begleitung, spielte und machte Unfug im Kreis der Nachbarskinder und das war ok, solange man zum Abendessen wieder zu Hause war. Und selbst wenn es im Kindergarten mal ruppig wurde, waren weder Polizei noch Rechtsanwälte vor Ort, sondern man wurde sich irgendwie einig.
Dann kamen, ja was eigentlich? Handys, soziale Medien und die Globalisierung, ist es wirklich das? Auf jeden Fall gelangten wir mehr und mehr in eine juristische Ära, in der selbst das Applizieren eines Pflasters das Einverständnis der Eltern erfordert. SUVs vor der Tür, Angst vor der Anzeige, Remote-Überwachung per App, da schießt einiges in eine sehr komplizierte und ungünstige Richtung ins Kraut.

Umso mehr ist die Frage, ob man über Dörfer 2.0 wieder zurück und gleichzeitig vorwärts gelangen kann, indem wieder dörflichere Strukturen geschaffen werden, Risiken verringert oder realistischer eingeschätzt werden und die anonyme juristisch-vertraglich geregelte Dienstleistung durch Vertrautheit, Kompetenz und Kommunikation ersetzt wird.

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Spielend leicht gelernt (Bildung und Spiel/Hobby)

Carcassonne und Siedler – gut und schön! Aber wie wär’s, wenn wir viel kompliziertere Dinge spielen würden? UN-Tribunal, Unternehmens-Simulationen, Gerichtsprozesse, Hedgefonds-Manager und vieles mehr – oder wir könnten Ingenieur-Wettbewerbe veranstalten, mit Raketen, Robotik, neuronalen Netzen und Ähnlichem? Klar gibt es das bereits vereinzelt, aber in der Breite könnte das noch viel selbstverständlicher werden.
Wir könnten natürlich auch die Stunden vor und nach dem Ausbruch des Vesuvs in Pompeii durchspielen oder tauchen ein in die Roaring Twenties der Berliner Weimarer Republik – ok, vielleicht ein bisschen mit Grusel-Elementen aufgepeppt. Wie auch immer, es gibt so viele Möglichkeiten, sich spielerisch mit Bildungsthemen auseinanderzusetzen, ohne stumpf Stoff zu pauken! Sicher, es kostet deutlich mehr Mühe. Aber vielleicht finden wir ja gesellschaftlich Wege, die solche Mühe lohnenswert machen und als Gegengewicht das Verticken fragwürdiger Produkte über Call-Center unattraktiver machen. Warum z. B. nicht Branchen stärker besteuern, die erwiesenermaßen der Gesellschaft eher schaden, statt ihr zu nutzen und dafür Branchen mit Steuervorteilen belohnen, bei denen es umgekehrt ist?

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Die No-Bullshit-Klinik (Gemeinnützigkeit und Gesundheit)

Nirgends ist es so schwierig wie im Gesundheitsbereich, zwischen Gemeinwohl und Kommerz zu unterscheiden. Nirgends ist es undurchsichtiger, was „Kommerz“ überhaupt bedeutet, wenn einerseits dutzende öffentliche Krankenkassen (Bullshit-Jobs) und seltsame Versicherungskonzerne (Private Krankenkassen) konkurrieren und andererseits teils öffentliche, teils von kirchlichen und anderen Trägern betriebe und teils private Kliniken und dann noch etliche weitere Institutionen miteinander konkurrieren. Die Kreise und Bundesländer konkurrieren natürlich auch noch und auch der Bund muss noch mit ins Boot.

Auch bei einem Krankenhaus gehen wir von einer Art Schubladen-Unternehmung aus, wo jeder in seiner Schublade sitzt und aus seinem eigenen kleinen Fenster lugt:

  • Der Investor: „Mir doch egal, wie ich mein Geld vermehre!“
  • Der in der Bürokratie versinkende Chef-Arzt: „Mir doch egal, ob OP XY wirklich nötig ist, solange sie Geld einbringt!“
  • Der Kantinen-Koch: „Mir doch egal, dass mein zu Minimalstpreisen kalkuliertes Essen eher krank als gesund macht!“
  • Der Arzt: „Mir doch egal, wie das alles finanziert wird.“
  • Der Pfleger: „Mir doch egal, dass mich keiner ersetzt, weil ich wegen des zu geringen Lohns kündige.“

Die spannende Frage ist, ob es unter Dorf2.0-Vorzeichen gelingen würde, eine „Nix ist uns egal!“-Unternehmung zu betreiben – notfalls auch eine Zeit lang von Spender:innen querfinanziert. Mit einem solchen „Nichts-ist-egal“-Krankenhaus könnte man ermitteln, was tatsächlich nötig ist und was nicht. Man könnte nach einem hilfreichen System suchen, das diese Bedarfe hilfreich operationalisiert. Es ließen sich konkrete Petitionen und Gesetzesvorschläge ableiten, die tatsächlich auf einen schlanken auf das Ziel „Gesundheit“ hin ausgerichteten Betrieb abzielen würden. Man könnte aktuell übliche Abrechnungspraktiken mitbetreiben und gleichzeitig auf deren Unsinnigkeiten hinweisen.

Wichtig bei alledem, sei es Gesundheit oder alle anderen Bereiche, ist, dass es Leute gibt, die insgesamt an der Sache interessiert sind und die sich nicht in ihre Schublade eingraben, sondern die Gesamtperspektive und den Gesamt-Sinn im Blick behalten. Wichtig ist zudem, dass diese Leute sich gegenseitig darin bestärken, sich nicht an Bullshit zu gewöhnen, sondern ihn immer beim Namen zu nennen. Sobald es von solchen Menschen eine kritische Masse gibt, sollte sich eigentlich jedes Problem befriedigend lösen lassen.

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Kann man Kinder dazu erziehen, kein Arsch zu sein? (Gemeinnützigkeit und Kinder)

Egal ob geistig oder körperlich behinderte Menschen, Flüchtlinge, Notleidende und viele andere – es ist wichtig, dass Kinder schon früh mit ihnen und ihren Kindern in Kontakt kommen, ihre Realitäten und Probleme kennenlernen und gar nicht erst in Versuchung kommen, sich elitistisch in einer eigenen Schublade zurückzuziehen. Schublade, das kann auch die eigene sozioökonomische Bubble sein und es ist wichtig, diese gar nicht erst entstehen zu lassen.
Der Charme eines Dorfes2.0, das immer auch ein Chancengeber und Integrationsfaktor für Minderheiten sein muss, liegt daran, dass der Kontakt hier ganz normal im Alltag geschieht. Schließlich lebt, ißt, lernt und arbeitet man zusammen. Es geht eben nicht darum, ein bisschen „Charity“ zu betreiben. Es geht darum, so zu leben, als ob das Problem bereits überwunden wäre. Und es geht darum, die Wurzel der Probleme passgenau an die Politik weiterzureichen und die Notwendigkeit von Maßnahmen immer wieder zu unterstreichen.

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Gut gemeint UND gut gemacht (Gemeinnützigkeit und Natur)

Nicht zuletzt, wenn man vor Greenwashing triefende CO2-Kompensationsprojekte oder wenig zielführende Entwicklungshilfe-Projekte in der sogenannten Dritten Welt betrachtet, sieht man, dass der gute Wille oder die „Ökonomisierung von Charity“ eben oft nicht reichen, um nachhaltig etwas zu verbessern. Im besten der schlimmsten Fälle, fehlt eine Verankerung vor Ort und eine Kenntnis der lokalen Besonderheiten, welche von den besten Absichten schnell und direkt in die größte Bredouille führen. Im schlimmsten Fall ging es von vorneherein darum, mit dem zuerst schlechten und dann erleichterten Gewissen von Menschen eine schnelle Mark zu machen. Dazwischen haben wir die Profi-Charities, die sich irgendwo dazwischen bewegen: Vor lauter Umgarnen der Spender, Funktionäre und Sponsoren einerseits und vor lauter Anstrengung, die öffentliche Fassade aufrechtzuerhalten, fällt der eigentliche Zweck der Unternehmung fast hinten runter.

Insofern sind zwei Dinge wichtig:

  • Eine starke Verankerung vor Ort. Am besten wäre es, wenn bereits die Initiative von einer Gruppierung vor Ort ausginge, statt von einer um Weltrettung bemühten NGO.
  • Ein „No-Bullshit“-Faktor, wie wir ihn schon beim Gesundheitssystem hatten, Fakten statt schöner Schein. Engagement für die Sache, statt Inszenierung.

Beides riecht schon wieder verdächtig nach Dörfern2.0. Wenn wir uns z. B. an diesem Manifest hier orientieren, dann fällt es nicht schwer, sich die Dörfer als weltumspannende Kooperation vorzustellen. Schließlich sind wir in Düsseldorf wie im südafrikanischen Township auf die gleiche Weise in diese Welt hineingeworfen und müssen uns kooperierend und forschend einen Weg bahnen. Ebenso gibt es allerorts Menschen, die sich um aufrichtig um die Lösung handfester Probleme bemühen, während ihnen Schaumschläger, Raffzähne, Bedenkenträger und Narzissten das Leben erschweren.

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Crowd-Irgendwas (Gemeinnützigkeit und Politik)

Wie könnte Gemeinnütziges von der Politik gefördert noch besser gefördert werden? Differenzieren wir erst mal zwischen zwei Varianten von Gemeinnützigkeit:

Die erste betrifft das alltägliche Tagesgeschäft: Inclusion von Minderheiten, Aktivitäten zur politischen Bildung, Pflege von öffentlichen Anlagen in der Umgebung und vieles mehr – für solche Aktivitäten und Maßnahmen sind vermutlich Steuer-Erleichterungen von staatlicher Seite das beste Mittel zur Förderung. „Zeige mir, dass Du Dich kümmerst und ich erlasse Dir dafür Abgabenlast!“

Die zweite Variante betrifft konkrete Projekte, konkrete Aufgaben oder die Schaffung von etwas, was es vorher noch nicht gab. Wie wir gleich sehen werden, könnte man diesen Bereich auch ruhig etwas weiter fassen, da die Lösung ebenfalls sehr breit angelegt werden kann:

Wir hatten bereits im Bereich „Kultur“ von einer Art Portal gesprochen. Bezüglich Gemeinnützigkeit könnte man sich ein ähnliches Vermittlungsportal vorstellen, bei dem es im weitesten Sinne fünf Parteien gäbe:

  1. diejenigen, die etwas anbieten, schaffen oder betreiben wollen (Anbieter). Diesen Gruppen oder Einzelpersonen fließen die Gelder am Ende zu.
  2. diejenigen, die das finanziell fördern wollen (Förderer). Hier ist vor allem entscheidend, was die Motivation hinter der Förderung ist. Geht es nur um das gute Gefühl, soziale Anerkennung und Steuervorteile? Das wären dann gemeinnützige Projekte im klassischen Sinn.

Es könnte aber auch um das spätere Produkt, dessen Nutzung oder sogar die Lizenz zur Nutzung gehen, z. B. bei OpenSource-Lösung, Medien wie Filmen oder Serien oder Fabrikationsmethoden. Dieser Bereich hätte dann eher etwas von Crowd-Funding, das gemeinnützig sein könnte, aber nicht sein müsste. Hier wäre ggf. auch Software aufzuführen, die mit öffentlichen Geldern durch die öffentliche Hand in Auftrag gegeben wird.
Die dritte Kategorie wären Dinge, die man fördert, weil man ein „Return of Investment“ erwartet. Hier wären wir dann im Bereich des Crowd-Investments. 3. diejenigen, die diese Förderung ggf. noch zusätzlich verstärken wollen, insbesondere der Staat (Verstärker). Das Verstärken könnte z. B. dadurch geschehen, dass jeder privat investierte Betrag zusätzlich um einen prozentualen Hebel erhöht wird, sodass aus einer 100€-Spende beispielsweise 150 € werden. Dass es sinnvoll ist, bzgl. der Förderer so in die Breite zu gehen, sieht man schon, wenn man Beispiele sammelt, die ein Staat begünstigen wollen könnte. Klassische Projekte, für das das Finanzamt schon heute Spendenquittungen akzeptiert sind das eine. Es könnten aber auch OpenSource-Projekte sein, die staatliche Stellen für die Optimierung von Abläufen einsetzen wollen. Selbst ein Corona-Impfstoff als Crowd-Investment könnte von einer staatlichen Verstärkung profitieren. 4. diejenigen, die für einen kleinen Bruchteil der Fördergelder (Verwaltungsgebühr) alternative technische Lösungen rund um die Bereitstellung des Portals leisten wollen, um damit dessen Nutzbarkeit stetig zu verbessern (Tech-Provider). 5. Vertreter der vier Gruppen, die genossenschaftlich über verbindliche Regeln und Schnittstellen verhandeln (Organisatoren)

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Reconquista! (Gemeinnützigkeit und Spiel/Hobby)

Es ist schon fast selbstverständlich, dass Außenflächen, Parkanlagen uvm. von einer Behörde verwaltet und betreut werden. „Die Grünflächen sind nicht zu betreten!“ Wer hat schon Zeit, sich um Außenanlagen zu kümmern, während man in der eigenen kleinen Schublade hockt? Andererseits – doof, wenn ein Behördenbescheid ins Haus flattert, nur weil man seine Gartenlust entdeckt hat und eine Baumscheibe „illegal“ bepflanzt hat. Gehört der öffentliche Raum nicht uns allen? Warum lieber grau statt bunt? Und auf der versifften und vermüllten Parkbank schlafen Obdachlose – klappt super, all das an Behörden abzutreten!

Alternative Perspektive: Stellen wir uns vor, große Teile des öffentlichen Raums einer Ortschaft wären zur Pflege, Betreuung und ggf. auch zur Bewirtschaftung an Dörfer2.0 verteilt – mit wie viel öffentlichem Leben könnte das verbunden sein!

  • Die Anzahl von Sitzgelegenheiten, Trinkbrunnen, Grillplätzen und Ähnlichem könnte ins Kraut schießen. Statt theoretisch postulierter Nutzungskonzepte, die dann in der Praxis oft in teuren Investitionen bei anschließender Nicht-Nutzung führen, könnten Gelder dafür verwendet werden, bestehende Nutzung noch zusätzlich auszubauen.
  • „Mein Park“, „mein Spielplatz“ und „mein Gehsteig“ könnten tatsächlich dazu beitragen, dass sich auch im Urbanen ein Heimatgefühl einstellt, selbst wenn völlig selbstverständlich ist, dass die Flächen für alle nutzbar sein sollen.
  • Öffentliche Spiele und kleine Wettbewerbe (Schach, Pétanque, etc.) führen zu Bekanntschaften, sei es zu Fremden oder zu Anliegern und Nachbarn
  • Gerätschaften zur Pflege könnten genossenschaftlich allen Beteiligten zur Verfügung stehen und auch gemeinsam gewartet und neu angeschafft werden.
  • Blockwart-Gehabe wird durch gemeinsame Grundsätze und Regeln ein Riegel vorgeschoben.
  • Sobald z. B. Wohnungslose Infrastruktur vermüllen, könnten die beteiligten Dörfer2.0 das Gespräch und Lösungen suchen, z. B. indem sie den Wohnungslosen auf die Beine helfen. Eine erste Beschäftigung für solche hilfsbedürftigen Personen könnte just in der Pflege öffentlicher Infrastruktur liegen – aber eben als Teil einer Gemeinschaft und mit einer Perspektive, wohin es gehen könnte
  • vandalierenden Jugendlichen, Menschen die illegal ihren Müll entsorgen und ähnlichen Szenarien könnte man durch Gespräche und Hilfsmaßnahmen deutlich gründlicher beikommen als es heute meist der Fall ist. Wichtig ist nur, dass alles konstruktiv und freundlich bleibt und nicht in Blockwart-Gehabe umschlägt.

Ich komme immer wieder zurück auf den „Blockwart“, genau aus der Erfahrung heraus, dass es die erste große Anstrengung ist, überhaupt etwas auf die Beine zu stellen. Die zweite setzt dann aber ein, wenn die Konservativeren damit beginnen, das Gewonnene zu verteidigen und dabei manchmal das Augenmaß verlieren. Es geht eben nicht darum, auch noch das letzte Fitzelchen Müll zu verhindern, sondern darum, einen Modus Operandi zu finden, der für alle Beteiligten den größtmöglichen Nutzen bringt, selbst wenn das z. B. ein wenig Müll bedeutet.

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Daddeln, aber auch mal Natur (Natur und Kinder, Natur und Hobby / Spiel)

Wäre es nicht großartig, wenn Kinder gerade in jungen Jahren öfter mal ein paar Wochen wie selbstverständlich in der Natur verbringen würden? Ja klar, es kommen da wieder gleich Bilder hoch: Die Wandervogel- und die Pfadfinder-Bewegung, dann aber auch die Hitler-Jugend und die FDJ! Will man dem Grausigen etwas Gutes abgewinnen, dann könnte man das häufige Zweckentfremden der Natur als Indiz dafür werten, wie wichtig der Kontakt in Jugend und Kindheit ist – nur halt nicht, was schrägen Sozial-Darwinismus, sondern eher was Entdeckergeist, Verständnis für biologische Komplexitäten und existenzielle Team-Work betrifft.
Und wenn in der Jugend erst mal das Fundament gelegt ist, dann bleibt der Aufenthalt in der Natur vielleicht auch später ein Bedürfnis und ein Hobby.

Eine spannende Frage ist, wie sich die technische Sphäre und das „Daddeln“ vereinbaren lassen oder wie es sich vielleicht sogar ergeben könnte, dass man durch das Daddeln sogar etwas Neues in der echten Welt entdeckt! Die Firma Niantic hat z. B. mit „Pokemon Go“ bereits gezeigt, wie das gehen könnte. Hier gewinnt man allerdings schnell wieder den Eindruck, dass Spieler dazu animiert werden, in kostenloser Arbeit für eine wirtschaftliche Unternehmung kostenlos einen großen Daten-Schatz zur Verfügung zu stellen.

Besser wäre es deshalb auch hier, wenn eine öffentlich finanzierte, ähnlich Wikipedia dem Gemeinwohl verpflichtete Infastruktur die Daten bereitstellt, wie bereits zu den Themen „Kultur“ und „Funding“ illustriert. Gemeinsam arbeitet man an einer Datenstruktur, mit der sich weltweit die unterschiedlichsten Points of Interest lokalisieren und kategorisieren lassen, vom Ameisen-Haufen über das kleine Streetart-Kunstwerk bis hin zur Statue und sogar zum Kiosk oder Gasthaus. Hier können sich Begeisterte in aller Gelassenheit beteiligen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass der Datenschatz nur von wenigen proprietär genutzt wird. Auch kommerzielle Akteure wie Tourismus-Agenturen können sich natürlich beteiligen, solange sie wie alle anderen auch z. B. falsche Inhalte korrigieren. Und nutzende Firmen können sich dann gegen Gebühr oder Gewinn-Beteiligung am Datenschatz bedienen und ihn in die kühnsten Spiele-Inhalte verwandeln. Zudem könnten sie nach einiger Zeit z. B. 3D-Modelle, Illustrationen oder Ähnliches dem Netzwerk beisteuern und damit – wie alle anderen Kontributoren auch – zusätzlich Geld verdienen.

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Widerlich korrekt und ekelhaft verlässlich (Natur und Politik)

Wir sind alle in dieses Leben, in die Welt und die Natur hineingeworfen (Grüße an Kierkegaard) wie in ein Spiel. Aber was für ein Spiel es denn nun, das Leben: Ist es wie ”Schach”, wo man in schlauen Zügen seine Überlegenheit beweisen muss? Oder gleicht es ”Monopoly”, wo nur einer gewinnt und die anderen Schulden anhäufen und verlieren und es kommt darauf an, mit Geschick und Glück auf der richtigen Seite zu landen? Immerhin kann man bei Monopoly nichts für die nächste Runde vererben – da ist das Spiel erfreulich unrealistisch. Oder ist das Leben gar ein Spiel wie ”RISIKO”, das seinen zerstörerischen, Freundschaften-vernichtenden Charme gerade dadurch entfaltet, dass jeder sein geheimes Missionskärtchen verfolgt und es gar keine andere Möglichkeit gibt zu gewinnen, als dem geschätzten Verbündeten in den Rücken zu fallen?

Ist das Leben vielleicht eins dieser neueren kooperativen Spiele, wo entweder alle kooperieren und vielleicht gewinnen oder alle verlieren? Wenn es eingefleischte Individualisten jetzt gruselt, weil diese kooperativen Spiele gerne mal den pädagogischen Zeigefinger auspacken: Jetzt sind wir von der „Natur“ zur „Politik“ gekommen und ja, der Zeigefinger ist lästig und nicht zuletzt während Corona war leicht zu sehen, wie die Predigt zum gemeinsamen Verzicht so manchen fragwürdig freiheitsliebenden Schwurbler zum montäglichen Spaziergang getrieben hat. Aber Kooperation braucht eine gemeinsame Agenda und idealerweise als Basis dieser Agenda gemeinsame Werte.

Ein weiterer Aspekt: Niemand spielt gerne mit Spielern, denen dauernd genau auf die Finger geschaut werden muss, vielleicht weil sie der kleine Betrug und das Davonkommen mehr reizt als das Spiel an sich. Andererseits sind auch Spieler nervig, die sich dogmatisch ans Regelbuch halten, als hätte es Gott selbst geschrieben, statt gemeinsam Ausnahmen zu diskutieren und zu vereinbaren, wenn sie den Spielspaß für alle erhöhen. Es ist also eine Aufgabe der Politik, ausgehend von Kohlbergs moralischem Stufenmodell zu versuchen, möglichst viele der Mitspieler auf eine möglichst hohe Stufe der moralischen Entwicklung zu holen. Das wiederum geht nur mit Geduld, Diskussion, der Möglichkeit zum Scheitern und dem Einüben bewährter demokratischer Instrumente.

Eine der größten Triebfedern für die Dörfer2.0 ist es, Menschen zu sammeln, die an genau diesen kooperativen Spielen und an einem mündigen Befolgen und Interpretieren von Regeln Interesse haben. Bzw sind sie vielleicht sogar noch mehr eine Fluchtburg für jene, denen all die anderen Arten und Weisen zu spielen zum Halse heraushängen: Keine Lust auf Narzissten und Glücksritter, auf Zeitfresser und kleinkarierte Haarspalter, auf Leute die gewinnen wollen oder andere verlieren sehen wollen, statt Probleme zu lösen.

Ein letzter Aspekt betrifft die Frage, was ein solcher per definitionem ehrlicher und sachorientierter Player wie ein Dorf2.0 zur Folge haben könnte. Beispiele könnten sein, dass

  • die lokale Verwaltung ihm Aufgaben überträgt, weil sie davon ausgehen kann, dass diese im besten öffentlichen Interesse erfüllt werden (z. B. Park-Pflege)
  • Versicherungskonzerne (Haftpflicht) besonders günstige Tarife anbieten, weil das Dorf eine hohe Selbstbeteiligung übernimmt, da alle Beteiligten davon ausgehen, dass es nicht darum geht, „abzukassieren“, sondern ein Risiko abzufedern.
  • Dörfer zu sehr glaubhaften Marken werden, weil sie im Gegensatz zu Unternehmen tatsächlich ideelle Ziele verfolgen, statt diese dranzugeben, sobald die Bilanz in eine leichte Schieflage gerät. Ein Dorf sollte ja normalerweise wirtschaftlich auf mehreren Standbeinen stehen.

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Motivationsdetektive (Sport und Politik, Kinder, Hobby und Spiel)

Wird man als Sportler gezeugt oder als solcher erzogen? Hat mir die recht enge Definition von Schulsport die Lust an der körperlichen Betätigung genommen? Zu viele negative und zu wenige positive Erfahrungen? Muss man vielleicht erst bei etwas scheitern, was einem Spaß macht (Klettern, Bergsteigen, Baum-Klettern, etc.), bevor man den Sinn und die Lust an Ausdauer- und Kraftsport erkennen kann? Hilft es Kids bei der Sport-Motivation, wenn sie bei der Mannschaftsauswahl notorisch als Letzte ausgewählt werden?

Wieder so eine Domäne, wo man durch intensivere Früherziehung vermutlich viele Leben maßgeblich verändern und gesünder machen könnte. Wie wäre es gelaufen, wenn sich jemand Kompetentes wirklich für meine körperliche Fitness interessiert hätte, statt „nur eine viel zu große Schulklasse im Sport-Unterricht zu verwalten“? Es mag aufwändig sein, aber würde es sich nicht schon früh lohnen, den Sweet Spot zu finden, der einem Lust auf Beweglichkeit und Bewegung macht?

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Samstags gehört Vati mir! (Politik und Kinder bzw. Spiel/Hobby)

Überall dort, wo Menschen etwas gemeinsam voranbringen, wird zuvor viel verhandelt, um Interessen gerungen, rote Linien abgesteckt. Es ist eine der wichtigsten Kulturtechniken, sich in andere hineinzuversetzen und Lösungen zu finden, mit denen sich alle abfinden können. Warum also nicht schon sehr früh damit anfangen, genau das spielerisch zu üben – zumindest so weit es die aktuelle Entwicklungsphase bereits erlaubt?

Kommunikation – insbesondere die Nutzung positiver Techniken und das Erkennen manipulativer negativer Techniken – ist hierfür ein wichtiges Werkzeug. Dies gilt umso mehr, je weniger es Menschen peinlich ist, ihre Gefühle mit Fakten gleichzusetzen.

Neben dem Spiel kommt dann aber natürlich auch dem tatsächlichen Erproben dieser Techniken eine große Bedeutung zu. Bei Kindern, aber auch später, ist es in allen Bereichen wichtig zu überlegen: Was sind die Freiräume, die in dieser Situation zur Disposition stehen? Wer beansprucht sie (ggf. ebenso fälschlich wie selbstverständlich) und wie könnten diese Freiräume fairer aufgeteilt werden?

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Politik und Wohnen

Kommt es nur mir komisch vor, dass es ein Ministerium gibt, das für 400.000 neue Wohnungen pro Jahr sorgen soll? Ja klar, der freie Markt würde es noch viel weniger zu bezahlbaren Preisen schaffen. Insgesamt zeigt sich hier aber die Hilflosigkeit, wenn kein verfügbares Werkzeug so richtig zu passen scheint: Was tun mit grundsätzlichen humanitären Problemen, die weder die Privatwirtschaft noch eine von Politikern angetriebene Verwaltungsmaschinerie lösen kann?

Wir brauchen etwas, das genau zwischen der individuellen Ebene und einer übergeordneten anonym-regelbasierten Verwaltungsebene angeordnet ist. Et voila, damit landen wir z. B. beim Mietshäuser-Syndikat, dessen Ziel es ist, Wohnraum möglichst günstig per Miete zur Verfügung zu stellen, ohne dass er wieder zum privaten Spekulationsobjekt werden kann. Viel leichter fällt das, wenn wie bei einem Studentenwohnheim alle etwas gemeinsam haben (akademische Betätigung) und durch eine gemeinsame Lebensphase verbunden sind.

Schwieriger stelle ich es mir bei einem normalen, vielleicht sogar teils luxus-sanierten Mietshaus vor, das Menschen via Mietshäuser-Syndikat der Kontrolle eines unkalkulierbaren Vermieters entziehen wollen. Was verbindet diese Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher ökonomischer Verhältnisse miteinander, außer dem Interesse, dass man günstig wohnen will? Ein vergemeinschaftetes Mietshaus per se „will“ ja erst mal gar nichts. Lasst mich mit Meetings in Ruhe und reißt mich nicht heraus aus meinen jetzt etwas günstiger finanzierbaren Schubladen!

Es erscheint mir seltsam und kurios, welche unterschiedlichen Lebensentwürfe, Herkünfte, Tätigkeiten und vieles mehr bei uns im Haus Tür an Tür zusammenleben, alles zusammengehalten von einem spärlichen „Hallo“ auf dem Flur. Ist das komisch, dass es mir schwerfällt, diese Zufälligkeit als normal zu akzeptieren? Deutlich leichter würde es, wenn es ein übergeordnetes Thema und eine gemeinsame Weltanschauung gäbe. Was, wenn ich meine schönsten Jahre nicht in einer zufällig und wild immer wieder neu zusammengewürfelten WG, sondern in einem Dorf2.0 verbracht hätte, dessen Thema Schnittmengen mit meinen eigenen Herzensthemen gehabt hätte?

Und der vielleicht aus politischer Sicht spannendste Effekt: Dörfer2.0 neigen zur Zell-Teilung, weil sie die Schwelle zur Anonymität nicht überschreiten wollen. Dies gilt umso mehr, wenn sie in ihrer Thematik in den verschiedensten Dimensionen (Ökonomie, Gemeinwohl, Bildung, etc.) erfolgreich sind und es einen entsprechenden Zustrom gibt. Als Staat könnte man das natürlich noch zusätzlich z. B. über Steuer-Erleichterungen beschleunigen, ganz ohne die Notwendigkeit, Bau-Ministerien mit unlösbaren Aufgaben zu beauftragen.

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