
Protz oder Pilz
Forsthaus Wunder; Forsthaus Wunder b. Baruth/M., 1910-1914 [circa], M�ckendorf; By: Landesgeschichtliche Vereinigung f�r die Mark Brandenburg e.V.; Copyright: CC BY; Source: Museum Digital, Berlin
Erstellt am 16. Februar 2026 um 2:13 Uhr
Forsthaus, gegenüber dem Gasthaus – Uwe, 13. November 2049
Schon als Kinder waren sie mit den Fahrrädern hier hergefahren, um heimlich in den Ruinen des Forsthauses zu spielen. Streng verboten war das natürlich, aber inzwischen dämmert es ihm, dass seine Eltern ganz bewusst nicht allzu viel wissen wollten, weil es ihnen allemal lieber war, das Kind würde draußen an der frischen Luft mit Freunden spielen als zu Hause herumzusitzen, am Handy zu daddeln und Serien zu bingen. Zudem gab es im heimischen Handwerksbetrieb viel zu viel zu tun, als dass seine Eltern Zeit fürs Helikoptern gehabt hätten! Aber auch ihre Clique hatte klare Regeln. Die Mühle war Tabu, mit der baufälligen Brücke, den glucksenden Wassergeräuschen und den riesigen Löchern im Dach, die wie offene Münder gen Himmel wiesen, von Ranken wie von grünen Schaum umgeben. Vielleicht lag es auch daran, dass die meisten Großeltern in der Umgebung bevorzugt in rauen Winternächten Gruselgeschichten vom hässlichen, von Warzen übersäten Gerbersburschen erzählten, der ungehorsame Kinder in seine stinkenden Bottiche wirft und diese dann mit dicken Holzbohlen abdeckt. „Gerbersbursch’, Du magst hässlich sein wie die Nacht finster, aber Dein Leder ist so weich und fein, dass man selbst in der Hauptstadt kein besseres findet!“ Irgendwann viel später erst war ihm aufgegangen, was dieser letzte Satz wirklich bedeutete! Entsprechend lange hatten ihn mulmige Gefühle begleitet, als sie damit anfingen, vor wenigen Wochen Stück für Stück das Grundstück der Mühle von Unrat, morschem Holz und Bauschutt zu befreien. Als sie schließlich im Erdgeschoss bei den Vertiefungen im Boden angekommen waren, in denen früher die Holzwannen standen, war er froh, dass Anstrengung und Schweiß die Spuren seines physischen Unbehagens überdecken konnten.
An diesem überraschend warmen Novembertag hatte er sich mit einem Päckchen gerösteter Sonnenblumenkerne in „ihrem“ alten Forsthaus-Versteck verschanzt. Über den verwucherten Vorplatz des Forsthauses war er gegangen und hatte sich zuerst die Stein- und dann vorsichtig die morsche Holztreppe hinauf zum windfangartigen Vorbau emporgehangelt. Dort stand noch die alte Bank, auf deren Rückenlehne sie schon als Kinder gesessen hatten. Kaugummi kauend lugten sie über die Brüstung wie Wegelagerer, die auf reiche Beute warteten, nur dass so gut wie nie jemand den schlaglochübersäten Schotterweg entlangkam, der ein paar hundert Meter nördlich in einen Fußpfad entlang des Bachs überging.
Jetzt lugt er wieder über die Brüstung, völlig unbeachtet, aber voller heimlicher Freude, sämtliche Besucher des Gasthauses eingehend beobachten zu können. Das Wochenende ist endlich gekommen, das vielen hier eine künftige Richtung geben könnte. Ein Duell steht an und die Entscheidung, ob Protz oder Pilz, Wellness-Tempel oder Nerds, die in ihrem Waldlabor an komplizierten Dingen forschen und vielleicht mit kuriosen Ergebnissen und exotischen Pilz-Züchtungen Furore machen!
Da diese Entscheidung ihre Pläne eines großen gemeinsam betriebenen Handwerker-Hofs direkt berührte, hatten beide Parteien im Vorfeld bereits Videokonferenzen mit den Handwerkern gemacht, um mit ihnen schon mal zu skizzieren, wie sie und die bestehenden Verträge in die jeweilige Lösung passen könnten. Herr Berger, der emsige Sprecher des Investoren-Konsortiums, hatte sie mit hochdotierten Übernahme-Angeboten und einer einträglichen Rolle als Sub-Unternehmer beim Bau des Wellness-Hotels umgarnt. Aber aus vielerlei Gründen waren ihm die Bauherren, mit denen er es sonst meist zu tun hatte, deutlich sympathischer: Skeptisch und unsicher, oft selbst erst von den Vorzügen einer denkmalgetreuen Restaurierung zu überzeugen und immer bemüht, die Kosten noch etwas durch Mithilfe zu reduzieren. Dagegen war der für seinen Geschmack einen Hauch zu schmierige Finanzjongleur mit seinen bunten Versprechungen eine andere Hausnummer. Beunruhigt merkte Uwe, dass seine Pläne und die Art wie er sie vortrug doch sehr zielsicher Instinkte tief in ihm ansprachen. Man hätte es euphemistisch „Hoffnung und Zuversicht“ nennen können, aber wenn er mit sich ehrlich war, dann war auch eine ganze Portion Gier mit dabei – reich werden! Da war die Videokonferenz mit den Nerds schon etwas komplett anderes. Ihre Kooperationen mit verschiedenen Forschungsinstituten und Pharmafirmen klangen ebenfalls so, als käme da einiges an finanziellen Mitteln ins Tal. Dazu kamen dann aber noch eine Menge Ideen für Bildungsmöglichkeiten, der Verkauf verschiedener Produkte, die sie dank Mikroorganismen aus dem Wald würden herstellen können, Ideen für Bau- und Dämm-Materialien, die gezüchtet werden könnten, sowie eine Art privater Berufsschule in der sowohl handwerkliche Auszubildende als auch technische Assistenten für Labor und Manufaktur betreut werden könnten. Dazu kam, dass das Dorf2.0-Prinzip, das sie im Lohmühlental zum Leben erwecken wollten, genossenschaftlich so gut zu den Handwerkern passte wie Majo zu den Pommes. Das Tal würde zu einer Art wissenschaftlich-kreativ-handwerklichem Power-House, einer Symbiose zwischen Altem und Neuem, Theorie und Praxis, Forschung und Anwendung!
Als erstes war kurz nach neun Uhr an diesem wichtigen Samstag das Auto mit den beiden Köpfen hinter der „Das Duell“-Reihe angekommen – ein Produzent und eine Technikerin. Ines und Clara begrüßten die beiden, wobei letztere fast zu viel Fangirl-Begeisterung zeigte. Sie behandelte die beiden, als seien sie langjährige Bekannte. Ines befreite sie schließlich von Claras Wortschwall und verschwand mit ihnen zusammen mit etlichen Kisten voller Ausrüstung in den Saal des Gasthauses.
Knapp zehn Minuten später rollte die zweite Partei vor: ein schwarzer e-Mercedes in luxuriösester Ausführung, der lautlos, aber kraftvoll einen der leeren Parkplätze in Beschlag nahm. Das ungleiche Paar, das ausstieg, war der Prototyp eines „Chef und Assistent“-Pärchens, von denen er zumindest einen aus dem Video-Meeting kannte: Berger! Hans-Peter Berger war ein untersetzter älterer Herr, dessen schwarzgefärbte, pomadige Haarpracht zusammen mit dem Schnauzer seinem jovialen Auftreten eine beachtliche Gravitas verliehen. Umschwirrt wurde dieser Don von einem sehr jungen dienstbeflissenen Assistenten, der zu versuchen schien, die Gedanken seines Meisters zu erahnen, möglichst noch bevor ein cholerischer Wortschwall drohte. Ines und Clara fingen Berger für die Begrüßung ab, während sein Assistent bereits bemüht war, alleine das Gepäck und eine Transportbox aus dem Kofferraum zu wuchten. Spannend war zu beobachten, dass Berger Ines als Vorsitzende des Rothwald-Vereins mit gerade so viel freundlicher Konversation bedachte, dass es noch nicht als unhöflich gelten konnte. Viel mehr Aufmerksamkeit schien er dagegen Clara und ihren weiblichen Reizen zu widmen. Joachim ignorierte er bis auf ein freundliches Nicken völlig. Als er augenscheinlich darüber informiert wurde, dass sich auch schon Bürgermeister und Landrätin draußen unter den Gästen tummeln, verloren auch Claras Reize ihren Zauber. Mit einer bewundernswert zielstrebigen Zufälligkeit bewegte sich der Konsortiumssprecher händeschüttelnd durch die Menge, bis er schließlich exklusiv von Schlipsträgern und Kostümträgerinnen umgeben war. Erst hier entspannte sich seine Haltung und seine Mimik und Gestik lief zu Höchstleistung auf – wie ein zufriedener Pudel, der sich durch den Regen gekämpft hat und endlich in seinem warmen Körbchen angekommen ist.
Da kommen die Nächsten! Uwes Blick wandert nach Süden die Straße hinunter, wo sich drei ei-ähnliche autonome Fahrzeug-Pods zu einer Art elektrischer Raupe zusammengeschlossen haben und den Weg die leichte Anhöhe zum Gasthaus hinauf navigieren. Als hätte eine Jungente getrödelt und versuche nun dem Pulk aus Mutter und Geschwistern schnell nachzufolgen, folgt den drei Pods noch ein vierter hinterher. Auch die Gäste haben inzwischen Notiz davon genommen und so liegt alle Aufmerksamkeit nun auf den inzwischen zum Stehen gekommenen Pods, von denen die ersten drei je einen Passagier samt Handgepäck freigeben. Schnell wird der vierte Pod geplündert, in dem sich noch ein paar größere Gepäckstücke befinden.
Während die Pods sich wieder zurück auf den Weg, vermutlich zum Bahnhof, machen, fällt das Begrüßungskomitee über die Neuankömmlinge her. Am meisten sticht aus der Gruppe ein junger hochgewachsener, schlaksiger Schwarzer mit kurz geschnittenem krausem Haar heraus: Ayodele! Sein Charisma sprüht hier dank seiner lebendigen fließenden Gestik noch eine ganze Größenordnung intensiver als in der Web-Konferenz mit Uwe, während er Clara und Ines in Small-Talk verwickelt. Rege beteiligt ist dabei die kleine, aber stämmig-quirlige Frau mit dicker schwarzer Mediabrille neben ihm. Trüge sie nicht einen beeindruckenden Turban aus hochgesteckten intensiv violetten Dreadlocks, dann wäre sie deutlich kleiner als Ayo. Daran, dass Clara gerade ihre eigene Brille abnimmt und sie Noor zeigt, wird erkennbar, dass die Damen das erste gemeinsame Thema gefunden haben. Im Hintergrund, fast verschluckt von der Menge, versteckt sich der dritte im Bunde, Hugo, ein bisschen untersetzt und blass. Joachim scheint zu meinen, in ihm einen Leidensgenossen gefunden zu haben. Jedenfalls geht er nun auf ihn zu, um ihn seinerseits in eine Konversation zu verwickeln.
Genug mit dem Versteckspiel und auf ins Getümmel! Schnell verstaut Uwe die fast leere Tüte in einer der Taschen seiner Handwerker-Hose und verschwindet unter der Plane durch die Holztür, die genaugenommen eher eine grob zusammengezimmerte Ansammlung von Brettern und Latten ist. Immerhin, die Scharniere waren gut geölt, darauf hatte er geachtet. So konnte er – vermutlich von den allermeisten unbemerkt – in das baufällige Innere des Hauses verschwinden, durch einen relativ schmalen entrümpelten Korridor, direkt zum Hinterausgang. Von dort geht es in weiterem Bogen in Richtung Norden durch die Wiese, bis er schließlich wieder auf die hier bereits in einen Feldweg übergehende Straße gelangt, die er nun hinabschlendert, als sei er direkt von der Lohmühle rübergekommen. „Schatz! Hast Du’s auch schon geschafft! Ein paar Deiner Kollegen sind schon da! Drinnen gibt’s ne Brotzeit auf die Hand und ein Bier. Ach, bring mir doch bitte auch eins mit!“. Im Vorbeigehen legt er seiner Frau die Hand auf die Hüfte und gibt ihr zustimmend einen Kuss, um sich gleich auf in Richtung Leberkäsebrötchen mit Extra-Senf zu machen.
Gasthaus, Saal – Ardit, 13. November 2049
Der Saal des Gasthauses war ein über eine relativ breite Treppe im Vorzimmer zugänglicher großer Raum im zweiten Stock, der nach zwei Metern Höhe direkt ins Giebeldach des Gasthofs überging. Alle Fenster ließen sich über Rollos verdunkeln, so dass sich der Raum am helllichten Tage von Giebel zu Giebel komplett in ein dunkles Kino verwandeln ließ, das seine Besucher mit feinster Veranstaltungstechnik verzaubert.
Ardit war froh, dass er sich endlich mal hinsetzen konnte. Vier schwere Kisten hatte er noch vor drei Stunden aus dem Auto die Treppe hinaufgeschleppt und als er dachte, er könne sich frischmachen und ausruhen, war es nahtlos weitergegangen mit Botengängen von Pontius zu Pilatus: Zimmerschlüssel organisieren, ein paar Spezialitäten und Tabak aus dem einen Kilometer entfernten Dorf besorgen, im Auto nach dem „guten“ – nicht nach irgendeinem – Feuerzeug suchen, usw.
Sein Arbeitgeber und Ziehvater hatte in der Zwischenzeit ein Mittagessen genossen, mit feinen Herrschaften parliert und andere „wirklich wichtige“ Dinge vorangetrieben. Gerade noch Zeit hatte er gehabt, sein Hemd zu wechseln und sich nach einer Katzenwäsche mit Deodorant einzunebeln und schon eilte er nach oben, gerade noch rechtzeitig, um vor dem Verlöschen der Lichter zu seinem Platz in der ersten Reihe zu finden. Vier leere Plätze weiter saß ein älterer Herr, der wie viele Mitglieder des Rothwald-Vereins schon ziemlich alt war. Joachim hieß er, jetzt erinnerte er sich! Neben ihm, am Rand, nahm eine der beiden Tussis Platz, die hier das Sagen hatten; diese Verrückten haben doch tatsächlich zwei Frauen als Chefs gewählt!
Während der Beamer bereits hell zur Bühne hinüberstrahlte, kam er endlich zur Ruhe und beobachtete, wie Noor und Hugo im Hintergrund des Bühnenaufbaus Stellung bezogen, während Ayodele bereits mit der Begrüßung begonnen hatte. Er sprach klar, wortgewandt und traf einen erstaunlich vertrauten Ton, als kenne er die meisten im Publikum schon seit Jahren. An den Blicken ringsum konnte er zumindest am interessiert lächelnden Nicken einiger erkennen, dass die geschaffene Vertrautheit auf Gegenseitigkeit beruhte.
Gerade sprach der Mikrobiologe über die an die Leinwand projizierte Gliederung und ihre Arbeitsgruppe an der Uni, da hatte Ardit ganz beiläufig sein altmodisches Mobilgerät aus der Tasche genommen. Während ein Beobachter hätte meinen können, dass er zum Stichwort „Mikrobiom“ recherchiert, scannte er insgeheim alle Bluetooth-Quellen. Der Beamer wurde als „Video_Lohmühle“ gelistet, was er dann zwei Mal, einmal mit einem, einmal mit zwei Unterstrichen in eine App eingab.
Währenddessen ging es auf der Bühne darum, dass Ayo für die gröbere Feldarbeit, die Präparate und Zucht von Präparaten und damit eher für die Makro-Ebene zuständig war. Noor fand dagegen an der chemisch-mikrobiologischen Perspektive am meisten Gefallen. Hugo schließlich überließen sie das Feld, wenn es um Daten, Projektionen, Simulationen, neuronale Netze und die technische Infrastruktur ging. All das bekam Ardit nur am Rande mit, da er mehr als beschäftigt damit war, noch ein paar Eingaben auf seinem Mobilgerät vorzunehmen. Endlich steckte er es schnell wieder ein und just als er mit einem zufriedenen Lächeln wieder begann, dem Vortrag zu folgen, geschah es plötzlich: Der gerade noch gleißende Strahl des Beamers verglomm zu einem mickrigen lauen Lichtchen, das schwach die Marke des Herstellers an die Tafel projizierte und kaum heller war als die Nachtlichter in der Bodenleiste.
Während sich ein Gemurmel im Saal erhob, unterbrach Ayo, der nur noch Silhouette zu erkennen war, seinen Vortrag. Nun erhellten nach viel zu langen Momenten der Dunkelheit auf einen Schlag die Deckenlampen den Saal, als ob jemand erst mühsam auf den Gedanken hatte kommen müssen, dass der Lichtschalter ja ganz in der Nähe ist. Sofort ging Ines zu den Technikern hinüber und machte sich mit ihnen auf Fehlersuche.
Während der junge Mann etwas verloren und verlegen um sich blickend einsam auf der Bühne stand, rumpelte es plötzlich, als sei ein Stativ umgefallen. Dann beulte sich der nachtblaue Stoff des Bühnenfonds und gab schließlich kurz den Blick auf Hugo frei, der rückwärts gehend ungelenk an einer Seite eines großen transportablen Whiteboards zog, um es an der Leinwand vorbei auf die Bühne zu befördern. Noor stand vermutlich noch verborgen auf der anderen Seite des Boards hinter dem Vorhang. Schnell sprang Clara auf, hatte am Bedienpanel an der Wand den Knopf betätigt, um die jetzt nicht mehr ganz so starre weiße Projektionsfläche einzurollen und begab sich schließlich hinter die Bühne, von wo sie kurze Zeit später mit einem Satz Board-Marker wedelnd wieder grinsend auftauchte.
Ein kurzer Blick zu den immer noch ratlos dreinschauenden Technikern und schon gab Clara das Signal auf die Bühne, dass es statt mit dem Beamer mit einer Tafelnummer weitergeht. Ardit presste enttäuscht die Lippen zusammen und verschränkte die Arme. Dann musste er sich leider doch im Detail anhören, was die Konkurrenz alles so vorhat.
Und das war in der Tat wildes Zeug: Laut diesen „Wissenschaftlern“ leben Millionen winziger Lebewesen auf jedem Tier, jedem Baum und jedem Menschen: größere Viecher wie Milben – sowas wie winzige Spinnen – und Pilze! – , Bakterien und Acha… Arach… egal! Widerlich! Kann ja sein, dass die auf denen leben, aber wenn man wie er jeden Tag duscht? Nix da! Keine Chance!
Auf jeden Fall springen diese Viecher hin und her, wenn man z. B. einen Hund hat und der einen ableckt oder auch so. Wie eklig soll der Vortrag noch werden? Und dann behaupten die auch noch, dass das Stress reduziert und gegen Depressionen hilft – wegen des Hundegesabbers! Auf jeden Fall ist so das größte Forschungshobby von den Dreien, ob das auch bei Menschen und Bäumen passiert. Baum-Umarmer sind das! Aber kann ja sein, wenn man so im Wald lebt!
Nein, mir geht’s nicht gut, weil’s hier schön und kühl ist und weil’s lecker nach Kiefernadeln duftet – mir geht’s gut, weil Baum-Pilze und Baum-Bakterien auf mir wachsen… hoffentlich geht’s dem Baum mit meinen Bakterien auch gut! Falls man mal ungeduscht in den Wald geht…
Ok, jetzt war’s endlich genug mit Mikrobio-Dingsbums! Weiter ging’s mit Praktischem in der Agenda. An der Aufforstung wollen sie sich beteiligen, z. B. indem sie den Boden vorbereiten und „impfen“, damit es Pionierbaumarten wie Birken oder Espen leichter haben. Pilze wollen sie züchten: Shiitake, Austern-Saitlinge und Hefe-Pilze mit den abenteuerlichsten Aromen. Aber dafür bräuchten sie erst mal geeignete Räumlichkeiten. Ein feuchter Keller wäre klasse oder eine Höhle! Im Wald selbst wollen sie den Boden so mit bestimmten Nährstoffen und Mikroorganismen anreichern, dass dort Steinpilze und sogar Trüffel wachsen, dank neuster mikrobiologischer Forschung. Dazu kämen Pilz-Geflechte, die Netze überwuchern und dann als Dämmstoff, z. B. von den Handwerkern des Lohmühlenhofs verwendet werden könnten – so etwas kann sich doch keiner ausdenken!
Während Ayodele bei seinem Vortrag immer wieder behände kleine schematische Zeichnungen von Pilzen und Bakterien an das Board gemalt hatte, zusammen mit vielen Pfeilen und den wichtigsten Fachbegriffen, tat sich Hugo deutlich schwerer. Umständlich erklärte er – vermutlich am allermeisten sich selbst – was er alles hätte zeigen wollen, um dann schließlich zum Ergebnis zu kommen, dass er mehr über das Waldlabor erzählen sollte. Zwei Unis würden sich an Investitionen beteiligen und einige Firmen, in denen andere Mitstudierende gelandet waren, hatten schon bekundet, dass sie mit dem Lohmühl-Labor zusammenarbeiten wollten, sobald das möglich sei.
Jetzt wurde es mal wieder wild: Nein, das Labor sei kein normales Haus und es solle auch nicht in einem der historischen Bauwerke unterkommen. Wie ein Raumschiff sei es, irgendwie; jedenfalls hieß diese besondere Art von Gebäuden ‘Earthship’. Mitten in den Wald hinein solle es gebaut werden.
Dann kam der entscheidende Moment, in dem ihnen Hugo unwissentlich mehr half, als es Ardits technisches Foul am Anfang des Vortrags je gekonnt hätte. Ardit hatte schon bemerkt, dass der ältere Herr ein Stück neben ihm umso nervöser auf seinem Platz herumrutschte, je mehr es darum ging, irgendein Haus mitten in den Wald zu bauen. Nun aber redete Hugo davon, dass sie dieses seltsame Earthship nicht mit Steinen oder Holz konstruieren wollen, sondern mit alten, prall mit Erde gefüllten Autoreifen!
Jetzt kann sich der ältere Herr nicht mehr halten: „Entschuldigung. Ich muss kurz unterbrechen. Ich weiß nicht, ob Ihnen das bekannt ist, aber hier gibt es Bauvorschriften! Sie können nicht einfach so Häuser in einen Wald bauen! Und schon gar nicht mit Autoreifen als Baumaterial. Das geht vielleicht in New Mexico, aber hier definitiv nicht. Dafür bekommen Sie nie und nimmer eine Genehmigung! Autoreifen sind Abfall, der entsorgt werden muss. Den können Sie nicht einfach verbuddeln!“
Der Umstand, dass sich der Mann voller Anspannung und Erwartung gar nicht mehr hinsetzen konnte, setzte Hugo unglaublich zu. Er stammelte, biss sich auf die Lippe, suchte mit den Augen die Decke ab und fuhr sich mit der Hand immer wieder über die weit nach hinten fliehenden Geheimratsecken. „Das ist… Ich meine, wir können… Also so fest in Stein gemeißelt ist das ja alles… “ Hugo blickte flehentlich ins Publikum als könne ihm jemand ein Erdloch zuwerfen, in das er versinken konnte.
Endlich kam Noor mit dem violetten Dreadlock-Turban auf die Bühne, legte ihren Arm beruhigend auf Hugos Schulter, der aber erst mal erschrocken zusammenzuckte, nahm ihm mit der anderen Hand das Mikrofon ab und ergriff dann das Wort: „Joachim, das ist eine hervorragende Überleitung zu meinem Thema! Für Fragen stehen wir dann nach der Präsentation und vor allem heute Abend bei der Podiumsdiskussion zur Verfügung“, sagte sie mit einem entwaffnenden Lächeln. Nun war es der Alte, der sich bewusst wurde, dass er steif wie ein Stock mitten im Raum stand und Maulaffen feilhielt! Schnell setzte er sich wieder.
„Wir drei kommen ja aus einer Gesellschaftsströmung, die sich Dorf2.0-Bewegung nennt. Genossenschaftsgedanken, gegenseitige Hilfe, gemeinsame Ziele und Kooperation sind da ganz hohe Werte. Bei euch im Lohmühltal ist das ja nicht viel anders. Hier im Rothwaldverein zieht ihr an einem Strang und auch die Handwerksgenossenschaft zeigt, dass man kooperativ viel weiterkommt, wenn an viele Interessen und nicht nur die eigenen gedacht ist. Insofern passen wir da bestens zusammen!“ Hugo hatte seine Fassung inzwischen wieder gefunden und zog sich umständlich nach hinten schauend und rückwärts laufend zurück, um schließlich in den Seitenbereich der Bühne hinabzuklettern. Ayodele wandte sich zu ihm, aber er schob sich schnell durch den engen seitlichen Fluchtweg in Richtung des rückwärtigen Ausgangs.
Es folgten nochmal anstrengende zwanzig Minuten, in denen Noor davon sprach, dass das mit dem Lohmühlental gewissermaßen wie mit einer einsamen Insel ist, auf der keine Rettung kommen wird. Deshalb müsse man zusammenhalten, konstruktiv bleiben und nicht gegeneinander agieren, weil es ja nichts Dooferes gibt, als sich auf einer einsamen Insel gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen. Natürlich ist auf so einer Insel auch das Erforschen und das Umsetzen in Technik total wichtig.
Ardit gähnte fast schon demonstrativ. Interessiert blickte er sich um, ob nur er gerade Lust auf einen verspäteten Mittagsschlaf verspürte oder ob es anderen im Publikum genau so ging. Ein paar Indizien wie schwere Augenlider konnte er entdecken, aber es gab nicht gerade wenige Gäste, die mit Noors Auführungen, die für seinen Geschmack viel zu viel Allerweltsgeplänkel enthielten, tatsächlich konkrete Erfahrungen und Erlebnisse verbinden konnten. Widerwillig begab er sich also wieder in den Gedankenstrom ihres Vortrags.
Jeder müsse etwas finden, was ihm Spaß macht und worin er wirklich gut werden will und man müsse sich gegenseitig viel beibringen und sich unterstützen. Und Kultur ist auch wichtig, weil wir damit über uns und über das Leben und unsere Stärken und Schwächen und das Hässliche und das Schöne nachdenken. Bla, bla, bla. Aber immer wieder diese seltsame einsame Insel – wo soll die denn sein?
Dann ist endlich alles überstanden und es gibt Applaus. Normaler Applaus. Jetzt auch nicht wenig, aber tosend hätte man ihn auf gar keinen Fall nennen können. Normalen Applaus eben. Eine gute Grundlage auf der sein brillanter Chef bestens würde aufbauen können! Und Joachim ist wieder einer der ersten, der sich erhebt, diesmal aber, um mit schnellen Schritten hinüber zu Ayo an der Bühne zu gehen. Er fragt etwas, woraufhin eine hilflose Handbewegung von Ayodele Richtung Ausgang weist und schon drängt er durch den Mittelgang und ist in Windeseile durch die zweiflügelige Tür verschwunden.
Gasthaus, Saal – Joachim, 13. November 2049
Er fühlte sich immer noch – „derangé“ würden die Franzosen sagen – aufgewühlt, trifft es vielleicht gut, auch wenn in der Pause viele seiner Bedenken zerstreut worden waren und er mit Hugo auch emotional die Wogen wieder hatte glätten können. Es war ihm immer noch unangenehm, dass er ihn in so eine Situation gebracht hatte, Bauvorschriften hin oder her! Sein jüngeres Ich hätte in einer ähnlichen Situation vermutlich ähnlich gelähmt reagiert.
Der Weg zurück in den Saal gestaltete sich nun aber wie ein regelrechter Spießrutenlauf. Das Konsortium – aber im Endeffekt war es vermutlich der bemitleidenswerte Ardit – hatte im Seitenbereich des Treppenvorraums zum Saal während der Pause in kürzester Zeit ein Modell des künftigen Lohmühlen-Ressorts aufgebaut. Das erklärte dann gleich zwei Dinge: Bergers üppiges Gepäck und das Gedränge, das es gerade auf der Treppe gegeben hatte.
Als sich Joachim vorbei an den Bewunderern der Miniaturlandschaft an das Ende der Schlange der Leute gedrängelt hatte, die zurück in den Saal wollten, wurde er an der Flügeltür dann auch noch von eben diesem Ardit mit einem Glas Sekt begrüßt. An wie vielen Orten gleichzeitig kann ein Mensch eigentlich sein?
An die Fluchtwege hatte hier allerdings wieder keiner gedacht. Alles viel zu eng hier oben! Joachim hasste es, wenn so viele Menschen auf kleinem Raum herumwuselten! Aber gut, das war vermutlich nur für ein paar Minuten so. Er hatte heute schon genug protestiert. Er würde Ines als Verantwortliche diesmal großzügig verschonen.
Als er endlich auf seinem Platz angekommen war und sich gesammelt hatte, verkündete Clara auf der Bühne noch ein paar Ansagen. In ihrer Paraderolle als Moderatorin machte sie eine großartige Figur. Mit grünem Kostüm und orangefarbenem Schal leuchtete sie förmlich wegen ihres dunklen Teints. Die Leinwand war wieder heruntergelassen. Die Probleme des Beamers waren wohl behoben!
Während ein paar junge Bedienungen noch leere Sektgläser einsammelten hing Joachim seinen Gedanken nach:
Er hatte Hugo endlich draußen vor dem Gasthof angetroffen, wo er auf und ab laufend seiner aufgeregten Enttäuschung Luft machte. Sie waren sehr schnell ins Gespräch gekommen. „Mann, es ist doch ganz klar, dass in das Waldlabor ebenso eure wie unsere Wünsche einfließen und dass wir natürlich auch alles so machen wollen, dass es die Bauvorschriften erfüllt. Das stellt doch keiner in Frage! Im IT-Bereich, aus dem ich komme, heißt das ’User-Stories’. Alle Stakeholder, d. h. alle die ein berechtigtes Interesse an einer Sache haben, können auf einer fachlichen Ebene ihre Wünsche und Ziele einbringen. In einer zweiten Stufe überlegen dann die Umsetzenden, welche technischen und juristischen Möglichkeiten es gibt, möglichst viele dieser Ziele zu erreichen. Nimm das Beispiel mit den erdgefüllten Autoreifen. Wir brauchen ein Baumaterial, das zertifiziert ist, aber Wärme ähnlich langsam speichert und wieder abgibt wie die mit Erde gefüllten Reifen. Uwe von der Handwerksgenossenschaft wüsste sofort eine Lösung: ’Nehmt doch massives Fachwerk! Das ist in der Hauptsache Holz, Lehm und Weidengeflecht und hat eine ähnlich gute spezifische Wärmekapazität!’ So lösen wir Probleme!“
Joachim lächelte still vor sich hin. Er freute sich schon auf das nächste inspirierende Gespräch mit dem jungen Nerd. Sie hatten viel gemeinsam auf eine Art. Sein Problem zum Beispiel kannte er nur zu gut aus eigener Erfahrung, dass man etwas völlig zusammenhängend und wunderbar plausibel denken kann, schriftlich gelingt es einem auch noch, es rüberzubringen – vielleicht auch noch gerade so mündlich, wenn man es nur einer einzigen wohlwollenden Person erklären soll. Aber sobald man vor vielen Leuten redet, der Beamer ausfällt und dann auch noch eine aufgebrachte Silberlocke vor einem steht und „Zeter und Mordio“ ruft: da geht gar nichts mehr!
Nach einer kurzen Durchsage von Clara, dass jetzt in Kürze der zweite Vortrag folgt, verdunkelt sich schließlich der Raum peu à peu. Als alle sitzen und zur Ruhe kommen, startet eine Kino-Vorführung mit beeindruckendem Sound: Zu üppiger orchestraler klassischer Musik steigt eine Drohne auf zu einem beeindruckenden Panorama des hügelig-felsigen Rothwaldes. In der Ferne ist die Ortschaft Lohenroth am charakteristischen Kirchturm erkennbar. Dann begibt sie sich die Drohne in rasantem Flug hinunter nach Süden in Richtung Autal, entlang an bewaldeten Hügelflanken hinunter zum Lohmühlenbach, wo sie an einer besonders pittoresken Stelle, an der das Wasser zwischen Felsen schäumt, knapp die Gischt verfehlt. Nun öffnet sich das Tal auf beiden Seiten hin, die Drohne folgt dem mäanderndem Bach in dem sich kleine Inseln im nun saftigen Wiesengrund bilden. Nun bleibt die Kamera an einem Pärchen in vornehmer Abendgarderobe hängen, das seine Füße bei einem romantischen Nachmittagsspaziergang vertritt. Beide stehen gerade auf einer der kleinen Holz-Brückchen, mit denen die Auwiese in dieser Zukunftsvision durchzogen ist. Dann gewinnt der verschwommene weiß-leuchtende Hintergrund an Schärfe und während im Gegenzug das Pärchen verschwimmt, sehen wir, wie ein beeindruckender Gebäude-Komplex das Tal dominiert, geschickt alte Fachwerk-Komponenten integriert, an anderer Stelle dann aber eher durch geschwungene Formen und Eleganz besticht. Fast schon wie eine Burg-Anlage sieht es aus, wenn der Bau auf der rechten Seite Gasthaus und Forsthaus integriert, über das Flüsschen einen Bogen schlägt und dann wieder breiter wird, um das Mühlengebäude mit rauschendem Mühlrad zu zeige. Eine rasante Kurve und wir nähern uns nun dem Mühlenhof von nördlicher Seite, steigt auf und sehen, dass der komplette Innenhof von einem flachen, pyramidenartigen Glasdach überspannt ist. Wie ein Voyeur nähern wir uns einer kleinen Luke im Dach und blicken auf eine Wellness-Landschaft, in der vorwiegend Damen in weißen Bademänteln an Cocktails schlürfen oder in unterschiedlichsten Saunen schwitzen und sich in Holzbottich-Pools räkeln. Nun trifft die Kamera ein Wasserstrahl! Wackelnd und sich überschlagend fällt das Gerät herunter und landet in der Hand eines gutaussehenden Angestellten, der in die Linse lächelt und das Objektiv mit dem Zipfel eines Handtuchs trocknet. Dann marschiert er damit zu Fuß durch den Wellness-Bereich und durch den mit Fenstern und Verkaufsvitrinen versehenen Übergang zuerst in den feinen Gastronomiebereich und schließlich in den Hotelbereich hinein. Dort steigt er schließlich zur Lobby ins Erdgeschoss hinunter. Und just dort am mondänen Eingang finden wir die stattliche Präsenz eines Hans-Peter Berger wieder, der uns mit dem breiten Grinsen und den ausgebreiteten Armen eines großen Bellheims „Willkommen im Lohmühlen-Ressort“ wünscht.
Als der Bühnenscheinwerfer an und der Beamer ausgeht, steht er dann auch mitten auf der Bühne, Hans-Peter Berger! In einem perfekt choreografierten Vortrag beschreibt er, welche Summe in etwa nötig ist, über wie viele Investoren das Konsortium bereits verfügt und unter welchen Bedingungen man sich beteiligen kann – ab schlappen 50.000 € kann es schon losgehen! Schnäppchen! Auf Basis der geschätzten Besucherzahlen geht man aber davon aus, dass sich die Einlage in nur zehn Jahren mindestens verdoppeln dürfte.
Dann geht es um den Personalbedarf, die ansonsten eher strukturschwache Region, die mindestens hundert bis zweihundert direkten und indirekten Arbeitsplätze, von denen die umliegenden Dörfer und Städte profitieren würden. Schließlich sind nochmal die Bauphasen Thema, sowie die Frage, wie die alten Gemäuer zusammen mit Anbauten und Neubauten organisch verbunden werden sollen.
Nun macht sich wieder eine gewisse Anspannung in Joachim breit, aber in gewisser Weise, so schießt es ihm durch den Kopf, ist das auch eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit! Auch wenn es ihm peinlich ist, nochmal die komplette Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so hat er doch das Gefühl, beide Bewerber gleich behandeln und gegenüber Hugo etwas gut machen zu müssen. Und so erhebt er sich nun auch hier und wartet geduldig, bis Berger ihn zur Kenntnis nimmt und verstummt:
„Ist diese ganze historisch-moderne Melange denn überhaupt erlaubt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die historisch getrennten Gebäude miteinander verbinden dürfen! Und was die Bebauung des Wiesengrundes betrifft, kommen wir ja noch in eine Reihe viel heiklerer Fragen, die dann z. B. auch die Umweltschutz- und Katastrophenschutz-Behörde betreffen. Die Auwiese ist schließlich ein Flutpolder!“
Berger überlegt kurz, lächelt freundlich und antwortet schließlich mit seinem voluminösen Stimmorgan: „Sollte es bei den hier gezeigten Plänen zu Problemen mit dem Denkmalschutz und anderen Behörden kommen, dann können sie das ruhig unseren erfahrenen Händen überlassen. So ein alter Zimmermann weiß, wo der Talg hin muss, wenn’s beim Verzapfen von Riegel und Strebe hakt!“ Dabei grinst er schelmisch, seine Fingerspitzen umschließen einander und gleiten ineinander vorbei wie eine Schiebetür in einer Führungsschiene.
Joachim starrt auf die Hände des immer noch grinsenden Redners, der schon wieder weiterspricht und versucht, seinen Vortrag zu einem Abschluss zu bringen. Für Joachim ist das aber alles nur Hintergrundrauschen, denn ihm geht etwas nicht aus dem Kopf – die Geste genauso wie der sprachliche Ausdruck. Nachdenklich nickend setzt er sich wieder hin. Vor allem: was soll der Spruch bedeuten? Dass das Konsortium politischen Druck aufbaut oder Behördenmitarbeiter zu luxuriösen Arbeitsessen einlädt? Oder gar noch direktere Varianten von Korruption und Rechtsbeugung? Und warum hat ihn diese Geste für einen Moment so aus der Bahn geworfen?
Gedankenverloren beteiligt er sich am Applaus, den man diesmal doch eher als „tosend“ beschreiben kann. Dann endlich erheben sich die meisten, um den bereits in Richtung Abendessen knurrenden Magen zu besänftigen. Während die Anwesenden im Rausgehen noch sichtlich beeindruckt über Gewinnmargen plaudern, erwartet sie Ardit an der Flügeltür, um ihnen im Vorbeilaufen aus einem Weidenkörbchen ein kleines Präsent in die Hand zu drücken. Es ist ein kleines Stück mintgrüner Seife, auf deren Banderole in elegant geschwungener Schrift in drei Zeilen zunehmend kleiner werdend die Worte stehen: „Feinperlige Wellness, Lohmühlental, Tannenduft“.
Neugierig führt Joachim die Seife zur Nase und schnuppert begierig das Aroma von Kiefern, Fichten und Tannen. Er muss an Francine, seine Studienfreundin denken. Das war ihr Lieblingsduft gewesen. Ihr Badezimmer roch regelmäßig wie eine Latschenkiefernzucht. Da durchzuckte ihn eine Erinnerung so heftig, dass sein Herz fast einen Moment aussetzte. Wo ist Hugo? Ich muss Hugo finden!
Gasthaus, Wirtsstube – Ines, 13. November 2049
„Ja, das wird bestimmt ein interessanter Abend!“ Zufrieden beendet Ines gerade ein Interview mit den Leuten von „Das Duell“ und tänzelt grüßend, lächelnd und nickend durch den Gastraum, in dem alle Gäste an Stehtischen zufrieden ins Gespräch vertieft an Bier-, Wein- und Saftgläsern nippen und leckere Kochkreationen mit Gabeln und Löffeln aus adrett angerichteten Gläsern fischen.
Der Ausfall des Beamers während des ersten Vortrags war bitter – und seine wundersame Selbstheilung in höchstem Maße unbefriedigend. Aber so war es mit der Technik nun mal. Bei mindestens zwanzig Prozent der Störungen ist die Ursache höchst esoterisch. Seltsam, wie wenig sämtliche bahnbrechenden Entwicklungen der letzten achtzig Jahre daran ändern konnten!
Egal, viele der Besucher:innen scheinen einen inspirierenden Tag zu genießen. Bürgermeister und Landrätin sind mit Herrn Berger in eine lebhafte Diskussion vertieft, wie sich der Tourismus in den letzten Jahrzehnten zum Nachteil der Region entwickelt hat. Joachim und Hugo haben sich seltsam tuschelnd in eine Ecke nahe des Ausgangs verzogen. Als Ines vorbeiläuft, winkt sie Joachim verschwörerisch heran: „Ich fürchte, ihr müsst für heute Abend auf unsere Anwesenheit verzichten! Sieht so aus, als müssten wir zwei eine Nachtschicht einlegen!“ Ines runzelt fragend die Stirn. „Nichts Schlimmes!“ „Naja, schon“, fällt ihm Hugo ins Wort. „Du kannst in jedem Fall gespannt sein!“, versucht Joachim – der am wenigsten geheimnisvolle Mensch der Welt – genauso schief wie mysteriös zu grinsen. „Spätestens morgen Mittag sind wir wieder vor Ort!“ Mit diesen Worten verschwinden beide nach draußen.
Nun kommen ihr auch Ayodele und Clara entgegen, die anscheinend das Essen schon hinter sich hatten. „Noch ein verschworenes Pärchen?“ Mit einem schelmischen Grinsen streckt sie Ayo die linke Hand mit ihrem gut sichtbaren, in eleganten Kurven geschmiedeten Ehering entgegen. „Monsieur, Sie jagen auf heiklem Terrain!“ Mit entwaffnendem Charme gibt der Biologe zurück: „Madame, ich werde Ihnen Ihre Angebetete wohlbehalten zurückbringen!“ Clara rollt in gespielter Genervtheit mit den Augen: „Ich wollte dem Herrn Wissenschaftler nur das Stück Rinde zeigen, das du heute Morgen angewidert entsorgen wolltest!“
Ines verzieht das Gesicht: „Urgh, hör mir auf damit! Was du immer wieder für Fundstücke aus dem Wald anschleppst!“ „Du weißt, dass ich es wegen der interessanten Maserung mitgenommen habe. Aber es ist doch hochinteressant, warum sich diese kleinen weißen, raupenähnlichen Knoten darauf gebildet haben! Man hat nicht alle Tage einen Experten an der Hand, den man löchern könnte. Du weißt ja, dass die KI nur Unfug erzählt hat, als wir recherchiert haben, was das sein könnte!“, erwidert Clara.
„Und das Panel heute Abend?“
„Da bin ich doch nicht wirklich wichtig, Chefin!“, Clara grinst. „Vielleicht sind wir in einer halben Stunde ja schon wieder da! Falls nicht – würde es dir viel ausmachen, wenn du für mich… Die Moderation macht ja sowieso der Chef von ‚Das Duell‘. Und was die Wissenschaftler betrifft, ist ohnehin Noor für das Panel vorgesehen. Ihr schaukelt das schon!“
Ines schaut sie mit übertrieben hochgezogener Augenbraue an und gibt ihr einen Knuff in die Seite: „Sie haben Glück, dass mich das Adrenalin gerade vor einem Zustand körperlicher Erschöpfung bewahrt, junge Dame! Machen Sie, dass Sie Land gewinnen, bevor ich wie eine ausgesaugte Hülle in mich zusammenfalle!“
Rückblick: Hotel Leopold in Wien – Ardit, 11. November 2049
Heute Morgen erst hatte er den fertigen 3D-gedruckten Bausatz aus einer ziemlich chaotischen Hinterhof-Werkstatt abgeholt. Danach kam die Bodenplatte dran, samt äußerst plastisch wirkender Wiese und kristallklarem Plastik-Flüsschen. Für die hatte er fast ans andere Ende der Stadt fahren müssen.
Nun saß er auf dem wild gemusterten und abgenutzten Teppichboden des Hotelzimmers und hatte links und rechts von sich die Abbildungen ausgelegt, um nur ja keinen Fehler zu machen. Die Bodenplatte lag vor ihm auf dem niedrigen Couchtisch und wartete auf die ersten Bänkchen, Bäumchen und Mäuerchen, um dann schließlich mit den größeren Bauteilen weiterzumachen. Er stand vor der Aufgabe, mit feinen Nadeln und Plastikklebstoff als Baumaterial in den nächsten zwei Stunden ein perfektes Modell vom Lohmühlental und dem Wellness-Ressort in seinem Zentrum zu errichten.
Er war hundemüde. In der letzten Woche hatten sie mit ihrem beeindruckenden Schiff von einem e-Mercedes über tausend Kilometer zurückgelegt: Von der Villa in Albanien aus ging es über Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Slowenien bis hierher nach Wien und von dort aus dann weiter ins schöne Süddeutschland.
Immer wieder hatten sie Halt gemacht: meist bei Geschäftsfreunden. Woher sein Boss nur all diese Leute kannte – und wie er nur all diese Sprachen sprach! Er war schon froh, dass er Deutsch mittlerweile weitgehend fehlerfrei beherrschte. Berger hatte nicht eher Ruhe gegeben, bis es endlich so weit war. „Das ist wichtig fürs Geschäft!“, wurde er nicht müde zu betonen.
Manchmal gab es diese Momente, wo er für kurze Zeit das Gefühl hatte, doch mehr als ein einfacher Angestellter zu sein. Dann traute er sich, seinen Ziehvater mit „Babë“, das heißt „Vater“, statt mit „Boss“ oder „Herr Berger“ anzusprechen. Schließlich kannte er ihn fast schon sein Leben lang.
Oft gab es während der Reise ausschweifende Gelage an ihren Zwischenstationen und sobald die Frauen und Kinder der großen Familien die Herren mit den dicken Rolex-Uhren allein ließen und es zum „Geschäftlichen“ überging, floss der Alkohol in Strömen. Am Anfang in Montenegro hatte eines Abends ein etwa fünf Jahre jüngerer Bursche als er einen Eimer voll mit rechteckigen Seifenstückchen herbeigeschleppt. Berger hatte einen der grünen Dinger gegen das Licht gehalten, daran gerochen, es dann in einem cholerischen Anfall auf den Boden geworfen und mit seinem Absatz in die Erde getreten. Währenddessen hatte er einen seiner Geschäftsfreunde mit einem Hagelschauer von Worten überschüttet, die vermutlich nicht allzu schmeichelhaft waren. Dieser großgewachsene bärtige Kerl wiederum hatte dem Jungen mit seiner riesigen Hand eine saftige Ohrfeige eingeschenkt und ihn dann samt Eimer an seinem Ohr aus dem Haus gezogen. Nur zwei Stunden – es war nach Mitternacht – waren vergangen, bis der Junge mit inzwischen geschwollenem Auge wiederkam und den Eimer ebenso zitternd wie schüchtern neben seinem Boss abstellte. Diesmal schien die Qualität zu passen, sodass er ihm über die Haare wuschelte und ihm grinsend einen für die Verhältnisse des Jungen üppigen Geldschein zusteckte.
Bei einer ähnlichen Begebenheit einen Tag später irgendwo in Bosnien bekamen sie während einer weiteren Feierlichkeit fein bedruckte und längsseitig bereits zugeschnittene Papierbögen. Diese musste er tags darauf im Fond des Wagens zerschneiden und mit einem Tupfer von Klebestift als Banderole um die Seifenstücke legen. „Feinperlige Wellness!“ Es war eine wirklich kuriose Reise.
Babë hatte während der Fahrt mehr mit ihm gesprochen als üblich. Schon seit Jahren war Ardit so etwas wie seine rechte Hand und erledigte alles, was ihm aufgetragen wurde. Ok, genau genommen war das erst seit den letzten paar Jahren so. Vorher hatte er nur in den Ferien der Privatschule Zeit, in die ihn sein Ziehvater schickte. Mag sein, dass es noch deutlich feinere Schulen gab, aber Ardit ahnte, dass seine Eltern, wenn sie noch am Leben wären, sich das nie hätten leisten können. „Junge“, hatte Berger gesagt, während sie gerade an einer Straßenbucht der kroatischen Küstenstraße eine Zigarettenpause machten und ihnen die Steilküste einen majestätischen Blick auf die kroatische Adria gewährte. „Es gibt Lämmer und es gibt Löwen. Denk immer dran, dass Du ein Löwe bist!“
In der Tat machte es ihn stolz, für Herrn Berger zu arbeiten. Der zog hier eine Villa nach der anderen hoch, manchmal ein öffentliches Gebäude – oder einmal sogar ein luxuriöses Hotel! Der war dick im Geschäft! In seiner albanischen Heimatregion war er mit der hohen Politik und vielen Industriellen auf Du und Du. Wenn die Leute ihm auf der Straße begegneten, zogen viele ihren Hut. Ardit fühlte sich in der Tat wie ein Löwe, wenn er Berger bei solchen Gelegenheiten begleiten durfte.
Sein Babë war trotz allem über all die Jahre erstaunlich unruhig geblieben, wie einer von diesen scharfen Hunden, die in ihren rostigen Zwingern auf und ab laufen. „Bald hab ich lang genug gewartet und dann gehen wir zurück!“, hatte er immer mal wieder gesagt. Es klang fast wie ein Mantra. „Dort wartet das wirklich große Geld auf uns! Das versprech’ ich Dir!“ Und in seltsamem übermütigem Singsang fügte er hinzu: „Lammbraten, wir kommen!“
Sein Architektur-Modell war wirklich eine Augenweide! Die Umgebung und den Gastronomie-Bereich hatte er schon fertig gebaut, jetzt war gerade der Übergang zur Mühle dran. Toll sah das alles aus!
Ein klackendes Geräusch und die Tür zu seinem Zimmer öffnet sich: Berger kommt rein und schließt die Tür hinter sich. „Klasse, Du bist ja schon fast fertig!“, winkt er ihn strahlend heran. Nun da er vor ihm steht, reicht er ihm verschwörerisch ein Handy und ein Gerät, das wie der flache Kopf eines Roboters aussieht, dem acht dicke Antennenhaare aus dem Haaransatz wachsen. „Wir werden diesen Wettbewerb in jedem Fall gewinnen. Niemand kann so blöd sein und unserem Projekt ein anderes vorziehen. Aber Du weißt es ja selbst am besten: Das Leben schenkt einem nichts und manchmal muss man dem lieben Gott einfach ein bisschen unter die Arme greifen, damit die Richtigen gewinnen. Komm mal her, wir probieren das Ding da gleich mal aus!“
