Dictyostelium discoideum

Ein Teil von etwas Größerem?

Dictyostelium discoideum; Macro photo of Dictyostelium discoideum fruiting bodies on black agar. 24 May 2017, 12:58:50; By: Tyler Larsen; Copyright: This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license; Source: Wikimedia

Erstellt am 9. Oktober 2022 um 18:36 Uhr

Dictyostelium ist eine Gattung von Schleimpilzen und lebt unter günstigen Umständen als Einzeller im Boden. Bei Nahrungsmangel schließen sich die einzelligen Amöben zu einem vielzelligen Verband (soziale Amöbe) zusammen und bilden an einem langen Stiel einen Fruchtkörper, das sogenannte Sorokarp, aus, aus dem Sporen entlassen werden. – Wikipedia, 09.10.2022

Es war diese Wendung, die mich neulich beim Lesen eines Zeitungsartikels hat innehalten lassen: “Ein Teil von etwas sein, das größer ist als man selbst”… klingt im ersten Moment als eine Variante von “Sinn des Lebens”, zumindest wenn man den Fokus nicht auf sich selbst oder die engere Familie legt. Hm, klingt auf eine bestimmte Art verführerisch. Will ich das, ein Teil von etwas Größerem sein?

Klingt andererseits aber auch etwas “fishy” – man muss fast an einen Fackel-gesäumten Nazi-Aufmarsch denken – keine Individuen mehr; jeder Einzelne: bedeutungslos. Nur die Partei, nur die Nation zählt.

Eine Nummer kleiner landen wir eher bei einem Amerikanismus: “try to become every day a better version of yourself”. Selbstoptimierung, gegen den inneren Schweinehund ankämpfen, das cringt fast noch mehr.

Oder doch lieber noch ‘ne Nummer kleiner? Das Leben genießen; schauen, dass es einem selbst und den Liebsten gut geht und – um die nächste Plattitüde aufzugreifen – Zitronenlimo machen, wenn Dir das Leben Zitronen gibt. Reicht das?

Schon sind wir, noch ehe wir die Stirn in Falten legen, mittendrin in der Maslow’schen Bedürfnispyramide.

Welche Pyramide?

Der Psychologe Abraham Maslow, einer der Gründerväter der humanistischen Psychologie, war um einen positiven Blick auf den Menschen bemüht und hat sich die Frage gestellt, was Menschen motiviert und bewegt. Ein Ergebnis dieser Bemühungen ist die sogenannte Bedürfnis-Pyramide, nämlich die Theorie, dass (teils sukzessive) zunächst Grund- und Existenzbedürfnisse, dann Sicherheits- und soziale Bedürfnisse befriedigt werden wollen und schließlich das Bedürfnis nach Anerkennung, Wertschätzung und Kompetenz. An der Spitze der Pyramide aber steht die “Selbstverwirklichung”, die von ihm später noch um das Bedürfnis nach “Transzendenz” ergänzt oder spezifiziert wurde.

Transzendenz wiederum trifft genau das Thema dieses Artikels: sobald man weiß, was man kann und in welche Richtung man sich entwickeln will, kommt schnell die Einsicht dazu, dass man allein nur sehr bedingt etwas verändern kann und das Alleine-Kämpfen, zumindest den meisten Zeitgenossen, auch gar keinen Spaß macht. Entsprechend wächst der Wunsch, sich in einer passenden Gruppierung einzugliedern oder selbst zur Gründung von etwas beizutragen, das “größer” ist als man selbst.

Nun ist die Pyramide an sich, d. h. die Frage, ob die Bedürfnisse wirklich erst nach und nach wirksam werden, nicht zuletzt was die Empirie betrifft, umstritten. Als eine Aufstellung aber, was Menschen wichtig ist, und als Metapher für den Umstand, dass sich Menschen z. B. nicht allzu sehr um Selbstverwirklichung scheren, solange nicht klar ist, was sie heute und morgen essen sollen oder solange sie sich z. B. körperlich oder finanziell sehr unsicher fühlen – dafür reicht Maslows Pyramide allemal.

Transzendenz – will ich das eigentlich?

Vielleicht hat Hunter S. Thompson ja doch recht? „Wir sind alle allein, allein geboren, sterben allein und werden […] eines Tages […] feststellen, dass wir trotz unserer Gesellschaft den ganzen Weg allein waren.” Ist es nicht doch eine Illusion, “das Größere”? Zudem kann es verdammt anstrengend sein, denn da sind schließlich auch noch die anderen, mit denen man sich einig werden und mit denen man zusammen auf eine Weise produktiv werden muss. Allein, die Erwartung, was da alles auf einen zukommt, könnte einem die Lust vergehen lassen. Wenn man sich die ganzen Grundsatz-Debatten, Streitereien, Intrigen und sozialen Komplikationen vorstellt, die auf dem Weg liegen, bis man endlich das Ziel erreicht hat, sich mit seinem vollen Potenzial in etwas eingebracht zu haben, das größer ist, als man selbst.

Vielleicht doch einfach allein oder zu zweit das Leben genießen? Reisen, sich um den Garten kümmern und den Sinn in den kleinen schönen Momenten suchen?

Schaffe ich nicht. Zu lebendig ist die befriedigende Erinnerung daran, nach aufreibenden Diskussionen zunächst zur tieferliegenden Scheidelinie und dann zu einem hilfreichen Kompromiss gekommen zu sein.

Zu lebendig und energetisierend ist das Gefühl, zunächst gedacht zu haben, an gemeinsam gesteckten Zielen zu scheitern und sie dann doch noch zu erreichen. Zu lebhaft ist die Ocean11-Erinnerung, wie ein Team von Profis zusammengearbeitet, einen gemeinsamen Plan entworfen, zusammen improvisiert zu haben, Arbeitsergebnisse fliegen von einer Hand zur nächsten, Tests laufen, kritische Beurteilung, noch mal wird einiges verbessert und dann ist es da schließlich, das Ergebnis, das alle mit Befriedigung erfüllt.

Und aufs Ende hin gedacht, ist es einfach eine schöne Vorstellung, Glücks-schwanger auf dem Sterbebett konstatieren zu können, dass es ein gutes Leben war und man getrost abtreten kann, im Bewusstsein, dass man nicht nur für sich, sondern für ein Anliegen gelebt hat, zusammen mit anderen, die das gleiche Anliegen teilen. Und dass andere dieses Anliegen weitertreiben und man als Teil dieser Bemühungen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Wie groß darf das Größere denn sein?

Fangen wir klein an – Beziehung und Familie

Für viele ist der erste Schritt bereits mit einer Lebenspartner:in erreicht. Dann vielleicht noch Kinder bekommen, eine Familie gründen. Ist das nicht auch schon eine Variante davon, “Teil von etwas Größerem” zu sein? Der Gen-Pool ist sicher größer als man selbst. Über Jahrhunderte hat man das Konzept auf die Spitze getrieben. Blut ist dicker als Wasser! Mancher denkt vielleicht gar an die Bücher wie “Die Buddenbrooks”, wo man als Kind schon aufsaugt, dass man Teil einer Dynastie ist. Beim Gang zum Familien-Mausoleum sieht man die Ahnen vorbeiziehen. Geht das nur mir so oder fühlt sich das mehr als anachronistisch an?

Der heute von vielen geteilte Gedanke ist doch gar nicht so schlecht, dass Familie sich nicht unbedingt an einer langen Ahnenreihe bemisst, an einer Familienehre, die – Gott bewahre – am Ende auch noch gewahrt, verteidigt oder gar gerächt werden muss.

Insofern spielt Familie vielleicht gar keine so große Rolle als “Teil von etwas Größerem”. Am Ende ist sie “nur” ein Ort, an dem sich Partner:innen gegenseitig unterstützen und an dem Kinder sicher aufwachsen und sich frei entfalten können – ganz ohne den Ballast, automatisch Teil von etwas Größerem zu sein.

Nehmen wir das “ganz große Größere” vorweg

Bei den ganz großen Rennern der Geschichte, Teil von etwas Größerem zu sein, will ich lieber mal schnell vorbeihecheln: Religion, Ideologien wie der Faschismus oder der Kommunismus in all seinen Spielarten. Ich hoffe, da brauchen wir gar nicht erst drüber zu reden – und falls doch, dann in einem anderen Artikel.

Was bleibt? Eine Menge.

  • Wirtschaftsunternehmen laden uns täglich ein, zusammen mit ihnen Teil von etwas Größerem zu sein. Dies gilt einerseits für Kunden: Wir fliegen nicht nur – wir sind Teil der Miles-and-More-Community! Wir spielen nicht nur – wir sollten Teil eines Clans werden, der das Geschick von gestalten wird. Aber vor allem auch als Arbeitnehmer sollen wir uns als Teil von etwas Größerem fühlen – zumindest so lange uns der/die Vorgesetzte gewogen ist. Und während wir als kleines Zahnrad an der großen Mechanik mitschrauben dürfen, warten wir geduldig auf die nächste Gehaltserhöhung und bringen Verständnis mit, dass es auch diesmal wieder nicht klappt. Natürlich können wir auch in der Masterclass mitspielen – als hipper Gründer eines Start-ups, der in der Höhle des Löwen darum buhlt, für die Realisierung seiner eigenwilligen Idee eine Finanzierung zu bekommen.
  • Universitäten eröffnen Perspektiven, wie man innerhalb der Hierarchie und durch viele Veröffentlichungen Teil von etwas Größerem in der Forschungsgemeinschaft werden könnte – vorausgesetzt, man bleibt nicht zwischen den Zeit-Verträgen und halben Lehraufträgen hängen und muss sich fragen, was aus der Biografie denn nun werden soll, nun da es nicht mehr wahrscheinlich ist, doch noch zum begehrten Professor:innen-Posten aufzusteigen.
  • Wie wär’s mit dem Ehrenamt? Flüchtlingen helfen, Menschen in prekärer Situation mit dem Nötigsten versorgen, sich ehrenamtlich um Jugendliche kümmern – wie wäre es damit?
  • Wenn das Ehrenamt zu sehr nach “Burn-out” klingt: wie wär’s gleich mit Politik und NGOs, um an den Zuständen etwas zu ändern? Feurige Reden halten, sich Abstimmungen stellen, potenzielle Wähler gewinnen und sich erfolgreich gegen Partei-”Freunde” durchsetzen – Was darf es sein?

Alles separat und für sich

Je mehr ich über das Thema nachdenke, desto wichtiger erscheint es mir, dass es weniger darum geht, negative Vibes zu verbreiten, warum mich einzelne der oben erwähnten Domänen davon abhalten, dort “Teil von etwas Größerem” zu werden. Es geht nicht um die einzelnen Domänen an sich.

Es geht für mich eher darum, dass man gezwungen ist, sich auf einzelne festzulegen oder dass diese Bereiche meist zeitlich und bezüglich der Personen voneinander getrennt sind:

Morgens geh’ ich auf die Arbeit und bin von den Kolleg:innen umgeben. Abends geht’s dann zum Chor oder zum Sport mit den einen, am Wochenende etwas Politisches mit den anderen, dazwischen die Familie, die ebenfalls eine separate Sphäre darstellt. Und nachts träumt man davon, das eine oder andere Thema auch noch mal wissenschaftlich aufzuarbeiten. Alles ist getrennt voneinander.

Wenn ich beispielsweise an einem hilfsbedürftigen Obdachlosen vorbeieile, dann ist mein Arbeits-Ich überfordert, weil es zu spät kommt, mein Familien-Ich, weil es gar nicht die Infrastruktur hätte, um sich zu kümmern. Vielleicht hat der arme Kerl das Glück und ich habe ein Ich an der Hand, das sich samstagnachmittags mit Obdachlosigkeit beschäftigt. Dann weiß ich vielleicht eine Telefon-Nummer, die gerade helfen könnte. Ansonsten bleibt mir nur im besten Falle, 50 Cent in den Pappbecher zu werfen und zu hoffen, dass sich schon jemand anderes kümmern wird.

Anderes Beispiel: wenn man als Chor- oder Band-Ich gemütlich beisammensitzt und auf eine interessante Idee kommt, dann bleibt es beim “Ja, das müsste man mal machen.” Und es bleibt deshalb dabei, weil in der aktuellen Konstellation alle möglichen Ressourcen fehlen, aus der fixen Idee etwas Greifbares zu machen. Also schnell weiter zum nächsten Thema oder zur nächsten Runde Bier. Zum Glück gibt es genug Themen.

Dorf 2.0 zur Rettung?

Es muss ja nicht gleich auf die marxsche Vorstellung hinauslaufen, »heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden«.

Aber stellen wir uns doch mal ein Dorf 2.0 vor:

  • Nehmen wir 20 Menschen, die sich gemeinsam für ein bestimmtes Thema interessieren (z. B. Medizin, IT, Handwerk, Klimawandel oder was auch immer). Dazu teilen sie einen Mantel an gemeinsamen Werten. Z. B. wollen sie möglichst gleichberechtigt, tolerant, weltoffen und nachhaltig leben, schätzen Fakten und Wissenschaft u. v. m.)
  • Nehmen wir weiter an, dass diese Menschen zusammenarbeiten, Projekte umsetzen, gutes Geld mit hochqualitativer Arbeit und clevere Business-Entscheidungen verdienen.
  • Nehmen wir weiter an, dass die Räumlichkeiten, in denen diese wirtschaftlichen Aktivitäten ablaufen, von einem Verein gemietet werden, der ebendiesen Mantel an gemeinsamen Werten bereitstellt und der zudem dieses übergeordnete Thema als sein gemeinnütziges Ziel definiert: “bessere IT-Infrastruktur”, “traditionelles und modernes Handwerk verbinden und Kenntnisse dazu vermitteln”, “medizinische Kenntnisse erweitern, durch Forschung vorantreiben und die Ergebnisse auch für Menschen in prekärer Situation zukommen lassen” oder viele ähnliche Ziele.
  • Nehmen wir zudem an, dass einige dieser Räumlichkeiten und die Infrastruktur zu bestimmten Zeiten auch für persönliche Projekte der Mitglieder zur Verfügung steht, schließlich gehört dem Verein die Infrastruktur und nicht den damit arbeitenden Unternehmen.
  • Nehmen wir weiter an, dass durch Familie, Freunde und einen entstehenden Bedarf weitere Personen dazukommen, die um diesen wirtschaftlichen Kern herum weitere Services anbieten, z. B. eine Café-Bar mit entsprechenden Räumlichkeiten. Ein Handwerker wird immer öfter für bestehende Aufgaben gebucht, ein Steuerberater eröffnet sich einen Kundenkreis unter den Aktiven. Stück für Stück werden sie auch Teil der Community.
  • All das spielt sich angenommener Weise in einem Gebiet von wenigen Kilometern ab, wobei viele der Aktivitäten sich an ein oder zwei Orten konzentrieren, sodass man sich oft über den Weg läuft.
  • Aus den geteilten Werten unter dem Mantel des gemeinnützigen Vereins ergeben sich, getrieben von den Mitgliedern auch andere Aktivitäten: Fortbildungsveranstaltungen, Online-Training, Workshops, Social-Media-Kanäle und vieles mehr. Ein Teil der Gewinne aus den Business-Aktivitäten fließt in diese Aktivitäten.
  • Durch partnerschaftliche Kommunikation mit der Gemeinde oder der Stadt können bestimmte Aktivitäten z. B. durch öffentliche Gelder bezuschusst werden oder es wird öffentlicher Raum zur Verfügung gestellt, um dort gemeinnützige Zwecke zu erfüllen.
  • Auch künstlerisch überlappen sich die Interessen von einigen, sodass man vielleicht Band-Räume einrichtet, Theater-Aufführungen vorbereitet und ein paar Kunst-Begeisterte schaffen zusammen Computer-generierte Klang-Skulpturen.
  • Stück für Stück suchen sich Mitglieder Wohnungen in der Nähe, in Form einer Wohnungsbau-Genossenschaft wird gemeinsam renoviert oder gebaut. Büros, Multiple-Use-Werkstätten entstehen oder Multiple-Use-Labore. Multiple-Use-Räumlichkeiten werden geschaffen, in denen in Notzeiten Schutzsuchende untergebracht werden oder wo Menschen temporär unterkommen können. Der Vorstellung sind nur wenige Grenzen gesetzt.
  • Für Familien gäbe es Entlastung, weil es ganz andere Möglichkeiten gibt, die “Last” des Betreuens von Kindern auf mehr Schultern zu verteilen, wie schon zur Zeit der Jäger und Sammler. Vielleicht lassen sich die Kinder sogar temporär in Aktivitäten integrieren: die Pflege des Gemeinschaftsgartens, Haustiere, der Musik-Raum und vieles mehr.
  • Auch den Menschen in prekärer Situation, die der Verein im Rahmen seiner gemeinnützigen Aktivitäten unterstützt, können sich innerhalb der Strukturen nützlich machen und dabei etwas verdienen. Sinnstiftende Arbeit, statt Almosen und Charity.

In einem solchen Kontext wäre man nicht mehr notwendigerweise in eine Vielzahl von Aspekten fragmentiert (Arbeits-Ich etc.), sondern vieles läge wesentlich näher zusammen, vom privaten Schneckenhaus einmal abgesehen. Vieles, was vorher getrennt gedacht wurde (was arbeite ich einerseits, wo engagiere ich mich andererseits und was mache ich in meiner Freizeit?) liegt jetzt – auf Wunsch – deutlich näher beisammen.

Illusion oder wünschenswerte Stoßrichtung?

Sind das Luftschlösser? Vielleicht sogar Luftschlösser, die ich mir erfinde, gerade um kein schlechtes Gewissen zu haben, dass ich in meiner Freizeit lieber Texte schreibe, als Essen bei der Tafel zu verteilen?

Falls ja, dann ist meine Strategie zum Selbstbetrug sehr erfolgreich. Während der Gedanke, sofort an einer Uni oder in einem “konventionellen” gemeinnützigen Verein aktiv zu werden, sofort zu einer gewissen Starre, nicht zuletzt durch Erfahrungen aus meiner Vergangenheit führt, beginnt mein Gehirn vor Ideen und Motivation zu sprudeln, sobald ich mich in einen Dorf 2.0-Kontext versetze. Es ist der Gedanke an Infrastruktur, an Niedrigschwelligkeit, an die soziale Komponente, gemeinsam mit geschätzten Personen aktiv zu werden, der mich zu Hochform auflaufen lässt.

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Wie sehen die erwähnten Domänen und Aspekte im Kontext eines Dorf 2.0 aus?

  • Allein (oder zweisam oder im Kreis der Familie) bin ich nur, wenn ich allein sein will. In allen anderen Situationen bieten sich Möglichkeiten zur Interaktion oder gar, um gemeinsam aktiv zu werden.

  • Familie muss integrierbar sein und mitgedacht werden. Wo immer eine Möglichkeit besteht, den Nachwuchs einzubeziehen, kann diese genutzt werden. Kindern bietet sich die Möglichkeit, statt nur ein paar wenigen ganz viele Bezugspersonen mit verschiedenen Ansichten und Fähigkeiten zu haben, die den eigenen Horizont erweitern.

  • Da hochqualitative professionelle Wirtschaftsunternehmungen einen wichtigen Teil von einem Dorf 2.0 ausmachen – schließlich sind sie die beste Quelle zur Akquise finanzielle Mittel – steht zur Debatte, wie alle Mitwirkenden auf Augenhöhe zusammenarbeiten können und an den Gewinnen z. B. genossenschaftlich partizipieren. Stellt sich heraus, dass jemand für eine Aufgabe nicht mehr gebraucht wird, dann wird er nicht mit einem feuchten Händedruck “outplaced” oder “freigesetzt”, sondern vielleicht startet er mit anderen ein eigenes Projekt oder verlegt den Schwerpunkt auf Forschung, Lehre oder Gemeinnütziges. Insofern bleibt man – wenn man will – weiter Teil der Familie, selbst wenn man sein Betätigungsfeld wechselt. Ein Unternehmen kann keine Familie oder “etwas Größeres” sein. Diese Erwartungen muss es fast notgedrungen enttäuschen. Aber der übergeordnete Verein kann es.

  • Da die Wirtschaftsunternehmungen selbst unter dem Dach des Vereins stattfinden, spricht auch nichts dagegen, eine Unternehmung einzustellen oder der Public Domain zur Verfügung zu stellen, wenn sich etwas nicht mehr rentiert. Vermutlich stehen schon ein paar andere Unternehmungen dafür bereit, Kapazitäten zu übernehmen.

  • Dank genossenschaftlicher Strukturen können auch Lieferanten und Kunden am Erfolg der Bestrebungen mitwirken und sind nicht nur ein willkommener Goldesel für Marketing-Instrumente.

  • Eine weitere Säule ist der Forschungs- und Entwicklungsbereich. Sei es, mit Bezug auf neue Produkte und Services oder mit Bezug auf die gemeinnützigen Bestrebungen. Vielleicht ergeben sich auch grundsätzliche Fragestellungen zum thematischen Betätigungsfeld, die beantwortet werden wollen. Oder es geht um die sozialen Strukturen, bessere Formen des Miteinanders, bessere Methoden der Konfliktlösung oder der Lösungsfindung. Aktivitäten in diesem Bereich könnten durch Stipendien finanziert werden, die wiederum aus dem Vermögen des Vereins kommen. Dabei können natürlich auch Kooperationen mit Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen aufgenommen werden.

  • Wie bereits beschrieben, sind auch gemeinnützige, ehrenamtliche Tätigkeiten eine wichtige Säule des Dorfes 2.0. Räumlichkeiten und andere Infrastruktur sollte auch für diese Zwecke genutzt werden. Wichtig ist hierbei, Möglichkeiten zu erkunden, wie man weit über den bloßen “Charity-Effekt” hinausgelangen könnte. Z. B. könnten Schutzsuchende in einem Dorf 2.0 nicht nur eine sichere Bleibe, sozialen Kontakt und die Möglichkeit finden, die Sprache zu lernen. Sie würden auf Wunsch auch in die Aktivitäten integriert, könnten ggf. eigene Projekte starten oder mitwirken und Lohn und Brot finden. Vielleicht bietet sich sogar die Möglichkeit, im Herkunftsland bei der Rückkehr mit ihrer Hilfe weitere Dörfer 2.0 zu gründen.

  • Aus all den oben stehenden Aktivitäten ergeben sich sicher auch viele politische Fragen allgemeiner oder speziellerer Art. Ggf. liefern die oben erwähnten Forschungsarbeiten interessante Ergebnisse, die politische Entscheidungen nahelegen. In jedem Fall müssen die Kompetenzen und Erkenntnisse, die in einem Dorf 2.0 erworben werden, politisch für die lokalen oder übergeordneten politischen Gremien genutzt werden – Lobbyismus im besten Sinne, sei es direkt oder unter dem Dach einer NGO. Auf diese Weise lässt sich vielleicht auch dem Burn-out vorbeugen, der oft aus ehrenamtlicher Tätigkeit folgt, wenn Missstände, die die Arbeit offenlegt, nicht an höherer Stelle adressiert werden können.

Back to Bedürfnispyramide

Sehen wir uns die beschriebenen Aspekte noch mal mit Hinsicht auf die Bedürfnis-Pyramide an:

Für die Grund- und existenziellen Bedürfnisse, das Bedürfnis nach Sicherheit und oziale Kontakte ist gesorgt. Nicht nur macht es die gesammelte gemeinsame Erfahrung möglich, relativ schnell den Papierkram für alle staatlichen Hilfen zu erledigen. Je nach Finanzpolster durch die unternehmerischen Aktivitäten könnten diese Hilfen noch aufgestockt werden, sodass sich als Ergebnis so etwas wie ein Bedingungsloses-Grundeinkommen ergibt.

Neben weiteren finanziellen Aspekten bedienen die zahlreichen Aktivitäten zudem das Bedürfnis nach Kompetenz, nach Anerkennung und Wertschätzung. Gerade wenn das Ziel erreicht wird, neben den primären wirtschaftlichen Unternehmungen noch eine ganze Reihe weiterer Services anzubinden und anzubieten, sollte es genügend Optionen geben, seine Talente zu entdecken und seine Handlungsspielräume zu erweitern. So kommt es zu einer Art der “better version of oneself every day”, die nach meinem Gefühl weit weniger cringy ist als der Motivationsspruch mit Sonnenuntergangshintergrund. Vielleicht klingt die Selbstverwirklichung genau deshalb nicht mehr wie ein Hochglanz-Instagram-Account, weil es in einem sozialen und thematischen Kontext geschieht und dadurch kein Selbstzweck ist.

Und das beste: in einem solchen Dorf 2.0-Kontext besteht kein Grund mehr, sich Gedanken zu machen, ob man Teil von etwas Größerem werden will. Man ist es bereits – ebenso wie sich der einzellige Dictyostelium-Schleimpilz bei Bedarf in einen Vielzeller verwandelt.

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