
Dorf – aber 2.0
Typische Dorf-Ansicht; Finsterlohr, a beautiful village in Hohenlohe.; By: Holger Uwe Schmitt ; Copyright: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International; Bearbeitet durch verkleinerung des Bildausschnitts, Solarisation und Technicolor-Filter; Source: Wikimedia
Erstellt am 22. September 2022 um 1:08 Uhr
Was ist es, was Menschen miteinander verbindet, was sie zusammenhält? Nehmen wir als Beispiel das klassische, in Deutschland tausendfach zu findende Dorf. Wie man weiter unten schnell sehen wird, sind es nicht nur positive Erinnerungen, die ich mit “Zusammenhalt à la Dorf 1.0” verbinde. Aber allein der Umstand, dass es weltweit ein sehr erfolgreiches Modell des Zusammenlebens ist, lässt einen genaueren Blick darauf lohnenswert erscheinen – auch wenn dieses Modell in unserer heutigen Zeit wohl ein paar Risse bekommen hat.
Wenn man das Dorf allerdings nicht wie etwas Gegebenes, schon immer Dagewesenes betrachtet, sondern als eine Art zivilisatorische Erfindung – vielleicht kann man diese Erfindung ja von einer Version 1.0 auf eine Version 2.0 anheben?
Welche Faktoren halten das klassische Dorf zusammen?
Die Basics
Rein psychologisch dürfte der Hauptfaktor räumliche Nähe sein (1). Je öfter wir uns begegnen, desto mehr Gelegenheit findet sich, uns sympathisch zu finden und Zeit miteinander zu verbringen – so einfach wie trivial.
Dazu kommt, dass Menschen nur bis zu einer bestimmten Grenze (schätzungsweise maximal 100-200 Personen) aktiv Sozialkontakte beherrschen können (2). Wenn die Zahl größer wird, dann empfinden wir zunehmend ein Gefühl der Anonymität.
Schließlich kommt noch der Faktor der Familienbande hinzu. Gerade auf dem Land fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Mit Horror denke ich an die vielen Sonntagsspaziergänge oder Kaffeetrinken, in denen es über lange Strecken nur um ein Thema ging: War die junge Frau, die heute am Haus vorbeigegangen ist, eigentlich die Enkelin der Schwester des Schwagers von Frau Meier? Oder war es doch die Cousine der Schwägerin von Herrn Müller?
Normen und Werte
Sicher sind es auch gemeinsame Normen und Werte; jeder, der auf einem Dorf aufgewachsen ist, den es aber früher oder später in die Stadt verschlagen hat, weiß ein Lied davon zu singen: eine gewisse Skepsis gegen vieles Neue, eine solide Mischung aus Nachbarschaftshilfe und Argwohn gegenüber allem jenseits der Norm, eine gewisse Ignoranz für alles jenseits des Tellerrands und eine Empfänglichkeit für einfache populistische Botschaften, die am Stammtisch leidenschaftlich diskutiert werden.
Dazu kommt dann – je nach Landstrich – das Hochhalten religiöser Traditionen oder schlicht die Melancholie, dass es nicht mehr so ist wie früher, egal ob und wann dieses Früher existiert haben mag.
Gemeinsamer Zeitvertreib
Ein kurzer Blick auf das vielfältige Vereinsleben zeigt dann auch eine weitere Komponente des sozialen Kitts auf, die den sozialen Zusammenhalt gewährleisten: Hobbys, Tätigkeiten, die in der Freizeit geteilt werden, seien es der Schützen- oder Trachtenverein, Fußball, Tennis, Gymnastik, Chor oder ähnliche Dinge. Auch die technische Vorbereitung auf die Nothilfe für alle Lebenslagen, seien es die Feuerwehr oder das THW, fallen darunter.
Existenzieller Zusammenhalt
Apropos Nothilfe – Dorf 1.0 bedeutet natürlich auch, sich in vielen Belangen gegenseitig zu unterstützen. Undenkbar, dass man seinen Führerschein nicht bei einer lokalen Fahrschule macht. Auch der Metzger greift zu subtilen Verhörmethoden, sobald längere Besuchsintervalle nahelegen, dass man das Angebot aus der nahen Kleinstadt den lokalen Kühltheken vorzieht. Früher half man einander beim Hausbau oder bei Reparatur-Arbeiten, unterstützte sich in der Landwirtschaft und versorgte sich gegenseitig mit Obst, Gemüse und vielem anderen. Immer gibt es jemanden, der jemanden kennt, der etwas günstig besorgen oder erledigen kann.
Die düstere Kehrseite dieses Aspekts ist das Notizbuch meiner Mutter, in das eingetragen wurde, wer z. B. zum Geburtstag oder zur Konfirmation wie viel geschenkt hat, nicht dass man aus Versehen zu viel (oder zu wenig) gegen-schenkt. Auch die Liste der Freunde für meine Kinder-Geburtstagsparty wurde maßgeblich davon beeinflusst, ob auch ich zuvor in den Genuss einer Einladung gekommen war.
Insofern ist ein halber Pflaumen-Kuchen der Nachbarin einerseits großartig. Andererseits kann man sich schon mal überlegen, womit man den Gefallen zeitnah wieder ausgleichen könnte. Oder man will auf die schwäbische Art der Gegenofferte vorbeugen, z. B. mit einem herzlichen: “Eu, der is schon drei Tage alt. Ob ich ihn jetzt wegwerfe oder Ihnen geb…!”
Das Dorf 1.0 ist nicht mehr ganz das, was es mal war…
“Früher”, da sind wir wieder beim Stichwort. Was, wenn sich unter die “Alteingesessenen” neu Zugezogene mischen, die vorwiegend “das Grüne” suchen, aber möglichst ohne den Stallgeruch? Nicht wenige Dörfer – zumal an Verkehrsknotenpunkten – platzen aus allen Nähten, mit Neubau-Gebiet an Neubau-Gebiet. Oder wenn im Gegenteil die Jungen für die Arbeit in die Ballungszentren ziehen und vorwiegend wenige Ältere übrigbleiben?
Dank höherer Bildung, der gestiegenen Mobilität und der wachsenden Urbanisierung reißen Familienbande zusehends auseinander. Aus dem familiären dörflichen Miteinander wird dann schnell der gelegentliche Kurz-Urlaub ein bis zwei Mal pro Jahr…
Supermärkte, Altenheime und allerlei andere Neuerungen und Verbesserungen der Infrastruktur machen viel der nachbarschaftlichen Unterstützung zu einer (manchmal vielleicht sogar nervigen) Geste, statt wie früher für das komfortable Überleben notwendig zu sein. Wenn die Hände sauber sind, dann kann es ganz schön auf den Zeiger gehen, wenn dauernd eine Hand versucht, die andere zu waschen. Die letzten Becker und Metzger schließen verbittert ihre Türen, während ein Discounter nach dem anderen aus dem Boden schießt. Und dann sorgt auch noch das Internet dafür, dass die lokale Bank-Filiale ihre ohnehin schon minimalen Öffnungszeiten gegen einen Geldautomaten austauscht.
Die Fülle an realer und virtueller Infrastruktur macht es heute möglich, auch unter schwierigeren Lebensumständen weitgehend selbstständig agieren zu können, noch dazu, wenn die finanziellen Mittel dafür vorhanden sind. Der früher essenzielle Zusammenhalt ist nur noch ein optionales Add-on.
Die Vielfalt an Hobbys, ja sogar an Weltanschauungen (von Agnostizismus, über Esoterik bis hin zur Freikirche), macht den gemeinsamen Nenner schwieriger auffindbar. Der Stammtisch wandert ins Internet und die möglichen Meinungen explodieren.
Während früher die ganz realen Zwänge es notwendig gemacht haben, in den sauren Apfel zu beißen, Kompromisse zu schließen und sich anzupassen, können wir heute unsere eigene autonome “Bubble” sein – egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Maximale Freiheit führt zur maximalen Bindungslosigkeit.
Von der Freiheit zum Dorf 2.0
Dieser Gedanke führt dann aber auch zur Frage, ob es denn nicht auch ganz andersherum ginge: Wenn Städter ihre individuelle, autarke Bubble ins Dorf tragen können, lässt sich nicht vielleicht auch der soziale Zusammenhalt eines Dorfes in die Stadt – oder überallhin – tragen?
Die Suche nach dem Kristallisationspunkt
Aber warum sollte man das wollen? Was könnte der Antrieb sein? Was wären Kristallisationspunkte, um die sich herum ein freiwilliges Dorf 2.0 bilden könnte?
Mal abgesehen von religiösem/esoterischem Glaube oder Ideologie: Was könnte ein so großer gemeinsamer Nenner sein, dass Menschen darunter zusammenleben wollen könnten - nicht weil sie ins Grüne wollen oder zufällig hier aufwachsen, sondern weil sie sich bewußt dafür enschteiden?
Was ist genereller als ein Hobby oder ein Steckenpferd, aber konkreter als abstrakte Normen und Werte? Was definiert viele Menschen? Worüber identifizieren sie sich?
Viele haben mindestens ein Thema, das sie nachhaltig fasziniert, zu dem sie immer wieder zurückkommen, in dem sie vielleicht ihre berufliche Verwirklichung suchen oder in das sie sich nach einem ungeliebten 9-to-5-Job flüchten. Es sind nicht selten die Themen, die sie morgens aus dem Bett kommen lassen oder die auch nach Jahrzehnten noch einen Hauch von Magie und Faszination in sich tragen.
Solche Themen, das mögen eher private Dinge sein, wie das sich hingebungsvolle Kümmern um die Familie. Oder es sind eher konsumierende Themen wie das Bereisen der Welt, das Lesen oder das Spielen von Computerspielen.
Spannend wird es, wenn es sich um produktive Themen handelt: die Beschäftigung mit Musik, Kunst, Chemie, Geschichte, Technologie, einem Material wie Holz oder Metall. Vielleicht ist es die Faszination von Recht und die Auslegung von Gesetzestexten, das Entwerfen von Gebäuden oder Maschinen, die Biologie des Waldes oder des Meeres, eine Faszination für Stoffe und Mode.
Was könnte sich ergeben, wenn Menschen eine solche Leidenschaft in einem Dorf-Kontext teilen würden? Dorf ist hierbei natürlich nicht wörtlich gemeint – es könnte mitten in einer Stadt sein, solange räumliche Nähe gegeben ist.
Ein Dorf 2.0 entsteht
Nehmen wir an, es gäbe eine Handvoll Mediziner:innen, die ein solches Vorhaben anpacken wollten. Vielleicht würden sie zunächst mit einer Gemeinschaftspraxis beginnen. Sie würden vielleicht eine Reihe von Grundsätzen definieren, denen sie sich unterwerfen wollen. Sie könnten sich etwa neben der praktischen Arbeit gegen gutes Geld auch zu einem bestimmten Anteil der Forschungsarbeit, der Lehre / Ausbildung und der karitativen Arbeit widmen wollen.
Man würde vielleicht einen Verein gründen, der all diese Aktivitäten strukturiert und gliedert. Ein Teil der Einnahmen würde in diese Organisation fließen, um später weitere Investitionen tätigen zu können und z. B. Forschungsstipendien oder weitere Aktivitäten zu finanzieren.
Vielleicht würden sich ein paar Pharmakolog:innen und ein paar Bio-Informatiker:innen der Idee anschließen. Man würde für einen YouTube- und Insta-Kanal mit ein paar Medienschaffenden zusammenarbeiten, wobei sich daraus weitere Ideen ergäben, z. B. eine App, die Kindern medizinische Themen nahebringt.
Da die Praxis fern irgendwelcher Cafés oder Restaurants liegt, könnte ein solches “öffentliches Wohnzimmer” ein erstes Projekt sein, das ausgeschrieben wird. Natürlich machen es die bereits laufenden Aktivitäten erforderlich, dass das Café z. B. einige Hinterzimmer besitzt, die sich als Konferenz- und Veranstaltungsräume nutzen lassen. Die Wände sollen genutzt werden, um Kunstwerke auszustellen, die aus der Zusammenarbeit der Mediziner mit den Medienschaffenden entstanden sind.
Der Kreis schließt sich
Kehren wir zu den anfänglichen Kriterien zurück, dann stellen wir fest, dass wir im Gedankenspiel schon alle beschrieben haben:
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Die räumliche Nähe zwischen Gemeinschaftspraxis, Café, Labor- und Büro-Räumen etc. muss gegeben sein, damit ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen kann. Zudem werden die Bewohner:innen des Dorfes auch in der Nähe wohnen wollen, um möglichst wenig Zeit mit dem Arbeitsweg zu vergeuden und ein Hirngespinst, das sich bei ein paar Gläsern Wein ergeben hat, gleich auf seine praktischen Implikationen auszutesten.
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Die begrenzte Anzahl an Sozialkontakten ist ebenso wichtig. Andererseits kristallisieren sich über die Zeit vermutlich ohnehin Untergruppen heraus, die früher oder später nach einem eigenen Dorf verlangen. Vielleicht kann ja der finanzielle Kickstart für den Ableger aus den finanziellen Mitteln der bisherigen Aktivitäten kommen?
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Familienbande innerhalb des gleichen Dorfes oder zwischen benachbarten Dörfern dürften sich im Laufe der Zeit ganz von allein ergeben.
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Auch Normen und Werte werden sich relativ schnell ergeben, z. B. aus dem Hippokratischen Eid, dem sich einige der Bewohner verpflichtet fühlen. Vielleicht wird die Position zu Sterbehilfe und Schwangerschaftsabbruch darin auch zu Lagern führen, die sich über kurz oder lang in verschiedene Dörfer aufspalten. In jedem Falle wird es hilfreich sein, gemeinsame Normen und Werte klar zu formulieren, um Neuzugänge gleich darauf aufmerksam zu machen, auf welchen gemeinsamen Nenner sie sich einlassen, wenn sie zum Dorf dazustoßen.
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Spätestens mit dem Café kommt der Aspekt in den Fokus, dass man nicht nur gemeinsam arbeiten, sondern vielleicht auch darüber hinaus Zeit miteinander verbringen will. Vielleicht gibt es bei genügend Interesse einen Band-Raum, gemeinsame sportliche Aktivitäten u. v. m.
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Last but not least: im konkreten Beispiel finden wir einerseits den existenziellen Zusammenhalt wieder (Gemeinschaftspraxis, Café, das ggf. von der Unterstützung der Beteiligten abhängig ist), aber es tut sich noch eine ganz andere Bedeutung des Begriffs »existenzieller Zusammenhalt« auf. Je mehr gemeinsam Ideen und Projekte entwickeln und realisieren wird, desto mehr wird man sich fragen, wie jämmerlich das Ergebnis geworden wäre, hätte man es ganz alleine versucht.
Die spannende Frage zu Schluss
Wo ist der Haken? Warum hört man nicht viel öfter von solchen Dörfern 2.0? Ist die Annahme, Menschen könnten sich anhand solcher gemeinsamer Lebensthemen in Dörfern 2.0 organisieren, ein Fehlschluss? Woran scheitert es?
Falls es daran liegt, dass erst mal vier bis fünf Leute das gleiche Thema besetzen und die gleiche Idee haben müssten – gibt es andere, wahrscheinlichere Kristallisationspunkte als diese Art von Themen?
Verweise zu Studien und Literatur
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Festinger, L., Schachter, S., & Back, K. (1950). Social pressures in informal groups; a study of human factors in housing. Harper.
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Molho, Catherine, et al.: The six dimensions of personality (HEXACO) and their associations with network layer size and emotional closeness to network members. (Personality and individual differences, 2016)
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